Einleitung 3. – Die altchinesische Poesie und das Schī-kīng.

Die altchinesische Poesie und das Schī-kīng.

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Bei den Chinesen, wie bei allen Völkern, finden wir die dichterische Gestaltungkraft schon in Zeiten tätig, die man noch nicht oder kaum zu den historischen rechnen darf. Das Schū-kīng hat einige Strophen aus dem 22. Jahrhundert v. Chr. aufbewahrt, und sicherlich ist schon Älteres vorhanden gewesen. Vieles mag unaufgezeichnet verhallt, vieles Aufgezeichnete untergegangen sein, bevor die Blütezeit altchinesischer Kultur zu Anfang der Tschēu-Dynastie die schönen und reifen Früchte zeigte, die das Schī-kīng aufbehalten hat. Lieder

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und Gesänge durchklingen den ganzen von uns betrachteten Zeitraum.
               Auffallend ist es, daß sich aus den mimischen Opfertänzen kein Drama entwickelt hat, während die heutigen (man merke: das war ca. 1880) Chinesen das Theater, das sie wahrscheinlich aus Indien erhielten, leidenschaftlich lieben. Noch auffallender ist, daß uns auch nicht die leisesten Suren eines Epos begegnen, womit doch die Dichtung der meisten Kulturvölker beginnt, sobald die mit Bewußtsein schöpferisch wird. Erklärt jedoch den Mangel eines alten Dramas die Abwesenheit eines epischen Sagenschatzes, der zu dramatischer Vergegenwärtigung hätte reizen können, so dürfte auch das Fehlen eines nationalen Epos nicht unerklärlich sein.
               Wir wissen, daß die chinesische Menschheit nie dem wundersamen psychologischen Prozess unterlegen ist, der andere alte Kulturvölker zwang, ihre vielgestaltigen Mythen zu erzeugen. Das Gottesbewußtsein, das bei diesen in eine bunte ergebenheitsreiche Fülle von Göttern und Halbgöttern auseinander ging, blieb den Chinesen an die eine gestaltlose Macht des „Höchsten HErrn“ oder des Himmel geheftet, der gegenüber allem Menschlichen menschlich und natürlich vorging und von jeher vorgegangen zu sein schien. Eine solche Weltanschauung kann früh zur geschichtlichen Überlieferung und zur Geschichtsschreibung reizen, hat dies bei den Chinesen auch getan; sie verleiht aber keine Zeugungskraft für das ursprüngliche Epos, das hervorgeht aus der bewundernden Teilnahme für Heroen, die das gewohnte menschliche Maß überragen und in deren Taten und Schicksale die Überirdischen lebendig eingreifen. Solche Heroengestalten erzeugt aber wieder nur eine mythologische Zeit, die dies auch ihrerseits symbolisch dadurch andeutet, daß sie jene zu Göttersöhnen macht. In China konnte kein Epos entstehen, weil alle Voraussetzungen dazu fehlten.
               Wie verschiedenartige Seiten aber die altchinesische Lyrik angeschlagen hat, zeigt die vorliegende Übersetzung, und es

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wäre unnötig, sich darüber zu verbreiten. Doch wird man leicht bemerken, wie viele uns völlig neue Motive darin verwendet und wie geistreich die selben in besonders schwierigen Fällen behandelt sind. Über den dichterischen Wert der Lieder wird die Meinung je nach Urteilsfähigkeit verschieden ausfallen. Wir glauben dem Urteil Einsichtiger nicht vergreifen zu sollen.
               Einiges Fremdartiges und Eigentümliche der Form wird bald auffallen. So zeigen manche Lieder das, was wir als Variation bezeichnen möchten. Der Gedanke der ersten Strophe wiederholt sich in einer zweiten, dritten, auch wohl noch mehreren, während kleine Abänderungen, vielleicht nur in den Reimwörtern, ihm eine neue Färbung geben. Dergleichen erscheint beim bloßen Lesen als eine müßige Spielerei; aber man erinnere sich, daß diese Lieder für den lebendigen Gesang bestimmt waren. Wie gern, nach dem raschen Verklingen der Töne, hört man eine ansprechende Melodie wiederholt, ja öfter wiederholt! Dem schmiegt sich hier der Dichter an. Was er sagen wollte, hat er bereits in einer einzigen Strophe gesagt. Je genauer sich damit der musikalische Ausdruck deckt, desto weniger wagt er, ihm für die erwünschte Wiederholung ein Neues unter zu legen. Diese ist ihm zwar selbst willkommen, sie prägt den Sinn des Gesagten um so mehr ein. Um dabei aber doch einen Reiz hinzu zufügen, läßt er jene zierlichen Abänderungen eintreten. Könnte man ein solches Lied mit einer schönen echt empfundenen Melodie singen, man würde sich sofort von dem Angemessenen dieser Form überzeugen.
               Die eigentliche Lieder sind in Strophen gegliedert, die in der Regel gleiche Verszahl (Damit sind aber die Verszeilen gemeint, denn die Verszahlen bzw. Versanzahlen differieren doch sehr! ) haben. Mit Ausnahme einiger Feiergesänge des vierten Teils sind sie sämtlich gereimt. Einen Rhytmus haben die Verse nicht, den Reim aber findet man schon in den oben erwähnten Überresten aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. Eine wiederkehrende Reimstellung findet sich zwar, vornehmlich in kleineren Liedern sie ist aber nicht

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allgemeines Gesetz, In dieser Beziehung herrscht innerhalb der verschiedenen Strophen eine große Mannigfaltigkeit. Dabei kommen zwischen den gereimten Versen meist auch nicht gereimte vor. Freilich darf man, um in allen Fällen die Reime sicher zu erkennen, sich nicht auf die heutige (1880) Aussprache gebildeter Chinesen verlassen; man muß auf die alte Aussprache zurück gehen, wie sie Edkins
(Der übrigens ein Bekannter von Victors Bekannter – einer Missionars-Mutter -, mit der Edkins zusammen um 1864 in Peking war und von der Victor die “Post aus China” hatte. Siehe „Meine Familiengeschichte von Hildegard Fischer.de“ )
in seiner „Introduction to the study of the Chinese Characters“ (London 1876) zu ermitteln gesucht hat. Auch chinesische Gelehrte stellten darüber bereits erfolgreiche Forschungen an, und wir haben uns den von Dr. Legge gewissenhaft mitgeteilten Angaben des Túan-Jü-thsâi (1735 bis 1815) angeschlossen.
               Die chinesischen Herausgeber pflegen bei jeder Strophe anzumerken, ob sie unmittelbare Aussage (fú) oder ein Gleichnis (pì) oder eine sinnbildliche Einleitung (híng) enthalte. Nur dies letzte ist etwas Eigentümliches, indem dabei jeder Strophe, ehe sie zu dem wirklichen Gegenstand des Liedes übergeht, in einem oder ein paar Versen die Erwähnung einer besonderen Naturerscheinung oder eines bekannten Vorganges wie eine sinnvolle Arabeske (bedeute in d. Kunst ein stilisiertes Rankenornament) voraus geschickt wird, um Nachdenken, Empfindung und Stimmung für das Folgende vorzubereiten. Das Sinnbild ist dann entweder in allen Strophen dasselbe oder auch wohl jedes mal ein neues. Einige Male finden sich auch Wiederholungen, wie unsere Refrains, am Ende, ausnahmsweise und selten am Anfang der Strophen.
               Die Einteilung dieser Dichtungen in vier Hauptabschnitte scheint nach der Entstehung und Verwendung getroffen zu sein. Im Deutschen lassen sich die chinesischen Titel derselben nicht gut wörtlich wieder geben. Der erste Teil ist Kuŏfúng benannt, d. h. was die Länder durchwehet, in ihnen verbreitet, gebräuchlich, Sitte ist. Wir haben es daher als „Landesübliches“ bezeichnet, und die Überschriften der einzelnen fünfzehn Bücher geben an, welchem Reichsland die Lieder jedes mal angehörten. Der zweite Teil heißt Siaó jà, der dritte Tá jà. Siaò heißt

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„klein“ und „groß“. bedeutet das Rechte, Gehörige, Geziemende. Es dürfte damit gesagt ein sollen, daß diese Lieder die rechten, geziemenden seien, die bei Hofe zu festlichen Anlässen gesungen würden. Das groß und klein bezieht sich vielleicht auf die größere oder geringere Bedeutung der Festlichkeiten, vielleicht auch auf den Umfang der Lieder. Wir betitelten diese Teile als „Kleine -“ und „Große Festlieder“. Man hat die chinesischen Titel auf den moralischen Inhalt oder Zweck der Lieder deuten wollen, doch scheint uns dies eine spätere Künstelei. Die Bezeichnung des vierten Teils, Súng, haben wir durch „Feiergesänge“ wiedergegeben, das dem Sinne entsprechen dürfte, denn in ihnen werden nicht nur die Ahnen gefeiert, gepriesen, sie wurden auch bei den Opferfeiern gesungen.
               Diese Einteilung scheint älter zu sein, als die Zusammenstellung unserer Sammlung, und rührte wahrscheinlich von früheren Musik- und Sangmeister des königlichen Hauses her. Diese hatten eine sehr angesehene Stellung, denn die Pflege der Musik und des Gesanges, sowie die Sorge für deren Reinhaltung, wurde zu den königlichen Pflichten gerechnet. In der älteren zeit mußten die Obermusikmeister (Tá ssé jŏ) bei bei den königlichen Besuchsreisen in den Fürstentümern die dort gebräuchlichen Lieder sammeln, damit auch aus ihnen der Zustand der Länder erkannt werde, und dieser Brauch kann nicht schon unter König P’hîng abgekommen sein, wenn aus dem so zusammen gebrachten Vorrat der erste Teil unserer Sammlung ausgewählt ist, da sich in diesem unbezweifelt Lieder aus späterer Zeit – eins sogar aus den Jahren 612 – 598 – befinden. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß in den 600 Jahren, aus denen 300 Lieder des Schīkīng stammen, deren noch eine bei weiten größere Anzahl entstanden sein müsse, und wenn der Geschichtsschreiber Ssē-mà-ts’hiǎn (um 100 v. Chr.) sagt, der alten Lieder seinen mehr als 3 000 gewesen, so ist dies schwerlich/sehr übertrieben.

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               Eine andere Frage ist es, wann die jetzt vorhandene abgeschlossene Sammlung entstanden sei. Unbestritten steht fest, daß die Chinesen sie im Ganzen so wie sie ist aus der Hand Khúng-tsè’s (des Confucius) empfangen haben, und was dieser schließlich daran getan, fällt in das Jahr 483 v. Chr. Ssē-mà-ts’hiān, dem alte und gute Quellen zu Gebot standen, der vielleicht noch die echten „Hausgespräche“ Khúng-tsè’s benutzen konnte, berichtet, Khùng-tsè habe die jetzige beschränkte Liederzahl aus den erwähnten drei Tausenden ausgewählt, und es sind hiermit auch spätere Angaben bis 1200 n. Chr. nicht im Widerspruch. Dagegen sucht Dr. Legge die Ansicht zu begründen, das Schī-kīng habe im Wesentlichen schon vor Khùng-tsè’s Geburt so bestanden, wie es bei seinem Tod gewesen sei, und er habe nur etliche Änderungen in der Anordnung der Bücher und Lieder vorgenommen. Die von dem berühmten Sinologen dafür geltend gemachten Gründe dürften jedoch nicht stark genug sein, um Ssē-mà-ts’hiān’s Autorität zu erschüttern. Für den Nachweis dieser Behauptung ist jedoch hier nicht der geeignete Ort.
               Khùng-tsè hat, seinen eigenen Angaben zufolge, um 483 v. Chr. die Lieder „des Jà und des Sùng an ihre gehörigen Stellen“ gebracht. Hätte er auch diese einem größeren Vorrat entnommen, so müßte er demgemäß die Auswahl schon früher getroffen haben. Allein es ist kaum glaublich, daß von den bezeichneten Liedern viel mehr vorhanden gewesen seien, als wir jetzt besitzen; denn diese hatten schon der Kritik der älteren Könige, Weisen und Hofgelehrten unterlegen. Er mag nur einzelne zurück gelassen haben, die seinen Ansichten nicht entsprachen. Bei den Liedern aus den Reichsländern war ein solche Kritik von Anbeginn durch die Bestimmung der Sammlung ausgeschlossen, und sollten sie, was Khùng-tsè’s Absicht war, einem Lehrzweck dienen, so war eine sorgfältige Auswahl allerdings notwendig. Seine angeführte Äußerung dürfte darlegen, daß er diese Arbeit schon in früheren

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Jahren, d. h. vor seiner letzten Rückkehr nach Lù beendigt habe. Natürlich hatte er dabei alles zurück gewiesen, was seinem Sinn nicht gemäß war, und dessen mochte gar viel sein. Hieraus erklärt sich wohl, daß von nicht wenigen Reichsländern gar keine Lieder aufgenommen sind und sogar Khùng-tsè’s heimatliches Fürstentum in dem Kuŏ fúng fehlt, während doch ein besonderer Abschnitt von Enkomien (= Lobreden/Lobschriften) aus in die Súng aufgenommen ist.
Khùng-tsè zitiert in den Gesprächen, die seine Schüler aufgezeichnet haben, oft und gern Verse, die wir jetzt im Schī-kīng finden. Tut er dies aber meist mit den Worten: „das Schī sagt“, so heißt dann Schī eben nur „das Lied“ oder „ein Lied“, und man muß dabei nicht schon an unsere Sammlung denken. Daß er in diese aber gerade diejenigen Lieder aufgenommen hat, deren er mit Beifall gedachte, ist nur natürlich.
               Als nach Khùng-tsè’s Tod (479 v. Chr.) dessen Ansehen immer mehr stieg, kam auch seine Liedersammlung zu immer größerer Autorität. Dann auch wurde ihr erst zu dem Namen „Schī“, Lied oder Lieder, die Bezeichnung „Kīng“ beigelegt, womit ein kanonisches oder klassisches Buch gemeint ist; eine Bezeichnung, die in diesem Sinne erst nach Khùng-tsè’s Zeit entstanden ist. Was nun außer dem Schīkīng an älterer Dichtung noch vorhanden war, fand geringere Beachtung und ging nach und nach unter, so daß nur wenig davon übrig gebleiben ist.
               Aber auch über das Schī-kīng kam nach nicht drei Jahrhunderten die größte Gefahr. Der ThsînKaiserSchi-hoâng-ti, ein selbst herrscherlicher, gewalttätiger Charakter, fand sich, nachdem er die Tschēu-Dynastie und die alte Verfassung des Reichs gestürzt hatte und sich durch die Anhänglichkeit seiner Würdenträger und Beamten an die Überlieferungen des Altertums und an die Lehren Khùng-tsè’s so eingeengt und behindert fühlte, daß er im Jahr 212 v. Chr. bei Todesstrafe die Verbrennung aller darauf bezüglichen Bücher, insbesondere des Schū-kīng und des Schī-

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kīng befahl. Dieser Befehl wurde mit äußerster Grausamkeit durch gesetzt, und es ist kaum zu bezweifeln, daß alle vorhandenen Handschriften des Schī-kīng damals wirklich vernichtet worden sind.
In den Geistern der Überlebenden aber konnte er die Lieder nicht austilgen. Wie es heute in Indien noch Männer gibt, die den ganzen Vêda, in China solche, die das ganze Schī-kīng treu im Gedächtnis haben, so fanden sich, nachdem die HánDynastie (201 v. Chr.) zur Regierung gekommen war, mehrere Gelehrte, die das Schī-kīng auswendig wußten und wiederum aufzeichneten. Es traten drei verschiedene Text hervor, die jedoch durch den von Mâo (um 129 v. Chr.) bekannt gemachten so sehr übertroffen wurden, daß sie bis auf ein geringes Bruchstück unter gegangen sind. Indes wissen wir, daß ihre Vergleichung mit Mâo’s Texte gerade die Zuverlässigkeit des letzteren bestätigt hat.
               Von Mâo stammt zugleich der älteste von den zahlreichen Kommentaren des Schī, und weil er dem Altertum noch am nächsten lebte, sind seine Erklärungen schwieriger Ausdrücke beachtenswert. Von großem Verdienst ist der Kommentar des gelehrten und geistreichen Tschū (1130 – 1200 n. Chr.). Nicht genug zu schätzen aber ist die Bearbeitung des Schī-kīng von Dr. Legge, welche den vierten Teil in dessen großem Werk „The Chinese Classics“ Die Einleitung, die Übersetzung, die fortlaufenden Erklärungen bieten alles, was Gelehrsamkeit, große Belesenheit, Fleiß und Sorgfalt leisten können. Auf dieses Werk mögen diejenigen hingewiesen sein, denen an dem rein gelehrten Apparat/Bürokratie gelegen ist. –
               Von Übersetzungen des Schī-kīng ist zunächst die im 17. Jahrh. gefertigte Mandschuische zu erwähnen, die H. C. von der Gabelentz in unser Alphabet transkribiert/übertragen und im Jahr 1864 heraus gegeben hat.
(Mit diesem von der Gabelentz stand Victor persönlich in Kontakt und ich habe noch einen Brief, den dieser an ihn geschrieben hat.
)
Sie bestrebt sich großer Genauigkeit und Übersetzung Wort für Wort, ist aber des ungeachtet nicht immer zuverlässig. Um 1733 fertigte der Pater Lacharme eine

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lateinische Übersetzung, die Jul. Mohl 1839 heraus gab. Sie ist voller Fehler und Mißverständnisse, meist nur Umschreibung des ungefähren Sinnes und nimmt nicht selben erklärende Zusätze in den Text selber auf. Versuchte nun Rückert 1833, diese
Übersetzung mit seiner bekannten Formgewandtheit, dabei aber sehr willkürlich, in deutsche Verse zu bringen, und folgte ihm darin mit weniger Geschick 1844 Joh. Cramer, so ist es nicht zu verwundern, daß in diesen Bearbeitungen wenig vom Original übrig blieb, ja dasselbe mitunter gar nicht darin zu erkennen ist. Sehr genau, sinngetreu und auf gründlichstem Verständnis beruhend ist dagegen die schon erwähnte englische Übersetzung Dr. Legge’s vom Jahr 1871, wenn man sie auch in mehr als einem Sinn prosaisch und bisweilen nicht so wörtlich finden sollte, als sie unter dieser Bedingung sein könnte. Welch reiche Hilfe sie uns bei unserer Arbeit gewährt hat, soll hier auf das dankbarste anerkannt sein. Später erschien Pauthier’s französische Übersetzung. Wir – er meinte damit natürlich „sich selbst“ – erwarten aber bei der unsicheren und umschreibenden Übersetzungsweise des Verfassers nicht viel von ihr.
       Dr. Legge fühlte wohl, daß die chinesischen Lieder erst in poetischer Form wirklich genießbar würden. Während sein großes Werk nur für diejenigen bestimmt war, die sich mit China und dem Chinesischen einlässiger beschäftigten, gab er für den weiteren Kreis der Gebildeten im Jahre 1876 auch eine versifizierte/in Form gebrachte Übertragung des Schī-kīng heraus. Es ziemt dem Deutschen und dem mit viel geringerer Ausrüstung Gleichstrebenden nicht, zu beurteilen, inwiefern der treffliche Mann damit den Forderungen und dem Geschmack seines englischen Publikums entsprochen hat. Doch sind wir Deutschen gewohnt, von dem Übersetzer dichtersicher Werke eine größere Worttreue neben einer möglichst angeähnlichten/angeglichenen Nachbildung der fremden Form zu verlangen. Auch bei der jetzt vorliegenden Übersetzung wurde dieses Ziel im Auge behalten, und es möge gestattet sein, über die dabei befolgten Grundsätze hier noch Einiges hinzu zufügen.

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               Natürlich war das erste Bestreben, überall sinngetreu, dann aber auch möglichst wörtlich zu übersetzen. Hierbei wurde vornehmlich Tschū-hī’s Auslegung befolgt, mitunter auch da, wo Dr. Legge von ihm abweicht. Wo beide überein stimmen, ward eine andere Auffassung nicht oft und nur mit großer Scheu nach langer Überlegung angenommen. Erst nachdem so das bestimmte Verständnis eines Ganzen gewonnen war, konnte sich die ihm angemessene Sprachfärbung und Haltung ergeben.
               Für die getreue Nachbildung der äußeren Form bietet die ausnahmslose Einsilbigkeit der chinesischen Sprache eine unüberwindliche Schwierigkeit. Bei weitem die meisten Verse des Originals bestehen aus vier Wörtern, mithin aus vier Silben, welche in diesen alten Gedichten lediglich gezählt werden, während in neueren Versen die Wortbetonung mit in Rechnung kommt. Daß nun vier, oft inhaltsschwere Wörter sich im Deutsch nicht durch vier Silben übertragen lassen, ist offenbar. Allein ein chinesisches Wort füllt auch das Ohr ganz anders, als etwa eine unserer kurzen oder halb-kurzen unbetonten Silben. Daher scheint es dem chinesischen Vers am nächsten zu kommen, wenn für jede seiner wuchtigen Silben im Deutschen ein einfacher Versfuß gesetzt wurde. So entspricht denn in der Übersetzung zumeist ein Jambus, auch wohl ein Trochäus dem einzelnen chinesischen Wort; in einigen Fällen, wo es dem Inhalt zusagte, wurde ein daktylisches, amphibrachisches oder anapästisches (das sind verschiedene Versfüße) Maß angewendet; dies alles jedoch mit jener Lässlichkeit, die wir bei Liedern, namentlich Volksliedern, un unserer Muttersprache erlaubt finden. Die Regel aber wurde gewissenhaft beobachtet, so daß man sicher sein kann, im Chinesischen da einen überschüssigen Versfuß oder deren mehrere zu, wo dies im Verhältnis zu den übrigen Versen im Deutschen der Fall ist.
               Eine andere Eigentümlichkeit des Originals ist es, daß der einfache Satz immer mit dem Vers abschließt, auch wenn

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er als Glied eines größeren Satzganzen anzusehen ist, daß also nie vorkommt, was die Franzosen enjambement nennen. Diese Regel konnte und mußte befolgt werden, und wurde nur in ein paar Fällen aus Not übertreten. Ihre Beachtung hilft ganz wesentlich dazu, die Übersetzung dem Original anzuähnlichen/anzugleichen.
               Zu eben diesem Zweck erschien es unerläßlich, überall die Reimstellung des Originals genau beizubehalten. Diese Forderung machte oft große Schwierigkeiten, und um ihretwillen mußte die knappe Wörtlichkeit mitunter zurück stehen, mußte es genügend erscheinen, wenn nur der volle Sinn des Verses getreu wiedergegeben wurde. Aber erfüllt mußte diese Forderung werden, sollte der Deutsch in der Übersetzung nur einigermaßen die Art und Weise der chinesischen Lieder wiederfinden.
               Nur ein Mal, in dem ersten Gedicht des XV. Buches des Kuŏfúng, ist die Nachbildung der Form der strengen Wörtlichkeit geopfert worden, was der Inhalt, so nicht rechtfertigten, doch erklären wird.
               Zu beurteilen, wie die Anwendung vorstehender Regeln gelungen sei, ist die Sache anderer. Ist aber die dargebotene Übersetzung nicht zu weit hinter den angestrebten Zielen zurück geblieben, so dürfte sie den gebildeten Deutschen für die genauere Kenntnis ältester ostasiatischer Dichtung wohl ein neues Blatt aufschlagen, und an ihrem Teil zur Herbeiführung dessen dienen, was Göthe die allgemeine Weltliteratur nannte.

Nebenbei bemerkt: Herrn Göthe hat mein Ururgroßvater Victor als junger Mann noch persönlich kennengelernt, als er durch Vermittlung einen Tag mit ihm in seinem Haus verbringen durfte.
Berichtete hat darüber ausführlich Lulu von Strauß und Torney in ihrem Buch „Vom Biedermeier zur Bismarkzeit“ !

Ende der Abschrift durch Hildegard Fischer, am 28.10. 2019.