Die Lieder in chinesischer und deutscher Form. (1.)

Erster Teil:
Landesübliches.
Ersten Teils erstes Buch:
Tschēu-nân .

1 – Tschēu-nân, das südliche Tschēu, ist dasjenige Kronland, in welchem die Familie der Tschēu vor Erlangung zum Kaiserthron gewohnt.

Lied I. 1, 01
Zur Vermählung des Königs Wen.
Seite 65

Es folgt jetzt zu jedem Lied eine Abschrift des Originals.
Dafür habe ich weitgehend die gängige deutsche Rechtschreibung verwendet, was mein Ururgroßvater Victor mir sicherlich erlaubt hätte, denn er war sehr flexibel.

Und einige eigene Meinungen sind auch eingefügt, sowie Erklärungen zu manchen Wörtern.
H. Fischer.

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Zur Vermählung des Königs Wên. -(2

Ein Entenpaar ruft Wechsellaut, -(3
Auf Stromes Insel hat‘s gebaut.
Still, sittsam ist die reine Maid,
Des hohen Fürsten würd‘ge Braut.

Seerosen schwimmen mannigfalt;
Und links und rechts durchfährt man sie.
Still, züchtig ist die reine Maid;
Wach und im Schlaf begehrt‘ er sie.
Und fand er nicht, die sein Begehr,
Wach und im Schlaf gedacht‘ er der;
Ach wie so sehr, ach wie so sehr!
Und wälzt und wand sich hin und her.

Seerosen schwimmen mannigfalt;
Und links und rechts wir langen sie.
Still, sittsam ist die reine Maid,
Und Laut‘ und Harf‘ empfangen sie. -(4
Seerosen schwimmen mannigfalt;
Und links und rechts wir pflücken sie.
Still, sittsam ist die reine Maid;
Und Glock‘ und Pauk‘ entzücken sie. -(5

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2 – Über König Wên (Wên-Wang) siehe die Einleitung. Seine Gemahlin heißt Thái-ssè.
3 – „Entenpaar“ = thsiü kieu, nach Tschü-hi entenartige Wasservögel, die sich paarweise unzertrennlich halten. In China kommt zur Vermählung die Braut zu dem Bräutigam. In unserm Liede spielt alles darauf an, daß Thái-ssè diese Fahrt zu Wasser gemacht habe. Bei ihrer Ankunft wird sie mit Musik empfangen.
4 – Khin, „Laute“, ein Seiteninstrument mit 5, später mit 7 (Saiten) -se, „Harfe“, ein solches mit 25 Saiten
5 – Glocken  und Pauken dienten in China von Alters her als musikalische Instrumente.

Lied I. 1, 02
Thái-ssè als Hausfrau.
Seite 67

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Thái-ssè als Hausfrau.

Wie hat das Kŏ hinaus gerankt! 1
Es trieb bis zu des Tales Grunde;
Und üppig steht der Blätterflor.
Die gelben Vöglein fliegen vor
Und aus der Bäume dichter Runde
Schallt ihres Gesanges heller Chor.

Wie hat des Kŏ hinaus gerankt!
Es trieb bis zu des Tales Grunde;
Und seine Blätter stehen dicht.
Ich schneid‘ es brüh‘ es ab zur Stunde;
Und mache Kleider, fein und schlicht;
Sie anzuzieh‘n verdrießt mich nicht.

Kund tu’ ich der Hofmeisterin: 2
Tu kund, ich will in‘s Heimatland!
Auf, nimm mein unrein Zeug zur Hand!
Auf, waschen wir mein Festgewand!
Was wasch‘ ich? Was bleibt in Behältern?
Besuchen will ich meine Eltern!

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1 – Kŏ ist ein bohnenartiges Rankengewächs, aus dessen Fasern Zeuge (u. Stoffe) gemacht werden.
2 – Siě schi, „die Hofmeisterin“, war eine die Zucht am Hofe beaufsichtigende Ehrendame.

Lied I. 1, 03
Sehnsucht nach dem fernen Gemahl.
Seite 68

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Sehnsucht nach dem fernen Gemahl. 1

Ich pflückte, pflückte Klettenkraut; 2
Noch füllt‘ es nicht des Korbes Bord (Rand);
Da dacht‘ ich seufzend ach an Ihn –
Und auf den Heerweg warf ich‘s fort.

Ich fuhr auf jene Felsenzinnen,
Kaum von den Rossen zu gewinnen (zu ersteigen).
Da ließ ich mir den Trunk aus jenem Goldkelch rinnen,
Um nur nicht endlos schmerzlich nachzusinnen.

Ich fuhr auf jene Bergeszinken, (Bergeshöhen)
Die Roß‘ entfärbten sich im Hinken. 3
Drum mußt‘ ich wohl aus jenem Nashornbecher trinken;
Um nur im Gram nicht endlos zu versinken.

Ich fuhr auf jenen Klippenhang,
Bis jedes Roß entkräftet sank,
Bis alle meine Diener krank –
O weh, wie seutz‘ ich schon so lang.

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1 – Chinesische Erklärer führen auch dieses Lied auf Thâi-ssè zurück.
2 – Kiuàn òll ist nach Medhurst die Zwergklette.
3 – Wörtlich: „Meine Rosse wurden schwarzgelb“.

Lied I. 1, 04
Thai-sse’s Liebe.
Seite 69

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Thái-ssé‘s Liebe.

Im Süden stehen Hängebäume‘ 1
Und Kŏ-Gerank unschlinget sie. 2
Sie freut sich nur des hohen Manns 3
Und Glückes Füll‘ umringet sie.

Im Süden stehen Hängebäume‘
Und Kŏ-Gerank bedecket sie.
Sie freut sich nur des hohen Manns,
Und Glückes Fülle schmecket sie.

Im Süden stehen Hängebäume‘,
Und Kŏ-Gerank umwindet sie.
Sie freut sich nur des hohen Mann‘s,
Und Glückes Fülle findet sie.

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1 – Kiëu mu, sind Bäume mit niederhängenden Zweigen, wie unsere Hängebirken, Hängeeschen u.s.w.
2 – S. I. 1, 2
3 – Tschü-hi will unter kiün tse die Thái-ssè verstehen, und dies damit rechtgfertigen, daß eine Fürstin wohl auch siào kiün, eine hohe Beamtenfrau néi tsè heiße. Legge stimmt ihm bei. Kiün-tsè (wörtlich: Fürstensohn) heißt aber in allen klassischen Schriften stets „ein hoher Mann“ oder „Herr, ein Edler“; nie heißt eine Frau so. Auch das Mandschu hat hier ambasa saisa.

Lied I. 1, 05
Zierlich eingekleideter Wunsch großer Nachkommenschaft.
Seite 70

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Zierlich eingekleideter Wunsch großer Nachkommenschaft. 1

Zart beschwingte Grillen, 2
Dicht Gedränge, oh!
Euch gebühren Kinder, Enkel,
Welche Menge, oh!

Zart beschwingte Grillen,
Flügelsausend, oh!
Euch gebühren Kinder, Enkel,
Wie viel tausend, oh!

Zart beschwingte Grillen;
Dicht Getümmel, oh!
Euch gebühren Kinder, Enkel,
Welch Gewimmel, Oh!

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1 – Die Ausleger beziehen auch dieses Lied auf Thái-ssè.
2 – Diese Art Grillen – tschüng ssë – sollen 99 Junge auf einmal hervor bringen.

Lied I. 1, 06
Einzug der Braut zur Vermählung.
Seite 71

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Einzug der Braut zur Vermählung.

Der Pfirsichbaum steht jugendschön,
In seiner Blüten Überzahl,
Die Jungfrau zieht zur Hochzeit ein; 1
Die waltet wohl in Haus und Saal.

Der Pfirsichbaum steht jugendschön,
Und quillt gar reich in Früchten aus.
Die Jungfrau zieht zur Hochzeit ein;
Die waltet wohl in Saal und Haus.

Der Pfirsichbaum steht jugendschön,
Gar üppig seine Blätter sind.
Die Jungfrau zieht zur Hochzeit ein;
Die waltet wohl beim Hausgesind’.

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1 – Der Einzug der Braut zur Hochzeit ist zugleich Einzug in ihr künftiges Haus.

Lied I. 1, 07
Die kriegstüchtigen Hasenjäger.
Seite 72

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Die kriegstüchtigen Hasenjäger. 1

Das Hasennetz wird festgespannt,
Kling klang ertönt der Pflöcke Schall.
Kriegsmänner von gewalt’ger Hand
Sind unsres Fürsten Schild und Wall.

Das Hasennetz wird festgespannt,
Und überm Kreuzweg aufgestellt.
Kriegsmänner von gewalt’ger Hand
Sind unserm Fürsten treu gesellt.

Das Hasennetz wird festgespannt,
und steht im Walde mittewärts.
Kriegsmänner von gewalt’ger Hand
Sind unsres Fürsten Leib und Herz.

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1 – Legge bemerkte zu diesem Lied: „Mi-Ti sagt in seinem zweiten Kapitel, ‚König Wên habe Hoâng-jäo und Thài-tiän von ihren Hasennetzen erhoben‘. Wir finden diese beiden Namen im Schü als Wên‘s Minister. Kin-li-thsiâng und andere Gelehrte denken daher, daß dieses Lied sich auf sie beziehe.“ – Legge hält diese Meinung wohl nicht mit Unrecht für wahrscheinlich.

Lied I. 1, 08
Lied der Wegerichpflückerinnen.
Seite 73

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Lied der Wegerichpflückerinnen.

Pflücket, pflücket Wegerich,
Eija zu, und pflücket ihn!
Pflücket, pflücket Wegerich
Eija zu, ihr rücket ihn. 1

Pflücket, pflücket Wegerich
Eija zu, ergreifet ihn!
Pflücket, pflücket Wegerich,
Eija zu, entstreifet ihn! 2

Pflücket, pflücket Wegerich,
Eija zu, nun packt ihn ein!
Pflücket, pflücket Wegerich,
Eija zu, nun sackt ihn ein! ! 3

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1 – „Da habt ihr ihn“, wäre wörtlicher gewesen, doch kam es bei diesem achten Volksliedchen mehr auf die Klang- Formnachahmung an.
2 – Der Same soll abgestreift werden, der zu arzneilichem Gebrauch diente.
3 – Die chinesischen Ausdrücke für „einpacken“ (kiĕ) und „einsacken“ (hiĕ) deuten an, daß dies in die Schürzen geschah.

Lied I. 1, 09
Die Unzugänglichen.
Seite 74

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Die Unzugänglichen. 1

Nackte Bäume steh‘n im Süden,
Die kein Obdach geben können;
Und am Hán-Strom wandeln Mädchen,
Die wir nicht erstreben können.
Ach, des Hán-Gewässers Breite,
Die kann nicht durchschritten werden;
Ach, des Kiäng-Gewässers Weite
Kann nicht überglitten werden.

Binden sie die Reisigbündel,
Möcht’ ich gern die Dornen schneiden.
Zieh’n die Mädchen zur Vermählung,
Möcht’ ich ihre Rosse weiden.
Ach, des Hán-Gewässers Breite,
Die kann nicht durchschritten werden;
Ach, des Kiäng-Gewässers Weite
Kann nicht überglitten werden

Binden sie die Reisigbündel,
Möcht’ ich draus die Stabwurz holen.
Zieh’n die Mädchen zur Vermählung,
Möcht’ ich füttern ihre Fohlen.
Ach, des Hán-Gewässers Breite,
Die kann nicht durchschritten werden;
Ach, des Kiäng-Gewässers Weite
Kann nicht überglitten werden.

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1 -Dies Lied bedarf wohl einer Erklärung. Wie gewisse hohe zweiglose Bäume die Gunst versagen, in ihrem Schatten zu rasten, so zeigen sich diese züchtigen Mädchen unerreichbar, und dergestalt unzugänglich, als ob den Sänger die undurchwatbare Breite des Hán oder die unüberfahrbare Länge des Kiäng von ihnen trennte. Sie sollen mit anderen vermählt werden; und gern erwiese er diesen Bräuten noch die anspruchslosesten Liebesdienste, aber sie halten ihn fortwährend in derselben Entfernung wie die Breite und die Länge des anderen Flusses. – Von den Erklärern wird diese strenge Züchtigkeit, wie alle in diesen Liedern erwähnten Tugenden, auf die Veredlung der Sitten durch König Wên zurück geführt.

Lied I. 1, 10
Rückkehr des Gemahls aus König Wen‘s siegreichem Kampfe für das Kaiserhaus.
Seite 76

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Rückkehr des Gemahls aus König Wên’s siegreichem Kampf für das Kaiserhaus.

Ich ging entlang des Sjù-Strom’s Damm
Und hieb mir Holz von Stamm und Ast;
Sah noch nicht meinen hohen Herrn,
Und schmachtet’ als von Hungers Last.

Ich ging entlang des Sjù-Strom’s Damm
Und hieb mir Holz von Ast und Zweig;
Da sah’ ich meinen hohen Herrn:
Nicht mein vergaß er fern im Reich.

Der Brassenfisch war rot am Schwanz; 1
Das Königshaus, es war als brannt’s;
Wiewohl es aber war als brannt’s,
Nah war der Hort des Vaterlands. 2

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1 – Nämlich nicht rot von Natur, sondern durch Verletzung, die eine vorüber gegangene Gefahr anzeigt.
2 – „Der Hort des Vaterlands“, wörtlich: Vater und Mutter (fú mù), bezieht sich nach Tschü-hi auf König Wên, der dem Kaiserhause zu Hilfe gekommen war, als es bereits wie im Brande stand.

Lied I. 1, 11
Lob der Güte von König Wen‘s Nachkommen und Verwandten.
Seite 77

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Lob der Güte von König Wên’s Nachkommen und Verwandten.

Des Einhorns Fuß ist lind; 1
So unsres Fürsten Söhne sind.
Ach ja, das Einhorn sind sie, oh!

Des Einhorn Stirn ist gut;
So all’ aus unsres Fürsten Blut.
Ach ja, das Einhorn sind sie, oh!

Des Einhorns Horn ist Zart;
So unsres Fürsten ganze Art.
Ach ja, das Einhorn sind sie, oh!

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1 – Von dem fabelhaften Einhorn wird gesagt, es erscheine stets beim Regierungsantritt ausgezeichneter Herrscher, sein Fuß trete auf nichts Lebendiges, auch nicht auf Kraut oder Gewürm, mit seiner Stirn stoße es nichts, und seines Hornes Spitze sei von Fleisch. „Lind, gut zart“, was hier in den ersten Vers der Strophen gebracht ist, steht im Originale jedes mal im zweiten Vers und heißt dort unterschiedslos: tschïn-tschïn.

Ersten Teiles zweites Buch.
Scháo nân. (1

1 – Das Fürstentum Scháo war der westliche Teil des alten Gebietes von Tschëu, und grenzte gleichfalls im Süden (Nân) gelegen, an das Tschëu-nân des vorigen Buches.

Lied I. 2, 1
Festlicher Empfang einer Fürstenbraut.
Seite 78

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Festlicher Empfang einer Fürstenbraut.

Die Elster ist in ihrem Nest,
Das Täublein soll versüßen es.
Zur Hochzeit kommt das edle Kind,
Und hundert Wagen grüßen es.

Die Elster ist in ihrem Nest,
Das Täublein soll erringen es.
Zur Hochzeit kommt das edle Kind,
Und hundert Wagen bringen es.

Die Elster ist in ihrem Nest,
Das Täublein soll bewohnen es.
Zur Hochzeit kommt das edle Kind,
Und hundert Wagen lohnen es.

Lied I. 2, 2
Wie die Fürstin das Frühopfer des Fürsten sorgsam vorbereitet und ihm würdiglich (würdevoll) beiwohnt.
Seite 79

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Wie die Fürstin das Frühopfer des Fürsten sorgsam vorbereitet und ihm würdiglich beiwohnt.

Wermuth abzupflücken geht sie
An die Inseln, an die Weiher;
Gehet um ihn zu verwenden
Bei des Fürsten Opferfeier.

Wermuth abzupflücken geht sie
An den Bächen in dem Tale;
Gehet um ihn zu verwenden
In des Fürsten Ahnensaale.

Hebt ihr Haupt im Schmuckgefunkel
Bei dem Fürsten früh im Dunkel,
Senkt’s im Schmuckgefunkel nieder,
Und gelassen geht sie wieder.

Lied I. 2, 03
Sehnsucht nach dem entfernten Gemahl.
Seite 80

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Sehnsucht nach dem entfernten Gemahl.

Es zirpet laut die Grill’ im Gras,
Es hüpft die Heuschreck’ über’s Feld.
Noch seh’ ich nicht den hohen Mann,
Mein banges Herz ist gram-geschwellt.
Könnt’ ich ihn doch erst sehen, oh.
Ihm erst entgegengehen, oh.
Dann wär’ mein Herz in Ruh gestellt.

Ich stieg das Südgebirg’ hinan,
Da hab’ ich Strahlensprehn gepflückt. 1
Noch seh’ ich nicht den hohen Mann,
Mein banges Herz ist leid-gedrückt.
Könnt’ ich ihn doch erst sehen, oh,
Ihm erst entgegen gehen, oh,
Dann wär’ mein Herz mit Trost beglückt.

Ich stieg das Südgebirg’ hinan,
Da pflückt’ ich Gabelfarn am Grund. 2
Noch seh’ ich nicht den hohen Mann,
Mein banges Herz ist kummer-wund.
Könnt’ ich ihn doch erst sehen, oh,
Ihm erst entgegen gehen, oh,
Dann wär’ mein Herz still und gesund.
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1 – Da “kiuĕ und 2 wêi” eßbare Farnkräuter sind, so wurden dafür die Namen ähnlicher Farne gesetzt.

Lied I. 2, 04
Sorge der jungen Gemahlin eines hohen Beamten für d. häuslichen Opfer.
Seite 81

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Sorge der jungen Gemahlin eines hohen Beamten für die häuslichen Opfer.

Wasserampfer geht sie brechen
Südwärts an des Tales Bächen;
Doldennarfen* geht sie pflücken
*Botanischer Name: Ruppia = eine Wasserpflanze
An beschwemmten Bodenstücken.

Gehet, sie hineinzulegen
In die Körbe, in die Wannen:
Gehet, um sie abzusieden
In den Töpfen und den Pfannen.

Geht, und unterm Mittagsfenster
Stellt sie’s auf im Ahnensaal. 1
Und wer ist es, der da opfert?
Würdiglich ein zart Gemahl. 2
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1 – Sie stellt die zubereiteten Speiseopfer da auf, wo die Bilder oder Namenstafeln der Ahnen sich befinden.
2 – Die selbe junge Frau, von der alles vorige gesagt war. Der Gemahl ist als abwesend zu denken.

Lied I. 2, 05
Liebevolles Andenken des Volks an einen guten Fürsten.
Seite 82

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Liebevolles Andenken des Volks an einen guten Fürsten.

Den schattenreichen Sorbenbaum, –
Nicht hauet ihn, nicht ihn zerkeilt!
Scháo’s Vater hat an ihm geweilt. 1

Den schattenreichen Sorbenbaum, –
Nicht hauet ihn, kein Leid ihm tut!
Scháo’s Vater hat an ihm geruht.

Den schattenreichen Sorbenbaum, –
Nicht hauet ihn, beugt keinen Ast!
Scháo’s Vater war bei ihm zu Rast.
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1 – Pĕ ward durch „Vater“ wiedergegeben, da es hier nicht den Rang, sondern die väterliche Verwaltung des guten Fürsten andeuten soll.

Lied I. 2, 06
Vor Gericht.
Seite 83

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Vor Gericht. 1

Durchnässet war der Weg vom Tau.
Nicht schon beim ersten Morgengrau?
Ich sprach: der Weg hat zuviel Tau. 2

Wer sagt, es fehle Horn dem Vögelein?
Womit denn drang’s in meine Wohnung ein?
Wer sagt, du dachtest nie um mich zu frein?
Worauf denn klagtest du es von mir ein?
Doch klagst du es auch von mir ein,
Das reicht nicht hin, mein Mann zu sein.

Wer sagt, die Maus sollt’ ohne Zähne sein?
Wie konnt’ sie denn durch meine Wände dringen?
Wer sagt, du dachtest nie um mich zu frein?
Wie wolltest du denn zum Prozeß mich zwingen?
Doch magst du zu Prozeß mich zwingen,
Mich wirst du doch nicht zu dir bringen.

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1 – Zurückweisung eines Freiers, der auf Erfüllung der Ehe klagt oder klagen will, allein bei der Werbung die vorschriftsmäßigen Gebräuche nicht erfüllt hat.
2 – Schon frühzeitig hat sie den Freier wissen lassen, daß der Weg zu ihr nicht gangbar erscheine. Ich sage nicht, fährt sie dann fort, daß du nicht Mittel gefunden, um mich zu werben, auch hast du dies getan, doch dabei dem Brauche nicht genügt, und kein von dir erhobener Prozeß wird dahin führen, daß ich dir folgen müßte.

Lied I. 2, 07
Rückkehr hoher Beamten vom Hofe zu ihrem Mittagsmahl.
Seite 84

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Rückkehr hoher Beamten vom Hofe zu ihrem Mittagsmahl.

Im Lammpelz und im Schafpelzkleide,
Fünffach bestickt mit weißer Seide;
Gehn sie vom Fürsten her zum Mahl
In stiller Freud, in stiller Freude.

Mit Lamm- und Schaffell wohl verseh’n,
Drauf fünffach weiße Seiden steh’n;
In stiller Freud’, in stiller Freude
Sie her zum Mahl vom Fürsten geh’n.

Ihr Lamm- und Schafvlies um sich her,
Fünffach von weißer Seide schwer,
In stiller Freud’, in stiller Freude
Geh’n sie zum Mahl vom Fürsten her.

Lied I. 2, 08
Sehnsucht nach des diensteifrigen Gemahls Heimkehr.
Seite 85

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Sehnsucht nach des diensteifrigen Gemahls Heimkehr.

Des Donners laut Gedröhn
Ist an des Südgebirges Mittagseite.
Warum ist Er entfernt von hier,
Wagt’ nie, daß er sich Ruh bereite?
mein hoher Herr, mein holdes Glück,
O komm zurück! O komm zurück!

Des Donners laut Gedröhn
Ist an des Südgebirges mittler’m Hange.
Warum ist Er entfernt von hier,
Wagt’ nie, daß er nach Rast verlange?
Mein hoher Herr, mein holdes Glück,
O komm zurück! O komm zurück!

Des Donners laut Gedröhn
Ist drunten an des Südgebirges Fuße.
Warum ist Er entfernt von hier
Wagt’ niemals, auszuruh’n in Muße?
Mein hoher Herr, mein holdes Glück
O komm zurück! O komm zurück!

Lied I. 2, 09
Furcht, eine alte Jungfer zu werden.
Seite 86

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Furcht, eine alte Jungfer zu werden.

Geschüttelt sind die Pflaumen,
Und übrig sind noch sieben, oh.
Die ihr mich wollt, ihr jungen Herrn,
Jetzt ist die Zeit zum Lieben, oh.

Geschüttelt sind die Pflaumen,
Und übrig sind noch dreie, oh.
Die ihr mich wollt, ihr jungen Herrn,
Jetzt ist es an der Reihe, oh.

Geschüttelt sind die Pflaumen,
Und all’ in vollen Körben da.
Die ihr mich wollt, ihr jungen Herrn,
Jetzt ist die Zeit zum Werben da.

Lied I. 2, 10
Zufriedenheit dienender Palastfrauen.
Seite 87

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Zufriedenheit dienender Palastfrauen.

Verbleichen dort die Sternelein,
Sind drei, sind fünf noch östlich wach,
Gehn eifrig wir schon nachts hinein,
Bei Dämm’rung in des Herrn Gemach.
Das Los der Pflicht ist mannigfach. 1

Verbleichen dort die Sternelein,
Orions, der Plejaden Licht,
Gehn eifrig wir schon nachts hinein,
Und Deck’ und Pfühl * wird hergericht’t.
Verschieden ist das Los der Pflicht.
* (veraltet für Kissen)

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1 – Sie vergleichen ohne Unmut ihr Los mit dem der Fürstin, welche nachts das Lager des Gemahls teilt.

Lied I. 2, 11
Nachfolgende Reue.
Seite 88

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Nachfolgende Reue. 1

Der Kiäng gießt Arm’ umher.
Da sich die Maid vermählte,
Brauchte sie uns nicht mehr.
Brauchte sie uns nicht mehr;
So kam doch Reue hinterher.

Der Kiäng um Inseln tritt.
Da sich die Maid vermählte,
Brachte sie uns nicht mit.
Brachte sie uns nicht mit,
Stockte doch hinterher ihr Schritt.

Der Arm fließt heim zum Kiäng.
Da sich die Maid vermählte,
Taten wir nicht den Gang.
Taten wir nicht den Gang,
Eratmete sie doch, – und sang. 2

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1 – Die Erklärer sagen, eine Fürstenbraut nahm die ihr zugeteilten Angehörigen aus Eifersucht nicht in ihre neue Heimat mit, ward aber durch König Wên‘s und Thái-ssè‘s Einfluß auf bessere Gedanken gebracht.
2 – Da sie die Zurückgelassenen zu sich beruft, kehrt von Reue und Stocken ihre frühere Munterkeit zurück.

Lied I. 2, 12
Der schöne Jäger.
Seite 89

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Der schöne Jäger. 1

Getötet liegt das Wild im Hain
Und Riedgras überspreizet es.
Lenzfreuden sinnt das Mägdelein,
Ein schöner Jüngling reizet es.

Dicht steh’n im Wald die Bäumelein,
Getötet liegt der Hirsch im Hain
Und Riedgras hüllet rings ihn ein.
Das Mägdlein gleicht dem Edelstein.

„Gelassen! und nur sachte, sachte, oh!
Nicht an mein Tuch zu rühren trachte, oh!
Und mache ja nicht, daß mein Hündlein – belle!“

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1 – Chinesische Ausleger finden viel mädchenhafte Züchtigkeit und Tugend in diesem zarten Liedchen, dessen Schalkhaftigkeit doch wohl die Schlußzeile dartun dürfte.

Lied I. 2, 13
Vermählung einer Königstochter aus dem Hause Tscheu mit dem Sohne eines Lehensfürsten.
Seite 90

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Vermählung einer Königstochter aus dem Hause Tschēu mit dem Sohn eines Lehensfürsten.

Was schimmert da so glänzend her?
Waldkirschen, die da Blüten tragen?
Geh’n nicht zum ehrenvollen Bund
Der königlichen Kī die Wagen. 1

Was schimmert da so glänzen her?
Wohl blühten Pfirsichbäume schon. –
Des Friedenskönigs Enkelin, –2
Des ehrenreichen Fürsten Sohn.

Wie wendet man die Angel an?
Man knüpfet Fäden her und hin: 3
Des ehrenreichen Fürsten Sohn, –
Des Friedenskönigs Enkelin.

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1 – Kï war der Geschlechtsname des königlichen Hauses der Tschëu.
2 – Der Friedenskönig ist Wên.
3 – Hindeutend auf die nützliche Verbindung lehnsfürstlicher Häuser mit dem herrschenden durch solche Heiraten.

Lied I. 2, 14
Der meisterhafte Jäger.
Seite 91

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Der meisterhafte Jäger.

Auf den mit schilfbegrünten Auen
Schoß er mit einem Mal fünf Sauen.
Ho, horridoh! der Phönix Leopard! 1

Auf den mit rohrbegrünten Lachen
Schoß er mit einem Mal fünf Bachen.
Ho, horridoh! der Phönix Leopard!

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1 – Man verzeihe den Ausdruck, der das chinesische Tschëu jü wiedergeben soll, worunter, den älteren Erklärern zufolge, ein edles Tier von Gestalt eines weißen, schwarz gefleckten Tigers, der aber nichts Lebendiges verzehrt und nur bei der Regierung der besten Fürsten erscheint, zu verstehen sein soll. Von späteren wird diese Erklärung bezweifelt.

Ersten Teils drittes Buch.
P’hèi.

1 – Beim Sturz der Schäng-Dynastie teilte König Wù deren Kronland in drei Fürstentümer, P‘hèi im Norden, Jûng im Süden und Wéi im Westen. Die beiden ersten bestanden nicht lange und wurden bald mit Wéi vereinigt. Weshalb sie dem ungeachtet in diesem und dem folgenden Buche als besondere Länder aufgeführt sind, ist schwer zu erklären, zumal in den ihnen zugeteilten Liedern fast überall von Wéi die Rede ist, die selben also nach jener Wiederbereinigung entstanden zu sein scheinen.

Lied I. 3, 01
Unverdiente Zurücksetzung und Kränkung. 2
Seite 92

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Unverdiente Zurücksetzung und Kränkung. 1

Da schwimmet der Zypressenkahn,
Und schwimmet seine Wogenbahn.
So treibt mich’s ohne Ruh’ und Schlaf,
Wie wen da nagt des Schmerzes Zahn.
Nicht, weil mir Wein wär’ abgetan,
Daß ich lustwandle sonder Plan.

Kein bloßer Spiegel ist mein Herz,
Aufnehmen kann es nicht allein.
Und hab’ ich ja der Brüder auch,
Das kann mir keine Stütze sein.
Komm’ ich und klage meine Pein,
So fährt ihr Zorn auf mich herein.

Mein Herz ist nicht ein Stein der Flur,
Den hin und her man trollen kann;
Mein Herz ist keine Matte nur,
Die auf und zu man rollen kann;
Stets übt’ ich Ehrbarkeit und Zucht,
Nichts, dem man Tadel zollen kann.

Nur Gram ist sich mein Herz bewußt,
Mich haßt die Schar voll nied’rer Lust;
Daß ich der Kränkung viel schon sah,
Der Schmach nicht wenig tragen mußt’.
Stillschweigend sinn’ ich drüber nach,
Wach’ auf – und schlag’ an meine Brust.

O Sonne du, und du, o Mond,
Habt ihr das Wechseln um-gegeben?
Ach meines Herzens bitt’res Leid
Ist ungewasch’nen Kleidern eben.
Stillschweigend sinn’ ich drüber nach,
Und – Flügel kann ich nicht erheben.

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2 – Die Ausleger sind uneinig, ob dieses Lied die Klage einer Frau oder eines Beamten über unverdiente Zurücksetzung sei. Der Zusammenhang mit den gleich folgenden Liedern läßt das erste erwarten.

Lied I. 3, 02
Klage der vernachlässigten Gemahlin.
Seite 97

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Klage der zurückgesetzten Gemahlin. 1

Grün sind, ach, die Kleider, ach!
Grün von außen, gelb von innen. 2
Meines Herzens Kümmernis,
Ach wie könnte die zerrinnen?

Grün sind, ach, die Kleider, ach!
Außen grün, darunter gelbe.
Meines Herzens Kümmernis,
Wie vergäß’ ich je dieselbe?

Grün sind, ach, die Seiden, ach!
So war’s dein entscheiden, ach!
Ich gedachte stets der Alten, 3
Jede Schuld zu meiden, ach!


Flortuch, ach, und Nessel, ach,
Sind dem frost’gen Wind ein Scherz,
Ich gedachte stets der Alten,
Und so find’ ich noch mein Herz.

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1 – Fürst Tschuäng von Wéi (750 -735 v. Chr.) ward durch ein begünstigtes Nebenweib gefesselt und die Fürstin Tschuäng-kiäng, so vortrefflich sie war, verlor ihre Stellung.
2 – Grün galt als die geringere, gelb als die vornehmere Farbe. Beide symbolisieren die Stellung der Fürstin.
3 – Ich verhielt mich nach den Lehren und dem Vorbilde der großen Leute des Altertums.

Lied I. 3, 03
Abschied der verwitweten Fürstin Tschuang-kiang von der geliebten Nebenfrau Tài-kuèi .
Seite 95

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Abschied der verwitweten Fürstin Tschuāng-kiāng von der geliebten Nebenfrau Tái-kuei. 1

Schwalb’ und Schwalbe fliegen aus,
Ungleich in den Flügelschlägen.
Die Geliebte zieht nach Haus,
Weit mit ging ich auf den Wegen;
Schau’ mich um, seh’ sie nicht mehr,
Weine Tränen gleich dem Regen.

Schwalb’ und Schwalbe fliegen aus,
Aufwärts, abwärts in die Weite.
Die Geliebte zieht nach Haus,
Weithin ging ich ihr zur Seite;
Schau mich um, seh’ sie nicht mehr,
Stehe lang’ und weine sehr.

Schwalb’ und Schwalbe fliegen aus,
Zwitschern droben und danieden.
Die Geliebte zieht nach Haus,
Weithin ging ich mit gen Süden;
Schau mich um, seh’ sie nicht mehr,
Fühle Gram im Herzen sieden.

O die edle Tschúng war redlich, 2
Und ihr Herz war tief und treu.
Immer war sie sanft und freundlich;
Lauter und voll edler Scheu.
Des geschied’nen Herrn Gedächtnis
bot sie stets der Witwe neu.

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1 – Tschü-hi sagt: „Tschuäng-kiäng hatte keinen Sohn, da nahm sie Huân, den Sohn der Tái-kuëi aus Tschhin, als ihren Sohn an. Als der Fürst Tschuäng gestorben, folgte ihm Huân in der Würde. Tschëu-hiü, der Sohn einer niedrig geborenen Favoritin, tötet ihn, darum kehrte Tài-kuëi nach Tschhin zurück und Tschuäng-kiäng gab ihr das Geleit. Da machte sie dieses Lied.“
2 – Tschùng heißt eigentlich „die zweite Schwester“. Es war der unterscheidende Beiname der Tái-kuëi geworden.

Lied I. 3, 04
Klage der vernachlässigten Gemahlin.
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Klage der vernachlässigten Gemahlin. 1

O du Sonn’, und du o Mond;
Ihr bestrahlt die niedre Erd’;
Aber solch ein Mann wie dieser, ach,
Hält nicht alte Sitte wert.
Wie nur kann er Ruhe haben,
Der zu mir nicht mehr sich kehrt?

O du Sonn’, und du o Mond,
Ihr gewährt der Erde Licht;
Aber solch ein Mann wie dieser, ach,
Weiß von Gegenliebe nicht.
Wie nur kann er Ruhe haben,
Der sich mir des Danks entbricht?

O du Sonn’, und du o Mond,
Ihr im Ost geht himmelan;’
Aber solch ein Mann wie dieser, ach,
Strebt der Tugend Ruhm nicht an.
Wie nur kann er Ruhe haben,
Der mich so vergessen kann?

O du Sonn’, und du o Mond,’
Ihr steigt himmelan vom Ost.
Ach daß Vater, ach daß Mutter
Mir nicht stets gewährt die Kost!
Wie nur kann er Ruhe haben,
Der mir lohnt mit solchem Frost?

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1 – Dieses Lied wird von den Auslegern ebenfalls auf Tschuäng-kiäng zurück geführt.

Lied I. 3, 05
Klage über die hochmütige Behandlung durch den Gemahl.
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Klage über die hochmütige Behandlung durch den Gemahl. 1

Immer Wind und Sturm darein!
Sieht er mich, so lacht er mein,
Lacht mit frechen Spötterei’n
Und mein Herz ist voller Pein.

Immer Wind und Nebelweh’n!
Freundlich scheint er herzugehen;
‘s ist kein Kommen, ist kein Gehn.
Endlos muß ich sinnend stehn.

Immer Wind und Düster drein!
Eh’ es tagt, fällt Düster drein.
Ich wach’ auf, muß schlaflos sein;
Möchte reden, – schluck’ es ein.
(Mit anderen Worten, sie schluckt es runter, die Arme!)

Finster stets die Düsternis,
Drohend stets der Donnerkrach.
Ich wach’ auf, muß schlaflos sein,
Möchte reden, – grüble nach.

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1 – Auch diese Lied wird Tschuäng-kiäng zugeschrieben.

Lied 3, 06
Der versprengte Krieger.
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Der versprengte Krieger.

Sie schlugen die Trommel, und die erklang,
Wir sprangen empor, die Waffen zu führen;
Man baute das Land, man befestigte Tsáo; 1
Wir mußten allein nach Süden marschieren.

Gefolgt sind wir dem Sún Tsè-tschúng, 2
Bis er Frieden gemacht mit Tschhîn und Súng. 3
Uns hat er nicht wieder zurück geführt,
Mein traurig Herz ist bekümmert genug.

Da man rastete, da man der Ruhe genoß,
Da sind abhanden gekommen die Ross’;
Ich ging und habe nach ihnen gesucht,
Bis daß mich die Tiefe des Waldes umschloß.

Auf Tod und Leben, getrennt noch so weit,
Hab’ ich Ihr mich verbunden mit festem Eid,
Und habe darauf ihre Hand genommen,
Mit ihr zusammen in’s Alter zu kommen.
Und ach, so fern in den Weiten, oh,
Soll mir das Leben entgleiten, oh!
Und ach, so getreu ihr eigen, oh,
Nicht kann ich es ihr bezeigen*, oh!
*bezeigen = es erkennen zu geben

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1 – Tsáo oder Thsáo war eine Stadt im Fürstentum Wéi.
2 – Tsè-tschúng aus dem Stamme Sün war derzeitiger Herrführer.
3 – Tschëu-hiü von Wéi (s. Anm. 1 zu 3, 3) verbündete sich im Jahre 718 v. Chr. mit den Fürsten von Tschhin und Súng zu einem Krieg gegen Tschhing, wie die Ausleger erzählen.

Lied 3, 07
Selbstanklage ungeratener Söhne.
Seite 101

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Selbstanklage ungeratener Söhne.

Von Süden her der sanfte Wind,
In’s Herz der Dornen haucht er lind,
Und lieblich grünt der Dornen Herz, –
Die Mutter quälet Sorg’ und Schmerz.

Von ‘Süden her der sanfte Wind,
In’s Holz der Dornen haucht er zart;
Die Mutter ist so weis’ und gut,
Doch wir sind Menschen schlimmer Art.

Wohl gibt es einen kühlen Born,
Der unter Siún entquillt im Tal; 1
Doch ihrer sieben Söhne gibt’s
Die sind der Mutter Sorg’ und Qual.

Der gelben Vögel schöner Sang
Ertönt gar lieblich allerwärts;
Doch ihrer sieben Söhne gibt’s,
Die trösten nicht der Mutter Herz.

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1- Siún (so nach Khäng-hi, nicht Tsiün) war eine Stadt in Wéi.

Lied 3, 08
Sehnsucht nach des Gatten Heimkehr.
Seite 102

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Sehnsucht nach des Gatten Heimkehr,

Wenn der Fasan entfliegen will,
Wie zögernd er die Flügel breitet! –
Des ich im Herzen bin gedenk’,
Der hat sich selbst Verzug bereitet.

Wenn der Fasan auffliegen will,
Ruft er hinauf und niederwärts.
Doch o fürwahr, mein hoher Herr,
Ja, er bekümmert mir das Herz.

Ich schau’ empor nach Sonn’ und Mond,
Endlos von Sehnen hingenommen.
Der Weg, so sagen sie, ist weit;
Wie kann er, sagen sie, denn kommen? 1

O all-zumal ihr hohen Männer,
Kennt ihr der Tugend Weg so schlecht?
Der keinen hasset, nichts begehret,
Wie tät’ er nicht, was gut und recht?

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1 – Das wiederholte jün durch „sagen sie“ zu übersetzen, dürfte durch die Schlußstrophe gefordert werden, die offenbar eine Entgegnung auf Gesagtes enthält.

Lied 3, 09
Leidenschaftliche Verfrühung der Vermählung gehindert.
Seite 103

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Leidenschaftliche Verfrühung der Vermählung gehindert. 1

Der Kürbis hat Blätter voll Bitterkeiten;
Und die Furt hat Tiefen beim Durchschreiten;
Wo sie tief, da entblößt man sich weit,
Wo sie seicht, da lüpft man das Kleid.

Nun woget die Furt vom Überschwall,
Und es ruft der Fasanin lockender Schall.
Die Höhe der Furt spült nicht nur die Achsen an,
Und der Ruf der Fasanin sucht ihren Fasan.

Die wilden Gänse, sie schreien im Chor,
Die Sonne geht auf, bringt den Morgen hervor;
Und wenn ein Jüngling ein Weib will frei’n,
So wartet er nicht bis das Eis sich verlor.

Nach langem Winken der Fährmann rief:
Ein anderer setze dich über, nicht ich!
Ein anderer setze dich über, nicht ich!
Denn meinen Freund erwarte ich.

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1 – Eheschließung vor der herkömmlichen Zeit galt für unsittlich.

Lied 3, 10
Klage der Verstoßenen.
Seite 104

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Klage der Verstoßenen.

Des Ostens sanfter Windeshauch
Bringt Dunkel, bringt des Regens Born –
(Born = veraltet für Quelle, Brunnen, Wasser)
Nach Herzenseinheit soll man trachten,
Und nicht geziemend ist der Zorn.
Die Ampfer und Kohlrabis wollen,
Beachten nicht die Wurzelknollen.
Blieb unverletzt mein guter Ruf,
Hätt’ ich bei dir auch bleiben sollen.

Ich ging des Wegs gar zögerlich,
Mein ganzes Inn’re sträubte sich.
Es war nicht weit, nur wenig Schritte,
Daß du geführt zur Schwelle mich.
Wer nennet noch die Raute bitter?
So süß wie Eppich (z.B. Efeu) ist die jetzt.
Du schmausest mit der Neuvermählten,
Wie Bruder sich mit Bruder letzt.

Der Kīngfluß macht den Wéistrom trübe,
Vor Inseln fließt er klar und rein.
Du schmausest mit der Neuvermählten,
Ich soll die Reine nicht mehr sein.
Tritt nicht heran auf meine Dämme,
Zieh’ meine Reusen dir nicht Her! –
Doch meiner wird ja nicht geachtet –
Was kümmert mich die Zukunft mehr?

Wenn ich vor Wassertiefen kam,
Hab’ ich ein Floß, ein Boot genommen,
Wenn ich vor seichte Wasser kam,
Bin ich gewatet und geschwommen.
Ob wir besaßen, ob’ gebrach, (etwas fehlen)
Ich mühte mich, um zu bekommen,
Traf irgend wen ein Trauerfall,
Ich kroch dahin, um ihm zu frommen.

Nun hältst du dich der Lieb’ entbunden,
Ja, siehst mich an als dir feind erfunden.
Da meine Güte du verschmähst,
Bin ich ein Kaufmann ohne Kunden.
Einst sorgt’ ich angstvoll mich um’s Nöt’ge gleich,
Versank in Not mit dir zugleich;
Nun kannst du leben, bist du reich,
Und ich bin dir dem Gifte gleich.

Ich hatte Köstliches gespeichert,
Zu sorgen für die Winterzeit.
Du schmausest mit der Neuvermählten,
Ich war nur für die Dürftigkeit.
Du schäumtest, braustest ohne Scham,
Und überläßt mich nun dem Gram,
Uneingedenk des, was vergangen
Und was ich dir zu leisten kam.

Lied 3, 11
Überdruß an beschwerlichem Dienst in der Fremde.
Seite 106

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Überdruß an beschwerlichem Dienst in der Fremde. 1

Mit uns ist’s aus! Mit uns ist’s aus!
Warum nur geht es nicht nach Haus? –
Wär’s nicht für unsres Fürsten Sachen,
Was hätten wir in diesem Thau zu machen?

Mit uns ist’s aus! Mit uns ist’s aus!
Warum nur geht es nicht nach Haus? –
Wär’s nicht dem Fürsten selbst zu Nutze,
Was hätten wir zu tun in diesem Schmutze?

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1 – Dies Lied wird den Ministern des Fürsten von Li untergelegt, der, aus seinem Lande vertrieben, in Wéi Hilfe gesucht hatte, dort aber, mit leeren Versprechungen hingehalten, immer mehr in Not geraten war.

Lied 3, 12
Klage der Räte von Li über die Räte von Wei wegen nicht geleisteten Beistand.
Seite 107

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Klage der Räte von Lî über die Räte von Wéi wegen nicht geleisteten Beistandes.

Das Kŏ an seiner Bergeshalden Flanken,
Wie weit hinaus erstreckt es seine Ranken!
Und o ihr Räte, jung und alt, 1
Wie viele Tage schon versanken!

Warum sie sich nicht regen, ja?
Sie sehn wohl Hilf” entgegen, ja!
Warum sie Aufschub machen, ja?
Sie haben wohl Ursachen, ja!

Schon sind die Fuchspelz’ abgetragen;
Sind nicht im Osten unsre Wagen?
Und o ihr Räte, jung und alt,
Ihr scheinet nichts nach uns zu fragen!

Ein schwacher Rest, die Letzten schier,
Sind der Zerstreuung Kinder wir;
Und o ihr Räte, jung und alt,
Ihr prunkt verstopften Ohres hier!

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1 – Wörtlich: „o ihr jungen und älteren Oheime!“ (schŭ hi pĕ hi) höfliche Bezeichnung der Minister.

Lied 3, 13
Der Tänzer, der zu Besserem tauglich wäre.
Seite 108

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Der Tänzer, der zu Besserem tauglich wäre.

Leicht und gewandt, leicht und gewandt
tritt er zu jeglichem Tanze heran.
Stehet die Sonn’ in der Mitte des Tags,
Zeigt er sich auf dem erhöheten Plan.

Groß ist der Mann und von hoher Gestalt,
Tanzet im fürstlichen Saal mannigfalt.
Gleichet dem Tiger an Kraft und Gewalt
Führet die Zäum’ als ob Fäden er halt’.

Hält in der Hand, in der linken, die Flöte,
Hält mit der Rechten die Feder gefaßt; 1
Strahlet er aber von Schweiß und von Röte,
Heißet der Fürst, daß man Becher ihm böte.

Auf Bergen wachsen die Haseln,
Das Süßholz wächst im Tal.
Und wessen ist er denn eingedenk?
Der herrlichen Männer im westlichen Land.
O was für herrliche Männer das sind,
Die Männer dort in den westliche Landen, oh! 2

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1– Dies gehört zu den Tänzen. Vgl. I. 6, 3.
2 – Im Westen lag Tschëu, wo man einen solchen Mann besser zu brauchen wissen würde, als nur zum Tänzer.

Lied 3, 14
Sehnsucht einer in der Ferne vermählten Fürstentochter von Wei nach ihrer Heimat.
Seite 109

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Sehnsucht einer in der Ferne vermählten Fürstentochter von Wéi nach ihrer Heimat. 1

Da sprudelt auf das Quellenwasser
Und fließt hinunter nach dem Khi. 2
Mein ganz Verlangen ist nach Wéi,
Kein Tag, daß mich’s dahin nicht zieh’.
Gar liebe Basen hab’ ich hie’;
Wohl in Beratung nehm’ ich sie. 3

Beim Fortgehn nachtet’ ich in Tsi,
Ich hielt das Abschiedsmahl in Ni. 4
Die Tochter, die von dannen ziehet,
Von Vater, Mutter, Brüder scheidet die.
Nur nach den Muhmen (= Tanten) will ich fragen,
Nach älter’n Schwestern dann auf sie.

Beim Fortgehn nacht’ ich dann in Kān
Ich halt’ ein Abschiedsmahl in Jân. 5
Ich lasse Fett den Achsen geben,
Den Wagen wenden, vorwärts streben,
Und habe mich bald nach Wéi begeben. –
Ein Unrecht wär’ es doch nicht eben?

Mir liegt der Fêi-thsiüân im Sinn, 6
Ihm send’ ich stets mein Seufzen hin.
Nach Siü und Tsáo ist mein Begehr, 7
Da ist mein Herz, so sehr, so sehr! –
Fahr’ ich nur aus, und hin und her,
Zu mildern meines Grams Beschwer!

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1 – Es wird angenommen, daß die Eltern der Sängerin nach ihrem Scheiden aus Wéi gestorben, womit dann die Erlaubnis zu einem Besuch der Heimat hinweg gefallen sei. Die Dichterin geht in ihrer Phantasie bis dicht an den Beschluß der Abreise, läßt sich jedoch durch den Zweifel, ob sie damit nicht unrecht handle, zurückhalten.
2 – Der Khi war ein Hauptfluß im Fürstentum Wéi.
3 – Verwandte, die sie bei sich hat, will sie um Rat fragen, ob sie wohl nach Wéi reisen dürfe.
4 – Tsi und Ni waren, nach Tschü-hi, Landschaften in Wéi. Diese Verse beziehen sich daher auf die erste Ausreise zur Vermählung. Das „Abschiedsmahl“ fand vor Entlassung des Geleits bei bei einem Opfer für die glückliche Weiterreise statt.

Lied 3, 15
Not eines Staatsbeamten.
Seite 111

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Not eines Staatsbeamten.

Durchs Nordtor bin ich fort gerannt,
Von Gram im Herzen übermannt,
In Not und Elend stets gebannt,
Und keinem ist mein Leid bekannt.
Genug davon! denn oh,
Des Himmels Fügung macht’ es so;
Was ist davon zu sagen, oh?

Des Königs Dienste schickten mich,
Die Staatsdienst’, all’ auf mich gehäuft, ersticken mich;
Und kehr ‘ ich dann von außen heim,
Steh’n meine Hausgenossen rings und zwicken mich.
Genug davon! denn oh,
Das Himmels Fügung macht’ es so;
Was ist davon zu sagen, oh?

Des Königs Dienste jagen mich,
Die Staatsdienst’ all’ auf mich gehäuft, zerschlagen mich;
Und kehr’ ich dann von außen heim,
Steh’n meine Hausgenossen rings und plagen mich.
Genug davon! denn oh,
Das Himmels Fügung macht’ es so;
Was ist davon zu sagen, oh?

Lied 3, 16
Dringen auf Auswanderung in unglücklicher Zeit.
Seite 112

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Dringen auf Auswanderung in unglücklicher Zeit.

Die Wind’ aus Norden frostig weh’n,
Und Schneegestöber nieder-geh’n.
Die ihr mit wohl wollt und mich liebt,
Nehmt meine Hand und laßt uns geh’n!
Da säumt ihr hier, da stockt ihr dort!
Es kam auf höchste! auf und fort!

Die Wind’ aus Norden pfeifen schier,
Und Schneegestöber treiben hier.
Die ihr mit wohl wollt und mich liebt,
Nehmt meine Hand und kommt mit mir!
Da säumt ihr hier, da stockt ihr dort!
Es kam auf höchste! auf und fort!

Nichts rot hier, wenn’s nicht Füchse waren;
Nicht schwarz hier, wenn nicht Rabenscharen.
Die ihr mit wohl wollt und mich liebt,
Nehmt meine Hand und laßt uns fahren!
Da säumt ihr hier, da stockt ihr dort!
Es kam auf höchste! auf und fort!

Lied 3, 17
Verfehlte Zusammenkunft.
Seite 113

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Verfehlte Zusammenkunft.

Ein sauberes Mädchen, so schmuck und fein!
Die harrt an der Ecke der Mauer wohl mein.
Ich liebe sie, aber ich sehe sie nicht;
Ich kraue (=kratzen) den Kopf, steh’ betreten allein.

Das saubere Mädchen, so lieblich im Flor,
Die schenkte mir ein rot glänzendes Rohr.
Doch schimmert das rötliche Rohr auch sehr,
Die Schönheit des Mädchens erfreuet mich mehr.

Sie hatte mir Knospen vom Felde beschert,
Und traun*, die sind schön und bewundernswert.
*traun = in der Tat/tatsächlich
Und doch, ihr selber, ihr seid nicht schön,
Ihr seid’s nur weil euch mir die Schöne verehrt.

Lied 3, 18
Der verfehlte Ehebund.
Seite 114

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Der verfehlte Ehebund. 1

Der neue Turm erglänzet so,
Und mächtig strömt die Flut des Hô. –
Die sich den milden, heitern wünschte,
Fand diesen Rohrwulst, hart und roh.

Hoch ragt des neuen Turms Gestalt,
Und glatt des Hô Gewässer wallt. –
Die sich den milden, heitern wünschte,
Fand diesen Rohrwulst, zäh und alt.

Es ward das Fischnetz aufgestellt,
Da kam ein Schwan und fiel hinein.
Die sich den milden, heitern wünschte,
Die muß des lahmen Krüppels sein!

Ach das arme Ding!
Da sieht man es mal wieder! Wer die Macht hat, hat das Sagen!

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1 – Siuän, der ruchlose und ausschweifende Fürst von Wèi, warb für seinen Sohn Ki-tsé um eine Fürstentochter von Thsi. Als er sie sah, entbrannte er selbst für sie, baute ihr einen Palast am Hoâng-hò und zwang sie, ihn zu heiraten. Sie erhielt dann den Namen Siuän-kiäng.

Lied 3, 19
Ahnung von verbrecherischen Taten.
Seite 115

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Ahnung von verbrecherischen Taten. 1

Zwei Prinzen stiegen in die Schiffe,
Schon ist ihr Schatten fort gegangen.
Der Prinzen denk’ ich sehnsuchtsvoll,
Im tiefsten Herzen ahnend bangen.

Zwei Prinzen stiegen in die Schiffe,
Schon sind sie ihres Wegs geschwommen.
Der Prinzen denk’ ich sehnsuchtsvoll;
Sie sind doch nicht in Unglück kommen?

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1 „ Siuän-kiäng gebar zwei Söhne, Schéu und Sŏ. Sŏ und Siuän-kiäng klagten Ki“ – den Sohn einer früheren Gemahlin (vgl. voriges Lied) – „beim Fürsten an. Der Fürst beauftragte Ki, nach Thsi zu gehen, und schickte Mörder voraus, ihm unterwegs aufzulauern und ihn zu töten. Schéu erfuhr dies und warnte Ki. Ki sprach: Hat es der Fürst befohlen, so kann ich dem nicht entgehen. – Schèu nahm insgeheim dessen Aussehen an und ging voraus. Die Mörder töteten ihn. Ki kam dazu und rief: Der Fürst hat befohlen, mich zu töten; was hat Schéu verschuldet? – Die Mörder töteten ihn auch. – Die Leute des Landes betrauerten sie und machten dies Lied.“ – So Tschü-hi.

Ersten Teiles viertes Buch:
Jûng. 1

1 – Siehe Anm. zu I. 3, 1

Lied 4, 01
Die treue Witwe.
Seite 116

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Die treue Witwe.

Da schwimmet der Zypressenkahn
Bis mitten in den Strom hinein.
Den wir in Doppellocken sah’n, 2
Ja, er nur durfte für mich sein.
Kein andrer bis zum Tod, ich schwör’s, wird mein;
O Mutter und o Himmel du;
O trauet ihr mir das nicht zu?

Da schwimmet der Zypressenkahn,
Und naht des Stromes Seite sich.
Den wir in Doppellocken sah’n
Ja, Er allein war da für mich.
Kein Schlechtes bis zum Tod, ich schwör’s; tu ich; 3
O Mutter und o Himmel du,
O trauet ihr mir das nicht zu?

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2 – Beim Leben der Eltern trugen Söhne das Haar in zwei Locken an den Schläfen. Der verstorbene Gatte war also noch jung.
3 – Das „Schlechte“ (thĕ) ist die Wiederverheiratung. Bewahrung der Witwenschaft war und ist noch Tugendpflicht.

Lied 4, 02
Schamloses Treiben im Innern des Palastes.
Seite 117

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Schamloses Treiben im Innern des Palastes.1

Die Mauer hat Gedörn, (Dornenranken)
Das gar nicht wegzubrechen ist;
Und in den Kammern treiben sie,
Was gar nicht auszusprechen ist,
Weil, was noch auszusprechen ist,
Nur Rede für den Frechen ist.

Die Mauer hat Gedörn,
Das gar nicht auszureuten* ist;
(*ausreuten = veraltet für ausroden/ausrotten)
Und in den Kammern treiben sie,
Was gar nicht anzudeuten ist,
Weil, was noch anzudeuten ist,
Zu viel schon allen Leuten ist.

Die Mauer hat Gedörn,
Das gar nicht wegzuschälen ist;
Und in den Kammern treiben sie,
Was gar nicht zu erzählen ist,
Weil, was noch zu erzählen ist,
Als Rede schon zu schmählen/tadeln ist.

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1 – Soll sich auf das Leben des Fürsten Siuän von Wéi beziehen.

Lied 4, 03
Weibliche Üppigkeit.
Seite 118

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Weibliche Üppigkeit. 1

Die bei dem hohen Gatten altert,
Sechs Nadeln nur als Schmuck im Haar,
Die tritt gar schön und stattlich dar;
Dem Berg, dem Strom gleicht sie gar;
Ihr Staatskleid stets geziemend war.
Doch an dem unehrbaren Weibe,
Was nimmt man wohl an dieser war?

Wie strahlend, oh, wie strahlend, oh,
Ist ihres Festgewandes Schein!
Die schwarzen Haare sind wie Wolken,
Die Locken unecht obendrein;
Von Edelstein die Ohrgebimmel,
Die Kämme nur von Elfenbein,
Und oh die hohe Stirne, wie so weiß und fein!
Ach ja, sie muß wohl völlig gleich dem Himmel,
Muß völlig gleich dem höchsten Herren sein!2

Wie prächtig, oh, wie prächtig, oh,
Ist die in ihren Hofgewändern!
Da hüllen Gaz’* und Flor sie ein,
(*Gaze = durchsichtiges Gewebe)
Die aufgebunden sind mit Bändern.
Die Augenränder strahlen ihr –
O welche Pracht an ihren Augenrändern!
Ha, offenbarlich ist ein Weib wie die
Die allerschönste in allen Ländern.

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1 – Dies satirische Lied soll sich auf Siuän-kiäng beziehen.
2 – Ti, sonst auch Schàng-ti, der höchste Herr, ist die Gottheit; womit Thiân, der Himmel, identisch gebraucht wird.

Lied 4, 04
Vielerlei Liebschaften.
Seite 119

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Vielerlei Liebschaften.

Wenn ich geh’ und pflücke Thàng 1
An der Flur von Méi entlang, 2
Wen ich da im Sinne habe?
Ei, die schöne größte Kiāng, 3
Welche meiner harrt in Sāng-tscheâng,
Mir entgegen kommt bis nach Scháng-kâng,
Mich begleitet bis nach Khî-tschī-schâng. 4

Wenn ich Weizen pflücke hie,
Wo ich Méi gen Nord umzieh’;
Wen ich da im Sinne habe?
Ei, die schöne größte Jĭ
Welche meiner harrt in Sāng-tscheâng,
Mir entgegen kommt bis nach Scháng-kâng,
Mich begleitet bis nach Khî-tschī-schâng.

Wenn ich geh’ und pflücke Fûng,6
Das im Ort von Méi entsprung;
Wen ich dann im Sinne habe?
Ei, die schöne größte Jûng, 7
Welche meiner harrt in Sāng-tscheâng,
Mir entgegen kommt bis nach Scháng-kâng,
Mich begleitet bis nach Khî-tschī-schâng.

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1 – Thâng ist vermutlich eine Art Klebe, ein fadenartiges Schmarotzergewächs, das arzneilich gebraucht wird.
2 – Méi war ein Distrikt im Fürstentum Wéi.
3 – Kiäng ist Familienname, und war sogar derjenige des regierenden Hauses in Thsi. „Múng Kiäng“, die größte Kiäng, ist die älteste Tochter des Hauses, die den Vorrang vor den übrigen hat.
4 – Die Namen in den drei Kehrversen bezeichnen drei kleine Ortschaften in dem Distrikt von Méi.
5 – Jĭ war gleichfalls eine alte vornehme Familie.
6 – Füng ist die große eßbare Senfwurzel.
7 – Jûng ist vielleicht der Familienname der ehemaligen Inhaber des Landes, von dem dieses Buch den Namen führt.

Lied 4, 05
Schlimme Verwandtschaft.
Seite 120

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Schlimme Verwandtschaft. 1

Die Wachteln leben gleichgesellt,
Die Elstern leben gleichgepaart.
Der Mann ist nicht von guter Art,
Der mir zum ältern Bruder ward.

Die Elstern leben gleichgepaart,
Die Wachtel leben gleichgesellt.
Das Weib ist nicht von guter Art,
Die mir als Fürstin ist gestellt.

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1 – Der „ältere Bruder“ ist Prinz Wân, Siuän‘s von Wéi Sohn, und die „Fürstin“ ist Siuän-kiäng, dessen Gemahlin. Indem das Lied dem Prinzen Sŏ (s. I. 3, 19) in den Mund gelegt ist, erhält es durch die in den Gleichnissen ausgesprochene Erfahrung, daß sich gleich und gleich gesellt, eine bittere Satire auf den letzten.

Lied 4, 06
Lob des Fürsten Wen von Wei.
Seite 121

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Lob des Fürsten Wên von Wéi. 1

Der Tíng-Stern trat dem Hochpunkt zu, 2
Da baut’ er den Palast in Thsù;
Den Stand der Sonne prüft’ er aus, 3
Und baute sich in Thsù das Haus,
Pflanzt’ Haseln und Kastanien aus,
Auch Ji-, Thūng-, Tsè- und Firnis-Baum, 4
Zu schnitzen Laut’ und Harfe draus. 5

Er stieg auf jene Trümmerhöhen, 6
Um gegen Thsù hinauszusehen;
Er sah hinaus auf Thsù und Thâng, 7
Das Hochgebirg’, der Hügel Hang,
Befrug das Los, und günstig war’s;
Danach denn echtes Wohl entsprang.

Und nach ergieb’gem Regenguß, 8
Zum Wagenlenker er begann:
Beim Sternlicht spann’ im Frühsten an, 9
Und halt’ im Maulbeerfelde dann! –
Und nicht nur also tat der Mann;
Sein Herz hielt fest und ernstlich dran;
Dreitausend Stuten er gewann. 10

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1 – Unter Siuän‘s nächsten Nachfolgern war der Staat Wéi immer mehr gesunken und die alte Hauptstadt Tsáo verfallen. Erst Wên (um 660 v. Chr.) brachte das Land wieder empor und zu einer neuen Blüte.
2 – Das Tinggestirn besteht aus zwei Sternen im Pegasus und seine Culmination ( = Höhepunkt) am Schluß der Feldarbeit galt für die richtige Bauzeit.
3 – Um seinen Palast genau nach den Himmelsgegenden zu stellen
4 – Die hier genannten Bäume sind feine Nutzhölzer, im einzelnen schwer zu bestimmen.
5 – Dies deutet auf Wên‘s Kunstpflege.
6 – Die Trümmer sind die verfallenen Mauern der ehemaligen Hauptstadt Tsáo.
7 – Thâng war eine Stadt an den Gebirgen von Thsü.
8 – D. h. bei der zur Ackerbestellung günstigen Frühlingszeit.
9 – Die Arbeit soll schon vor Tagesanbruch beginnen.
10 – So hoch stieg in kurzem sein Wohlstand. „Lái p‘hin“ heißt eigentlich „sieben Fuß hohe Stuten“.

Lied 4, 07
Leichtfertige Mädchen.
Seite 123

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Leichtfertige Mädchen.

Wenn der Regenbogen im Osten steht,
Wagt’s keiner und zeigt mit Fingern darauf. 1
Und gehet ein Mädchen seines Wegs, 2
So gibt es Eltern und Brüder auf.

Und steigt er Morgens im Westen auf,
So ist mit dem Morgen der Regen vorbei.
Und gehet ein Mädchen seines Wegs’
So macht es von Eltern und Brüder sich frei.

Ist aber Eine dergleichen dann,
Die nur an das Heiraten denken kann,
Der kommt’s auf Treue gar wenig an,
Und kein Gebot erkennet sie an.

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1 – Dies hielt man für unschicklich und schädlich.
2 – Nämlich bei der Verheiratung.

Lied 4, 08
Wider Sittenlosigkeit.
Seite 124

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Wider Sittenlosigkeit. 1

Nun sieh, die Maus hat Haut und Haar –
Und Menschen gibt’s, des Anstands bar?
Wenn’s Menschen gibt, Des Anstands bar,
Warum nur sterben die nicht gar?

Nun sieh, die Maus hat ihre Zähn’ –
Und Menschen gibt’s die Zucht verschmäh’n?
Wenn’s Menschen gibt, die Zucht verschmäh’n,
Warum soll die der Tod nicht mäh’n?

Nun sieh, die Maus hat Mausgestalt –
Und Menschen gibt’s, ohn’ Sitt’ und Halt?
Wenn’s Menschen gibt, ohn’ Sitt’ und Halt,
Warum nicht sterben die alsbald?

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1- Der Sinn des Liedes: Wie zu der Maus ihre Haut, Zähne und Gliedmaßen gehören, so gehören zu dem Menschen Anstand, Zucht und Sitte. Tut er sich dieses ab, so sollte er besser sterben, als der Welt ein Bild solches Selbstwiderspruches zu zeigen. (Hört, hört!!! – H. Fi.)

Lied 4, 09
Bewillkommnung eines hohen Beamten.
Lied 125

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Bewillkommnung eines hohen Beamten.

Hoch ragt des Banners Jakstierschweif, 1
Und ist vor Siün am Grenzenstreif; 2
Weißseid’ne Band’* umschnüren es,
(*Band’ = Bande = Einfassung)
Vier Prachtgespanne führen es; 3
Und jener auserwählte Herr,
Wie lohnt er nach Gebühren es? 4

Hoch ragt des Banners Vogelfahn’ 1
Und kommt zur Vorstadt Siün’s heran;
Weißseidne Band’ umschließen es,
Fünf Prachtgespanne grüßen es; 3
Und jener auserwählt Herr,
Womit wird er versüßen es? 4

Hoch ragt des Banners Federnprunk, 1
Und ist in Siün’s Ummauerung;
Weißseidne Band’ umranken es;
Sechs Prachtgespann’ umflanken es; 3
Und jener auserwählte Herr,
Womit kann er verdanken es? 4

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1 – Bei festlichem Geleit, wie hier zur Einholung, werden Banner mit Schweifen von Jakstieren (den sog. Roßschweifen türkischer Paschas), mit Fahnen, worauf fliegende Vögel gemalt sind und mit wehenden Federbüschen geführt.
2 – Siún war eine Kreishauptstadt in Wéi (vgl. 3, 7).
3 – Bei jeder Station kommt ein Roßzug mehr hinzu.
4 – Nämlich den empfangenden Beamten dies festliche Willkommen.

Lied 4, 10
Verhinderter Beileidsbesuch.
Seite 126

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Verhinderter Beileidsbesuch. 1

Fort wollt’ ich jagen, fort im Flug,
Dem Fürsten Wéi’s zum Trostbesuch.
Trieb ich die Rosse scharf genug,
Erreicht’ ich Tsáo ja ohn’ Verzug.’
Da kam ein Großer auf der Reise; 2
Vor dem mein Herz geängstigt schlug.

„Da du’s von mir nicht billigest;
Kann ich dahin nicht wieder lenken;
Ich seh’, du hältst es nicht für recht,
Doch kann mein Sinn nicht anders denken.
Da du’s von mit nicht billigest,
Kann ich auch über’n Fluß nicht kehren;
Ich seh’, du hältst es nicht für recht,
Doch meinem Sinn ist nicht zu wehren.“

Ich stieg hinauf zu jenem Hügel,
Und pflückte schwermutstillend Mâng. 3
Liegt einer Frau was recht am Herzen;
So wählt sie eben jeden Gang.
Das hat das Volk von Hiü gescholten (mißbilligt);
Die Meng’ ist roh, ihr Urteil krank.

Und würd’ ich wandern durch die Auen,
Wo üppig grünt der Weizen drin;
Und kund es tun dem großen Lande: – 4
Wem dürft’ ich trau’n? Wer ginge hin?
Ihr Großen all’, ihr hohen Männer,
Sagt nicht, daß ich zu schelten sei!
Was alles ihr ersinnen möchtet,
Es käme meiner Hinfahrt doch nicht bei.

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1 – Eine Tochter Siuän-kiäng‘s war an den kleinen Fürsten Mü von Hiù vermählt. Da sie von der Verwüstung Wéi‘s gehört, will sie dahin eilen, um dessen Fürsten Trost zu bringen, wird aber durch die Begegnung eines Großen daran gehindert; denn allerdings galt es für unerlaubt, daß eine Frau nach dem Tod ihrer Eltern ihre frühere Heimat besuchte. Sie verzichtet nun zwar auf die Reise, kann aber ihre Meinung nicht aufgeben, daß sie mit derselben das Richtige getan haben würde, und deutet fein an, daß das Urteil gebildeter Männer doch ein anderes sein sollte, als das des gemeinen (= einfachen) Volkes.
2 – Dieser Große (Tá-fú, ein hoher Beamter) mochte selbst schon nach Wéi abgeordnet sein.
3 – Mâng ist eine Art Kaiserkrone, deren Genuß Betrübnis heilen soll, – was in die Übersetzung aufgenommen wurde.
4 – Das „große Land“ wird für Thsi gehalten, welches damals das mächtigste Fürstentum war.

Ersten Teiles fünftes Buch:
Wéi. (1

1 – Über das Fürstentum Wéi s. Anm. 1 zu I. 3, 1

Lied 5, 01
Loblied auf den Fürsten Wù von Wei. (811-757 v. Chr.)
Seite 128

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Loblied auf den Fürsten Wù von Wéi.
(811 -757 v. Chr.)


Schau, wie den Ufersaum des Khî
Der grüne Bambus üppig ziert!
Welch edlen Fürsten haben wir!
Wie ausgehau’n, wie ziseliert,
Wie abgefeilt, wie (blank) poliert.
So würdig, so erhaben, ah!
Welch edlen Fürsten haben wir!
Nie kann Vergessen ihn begraben, ah!

Schau, wie am Ufersaum des Khî
Die grünen Bambus reich gedeih’n!
Welch edlen Fürsten haben wir!
Sein Ohrgehäng’ ist Edelstein,
Sein Hutbesatz wie Sternenschein.
So würdig , so erhaben, ah!
So glänzend, so voll Gaben, ah!
Welch edlen Fürsten haben wir!
Nie kann Vergessen ihn begraben, ah!

Schau, wie den Ufersaum des Khî
Der grüne Bambus dicht umwehrt!
(umwehrt = schützend umgibt)
Welch edlen Fürsten haben wir!
Wie Gold, wie Zinn im Feuer geklärt,
Wie Zeptersteine hoch von Wert;
So gnädig, so manierlich, ah!
Im ‘Wagen, ihm gebührlich, ah!
Bei Scherz und Lust so zierlich, ah!
Und nie im Tun willkürlich, ah!

Lied 5, 02
Freude der Einsamkeit.
Seite 130

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Freude der Einsamkeit.

Einsamkeit am Bach im Tal 1
Ist des Hohen heit’re Wahl.
Einsam schläft er, wacht und spricht;
Schwört, allzeit vergess’ er’s nicht.

Einsamkeit am Bergeshang
Ist des Hohen freud’ger Drang.
Einsam schläft er, wacht mit Sang;
Schwört, nicht lass’ er’s lebenslang.

Einsamkeit auf Gipfelhöh’
Ist des Hohen Wonnepfand.
Einsam schläft er, wacht, hält Stand,
Schwört, er tu’ es nie bekannt.

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1 – „Einsamkeit“. – Kháo p‘huân gibt Lacharme nach dem Mandschu (fengse toksime) durch ‚pelvim pulsare‘ – “wieder . Legge übersetzt: ‚he has reared his hut = er hat seine Hütte erbaut‘, was mit der dreifachen Örtlichkeit der drei Strophen kaum verträglich sein dürfte. Nach Tschü-hi soll es überhaupt einen verborgenen Aufenthalt bezeichnen, also „Einsamkeit.“

Lied 5, 03
Empfang der Fürstin Tschuāng-kiāng.
Seite 131

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Empfang der Fürstin Tschuāng-kiāng.

Die stattlich hohe Herrscherin,
Schlicht eingehüllt um’s Prachtkleid hin;
Gehört dem Fürsten Thsî’s als Kind,
Dem Fürsten Wéi’s als Eh’gattin,
Dem Erben Thsî’s als Schwester an;
Hîng’s Fürsten ist sie Schwägerin,
Der Fürst von Thân ihr Schwestermann.

Die Hand wie Lilienknospen weich,
Die Haut geronnenem Balsam gleich,
Der Hals wie weißer Holzwurm bleich,
Die Zähn’ ein Kürbiskernbereich;
Zikadenstirn (und) Seidenbrauen, 1
Ein Lächeln lieblich zum Bestricken,
Und schönster Augen glänzend Blicken!

Die hohe Frau, so schlank-getan
Hält bei der Felder Grenzen an.
Vier Hengste traben stolz heran,
Die roten Zügel klirren dran,
Schwungfedern wallen beim Empfahn.
(Empfahn = der Empfang)
Ihr Großen, zieht euch früh zurück,
Geht nicht den Fürsten lästig an!

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1 – Genauer „Seidenmotten-Brauen“, indem der Schwung der Augenbrauen mit dem der Fühlhörner jenes Schmetterlings verglichen sein soll.
2 – Die „Kiäng“ sind die weiblichen Anverwandten der Fürstin, aus dem Hause Kiäng.
3 – Diese Männer sind das Geleit der Braut.

Lied I. 5, 04
Berückt, entführt und betrogen.
Seite 133

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Berückt, entführt und betrogen.

Ein roher her-gelauf’ner Fant, (=Junge, Geck)
Der Seide tauschte für Gewand,
Kamst nicht als der da Seid’ erstand,
Du kamst, daß mich dein Antrag band,
Mit über’n Khî an deiner Hand
Zu kommen nach Tün-khiēu in’s Land. 1
Nicht ich war’s, die die Zeit mißkannt;2
(mißkannt/mißkannte = falsch deutete)
Für dich warb keine, die’s verstand.
Ich bat dich, nicht erzürnt zu sein,
Und hatt’ als Zeit den Herbst erkannt.

Ich stieg die Mauertrümmer an,
Um auszublicken nach Fŭ-kuân. 3
Da ich nicht schauete Fŭ-kuân,
Da brach ein Tränenstrom sich Bahn;
Doch da ich schauete Fŭ-kuân,
Da lacht’ ich auf, da hub ich an:
„Dein Zeichen, dein erfragtes Los 4
Hat keinen schlimmen Spruch getan.
Mit deinem Wagen komm herbei.
Mit meinem Gut kam ich heran.“

Eh’ sich der Maulbeerbaum entlaubt,
Wie saftig glänzt sein Blätterhaupt!
O weh dir, Lachtaube, ach,
Iß von den Beeren nicht, den süßen!
O weh dir jungem Weibe, ach,
Geh nicht zum Mann, die Lust zu büßen! 5
Der Mann, der seine Lust gebüßt,
Vermag es wieder gutzumachen;
Das Weib, das seine Lust gebüßt,
Vermag es nimmer gutzumachen.


Wenn sich der Maulbeerbaum entlaubt
Vergilbt er und entblättert sich.
Von meinem Einzug an bei dir,
Drei Jahre speist’ ich kümmerlich.
Mag nun der Khî geschwollen sein,
Den Wagenvorhang taucht’ ich drein. 6
Dein Weib ging keine Wandlung ein:
Du machtest deinen Weg zu zwei’n;
Du warst es, der kein Ziel besaß,
Und zweifach, dreifach Tugendmaß.

Drei Jahre lang war ich dein Weib,
Und nie war mir das Haus zu Last;
Früh stand ich auf, spät schlief ich ein,
Und hielt am Morgen keine Rast;
Was ich verheißen ward erfüllt,
Bis daß du mich mißhandelt hast.
Die Brüder wissen nichts davon,
Verlachten mich wohl höhnisch fast.
Still schweigend denk’ ich drüber nach,
Von Mitleid mit mir selbst erfaßt.

Ich wollte altern neben dir, –
Nun macht mich alt mein Jammerstand.
Der Khî, er hat doch seinen Strand,
Die Ebne hat doch ihren Rand.
Als ich noch froh mir Locken wand,
Uns Red’ und Lächeln hold verband,
Dein Treugelübd’ im Frührot stand,
Fiel mir nicht ein, daß je sich’s wandt’;
Daß so sich’s wandt’, fiel mir nicht ein, –
Und das, ach, muß sein Ende sein!

(Zu diesem Lied muß ich sagen, daß sich so ein Verhalten bei manchen Männern über Tausenden von Jahren nicht geändert hat.)

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1 – Tún-khiëu ist der Name einer Landschaft.
2 – Sie hatte die Heirat nicht zu einer herkömmlich unpassenden Zeit schließen wollen, was ihm eine erfahrene Freiwerberin vorher gesagt haben würde.
3 – Sein Unmut hat sie veranlaßt, sich dennoch nach Fŭ-kuân, dem Wohnort des Mannes aufzumachen.
4 – Das „Zeichen“, pŭ, aus den Sprüngen der Schale einer gerösteten Schildkrötenschale; das „Los“, aus gerupften Blättern des Schi-Krautes, unserer Schafgarbe, entnommen.
5 – Lachtauben sollen begierig Maulbeeren fressen, sich damit aber vergiften.
6 – Nach dem dritten Jahre davonzufahren, hält das Hochwasser des Khi sie nicht ab, obgleich es die Vorhänge des Frauenwagens benetzt.

Lied 5, 05
Sehnsucht der fernhin Vermählten nach Wei.
Seite 136

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Sehnsucht der fern hin Vermählten nach Wéi.

Schlanke, schwanke Bambusruten,
Damit angeln sie im Khî.
Sollt’ ich euer nicht gedenken?
Doch ich Ferne treff’ euch nie.

Rauscht der Sprudelquell zur Linken, 1
Strömt zur Rechten dort der Khî.
Zieht ein Mägdlein seines Weges,
Vater, Mutter, Brüder (ver-) lässet sie.

Strömt zur Rechten dort der Khî,
Rauscht der Sprudelquell zur Linken;
Zähn’ aus schlauem Lächeln blinken, 2
Edelsteingehänge klinken.

Auf des Khîstroms Wogenbahn –
Zedernruder, Fichtenkahn –
Könnt’ ich fahren und ihm nah’n,
Grames Lind’rung zu empfahn!
(zu empfahn = zu empfangen)

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1 – Der Sprudelquell – thsiuân juân – die „Hundert Quellen“, die unweit der Hauptstadt von Wéi in den Khi münden.
2 – Erinnerung an ihre ehemaligen Gespielen.

Lied 5, 06 Spottlied. Seite 137

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Spottlied

Der Efeu, – Ranken sind an ihm; 1
Der Bursch da trägt den Gürtelpfriem; 2
Doch trägt er auch den Gürtelpfriem;
Ist unser Witz doch nicht in ihm.
Sein Aussehn, ach, wie schlottrig, ach!
Wie schleppt ihm, ach, sein Gürtel nach!

Der Efeu, – Blätter er empfing;
Der Busch da trägt den Schützenring; 3
Doch trägt er auch den Schützenring,
Uns vor zu sein ist nicht sein Ding.
Sein Aussehn, ach, wie schlottrig, ach!
Wie schleppt ihm, ach, sein Gürtel nach!

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1 – Das Huân luân ist eine Rankenpflanze mit weißem Saft und eßbaren Blättern. Die Ersetzung durch ein bekanntes Rankengewächs schien angemessen.
2 – Erwachsene trugen einen elfenbeinernen Priem am Gürtel, um damit die Knoten an der Kleidung aufzulösen.
3 – Die Schützen führten im Gürtel einen elfenbeinernen Ring, den sie beim Bogenspannen auf den rechten Daumen steckten.

Lied 5, 07
Nahe und doch unerreichbar.
Seite 138

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Nah und doch unerreichbar. 1

Wer sagte denn, der Hô sei breit?
Ein Schilfrohr kann ihn überbrücken.
Wer sagte denn, nach Súng sei’s weit?
Auf meinen Zeh’n kann ich’s erblicken.

Wer sagte denn, der Hô sei breit?
Kein Schifflein kann er ja versorgen.
Wer sagte denn, nach Súng sei’s weit?
Man braucht dahin ja keinen Morgen.

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1 – Eine Tochter der Siuän-kiäng war des Fürsten Huân von Súng Gemahlin. Sie gebar den Fürsten Siäng und kehrte dann als Geschiedene nach Wéi zurück. Als Fürst Siäng den Thron bestieg, sehnte seine Mutter sich nach ihm, durfte aber den vorschriftsmäßigen Gebräuchen zufolge nicht hingehen. So nahe sich beide Länder waren, die nur der Ho trennte, so wagte sie doch nicht, das Gesetz zu übertreten. Da soll sie dies Lied gemacht haben.

Lied 5, 08
Trauer über des Gatten Entfernung.
Seite 139

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Trauer über des Gatten Entfernung.

Mein Held, welch kriegesfester, oh!
Des Landes allerbester, oh!
Mein Held, der führt den langen Speer,
Und vor dem König jagt er her.

Seitdem mein Held gen Osten strich,
Mein Haupt dem Wollenkraute* glich.
(*Wollkraut = eine Art von Königskerze.)
Ob mir es denn an Salben fehlt? –
Ach, wem zu Liebe schmückt’ ich mich?

Es regne nur! Es regne nur!
Hell kommt daraus der Sonnenschein.
Nach meinem Helden sehn’ ich mich;
Süß ist für’s Herz des Hauptes Pein.
Ja, hätt’ ich des Vergessens Kraut,
Wohl hinterm Hause pflanzt’ ich’s ein,
Doch meines Helden dächt’ ich stets,
Mag auch mein Herz voll Wehe sein.
(Wehe = selten für Weh, gleich Schmerz)

Lied 5, 09
Wink zur Werbung.
Seite 140

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Wink zur Werbung. 1

Es geht ein Fuchs so ganz allein,
Und ist am Khîfluß auf dem Block. 2
Und meines Herzens Kummer ist:
Der gute Herr hat keinen Rock.

Es geht ein Fuchs so ganz allein,
Und ist im Khîfluß auf der Furt.
Und meines Herzens Kummer ist:
Der gute Herr hat keinen Gurt.

Es geht ein Fuchs so ganz allein,
Und ist am Khîfluß auf dem Strand.
Und meines Herzens Kummer ist:
Der gute Herr hat kein Gewand.

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1 – „Bei den Wirren des Landes und der Versprengung des Volkes verloren einander die Eheleute. Hier ist eine Witwe, die einen Witwer sieht und ihn zu heiraten wünscht.“ Sie kann ihn mit Rock, Gürtel und Gewand aussteuern.
2 – – auf den Blöcken des Steindammes.

Lied 5, 10 Vergeltung. Seite 141

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Vergeltung.

Melonen reichte deine Hand mir hin; 1
Vergelte dir dafür denn ein Rubin. 2
Doch nicht vergelt’ er’s, nein!
Stets dein dafür soll meine Liebe sein.

Du reichtest Pfirsich mir aus deiner Hand;
Vergelte dir dafür ein Diamant. 2
Doch nicht vergelt’ er’s, nein!
Stets dein dafür soll meine Liebe sein.

Du reichtest mit der Hand die Pflaume mir;
Vergelte dir dafür denn ein Saphir. 2
Doch nicht vergelt’ er’s, nein!
Stets dein dafür soll meine Liebe sein.

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1 – Eigentlich Früchte des Melonenbaumes, der carica papaya.
2 – Die Namen der Edelsteine in allen drei Strophen sind schwer zu erklären. Für die unbekannten sind bekannte gewählt. – Was den Sinn des Liedes im allgemeinen betrifft, so wird Tschü-hi wohl Recht darin haben, daß es ein Liebeslied ist.

Fertigstellung dieser Seite durch Hildegard Fischer am 7. u. 20. August, am 26.9. und am 14.10. 2019