Einleitung 2. Reichsordnung und Regiment, Geschichtliches

Reichsordnung und Regiment, und Geschichtliches.

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Das chinesische Altertum hatte für sein Gemeinwesen ein höheres Ideal als den Staat, nämlich das Reich, als die feste Zusammengliederung relativ selbstständiger Staaten unter Einem Haupt. Es konnt dieses Ideal jedoch nur in der beschränkten Gestalt zur Darstellung bringen, wie der Charakter, die Weltauffassung und die Geschichte des Volkes sie bedingten.
               Im Verhältnis zu seinem heutigen (das war ca. 1878) Umfang war das Reichsgebiet jener alten Zeit nur klein. Es übertraf wenig die Größe des jetzigen deutschen Reiches und breitete sich an beiden Ufern des Hoâng hô aus, im Osten den Meerbusen von Pĕ-tschĭ-lí und das gelbe Meer, im Westen den Bezirk von Kān-sŭ in der Provinz Schèn-sī berührend. Noch war es auf allen Seiten von unkultivierten, zum Teil kriegerischen Stämmen umgeben, die es durch Raub- und Eroberungszüge häufig zu gewaffneter Abwehr zwangen. Von ihnen unterschied sich das „schwarzhaarige Volk“ mit eben soviel Selbstbewußtsein als Berechtigung durch seine uralte Bildung und eben so alte Reichsordnung.
               Viele Grundzüge des alten Chinesentums zeigten uns schon das Gepräge aller-ältester menschlicher Zustände. So ist es auch mit der Verfassung und dem Regiment des Reiches, in dem sich darin der ausgesprochenste, in ein System gebrachte

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Patriarchalismus mit all seinen Konsequenzen vorfindet. Während die großen westasiatischen Reiche des Altertums sämtlich aus Krieg und Eroberung hervor gegangen sind und ihre Herrschergeschlechter den mächtigsten und glücklichsten Heerführern entstammen, weiß etwas Ähnliches von den Anfängen des chinesischen Reiches nicht einmal die Sage zu erzählen. Alles deutet darauf hin, daß Herrschaft und Ordnung sich hier auf friedliche Weise des Alters entwickelt haben. Und dieses Gepräge behielt das Reich. Sie unvordenklicher Zeit Monokratie, erscheint es als ein einziger viel-gegliederter Haushalt, dem der Höchstregiertende mit allen Rechten väterlicher Gewalt, aber auch mit allen Pflichten eines Vater vorstand. Beides übte er teils vermittelnder zahlreicher Beamtenschaft aus, teils ließ er sie durch abhängige Lehnsfürsten ausüben, die dann ebenfalls ihre vielen Beamten hatten. Natürlich gehörten, wie die Fürsten, so auch alle Beamten der schulmäßig Gebildeten an. Das „untere Volk“, hià mîn, war gleich Kindern, als unmündig, lediglich Gegenstand des Regierens und der Fürsorge.
               In unserem Zeitraum, dem der Tschēu-Dynastie, nannte sich der Beherrscher des Reichs „König“- wâng, und nur, wenn seine höchste Machtwürde bezeichnet werden sollte, hieß er der „Himmelssohn“ – Thiân tsè, um auszusagen, daß er des Himmels Gesetz und Willen vermittle und vertrete, indem er zu dem Himmel in dem selben Verhältnis stehe, wie das Reich zu ihm. Denn eingesetzt durch Bestimmung, Auftrag oder Beruf (míng) des Himmels, schuldete er diesem eben so unbedingten Gehorsam wie der Sohn dem Vater. Fragt man nun aber, wie er des Himmels Willen erfuhr, so erhält man die merkwürdige Antwort: der Himmel spricht seinen Willen aus durch das gesamte Bewußtsein des Volkes, in welchem der König ihn zu erkennen und zu befolgen hat. Das ist doch hochinteressant, wenn man sich das mal gut überlegt!  Solange er dies tut, pflichtgetreu für des Volkes Wohl sorgt und an den Ge-

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setzen, Einrichtungen und Gebräuchen der alten „heiligen“ Kaiser festhält, wird er vom Himmel beschützt und gesegnet. Versäumt er seine Pflichten, vernachlässigt er die Bräuche, versündigt er sich, dann schickt der Himmel Unsegen und Landplagen, damit er sich bekehre und Buße tue. Aber der himmlische Beruf ist nicht unabänderlich. Wenn der König ihm nicht entspricht, wenn er vom Altertum abfällt, ausschweifend und grausam wird, durch schlechtes Regiment das Volk elend macht, so daß die Herzen der Menschen sich von ihm abwenden, dann ist dies der Beweis, daß der Himmel seinen Beruf zurück zieht; der Aufstand wird berechtigt/legal, die Dynastie wird gestürzt und eine andere, vom Himmel dazu vorgesehene Dynastie empfängt den Beruf.
               Aller Grund und Boden des Reiches wurde als Eigentum des Königs angesehen, doch standen nur die anfangs sehr beträchtlichen Erblande seines Hause unter seiner unmittelbaren Verwaltung. Der größte Teil des Reichsgebietes war abhängigen Fürsten zu Lehen ausgetan/zuerkannt, deren Anzahl gegen Ausgang des zwölften Jahrhunderts v. Chr. auf 1773 angegeben wird. Sie waren nach der Größe ihrer Lande in fünf Rangordnungen abgestuft: Kūng, Heû, Pĕ, Ssè und Nân. Das Gebiet eines Kūng hatte etwa den Umfang des Königreichs Sachsen, während ein Nân nur fünf bis sechs Quadratmeilen besaß. Wir haben die chinesischen Titel immer durch „Fürst“ wiedergegeben, da sie sich mit europäischen Fürsten- und Adelstiteln nicht decken. Indeß unterschieden sich ihre Rangstufen auf das strengste in allen Beziehungen, in dem Umfang ihrer Hauptstädte und Paläste, der Zahl ihrer Beamten, der Kleidung, der Opferbefugnis und allen Zeremoniell. Zuteilung und Erhöhung dieser Würden ging lediglich vom König aus, und war der Lehenbesitz auch erblich nach dem Recht der Erstgeburt, so mußte doch bei jedem Erbfall die Investitur persönlich von dem Erben beim König eingeholt werden. Bei Stiftung neuer Lehen oder bei neuer Zuteilung erledigter/abgeschlossener, wurden Ver-

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wandte des königlichen Hauses, Nachkommen früherer Herrscherhäuser und verdiente Männer vornehmlich berücksichtigt.
               Damit diese, teilweise sehr mächtigen Vasallen sich ihrer Abhängigkeit von dem „Himmelssohn“ und ihres Verhältnisses zum Reich stets bewußt blieben und dieses öffentlich bezeugten, und damit das ganze Reichsgefüge in lebendigem Zusammenhang mit seinem Mittelpunkt erhalten werde, mußten sämtliche Fürsten sich periodisch am Königshof in Person einfinden, wozu bestimmte Zeiten festgesetzt waren. Dann brachten und erhielten sie Geschenke, ihre Empfänge und Begrüßungen waren mit vielen zeremoniösen Feierlichkeiten und mit Festliedern, die sich im Schī-kīng befinden, begleitet, es fanden Opfer und Festmahlzeiten, auch Wettschießen mit bogen statt. Dabei konnte sich der König von dem Geist, Benehmen und der Geschicklichkeit eines jeden persönlich überzeugen, und durch belehrende, ermahnende und ermunternde Ansprachen auf Erhaltung einer gleichmäßigen Regierungsweise in den Ländern bewirken. Versagte ein Fürst diese huldigenden Besuche, erwies er sich sonst ungehorsam oder als Landesherr pflichtwidrig, so wurde er zuvörderst/zuerst ermahnt, dann schärfer verwarnt, und blieb auch dies erfolglos, mit Waffengewalt zur Strafe gezogen und in schwereren Fällen durch seinen Nachfolger ersetzt. Wer sich durch edle Haltung, segensreiche Regierung oder besondere Verdienst um das Reich auszeichnete, wurde durch Gebietsvergrößerung und Rangerhöhung belohnt. In den Zwischenzeiten ihrer persönlichen Besuche mußten die Fürsten jährlich einmal einen hohen Würdenträger an die König senden, der ihre Teilnahme an dessen Ergehen und ihre Unterwürfigkeit bezeugt und etwaige Befehle oder Ermahnungen entgegen nahm.
               Die Reichsfürsten waren aber auch gehalten, gegenseitig einander feierlich und regelmäßig zu besuchen und zu besenden/jemanden hinzuschicken, um den Wetteifer in Erfüllung aller Pflichten und ein gutes Verhältnis unter ihnen lebendig zu erhalten. Sie sollten sich

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eben alle als Brüder der einer großen Familie fühlen und einander fördern, beraten und zügeln.
               Endlich machte auch der König selbst in bestimmten Perioden Besuchsreisen zu den Fürsten durch das ganze Reich, um unter Beistand hoher Beamten die Regierungsweise und den Zustand der Länder und ihrer Einwohner zu untersuchen, die Befolgung der Gesetze und einzuschärfen und die Landesherren nach Befinden zu belohnen und zu strafen. Man sieht, es war alles darauf berechnet, König und Reichsfürsten gleichsam in einem steten Familienzusammenhang zu erhalten und einander immer wieder persönlich nahe zu bringen, wobei dann Zeremoniell und Etikette das Bewußtsein der Unterordnung und Abstufung wohlweislich wach erhielten, während die Beförderung einer guten, friedlichen und übereinstimmenden Regierung des Ganzen der letzte Zweck war.
               Als die vorzüglichste Obliegenheit des König und aller Fürsten galt es, durch ein tadelloses Leben, würdige Haltung, getreue Pflichterfüllung und gewissenhafte Beobachtung der geheiligten Bräuche vor allem selbst ein gutes Beispiel aufzustellen/aufzuzeigen. Nicht ohne Grund hielt man dafür, daß durch die stille Macht eines ehren- und liebenswerten Vorbildes, zu dem alle Augen emporblickten, mehr und heilsamer gewirkt werde, als durch alle Gesetze und Verordnungen und deren strengste Handhabung.

  Das sollten sich unbedingt heutige Regierungspersonen einprägen und lernen so zu handeln, dann wäre auch unsere Welt gesünder!
Man sagt nicht von ungefähr: „Wie der Herr so das Gescherr!*
*Das ist das Gesinde! – Gescherr sind die Gescherten, ein bayrischer Ausdruck für dieselben.

               Sodann war die gute Ernährung der Untertanen eine Hauptpflicht. Städt waren noch nicht zahlreich und die große Überzahl des „unteren Volkes“ betrieb den Landbau, dessen Erzeugnisse die Städtebewohner mit ernähren mußten, weshalb der geregelte und fleißige Betrieb desselben von größter Wichtigkeit war. nun aber hatten die ackerbauenden Untertanen keine Grundeigentum, alles Land war königlich oder im Besitz der Lehensfürsten. Es war deshalb folgende Einrichtung getroffen: In jedem Gebiet wurden neun Zehnteile alles zur Landwirtschaft geeignetes Landes den Untertanen zur Be-

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bauung überwiesen und je nach der Größe der Familie und der Bonität (in dem Fall = das die Güte oder der Wert eines Bodens) des Landes unter sie verteilt und abgegrenzt, wofür sie einen Zehnten vom Ertrag entrichteten. Ein Zehnteil des gesamten Landes mußten sie für den Landesherrn bestellen zum Unterhalt des Hofes und der Beamten. Darüber hinaus waren sie zu gewissen Frondiensten bei Bauten, Wege- und Wasseranlagen, Jagden und dergleichen so wie zur Kriegsfolge verpflichtet. Die ganze Ackerwirtschaft aber, auch die der Untertanen auf den zugewiesenen Feldern, unterlag landesherrlicher Bestimmung und Aufsicht. Die Vorbereitung des Landes, dessen Verwendung, die Art des zu bauenden Getreides, die Aussaat, das Jäten der Felder, das Ernten und Speichern, und was ein guter Landwirt nur anordnet, alles dies wurde von dem Landesherrn vorgeschrieben und beaufsichtigt; in den älteren Zeiten persönlich, später und namentlich in den größeren Gebieten so wie in dem Königsland durch besondere Beamte. Die Überschüsse der Ernten wurden in Vorratshäusern gespeichert, aus denen die Armen unterstützt wurden, in Notjahren aber das ganze Volk seine Nahrung erhielt.
               Wälder und Gewässer, Berg- und Salzwerke, die Jagd und die Zölle waren landesherrlich, und ihre Erträge vermehrten die königlichen und fürstlichen Einkünfte.
               Überall bestand eine genau abgestufte kommunale Gliederung mit besonderen Beamten für die engeren und weiteren Kreise, deren Einteilung zugleich die Grundlage bildete für die Zusammensetzung der Heereskörper, wenn die waffenfähige Mannschaft zu Übungen oder zur Kriegsfolge einberufen wurde. Über die Beschäftigung der Männer wurden genaue Stammrollen geführt, und außerdem fanden regelmäßige Volkszählungen statt, ebenso statistische Ermittlungen über die Vorräte an Lebensmitteln, über die Viehbestände, über Ein- und Ausfuhrhandel. Eigene Beamte sorgten für Eheschließungen und schlichteten Ehestreitigkeiten. Unter wohl geordneter Verwaltung

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und polizeilicher Aufsicht standen Forst- und Jagdwesen, Flüsse und Teiche mit ihren Fischereien, Dammbauten und Kanälen, nicht minder Felder, Wege, Straßen und Herbergen. Sehr ausgebildet war die Markt- und Handelspolizei, auch das Paßwesen, und für die öffentliche Sicherheit, für Nachtwachen und vorsichtigen Gebrauch des Feuers sorgten besondere Beamte.
               Die gesamte Rechtspflege war wesentlich unter den Gesichtspunkt des Strafrechts gebracht, in dem privatrechtliche Streitigkeiten nur zur richterlichen Kognition (= das Erkennen, das Wahrnehmen) kamen, wenn und sofern sie zu Verbrechen, Vergehen oder Übertretungen geführt hatten. Es bestanden ordentlich besetzte Gerichtshöfe und ein geregeltes Verfahren. Die Strafen waren vielseitig abgestuft, aber im Ganzen sehr streng.
               Von der Einrichtung der öffentlichen Unterrichtsanstalten war schon im vorher gegangenen Abschnitt die Rede gewesen.
               Das Heerwesen war für Kriegsfälle vorsorglich geordnet. Waffen aller Art, Streitwagen, Feldzeichen und sonstiges Kriegsgerät mußte in den Zeughäusern vorrätig und in gutem Stande sein. Viermal im Jahr, in Mitte jeder Jahreszeit, fanden Waffenübungen und Manoeuvres/Manöver statt, welche dann mit den Jagden verbunden wurden.
               Über alle diese Einrichtungen und Rechtsverhältnisse war die Gesetzgebung ausschließlich beim König, während den Landesfürsten in ihren Gebieten die Pflicht der Ausführung und die vollziehende Gewalt zustand. Sie hatten dem König bestimmt Tribute in Landesprodukten zu entrichten, Geschenke darzubringen und bei Kriegen Heerfolge zu leisten.
               Natürlich erforderte ein so großer und ausgebildeter Reichsorganismus eine Menge höherer und niederer Beamten, nicht nur bei der Zentralregierung und für die Königslande, auch in den vielen Fürstentümern. Wir sahen, wie sie vorgebildet wurden; und sie bedurften des um so mehr, als alle Verhandlungen schriftlich geführt wurden. Geschah auch ihre Beförderung nach sittlicher Haltung, Tüchtigkeit und Diensteifer, so
               Victor v. Strauß. Schī-kīng.                                                                           3

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kam doch das Alter sofern in Betracht, als nur Vierzigjährige in den höheren Staatsdienst eintreten, nur Fünfzigjährige hohe Würdenträger – Tá fū – werden konnten. Siebzigjährige zogen sich in der Regel vom Dienst zurück. Kein Amt war erblich und mehrere Ämter durften nicht einer Person übertragen werden. Zwischen Hof- und Staats-, Zivil- und Kriegsbeamten wurde jedoch kein Unterschied gemacht.
               Dem König zunächst standen drei höchste Räte mit Fürstenrang, die „Sān kūng“, die gewissermaßen seinen geheimen Rat ausmachten. Sodann bestanden sechs Ministerien, die etwa folgendermaßen zu bezeichnen sind:
1.) das Ministerium des königlichen Hauses, unter dem der gesamte königliche Hof- und Haushalt stand;
2.) das Ministerium des Innern, der Domänen (Staatsgut, -besitz) und Regalien (das sind die königlichen Rechte);
3.) das Ministerium für Kultur und Unterricht;
4.) das Ministerium des Kriegs- und Jagdwesens;
5.) das Ministerium für Justiz und Polizei;
6.) das Ministerium der öffentlichen Arbeiten.
Jedes dieser Ministerien bestand aus etwa sechzig Beamten höheren und niederen Ranges und fast doppelt so vielen Dienern. Außerdem befand sich ein noch größerer Teil Angestellter verschiedenen Grades in den einzelnen Distrikten des Königslandes. Die höchsten Stellen wurden in der älteren Zeit nicht selten an ausgezeichnete Reichsfürsten übertragen, die oft nähere oder entfernte Verwandte des Königs waren. Die vielfach abgestuften Rangverhältnisse der Beamten wurden innerhalb wie außerhalb ihres Dienstes genau beobachtet, und Dienst- als auch Hofkleidung bezeichneten sofort die Stellung eines jeden.
               Die Beamtenschaft der Lehnsfürstentümer war ähnlich gegliedert, nur daß ihre Anzahl in bestimmtem Verhältnis zu der Größe der Länder stand und die höchsten Räte der zweiten Rangstufe, den Khīng, angehörten. Bei den Fürsten der großen Länder, den Kūng und Heû, ernannte der König die drei Khīng; bei den Pĕ, den Fürsten der mittleren Gebiete, ernannte er nur zwei von ihnen, und der Fürst selbst den

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dritten. Die Fürsten der kleinen Länder, die Ssè und Nàn, hatten nur zwei Khīng, die sie selbst ernannten. In sämtlichen Fürstentümer wurden alle übrigen Beamten von den Landesherren ernannt.
               Die Gesamtzahl der geprüften und angestellten Beamten im ganzen Reich war weit über Hunderttausend, und jeder von ihnen hatte seinen reinlich abgegrenzten Geschäftskreis. Die gesetzlichen Diensteinkünfte waren reichlich, die der großen Würdenträger fürstlich. Sie bestanden bei allen höheren Beamten in zugewiesenen Domanialgütern (staatlicher Landbesitz) , ähnlich den Benefizien (mittelalterliches Lehen) der alten Franken; bei den unteren in Naturalien. Die geringste Einnahme kam dem Ertrag von 100 Morgen Land gleich.
               War nun der an der Spitze dieses großen Organismus stehende König scheinbar durch nichts behindert in der willkürlichen Ausübung der ihm vom „Himmel“ verliehenen höchsten Gewalt, so wirkte doch vieles zusammen, um diese auf ein wohltätiges Maß zu beschränken. Die unter den Fürsten und Beamten herrschende allgemeine Bildung und das in ihr wirksame hohe Ansehen einer edlen moralisch politischen Überlieferung waren Mächte, die auch den Ausschreitungen eines „Himmelssohnes“ hemmend in den Weg traten. Dabei war es anerkannte Pflicht der höheren Beamten, ihrem König oder Fürsten, ungeachtet ihres sonstigen promptesten Gehorsams, zu keiner Ungerechtigkeit zu dienen, eher ihren Dienst aufzugeben, und im Rat das Rechte, Gute und Nützliche furchtlos zu vertreten. Auch fehlt es in der Geschichte nicht an Beispielen einer solchen Amtstreue.
               Die größte Bürgschaft einer guten Regierung im allgemeinen aber war der das ganze chinesische Wesen durchdringende und beherrschende Geist des Patriarchalismus, wonach sich König, Fürst und Beamter anzusehen hatte als „Vater und Mutter“ (fú mù) der Untertanen. Dies prägte sich schon darin aus, daß sogar der König Gesetze und Befehle nur in der

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Gestalt von Belehrungen und Ermahnungen gab, außerdem aber auch zeitweise allgemeine Unterweisungen über Sittlichkeit, Landwirtschaft und Gewerbefleiß ausgeben ließ. In Vertretung des Königs oder der Fürsten hatten die Beamten solche Belehrungen an jedem ersten und fünfzehnten Tag des Monats dem versammelten Volk mündlich zu erteilen. Kurz, Regieren sollte Belehrung sein, und nur wo dieses nicht half, Züchtigung eintreten.
        Ein solches Reichs- und Regierungssystem, durchaus mit Glauben, Sitte und Art des Volkes verwachsen, hatte gewiß viel Lobenswertes, wie es denn auch Zeiten gab, in denen es sich auf das segensvollste bewährte. Allein auch die besten Institutionen vermögen wenig gegen die Leidenschaften der Menschen, wenn der Geist, der sie geschaffen hat, erlahmt und verschwindet. Die Menge will geleitet sein, auch wo sie es nicht eingesteht; aber nicht immer sind die Männer da, die durch die Macht ihrer Persönlichkeit das Edle, Gute und Rechte zur Herrschaft, selbst über die Widerstrebenden, zu bringen vermögen. Dann kommen Verfall und Zerrüttung, und zwar nicht bloß durch Zügellosigkeit und üblen Willen, sondern eben so sehr durch gutmütige Torheit und Schwäche.
        Der altchinesische Reichsorganismus beruht wesentlich auf der Macht des Königs, und diese auf der Größe des Königsgebietes. Als dieses aber durch Stiftung neuer Lehnsfürstentümer verkleinert, neue Fürstentümer an den Grenzen errichtet, die Vergrößerung anderer zugestanden wurde, suchten sich die mächtigeren Vasallen immer unabhängiger zu machen. Sie huldigten allmählich nicht mehr, bekriegten sich unter einander, maßen sich Rechte an, die nur dem König zustanden, und die Zentralregierung vermochte nichts dagegen zu tun.
        In unseren Liedern finden wir mehr als eins, das diesen Verfall und seine die Volkszustände zerrüttenden Folgen schildert und beklagt.

Geschichtliches.

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Das nachfolgend Mitgeteilte soll wesentlich dazu dienen, die Beziehungen unserer Lieder auf überlieferte oder gleichzeitige Ereignisse im Zusammenhang zu erläutern. Es kann sich jedoch schon des Raumes halber nur auf die kaiserlichen Geschichten erstrecken. Von den einzelnen Fürstenhäusern ist das Nötige bei den Liedern selbst angemerkt.
               Die Nachrichten von Kaisern, die vor dem 24. Jahrhundert v. Chr. geherrscht, sind sagenhaft und zumeist Erdichtung. Auch was von den Kaisern Jâo, Schün und den Anfängen Jü’s (2356 – 2204) erzählt wird, dürfte kaum zuverlässige Geschichte sein. Merkwürdigerweise wird aus der selben Zeit, in der nach der Bibel die Sintflut statt gefunden ist, eine ungeheuere Überflutung Chinas erwähnt, deren Gewässer Jü, noch ehe er Kaiser geworden war, abgeleitet und geordnet habe. Gesichert dürfte sein, daß mit ihm um 2204 die Dynastie der Hía beginnt, die bis 1765 herrschte. Der Letzte derselben war Knèi, dessen Gedenkname für Geschichte und Nachwelt Kiĕ, d. h. der Grausame, wurde. Da seine Ausschweifungen, seine Verschwendung und Grausamkeit das ganze Reich mit Entsetzen, Elend und Zerrüttung erfüllten, so erhob sich gegen ihn, aufgerufen von den Großen und dem Volk, der edle, schon bejahrte Fürst von Schāng, Tschhîng Thāng, schlug und verjagte den Tyrannen und stiftete die Dynastie der Schāng, später auch Jīn genannt. Von da an nannten sich die Beherrscher des Reichs Könige (wâng), während sie bis dahin Kaiser (tí) hießen. Auf diese zweite Dynastie beziehen sich die Lieder IV. 5, 1 bis 5. Sie hatte das Reich von 1765 – 1121 inne, sollte aber ähnlich enden wie die erste. Im Jahre 1153 kam Tscheú-sīn, auch Schéu genannt, zur Regierung. Er war ein wilder, leidenschaftlicher Mensch, tief verdorben, jedem Laster

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ergeben. Ohne sich um das Reich viel zu kümmern, überließ er sich samt/ausschließlich seinem schönen Weib, der ebenso habsüchtigen als verschwenderischen, ebenso wollüstig, als grausamen Tǎkì, den grausigsten Orgien, den räuberischesten Bedrückungen, den unmenschlichsten Bluttaten, so daß er den Zorn und Haß aller erregte, die nicht gleiche Verderbtheit mit ihm verband, und die traditionelle Unterwürfigkeit gegen den „Himmelssohn“ erklärt die zweiunddreißigjährige Dauer seiner Regierung.
               Schon war jedoch aus kleinen Anfängen ein Geschlecht empor gekommen, das ihm ein Ziel setzen und dann das Reich 873 Jahre hindurch beherrschen sollte. Sein Ursprung wird zurück geführt auf den sagenhaften Héu-tsĭ, der, wundersam geboren, der erste Ackerbauminister Jâo’s gewesen, von Schün zum Fürsten von Thāi gemacht sein soll, und als Schutzheiliger des Landbaues verehrt wurde. Sein nachkomme Pŭ-tschuĕ, so wird erzählt, verlor unter den Hía sein Land und flüchtete mit einem Teil seines Volks zu den wilden Horden jenseits der Westgrenzen. Fürst Liêu brachte die Seinigen 1796 in das Reich zurück und ließ sich in der kleinen Gebirgsherrschaft Pīn im Nordwesten des Reichs mit ihnen nieder, wo sie in Erdhöhlen wohnend das Land anbauten und sich allmählich vermehrten. Von ihm stammte der „Altfürst Tán-fú“, auch Thái geheißen, der mit seinem Volk am 1326 Pīn verließ, gen Südosten zog und am Fuß des Khîberges die Stadt Tschēu baute, von der sein Geschlecht und sein Gebiet den Namen erhielt. Die vorzügliche Einrichtung seiner Verwaltung bewog eine Anzahl benachbarter Fürsten, sich ihm in einer Art Abhängigkeitsverhältnis anzuschließen. So begründete er auf friedlichem Weg die künftige Größe von Tschēu und erreichte ein hohes Alter.
               Mit Übergehung seiner beiden älteren Söhne Thái-pĕ und Tschūng-jūng ernannte  Tán-fú seinen dritten Sohn zu seinem Nachfolger und starb 1229. war mit der zweiten Tochter des Fürsten von Tschì, Thai-Sjîn, einer ausgezeichneten Frau

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vermählt. Unter seinem milden und einsichtsvollen Regiment wuchs Ansehen und Umfang von Tschēu. Als Feldherr des Königs noch hoch bejahrt siegreich und zum Hêu erhoben, starb er im Jahre 1184.
               Ihm folgte sein Sohn Tschhāng, der „Westfürst“ (Sī-pĕ) genannt, bekannter und viel gepriesen unter dem Gedenknamen „König Wên“, eine edle großartige Persönlichkeit, deren Eindruck auf die chinesische Welt drei Jahrtausende nicht ausgelöscht haben. Frommer Verehrer des Höchsten HErrn, von tadelloser Sittlichkeit, eben so würdevoll sich selbst wie andere beherrschend, unermüdlich tätig für das Wohl seiner Untertanen, dabei hochsinnig und geistreich, gerecht und barmherzig, war Wên allem Guten und Schönen zugetan, ein großer Freund der Natur, ein eifriger Förderer der Gesittung sowie der Wissenschaft und Künste, des Friedens und des Krieges. Ausgezeichnete Mitlebende, von ihm angezogen, schlossen sich ihm an. Freiwillige Unterwerfung von benachbarten Fürsten vergrößerte fortwährend sein Gebiet. Im Jahre 1167 schickte ihn der damalige König Tí-jĭ gegen die westlichen und nördlichen Grenzhorden, die das Reich beunruhigten. Wên, obgleich an der Spitze eines beträchtlichen Heeres, wußte sie durch sein kluges und edles Verhalten ohne Blutvergießen zur Unterwerfung zu bringen. Aller Augen waren bewundernd und liebend auf ihn gerichtet.
               König Schéu im Anfang seiner Regierung erteilte ihm die höchste Fürstenwürde eines Kūng. So sehr die Scheußlichkeiten dieses Tyrannen ihn später empörten, blieb Wên seiner Lehnspflicht getreu. Allein er hatte gewagt, eine der entsetzlichsten Gräueltaten des entmenschten Königspaares entrüstet zu mißbilligen. Dies wurde Schéu hinterbracht, der ihn sofort einkerkern ließ. Er widersetzte sich nicht, wie er wohl gekonnte hätte und sagte: „Wird ein Kind vom Vater nicht geliebt, so ist es darum nicht entbunden von dem Gehorsam und der Ehrerbietung, die es ihm schuldet; und hat ein Unter-

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tan Grund, seines Fürsten Verhalten zu mißbilligen, so ist er darum nicht berechtigt, ihm die Treue zu versagen.“
               Im Gefängnis verfaßte Wên den ersten Grundtext des Jî-kīng, in dessen kurze orakelhafte Sprüche er seine Gedanken über Zeiten und Menschen hinein rätselte. Nach drei Jahren suchte sein Sohn ihm beim König die Freiheit zu erwirken durch Geschenke, denen andere noch eine sehr schöne Jungfrau (Die hat damit die A-karte gezogen, meiner Meinung nach!) bei deren Anblick Schèu alles gewährte. Befreit und mit neuen höheren Ehren ausgestattet kehrte Wên in sein Land zurück.
               Kurz darauf, 1140, begaben sich die Fürsten von Jû und von Sjúi nach Tschēu, um über eine Streitigkeit Wên’s Entscheidung zu erbitten. Die große Ordnung, allgemeine Bildung und feine Sitte im Lande und zumal im Palst, machten einen so überwältigenden Eindruck auf sie, daß sie nicht allein ihren Streit sofort ausgleiche, sondern auch bald nachher sich mit vierzig anderen Fürsten sich Wên unterwarfen.
               Nachdem er in den nächsten Jahren das wilde Grenzvolk der , das in sein Land eingefallen war, siegreich zurück geworfen und gegen seinen aufständischen Vasallen von Ts’hung einen raschen Feldzug glücklich beendet hatte, baute er südlich vom Wéifluß die Stadt Fūng, in die er seine Residenz verlegte. Dort war sein großer schöner Park mit Wild, Fischteichen und Schwänen, sein hoher Turm mit Sternwarte, seine sorgsam gepflegte Hochschule. Seine Gemahlin Thài-ssè von Jeù-sīn hatte ihm zehn Söhne geboren. Der Älteste starb jung. Den Zweiten, Fǎ, dem die Nachwelt den Gedenknamen „König Wù“, d, i. der „Kriegskönig“ gegeben, bestimmte Wên zu seinem Nachfolger. Der Vierte und Begabteste war Tán, später Fürst von Lù, war berühmt unter dem Namen des „Tschēufürsten“ (Tschēu-kūng). Wên starb im Jahre 1134, siebenundneunzig Jahre alt, seine Lande, die nun fast zwei Drittel des Reiches umfaßten, seinem Sohn Fǎ und Wù hinterlassend. Auf ihn und seine Zeit beziehen sich folgende meist dem Tschēu-Fürsten

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zugeschriebene Lieder: I. 1, 1 -11. 2, 1- 4, 5 (?), 6 -12, 14. II. 1, 1-3, 5 -9. III. 1, 4. 5. 8.
               Als Wù sich nach  dreijähriger Trauerzeit vermählt hatte und Vater eines Sohnes geworden war, drangen viele Fürsten in ihn, der blutigen Tyrannei Schéu’s und Tǎ-ki’s ein Ende zu machen. Wù zögerte lange, obgleich ihm bald neue unfaßbare Gräuel jener Scheusale zu Ohren kamen. Er Himmel, sagte er, habe ihm seinen Willen noch nicht kund getan. Würdige Männer aus der Nähe des Königs sehen dessen Untergang voraus. Ihre Ermahnungen vergalt er (wer? Wù oder Schéu) mit Tod oder Kerker. Aus gleichem Grund mit Gleichem bedroht, floh Khi, Fürst von Wêi, ein Bruder Schéu’s, mit sämtlichen Opfergefäßen nach Tschēu und trat, eine Kette um den Hals vor Wù, dem er die Gründe seiner Flucht mitteilte. Wù selbst nahm ihm die Kette ab, ehrte ihn seiner Würde gemäß un mochte in diesem Ereignis nun wohl des Himmels Zeichen erkennen, so daß er dem erneuten Drängen vieler anwesenden Fürsten nicht länger widerstand. Nachdem er im Frühling 1121 dem Höchsten HErrn ein feierliches Opfer gebracht, zog er an der Spitze seines Heeres, das an die achthundert Fürsten mit ihren Truppen verstärkten, bei Méng-tsīn über den Hoâng-hô gen Osten. Scheu führte ihm ein zahlloses Herr entgegen und auf der Ebene von Mŭ kam es zur Schlacht, die furchtbar und blutig war, aber noch am selben  Tag mit dem glänzenden Sieg Wù’s endete. Schéu floh, verschloß sich in seinem Palast, ließ ihm anzünden und kam in den Flammen um. Sein Sohn Wú-kēng begab sich gefesselt und seinen Sarg neben sich im Wagen zu dem Sieger, der ihn gütig empfing, ihm die Fesseln abnahm und den Sarg verbrennen ließ. Er sandte auch sofort Truppen nach der  Hauptstadt, um dort den Brand zu löschen. Diesen fiel unterwegs die Königin Tǎ-ki in die Hände, die sich soeben im prächtigsten Schmuck frech genug zu Wú begeben wollte. Man nahm sie fest, meldete es Wú, und dieser befahl das Scheusal zu töten.

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        Nach Verkündigung allgemeiner Straflosigkeit und nach Rückkehr aller Entflohenen, hielt Wú einen glänzenden Einzug in die Hauptstadt von Schāng, wo seine würdevoll freundliche Erscheinung, seine Milde und Freigebigkeit, seine Schonung alles herkömmlich Bestehenden, sodann die Heimsendung aller Mädchen und Frauen des Palastes an ihre Eltern, endlich die Ehre, die er edlen Toten und Lebenden erwies, ihm die Zuneigung und das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen ließ. Darauf kehrte er nach Fūng zurück, entließ das Heer und zeigte, daß er nur Frieden wolle. Auch war es nicht seine Absicht, dem Hause Schāng die Oberherrschaft zu entreißen. Als ihm aber das Volk aus allen Reichslanden Huldigungsgeschenke zutrugen, als alle Fürsten und Großen des Reichs kamen und ihn einstimmig als „Himmelssohn“ begrüßten, so glaubte er darin des Himmels Willen zu erkennen und übernahm nach einem großartigen Opfer für den Höchsten HErrn feierlich diese Würde. So begann mit ihm im Jahr 1121 die Dynastie der Tschēu.
               König Wú verlegte die Residenz von Fūng nach Haó, wo er sofort niedere und höhere Schulen einrichtete, die für alle Stände (aber nur für die männliche Kinder) bestimmt waren und die sein eigener Sohn besuchen mußte. Dann ordnete er die Verhältnisse der Lehnfürsten, bestimmte den Gebietsumfang für die fünf Rangklassen und traf eine neue Einteilung aller Reichslande, worauf er einundsiebzig neue Lehnfürstentümer vergeben konnte. Fünfundfünfzig erhielten Mitglieder seiner Familie, darunter seine Brüder, die übrigen verlieh er Nachkommen der alten Kaiser und der beiden letzten Dynastien. Schéu’s Sohn Wú-kēng erhielt Schāng. Alle erinnerte er an ihre Pflichten, sich selbst am meisten, indem der alles, was ihn umgab mit mahnenden Sinnsprüchen versehen ließ.
               Im folgenden Jahr erkrankte er tötlich. Da bot sein Bruder Tán, der Tschēufürst, insgeheim in feierlicher Handlung dem Himmel sein eignes Leben für das Leben des Königs

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und ließ in die Goldkiste, die die Geheimnisse des Königshauses einschloß, eine Urkunde darüber von dem Reichsgeschichtsschreiber niederlegen. Tags darauf genas Wú. Allein schon sechs Jahre später, 1114, starb dieser weise und edle König, nachdem er den Tschēufürsten zum Vormund und Regenten für seinen noch sehr jungen Sohn ernannt hatte. In seine Zeit fallen die Lieder: I. 2, 13. II. 2, 3. III. 1, 3. 6. 7.
        Der Tschēufürst sorgte gewissenhaft, daß sein königlicher Neffe, von der Nachwelt Tschhîng genannt, zu allen fürstlichen Tugenden heran gebildet werde, ließ ihm auch sogleich nach der Bestattung Wú’s von sämtlichen Fürsten, Großen und Beamten huldigen. Bald aber wußten/verstanden drei seiner Brüder (nämlich die des Tschēufürsten), die ihm seine hohe Stellung neideten, ihn bei dem jungen König zu verdächtigen. Da er seine Einwirkung auf diesen hierdurch gelähmt sah, ja für sein Leben fürchten mußte, zog er sich nach Osten in die Einsamkeit zurück. Dort verfaßte er den zweiten Grundtext des Jĭ-kĭng und sandte im folgenden Jahr sein Eulenlied (I. 15, 2) an den König. In dem selben Herbst trat ein schweres Unwetter ein, das die ganze Ernste zu vernichten drohte. Zu diesem Anlaß ward die Goldkiste geöffnet und es fand sich die ober erwähnte Urkunde, deren Inhalt von dem Reichsgeschichtsschreiber und anderen Mitwissenden bestätigt wurde. Da erkannte Tschhîng sein Unrecht, die edle Treue seines Oheim, und holt ihn selbst, von großem Gefolge begleitet, reumütig zurück.
        Nun erhoben sich jene drei Brüder des Tschēufürsten mit den Waffen und ihnen verband sich Wú-kēng von Schāng. Gegen diese sandte der König sein Kriegsheer unter dem Tschēufürsten, der sie schlug und Wú-kēng gefangen nahm. Tschhîng bestrafte diesen mit dem Tode und belehnte dessen Oheim, den Fürsten von Wêi, unter Rangerhöhung mit  Wú-kēng’s Land. Von den drei Brüdern starb der älteste gleich nach verlorener Schlacht, die beiden anderen wurden mäßig gestraft, die siegreichen Truppen gut belohnt. Einige andere Aufstände wurden

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rasch niedergeworfen, und 1108 verlegte Tschhîng seinen Hof mach Lŏ-jâng.
         In den folgenden Friedensjahren entwickelte der Tschēufürst unter des Königs Namen sein großes Organisationsgenie, dem das Reich den größten Teil jener Einrichtungen, die wir bereits kennen, und der König, der ursprünglich Súng hieß, seinen Gedenknamen Tschhîng, d. h. der „Vollender“ verdankt. Der Tschēufürst war einer der weisesten, edelsten und begabtesten Männer, die China je gehabt hatte, seine Lieder und Gesänge gehören zu den schönsten des Schī-kīng, und seine Institutionen, Lehren und Reden haben noch heute normatives (= maßgebend/als Richtschnur dienend) Ansehen. Innig betrauert von seinem königlichen Neffen verschied der große Mann im Jahre 1105 und vererbte sein Fürstentum Lù, seinem ältesten Sohn Pĕ-Khîn.
        In tiefen Frieden, mit aller Sorgfalt sich der Regierung widmend, Wê und Wú würdig als Dritter dazu gezählt, waltete Tschhîng bis 1077, dem Jahr in dem er starb.
        In seine Zeit fallen folgende Lieder: I. 15, 1- 7. II. 1, 4. vielleicht auch 2, 5. 7. 9. 10. 3, 1 + 2. Ferner: III. 1, 1. 2. 9. 10. 2, 1 – 8. IV. 1, 1 -10. 2, 1 – 10. 3, 1- 11. Die meisten davon werden nicht ohne Grund dem Tschēufürsten zugeschrieben.
        Tschhîng’s Sohn Kh āng führte eine ruhige väterliche Regierung, unter der das Reich in Frieden und Wohlstand blühte. Er starb 1051. Ihm folgte sein Sohn Tschāo, der, die Herrscherpflichten vernachlässigend, seiner Jagdleidenschaft lebte, ihr zu Liebe Felder und Ernten der Untertanen schonungslos verwüstete und es nur der Anhänglichkeit des Volkes an seine Vorfahren verdankte, daß ihn die Rache dafür erst nach fünfzigjähriger Regierung traf. Denn als er im Jahre 1000 gegen aufrührerische Stämme im Süden über den Hán ziehen wollte, baute das Volk die Brücke über diesen Fluß derart, daß sie unter ihm und seinem Gefolge einstürzte. Obgleich von Ertrinken gerettet, starb er doch an den Folgen dieses Sturzes.

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          Sein Sohn und Nachfolger erregte anfangs gute Hoffnungen, ergab sich dann aber ganz der Liebhaberei für Jagd, Pferde und Vergnügen (Ja, ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!) und überließ die Regierungsgeschäfte den Ministern. Als die Lehnfürsten allmählich den Mangel eines straffen Regiments fühlten und sich Unzuständigkeiten heraus nahmen, ermannte sichund führte sie ernstlich zu ihren Pflichten zurück. Im Jahre 966 brachen die westlichen Wüstenhorden plündernd in das Reich ein. Anstatt sie durch ein mäßiges Heer zurück zu treiben zu lassen , zog ihnen der König mit seiner ganzen Kriegsmacht entgegen. Als er aber anlangte, waren die Feinde schon wieder in ihre Wüsten verschwunden und der ganze Erfolg der gewaltigen Schilderhebung war eine Jagdbeute von vier Wölfen und vier weißen Hirschen. Enttäuschung und Scham brachten den greisen König zur Besinnung, so daß er von nun an mit Ernst seine Pflichten wahrnahm, die Vasallen gehörig zügeln und eine strenge und gerechte Strafrechtspflege herzustellen suchte
          Als er im Jahre 945, hundert und vier Jahre alt, starb, folgte ihm sein Sohn König Kūng, der im Ganzen für friedliche und gesetzliche Zustände sorgte und bis 933 lebte. Es finden sich im Schī-kīng keine Lieder, die mit einiger Sicherheit in den Zeitraum von 1077 – 933 gesetzt werden können.
          Kūng hinterließ das Reich seinem Sohn Jí, einem stumpfen untätigen Menschen, dessen einzige Handlung war, daß er seine Residenz nach Hoâi-lì verlegte. Aus seiner träumerischen Schlaffheit brachten ihn weder die wiederholten Einfälle der wilden Nachbarhorden, noch die vielen Stachelverse und Spottgedichte, die auf ihn gemacht wurden, wohl aber diente beides dazu, sein Regiment verächtlich zu machen und das königliche Ansehen herabzubringen. In seine Zeit fallen wahrscheinlich die Lieder I. 8, 1 -5.
          Bei seinem Ableben 908 ließ er nur sehr junge Söhne nach und es bemächtigte sich sein Bruder Hiáo des Thrones, der aber über seine maßlose Pferdeliebhaberei alle Staatsge-

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schäfte vernachlässigte. Als er 893 starb, setzten die Fürsten und Großbeamten des Reichs seines Bruders und Vorgängers ältesten Sohn ein, einen gutmütigen, aber schwachen und schüchternen Mann, der seine Würde ungebührlich vernachlässigte, so daß das königliche Ansehen immer mehr sank. Die Fürsten fingen an, ihre Huldigungsbesuche zu versagen, sich mehr und mehr unabhängig zu machen und sich untereinander zu bekriegen. Ja, der Fürst von Ts’hù maßte sich sogar den Königstitel an und belehnte seine Söhne mit eroberten Landen, ohne daß Jî sich dagegen rührte. In die Zeit Jî’s hat man geglaubt, die Lieder I. 13, 1 -4 setzen zu dürfen.
          Sein Sohn Lí, der ihm 877 nachfolgte, war ein gewalttätiger, habsüchtiger, argwöhnischer Mann, auf geringen Verdacht hin mit Todesstrafen bereit, doch nicht kühn genug, die Anmaßungen von Ts’hù niederzudrücken. Als er seine Truppen gegen die Horden am Hoâi-Fluß sandte, deren Raubzüge das Reich schädigte, wurden sie 866 von den Gegnern unter großem Verlust geschlagen. Die Eigenmächtigkeiten und Gesetzwidrigkeiten in den Fürstentümern währten fort, und die Habsucht des Königs drückte das Volk mit solchen Lasten und Erpressungen, daß die entrüsteten Fürsten seit 859 alle Huldigungsbesuche einstellten. Scháo, einer der drei höchsten Staatsminister, machte ihn mit der allgemeinen Unzufriedenheit bekannt, da er aber diejenigen, die sich in diesem Sinne geäußert hatten, nicht nennen wollte, so ließ der erzürnte König sie sich durch Wahrsager bezeichnen und die Bezeichneten hinrichten. Als nun vor dem allgemeinen Schrecken Jedermann verstummte und Lí gegen seinen Warner darüber triumphierte, verteidigte dieser offen die Schreib- und Redefreiheit. „Dem Volk den Mund verschließen“, sage er, „ist gefährlicher als einen Bergstrom einzudämmen, dem man vielmehr ein genügendes Bett zum Abfluß graben muß. Nur wer die Stimmung und Gesinnung der Menschen hört und beachtet, kann gut und glücklich regieren.“ (Hört, hört, ihr heutzutage regierenden Menschen!!!) Der König blieb bei seinem Sinn; aber 841 brach

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nach dreijährigem finsteren Schweigen der verhaltene Ingrimm des gedrückten Volkes los. In wütenden Massen erstürmte und verwüstete es den königlichen Palast, und weil es den König nicht fand, der während des Tumults geflüchtet war, so verlangte es dessen jungen Sohn Tsing zu töten. Es erfuhr, Scháo habe ihn in seinem Hause verborgen und so strömten sie dahin. Da der treue Mann kein anderes Mittel sah, den Sproß des Königshauses vor der tobenden Masse zu retten, die schon Anstalt machte sein Haus zu stürmen, überlieferte er ihr als den Gesuchten seinen eigenen gleichaltrigen Sohn. Weinend sag er ihn in Stücke gerissen, den Thronerben aber gerettet, den er nun im Verborgenen sorgfältig erzog. Denn als die Rache des Volkes befriedigt war, ergriff er selbst mit seinen Amtsgenossen die Zügel der Regierung und führte sie musterhaft fünfzehn Jahre lang, währende als Vertriebener in dem entlegenen Fürstentum Tschí lebte, wo er 826 starb. Aus Lí’s Zeiten sind die Lieder I. 12, 1. 2. 3, 1. 3. In die Zeit der Ministerregierung soll I. 10, 1 fallen.
          Nach Lí’s Tod versammelten die treuen Staatsminister alle Beamte im Palast, stellten ihnen den bis dahin unbekannt gebliebenen Thronerben vor und setzten ihn in die Regierung ein, was nun auch das Volk pries. Der junge König, den die Nachwelt Siuân nannte, ergriff die Herrschaft mit kräftiger Hand und wußte die meisten Fürsten zu einer Art Lehnspflicht zurückzuführen. Er sandte sogleich wohl gerüstete Heere gegen die westlichen und nördlichen Barbarenvölker, die in das Reich eingedrungen waren, und die glücklichen Erfolge seiner Feldherren preisen unsere Lieder. Im Jahre 824 errichtete er zum Schutz der Südgrenzen das Fürstentum Schīn, nachdem Scháo dort die feste Stadt Siè gebaut hatte, und ließ 822 im Osten des Reichs die Stadt Ts’hî befestigen. Wie er bei einer anhaltenden furchtbaren Dürre sich mit Buße und Gebet vor dem

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Himmel demütigte, fand allgemeine Anerkennung. Bald darauf bestürmten die Westbarbaren abermals das Reich, schlugen das ihnen entgegen gesandte Heer und töteten den Feldherrn selber, dessen Söhne jedoch mit einem neuen Heer den Vater in einem glänzenden Sieg rächten. Nun versuchte Siuân, die Fürsten wieder in gehörige Untertänigkeit zu ziehen und lud sie 819 zur festlichen Jagd nach jâng. Obwohl die meisten huldigend erschienen, fuhren sie heimgekehrt dennoch fort, sich als unabhängig zu benehmen. Streitigkeiten und Gewalttaten erfüllten die Lande, und  Siuân, verzweifelnd an seiner Macht, den Gehorsam zu erzwingen, ließ endlich allem den Lauf und ergab sich den Vergnügungen in seinem Palast. Indeß wußte die geistreiche Königin ihn zu neuer Tatkraft anzuregen, so daß er seit 805 wieder entschiedener auftrat. Im Ganzen erreichte er jedoch wenig. Eine verlorene Schlacht gegen die westlichen Tataren /788) schob man, wie manche andere Unfälle, auf Siuân’s Vernachlässigung der jährlichen Pflügefeier zu Ehren des Höchsten HErrn. Doch schlug und vertreib er die Feinde mit einem neuen Heer. Daß er den zunehmenden Unbotmäßigkeiten und Gewalttaten der Fürsten nicht zu steuern vermochte, verbitterte und verfinsterte zuletzt sein Gemüt bis zu den härtesten Ungerechtigkeiten. Er starb im Jahre 780. Seiner Zeit werden mit mehr oder weniger Gewißheit folgende Lieder zugerechnet: I. 4, 1. 11, 1. 12, 3. 3. 5. II. 3, 3 -10. 4, 1 – 6. 8, 3. III, 4 -9.
          Siuân’s Sohn, König Jeū bewies wiederum, daß der Monarchie nichts mehr schadet, als die Monarchen. Blinde Leidenschaft für sein begünstigtes Kebsweib P āo-ssé unterwarf ihn deren verderblichen Launen, ja sie vermochte ihn, seine rechtmäßige Gemahlin, eine Fürstentochter von Schīn, von der er bereits einen erwachsenen Sohn hatte, zum Kebsweib herabzusetzen, Pāo-ssé zur Königin und deren Sohn zum Thronerben zu ernennen. kieù, der legitime Erbe, floh zu

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seinem Großvater nach Schīn. Jeū’s Regierung war würdelos, unklug, verschwenderisch. Die höchsten Ämter wurden mit gemeinen Kreaturen der P āo-ssé besetzt, das Volk von habgierigen Beamten ausgesogen, mit den Fürsten Gespött getrieben. Ungehindert durchzogen räuberische Barbarenhorden die Grenzgebiete. Endlich verbündete sich der Fürst von Schīn im Interesse seines Enkels und des Reichs 769 mit den Khiuàn-Tataren, griff mit ihrer Hilfe den König an und schlug ihn. Jeū selbst ward von den Khiuàn getötet, Pāo-ssé Gefangene ihres Häuptlings. – Die der Zeit Jeū’s zugeschriebenen Lieder sind II. 4, 7. 8. 9. 5, 3 -10. 6, 1 -4. 7, 1 -10. 8, 1. 2. 4 -10.III. 3, 10. 11.
Jî-kieù, nachmals P’hîng genannt, trat ohne Schwierigkeit die Regierung an, doch gelang es ihm erst mit Hilfe einiger mächtiger Fürsten sich der übermütig gewordenen Khiuàn zu entledigen. Er verlegte dann die Residenz wieder gen Osten nach Lŏ-jâng. Während seiner langen Regierung (769 – 718) war das Reich minderen Verwirrungen ausgesetzt, denn die große Zahl der Lehnfürsten hatte sich durch Eroberungen und Vergewaltigungen von Seiten der mächtigeren bereits 21 vermindert, die sich gegenseitig in Schach hielten, aber fast unabhängig regierten und sich schon Rechte anmaßten, die nur dem „Himmelssohne“ zustanden. P’hîng war zu gleichgültig und unfähig, um die königliche Machtwürde wieder zu heben, sie sank immer mehr. Die Reichsgeschichte wird nun Geschichte der Fürstentümer, die wir in ihren Verwicklungen hier nicht verfolgen können. Man setzt in P’hîng’s Zeit folgende Lieder:I. 3, 1. 2. 5, 1. 2. 3. 6, 1 – 5, 7, 1 -4. 6. 7. 8. 10, 2 -8. 11, 2 -5. III. 3, 2. Auch I. 9, 1 -7 hat man in seine oder seines Nachfolgers Zeit verlegen wollen.
Huân, P’hîng’s Enkel (718 – 695), eine kräftigere natur, sah mit Unwillen das Reich durch erneute Kriege zwischen den Fürsten zerrissen und verwüstet. Er mischte sich wiederholt ein, doch ohne Glück. Raubzüge der wilden Nachbarhorden
               Victor v. Strauß. Schi-king.                                                                                               4

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mußten die Fürsten zurückweisen. Huân selbst hatte mit einem entlassenen rebellischen Feldherrn zu kämpfen. Entmutigt durch vergebliche Anstrengungen, die Reichsgewalt wieder zur Geltung zu bringen, blieb er zuletzt untätig daheim, während Not und Elend die Länder heimsuchten. Seiner Zeit sind zugeschrieben worden die Lieder I. 3, 3 -19. 4, 2 -5. 5, 4. .5 .6. 8. 9. 7, .9. 13. 12, 6.
Tschuāng (695 – 680) gelangte gegen die Ränke eines jüngeren Bruders mit Mühe auf den Thron, den er lebenslang gegen Verrat und Treuelosigkeit verteidigen mußte. Wilde Kämpfe, Mord und Raub, Empörungen in den einzelnen Ländern lösten einander ab. Es war ein Zeit der blutigsten Wirren, der schamlosesten Untaten. Der König war machtlos und endete ruhmlos. In seinen Tagen sollen die Lieder I. 6, 10. 7, 11. 12. 14 -18. 8, 6 -11 entstanden sein.
               Unter (680 – 675) währten die selben Zustände fort. Sie gaben Veranlassung zu den Liedern I. 7, 19. 02. 21. 10, 9. 10.
               Nicht besser war es unter seinem unwürdigen, treulosen und schwachen Nachfolger Hoéi (675 – 650), in dessen Regierungszeit die Lieder I. 4, 6 -10. 5, 10. 7, 5. 10, 11. 12. 12, 7. 8. 14, 1. verlegt wurden.
Siāng (650 – 618), gegen Hoéi’s Willen von den Fürsten zum König erwählt, hatte schwere Kämpfe mit seinem älteren Bruder zu bestehen, den er zuletzt mit Hilfe des Fürsten von Ts’hîn schlug und tötete. Kräftiger als seine Vorgänger, gelang es ihm unter vielen Schwierigkeiten, einigermaßen friedlichere und geordnetere Zustände herzustellen. Seiner Zeit schreibt man die Lieder I. 5, 7. 11, 6 -10. 14, 2. 3. 4. IV. 4, 1 -4 zu.
Unter einem späteren König Ting (605 -584) entstand das Lied I. 12, 9 und vielleicht auch 10. –
               Dieser kurz angedeutete geschichtliche Verlauf zeigt, wie bald die preiswürdigen Einrichtungen aus den Anfängen der Tschēu-Dynastie in Verfall gerieten. zwar blieb deren Über-

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lieferung immer eine Macht, an der sich die patriarchalische Regierung zeitweise wieder aufrichtete; allein wenn schon die besten Institutionen sich gegen Verirrungen, Leidenschaften und bösen Willen kraftlos erweisen, so ist es noch bedenklicher, dieselben gleich so zu gestalten, daß sie mit Notwendigkeit große und edle Eigenschaften der Personen, denen sie anvertraut sind, voraussetzen. Nicht immer sind diese vorhanden, und schwach oder unfähig vertreten, vermag auch die vorzüglichste Institution nichts gegen die Machtgelüste Gewalttätiger, die das Recht anderer ebenso verspotten, als der eigenen Gerechtigkeit.
               Doch für weitere sich aufdrängende Betrachtungen ist hier nicht der Ort. Es werde nur noch bemerkt, daß in dem Vorstehenden die Zeitfolge der Lieder nach der von den chinesischen Gelehrten angenommenen Meinung bezeichnet wurde. In vielen Fällen ist sie zwar zweifellos richtig, oft aber auch nur aus der Stellung der Lieder innerhalb der Sammlung geschlossen, und häufig, wo die Lieder keine geschichtlichen Anhaltspunkte geben, bloß eine unsichere Vermutung.

Fertigstellung dieser Seite von Hildegard Fischer am 29.10.2019