Post aus Peking – China, 1863 – 65

Diese Seite hat mit den chinesischen Liedern nichts zu tun, aber sie steht mit China/Peking und Viktor von Strauß (und Torney) im Zusammenhang.
Wer sich für dieses Land und seine Menschen interessiert, findet vielleicht auch lesenswert, was ich hier einfüge.

Beim Bearbeiten meiner Familiengeschichte befand sich unter dem ganzen Material, das sich über Jahrzehnte in den verschiedenen Familienzweigen angesammelt hatte, auch eine Mappe, deren Inhalt mein Vater seinen Kindern, vor ca. 60 Jahren einmal gezeigt hatte.
Und wenn ich mich nicht mit diesen Unterlagen befasst hätte, würde das Wissen über das “Wie und Warum” mit meinem und dem Tod meiner Geschwister verschwinden.


Aber jetzt besteht ein Aufrechterhalten dieser Unterlagen und deren Ansicht für viele Menschen, später auch gewährleistet durch meine eigenen zwei Söhne.

Ein Vorwort dazu, das ich auch für die Internetseite
“Die Familiengeschichte von Hildegard Fischer.de”
verwende.

Aus Victor von Strauß und Torneys Nachlaß stammen die folgenden Foto-Postkarten, plus auf der Rückseite geschriebenen Mitteilungen.
Wie man bereits an anderer Stelle erfahren kann (bei meiner Familiengeschichte), beschäftigte sich mein Ururgroßvater Victor von Strauß mit der chinesischen Geschichte.
Für das Chinesische hatte ihn eine gute Bekannte, die Gräfin von Stolberg-Stolberg angeregt, die er in Thienhausen bei Baron von Haxthausen kennen gelernt hatte, begeistert. Diese wiederum war vermutlich – denn eine andere Verbindung kann ich jetzt aus der zeitlichen Entfernung nicht erkennen – mit der Mutter eines evangelischen Missionars befreundet. Zwischen dieser Mutter, deren Name leider nirgends vermerkt ist, und meinem Ururgroßvater kam es offensichtlich zu einem freundschaftlichen und regen Briefwechsel. Zeugen dazu sind die nachfolgenden 28 Foto-Aufnahmen, die in Form von überdimensionalen Postkarten – 40 cm x 54 cm –erhalten sind und die nach einigen Weiterreichungen von Generation zu Generation bei meiner Mutter Wilmalore (sie war die Urenkelin von Victor von Strauß) anlangten.
Relativ gut verwahrt in einer kompakten Ledermappe, befinden sie sich jetzt in meinem Besitz. Ich habe sie gescannt, fototechnisch so gut verbessert wie es mir möglich war, den Text (der sich auf der Rückseite befand) abgeschrieben und kann sie nun präsentieren.
Die Aufnahmen selbst wurden von einem Missionar, wie sich aus den Textstellen herauskristallisierte, ca. um 1864 gemacht.
Ich habe keine Ahnung, ob diese Aufnahmen jemals irgendwo anders in Erscheinung treten, und freue mich, sie hier zeigen zu können.
Allerdings finde ich persönlich die mitgeteilten Informationen (sämtlich in Sütterlin geschrieben) bei weitem interessanter, als die Bilder.

Zu Aufnahme 1, mit Text auf der Rückseite.

Kirche Nab Chang
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 1

Diese Kirche stammt von den ersten Missionaren, die 1600 in Peking ansässig wurden. Trotz der späteren Schwierigkeiten und Verfolgungen sind diesen ersten viele und viele nachgegangen und ihre Spuren finden sich über ganz China. Noch heute haben sie die selben Systeme wie damals. Sie kleiden sich (die Missionare) chinesisch, leben geradeso mäßig wie die Chinesen – eine hoch zu schätzende Tugend für einen Missionar, die den Engländern und Amerikanern leider oft fehlt (die Schreiberin ist wahrscheinlich eine Deutsche, daher ihr gutes Deutsch, ihr Sohn aber Franzose) – und bestreben sich überhaupt in ihrem äußeren Wesen den Landesbewohnern gleich zu kommen. Durch diese Art haben sie leichten Eingang bei den Männern; da wo sie bekannt sind auch in den Familien. Seit dem Vertrag von 1860 gehen sie, wie die Protestanten, wohin sie wollen, unter dem Schutze ihrer respektierten Legationen (päpstliche Gesandtschaft). Die zehn oder zwölf die ich in Peking kannte waren kluge und ihrem Berufe treu ergebene Männer, die ich sehr hochachtete und deren Unterhaltung mich sehr interessierte; ich glaube, sie sind maßvoll, würdig und von reinen Sitten. Es ist kaum irgendwo schwierig das Evangelium zu verkünden – in China – Fanatismus ist da unbekannt. Nachdenken und Erst allgemein. Doch haben die Katholiken zwei Vorteile vor uns. Die Ohrenbeichte, welche sie in die geheimsten Falten des Herzens und der Sitten dringen läßt und die Verehrung der Heiligen, die sich leicht der Chinesischen Verehrung für die Vorfahren anpaßt. Wo der Missionar als Priester anerkannt ist, hat er Zutritt in der Familie. Außerdem haben sie gewußt und wissen noch junge Mädchen zu bereden, daß Ehelosigkeit für den Dienst des Herrn eine Tugend ist, und ohne Klostermauern eine Frauengemeinde gebildet, deren Glieder sich in jeder Kirche mit den Nachrichten der Frauen und Mädchen beschäftigen. Auch in diesem Punkte kommt ihnen die Landesweise zu Hilfe. Es ist in China nicht verächtlich, wie bei anderen asiatischen Völkern, unverheiratet zu bleiben; hochgestellt sind sogar ledige Witwen, wenn sie in Keuschheit beharren. Es gibt sogar buddhistische Frauenklöster.

Der werte Leser achte mal darauf, daß die Schreiberin auf dieser Postkarte am Ende einfach quer über den Text geschrieben hat! Das war nicht einfach für mich zu lesen, aber geschafft habe ich es doch! H. Fi.

Aufnahme 2

S. Excellence Toung-fa-jen – Ministre des finances et Membre du
Grand Conseil del’hupice. – Peking

1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Aufnahme 3


Soldat Tartare, de la Acilice. (ancien armement) 1863. Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Aufnahme 4

Barbier ambulant – Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Aufnahme 5
Mit Text auf der Rückseite

S. A. S. Koung-Tsin-Wang
Onde de l’Empeur, Président du Grand Conseil de l’Empire.

1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 5

Trotz der gleichgültigen fast gemeinen Physiognomie – Opium und andern Exzessen zu zuschreiben – ist er kein gewöhnlicher Mann. – Nach seines Bruders, des Kaisers Tode (1861) war er doch der Kaiserlichen Witwe untergestellt. Eigentlich sollte niemand wissen, was im Palast vorfällt, die Chinesen sind aber so geschwätzig, daß selbst die hochgestellten nicht lassen können, alles und jedes ihren nächsten Umgebungen zu erzählen, so daß alles und jedes in’s Publikum dringt. So wußte man, daß eines Tags, nach einem heftigen Streit im Reichsrath, Koung-Tsin-Wang verhaftet und in Todesgefahr war. Er ist Fortschrittsmann. Die Kaiserin und ihre Partei hingen am Hergebrachten. Nach einigen Tagen erzählte sich ganz Peking ins Ohr: Koung-Tsin-Wang ist frei. Aber wirklich ins Ohr aus Respekt für kaiserliche Geheimnisse. Es schien ihm fast zu schmeicheln, daß Hh. Burlingame ihn um seine Photographie bat bei einem Abschiedsfrühstück, das der Prinz sehr graziös angenommen hatte.
Wenn er zum Französischen Minister kam, sahen wir ihn durch die Vorhänge lauschend, aus der Sänfte steigen, langsamen, nachlässigen Ganges. Mein Sohn aber, der mehreren dergleichen Audienzen beiwohnte, beschreibt ihn als eben so vornehmer Art, eben so würdevoll wie ein Europäischer Fürst. Er kam nie als kaiserlicher Prinz, nur als Minister des Auswärtigen, empfing die fremden Herren auch nicht im Palaste. Alles eigentlich kaiserliche ist geheiligt. Wer dem „Sohn des Himmels“ nahe kommt, tut als ob er nicht wagt ihn anzusehen, die Mandarins halten sich eine Art Fächer vor’s Gesicht. Während unserer Anwesenheit in Peking, hatte der jetzige Kaiser, (1856 geboren) damals unmündig, eine Pilgerschaft zum Andenken seines Vaters zu machen. Nicht allein die Straßen durch welche er kommen sollte, waren menschenleer, die Bewohner derselben hatten die Häuser verlassen, um nicht in Verdacht kommen zu können, daß sie profan neugierig gewesen wären.

Fortsetzung zu Foto 5

Die jungen Herren der verschiedenen Legationen gewannen einen Jemand gegen klingende Münze ihnen sein leeres Haus zu überlassen. Da wachten sie ohne Licht die ganze Nacht und standen beim ersten Tagesschein auf den Zehen, durch einen Fensterspalt lauschend. – Hier künden dergleichen Zeremonien sich durch mannigfaltigen Lärmen an; in China herrscht das höfliche Schweigen, nicht einmal gehen hört man die Leute, sie tragen Filzsohlen. Endlich hatten sie das Glück und die Ehre zu bemerken, daß die zweite Kaiserin eine noch junge, nicht häßliche, kleine, dicke Frau ist. Das Kaiserkind aber steckte gefällig den halben Leib aus der Sänfte um das Kreuz auf der Kathedrale zu beschauen. So schien’s wenigstens, nach dem hinzeigenden Arme eines Begleiters zu urteilen. Ihr junger Prinz sieht klug, lebhaft, sogar hübsch aus, erzählten sie uns.

Aufnahme 6,
mit Text auf der Rückseite

Son Excellence Ouen-Sinang
Vice-Président du Grand Conseil del’Empire et du Ministre des affaires Etrangue – Péking

1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 6

Der Klügste von allen damaligen Chinesischen Ministern, deren keiner doch von gemeiner Intelligenz ist. Er ist sogar hübsch – nach unseren Begriffen, denn die Chinesen finden uns häßlich.
Ich habe in den 3 – 4 Jahren nur drei hübsche Männer und zwei hübsche Frauen gesehen.
Die gelbbräunliche Farbe mißfiel mir nicht, auch sind im Norden, wo Tatarischer Typus vorherrscht, die Augen nicht eng geschlitzt und schräg, wie im Süden, aber es fehlte ihnen an Ausdruck, der Mund ist gewöhnlich zu groß, die Zähne sind selten gesund und die Backenknochen hervorragend.

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Aufnahme 7,
mit Text auf der Rückseite

S. Excell. Heng-Ki, Ministre de la Maison del ‚Emperem – Peking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 7

Erkennt man nicht gleich an dem süß sein wollenden Munde und den affektierten Augen, daß Heng-Ki auf Eroberungen ausgeht? Ein so echter Dandy, wie man ihn hier oder in London, oder in Berlin, oder in Wien finden kann! – Die Engländer hatten ein Pferderennen zu Stande gebracht. Heng-Ki, wie es seinem Stande ansteht, ließ sich hintragen, stieg aber im Ringe zu Pferde, und paradierte in einem rosenrotem Oberkleid. Als man ihm absichtlich erzählte, eine fremde junge Dame habe seinen eleganten Anzug bemerkt, lächelte er höchst selbstzufrieden. – Wenn er zum Minister kam, und in einem Hof ausstieg, auf den unsere Fenster gingen, hatte er regelmäßig einige Schritte zurückzugehen, um den Fächer oder sonst etwas aus der Sänfte zu holen, obwohl doch neun Träger zu seinem Befehle dastanden. Er wußte, daß wir ihm zusahen. Die Chinesen tragen oft das Pelzwerk auswendig, immer wenn es kostbar ist. Dieser Rock, von dem feinsten Zobel, mag leicht 1000 Thaler gekostet haben, in Peking, wie wohl da sich die Russischen Pelzhändler versorgen.

Aufnahme 8

Corcèn en ambassade à Pèkin.
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Aufnahme 9

Voitare de Voyager, Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Aufnahme 10,
mit Text auf der Rückseite

Temple du liel, au Sud de la Ville Chinoise
Pèking

1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 10

Abschrift zu Foto-Postkarte 10:

In einem köstlichen Park mit schattigen Bäumen und hohem Grase, ein Luxus in Peking, den man nur durch oft weit hergeführtes Wasser und künstliche Rinnen erhält. Dieser Tempel gilt für den schönsten in China. Die Dächer sind mit farbigen Porzellanziegeln bedeckt, die dreifache Balustrade ist von poliertem weißen Marmor. Die Fenster von buntem Glas, gleichen unsern Kirchenfenstern. Im Innern unschätzbarer Reichtum an Edelsteinen und kolossalen Gefäßen von dem berühmten Chinesischen Schmelz (Cloisonnè nennt man’s hier). Diese imposante Schönheit wird durch den allgemeinen Verfall gestört. Man bemerkt etwas davon auf der Photographie, in der Wirklichkeit ist es sehr auffallend und wäre betrübend, wenn man darin nicht ein vorsagendes Bild alles Irrtums sähe. Unter den mancherlei Gebäuden des Parks sahen wir auch die Opferhalle, wohin man einen lebendigen Stier schleppte, durch einen schönen gemauerten Gang, dessen genau berechnete Länge – es war die Zahl sieben darin – eine besondere Bedeutung hat. Freund Edkins sah darin vielerlei Beziehungen auf die Mosaischen Opfer. Dann besuchten wir einen Hügel, von sieben Marmorbalustraden umringt, oben auf einer Steinplatte, wo der Kaiser, einmal im Jahre, nach einer in Beten und Fasten verbrachten Nacht, zu dem Gotte betete „ den kein Tempel faßt“. Zuletzt – recht prosaisch – frühstückten wir höchst vergnüglich im Grase sitzend; einige von den dreißig zum Opfer bestimmten Stieren brüllten uns wie grüßend an; ich fühle noch die Behaglichkeit in der kühlen Stille, hör’ noch das Rauschen der Leder, die interessanten Mitteilungen Herrn Edkins und eines andern Missionars. – Diesem Tempel gegenüber ist der weltbekannte „des Ackerbaues.“ Man konnte zu der Zeit nicht eingelassen werden, was mir sehr leid tat. – Interessanter noch als der Tempel des Himmels ist Pi-ünse (blaue Wolke) vier Meilen von Peking, im Gebirge. Da bin ich zweimal gewesen, zu der Zeit wo die vornehme Chinesische Gesellschaft dahin wallfahrtet. Eine Frühlingsspazierfahrt, die der Kaiser auch den Mandarinfrauen erlaubt, nach der Reihe ihnen den Tag bezeichnend. Meine Freundin, Mrs. Colins sprach Chinesisch und zwar sehr geläufig, und ließ alle Damen wissen, daß sie zu ihrem Besuche bereit sei. Bei jedem dieser meiner Besuche in Pi-ünse, wo die Collins den ganzen Pilgermonat blieben, habe ich in einer Woche an 200 Chinesische Damen gesehen. Mrs. Collins verteilte Neue Testamente und Traktate und begleitete diese Gaben mit Erklärungen, die man aufmerksam anhörte, aber wahrscheinlich bald vergaß, denn wenige dieser Frauen konnten lesen. Die Hauptabsicht war, die Bücher in ihren männlichen Familienkreis zu bringen. In einer Pagode dort sind 500 colossale bemalte Tonfiguren – aus dem Himmel und der Hölle. Unter den ersten fiel mir eine Frau auf, mit einem Kinde auf dem Schoße, ein Knabe vor ihr kniend, Anbetende umher; man hätte gemeint eine Jungfrau Maria mit dem Jesuskinde und dem kleinen Johannes. Der Bonze wußte es nicht zu erklären. Materielle Gegenstände legte er besser aus. Ein Karrenführer z. B. der im Himmel einen festen Wagen und ein gutes Maultier auf ebenem Wege führt; sein Nachbar, in der Hölle, hatte einen halb zerbrochenen Wagen, ein mageres Tier auf holperigem Wege. Da nun das Fahren in der Gegend von Peking auch unter den günstigsten Umständen eine Schwierigkeit ist, kann man sich’s als eine Höllenstrafe denken, schlecht versehen dort fort zu müssen. Sisyphus und sein Felsstück. Eine andere Idee kam sicher aus Indien nach China wie nach Griechenland: ein Flammenstrom mit menschlichen Gliedern. Dann ein Mann der seinen abgeschlagenen Kopf in der Hand trug und mich an Faust auf dem Brocken erinnerte. Auf dem Gipfel des Berges eine Pagode mit 2000 Buddhas von verschiedener Größe. – Draußen zeigte mir Hh. Collins eine Zeder, die schon armdick, aus einer Spalte in der Grundmauer gewachsen war, und deren Wurzeln bereits große Risse hervorbrachten. „Die Leute achtens nicht“, sagte Hh. Collins, „daß die Natur ohne Menschenzutun, hier ihre Götzen umwerfen wird.“ Aber die liebste Erinnerung von dorther sind mir unsere Spaziergänge im umliegenden Dorfe. Ohne es zu suchen versammelte Mrs. Collins bald eine Anzahl Frauen um sich, denen sie das Evangelium verkündete und das hoffentlich mit Erfolg, denn sie fand oft Bekannte vom vorigen Jahre; in diesem Falle nahm man uns in’s Haus, wir mußten Sitzen, Tee trinken, was vor der Thür gestanden hatte, kam herein und hörte noch besser zu. Endlich hat Mrs. Edkins drei junge Mädchen von dort mitgenommen in ihre Schule in Peking, und schrieb mir nachher, das eine sei getauft, die anderen beiden ließen sich gut an. – „Einmal lief ihr eine alte Frau nach: „Dein Mann hat meinen Neffen vom Opiumrauchen geheilt, mein Sohn will auch davon lassen.“ Der Mann wurde nach dem Missionshospital bestellt, kam aber nicht. Man gibt ihnen nach und nach weniger Opium in Pillen, läßt sie Tabak rauchen so viel sie wollen. Selbst nach dem Opium gibt man ihnen noch lange Zeit beruhigende Medizinen.

Aufnahme 11

Temple de la Cumièce, Ville Tartare, Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Aufnahme 12,
mit Text auf Rückseite

Feme Tartare (3 ; ans) , Peking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 12

Abschrift von Foto-Postkarte 12 aus Peking/China:

Nur einmal bin ich in vornehmer Damengesellschaft gewesen. – Freund Edkins hatte für seine Mission ein großes Etablissement für Hospital, Kirche, Schule usw. zu kaufen; man tauschte bei den verschiedenen Zusammenkünften viele Höflichkeitsbezeigungen, die Chinesen nahmen Bilder von biblischen Gegenständen an und baten die Erklärung dazu zu schreiben. Darum, oder aus Neugierde, luden ihre Frauen mit aller chinesischen Etikette Mrs. Edkins und des Missionarsdoktors Frau ein. Man erwiderte, die Letztere sei unwohl und bat um die Erlaubnis eine alte (alt ist hier ein Ehrentitel) Französische Dame mitzubringen. Angenommen! – Im ersten Hofe, wo wir ausstiegen, empfingen uns die Mägde, im Zweiten die jungen Mädchen mit dem Tartarischen Gruße: „Ruhe, Frieden“, und der ihnen eigentümlichen unbeschreiblich graziösen Verneigung: sie schlagen die Augen nieder, beugen Kopf und Schulter, die Hände im Schoß verschlungen. Im dritten Hof kamen uns die Frauen entgegen. Die halten – denn Kinder, junge Mädchen, Großmütter, jedes hat seine besondere Haarfrisur, jedes einen besonderen Gruß – die zugemachten Hände eine über die andere, gegen die Brust gewandt mit: „Wohl? Du wohl?“ – Auf dem Perron stand die Altmutter. Im Ganzen waren ihrer dreißig, die Mägde an der offenen Thür. Wir baten sofort unsere Unwissenheit in Chinesischer Etikette zu entschuldigen, und ich glaube, sie ließen gern nach, was nichts anders dazu gehörte als Bezeigung einer allgemeinen Freundlichkeit. Und die war außerordentlich lieblich. Jede von uns wurde von einer besonderen Gruppe umringt, erst gefächert, dann befragt. Wie alt? Söhne? Schwiegertochter? Großsöhne? Meine 60 Jahre und das Ja auf die andern Fragen befahlen Respekt, nach ihrer Ansicht. Mit eben so viel richtigem Gefühl, als 10.000 Thaler jährlicher Renten Respekt befehlen, bei uns. Ferner: „Warum schwarz gekleidet, es ist so heiß?“ – „Es ist Trauerkleidung, und in Frankreich bleibt eine Witwe darin, wenn sie nicht wieder heiraten will.“ – „Schön! Schön!“ – Dann Toilettenbemerkungen: Was, die beiden Ringe?“ –„Der eine als ich mich verheiratete, der andere, als meine Mutter sich verheiratete.“ – „Schön! Schön! Sie ehren Vater und Mutter.“ – „Was steht darauf geschrieben?“ –„Bete und arbeite.“ Auch das wurde „Schön! Schön!“ erklärt.
Die tartarischen Frauen klemmen ihre Füße nicht ein, doch wie zierlich sie auch sind, scheinen sie es doch nicht (zu sein) in den leinwandgenähten Strümpfen und den plumpen Schuhen. So wurde meine Fußbekleidung bewundert, der übrige Anzug hatte ihren Beifall nicht. Von meinen Händen sagten sie: „Cho i (ziemlich), aber warum keine langen Nägel?“ – Sie trugen die ihrigen sehr lang, die beiden letzten an der rechten Hand einen Zoll hervorragend in silbernen Etuis, wie ein langer, offener Fingerhut. – Sie selbst waren die meisten in weiße, batistartige Leinwand (andere in Seide) gekleidet mit blauen, grünen oder roten Einfassungen; Blumen im Haar tragen alle Frauen in China. Aus Höflichkeit bewunderte ich ein kleines Kissen mit Parfüm gefüllt, das ein junges Mädchen am Halse trug. Sie bot es mir sogleich zum Geschenk; als man mir meine schwarzen Filet-Teehandschuhe wiedergab, die man in dessen in der Reihe herum bewundert hatte, gab ich sie dem Mädchen. Sie wurde feuerrot vor Vergnügen. – Ich hatte indessen ein bekanntes Gesicht gefunden, die Schwiegertochter des Gouverneurs von Peking, die mein Sohn photographiert hatte, wie ich auf einem anderen Blatt erzähle. Sie wußte von mir, erinnerte mich an den Umstand und kam mir nicht mehr von der Seite, mit ihrem vierjährigem Kinde. Sie war wirklich reizend in ihrem ganzen Wesen. – Die erste Frau des Hausherrn – kein Mann kam hinein – stellte uns die zweite Frau vor, von den anderen war keine Rede, er hatte vier. Bei dieser Gelegenheit wurde von Polygamie gesprochen. Wir führten Christliches Gesetz an, sie Landessitten. Die junge Frau neben mir, die aus Grundsatz die einzige ihres Mannes war, sagte aus Höflichkeit für ihre Verwandten (unsere Wirtin war die Schwester des Gouverneurs): „Drei, vier, mag sein (che i) mehrere, häßlich.“ – Man trug eine sehr passende Mahlzeit auf. Mehrere Arten kaltes Fleisch, Gebackenes, Eierkuchen, mancherlei Obst, Chinesischen Wein in kleinen Tassen. Die Damen bedienten uns, zerschnitten das Fleisch auf unseren Tellern, schälten die Birnen und Melonen für uns. Das sei chinesische Höflichkeit. Nachher Tee und Geschwätz. Beim Abschiede baten wir unsere „älteren Schwestern“ um einen Gegenbesuch für eine Jede von uns ins besondere, versprechend, daß kein Mann sie sehen werde. „Ja! Schön!“ war die Antwort; als wir aber mit der gehörigen Etikette einige Tage nachher bitten ließen einen Tag zu bestimmen, kamen Entschuldigungen, die wir vorhergesehen hatten. Es war ihnen im Kaiserlichen Rath gestattet, uns einzuladen, nicht aber zu uns zu kommen. – Die Frau des Amerikanischen Ministers hatte einmal eine ähnliche Einladung gehabt, aber keine Erwiderung ihres Besuches.

Aufnahme 13,
mit Text auf der Rückseite

Le Fo-Se, Boudha vic auk, le’ tidaut à Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 13.

Fo-tze, sagte ein Chinesischer Minister dem Französischen, ist unser Papst; aber wir überlassen die Wahl nicht den Priestern wie Ihr, damit er uns keine Schwierigkeiten macht wie Euch. – Nach welchen Kennzeichen der Kaiserrat das hier bestimmt, in welchem, nach eines Fo-tze’s Tode der Buddha neu geboren wird, weiß ich nicht. Dieser schien meinem Sohne „une brute“.(= ein Mensch / aber auch Grobian oder Tier) Wie den andern Chinesen schien das Photographieren ihm zu schmeicheln; er fragte, ob er nicht auch eine solche Abbildung seines Hundes haben könne; das wurde ihm natürlich gern bewilligt. Er hat nicht den mindesten Einfluß auf Religion oder Gottesdienst, das geht nach hergebrachten Sitten, die vielleicht mehr und mehr verfallen.

14. Aufnahme

Bonze, supéricend de la Pagode de Pa-li-Ukonan enoirous de Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

15. Aufnahme
mit Text auf der Rückseite

Groupe de Musiciens – Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 15

Links eine Gitarre mit drei Saiten; Klarinette; Hackbrett mit Glasstäbchen, auf die man mit Korkstöpseln klopft. Violine mit einer Saite. – Diese Musikanten sind aber nur zusammengesetzt, spielen aber nicht zusammen. So viel ich weiß, gibt’s dort nicht die mindeste Orchestermusik. Bei Begräbnissen, Ehrenbezeugungen und Festen haben sie lärmende Tusche ohne Mißklang, aber auch ohne Harmonie. In Peking und der Umgegend, weiterhin weiß ich nichts. Die Liebe zur Musik ist allgemein, in den meisten Familien gibt’s ein oder das andere primitive Instrument. – Beim Gottesdienst sangen Männer und Frauen, dem Gehör nach einigen abgerichteten Stimmen folgend, mit Herzenslust unsere christlichen Melodien in denen ich manchmal deutsche erkannte, mit erbaulicher Freude. – Ein englischer Missionar wollte entdeckt haben, daß die chinesische Kehle nicht wie unsere von Natur (?) zwei Tonleitern hat, Dur und Moll, sondern nur eine und zwar: im Aufschlage ein halber Ton zwischen der Sekunda und Terze erst, denn zwischen der Septime und Octave, gerade wie unsere Molltonleiter. Im Niederschlage ein halber Ton zwischen der Quinte und Septe, dann zwischen der Sekunde und Terze, was sowohl von unserer Moll – wie von unserer Durtonleiter abweicht und unserm Ohre unbefriedigend scheint. In den eigentümlichen Chinesischen Melodien unterschied das profane Ohr diese Seltsamkeit nicht, da herrschte die Mollart vor. Merkwürdig war es meinem Sohne und mir in Peking eine klagende Tanzmelodie zu hören, die uns deutlich an die dörfl. Dudelsäcke in der Umgegend von Brest erinnerte, wo sich, bei dieser Musik, 30 – 50 Personen bei den Händen haltend, gleitend und gehend allerhand Windungen beschreiben. – Mein gelehrter Freund (Victor von Strauß und Torney – H. F.) mag entscheiden, ob diese Koinzidenz (= Zusammentreffen von Ereignissen) sich durch die Trennung von sich her erklärt oder durch die Möglichkeit, daß ein Missionar im 17ten Jahrhundert diese Melodie aus der Bretagne nach Peking gebracht habe. – Jetzt ist sie da einheimisch.

16. Aufnahme

Pagode de Esien-ling-Soe
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

17. Aufnahme,
mit Text auf der Rückseite

Sue générale du Yuen-Min-Yuen, Palais s’Etè Emr… de Pèkin
(Wan – Schau – Schan) Tausend-Jahr-Berg

1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 17

Als 1860 die vereinten Armeen der Franzosen und Engländer ohne Schwertstreich in Peking einrückten, meinte Lord Elgin ( James Bruce, 8. Earl of Elgin und 12. Earl of Kincardine – 1811 – 1863) und Baron Gros, (siehe im Internet unter “Jean-Baptiste Louis Gros 1793 – 1870) die unbedeutende Schlacht bei Palikao (siehe auch im Internet) sei nicht genug ihre Parlamentäre zu rächen, welche die Chinesen verräterisch und unter grausamen Qualen in Cien – Czin umgebracht hatten. So verbrannte und plünderte man den Sommerpalast, eine Meile vor Peking. Auf einem anderen Blatt eine Brücke; auf einem dritten die Hauptpagode die den Hügel krönt – x. Die Rinnen sind wie das Feuer sie ließ; die Chinesen haben keinen Stein weg geräumt, keinen halb verbrannten Baum umgerissen. Mit stummer Gleichgültigkeit folgen sie den neugierigen Fremden und erlaubt ihnen, neben diesen Trümmern die Vorratskörbe auszupacken, St… zu essen und Champagner zu trinken. Es heißt, der Reichsrat verbietet diese Besuche, aber „i kwei jong zien“* ein Stück von Silber – Spanische Piaster 1 ½ erl.) öffnet viele Türen. (*Die chinesische Abschrift ist eventuell nicht korrekt, aber das war, was ich an Sütterlin lesen konnte.) Wenn man sie, recht grausam indiskret, fragt, wie es bei dem Brand zuging, sagen sie: “Ich war nicht dabei.“ –
Lumpen von seidenen Tapeten, sie und die Spuren von Marmor- und Porzellanwänden, sind Erinnerungen vergangener Pracht. Um nicht im Staub zu gehen – ein allgemeines, sehr empfindliches Leiden in diesem Land – sind die Alleen mit Ellen breiten Steinplatten belegt. Marmorbalustraden umringen weite Bast…, und mit Neunfarn geschmückte schattige Bäume in Fülle und das alles so luftig.
Der Kaiser wohnt da im Sommer mit einem Hofe, wahrscheinlich mehr als tausend Menschen in dem selben Park, in verschiedenen Gebäuden, dazwischen viele Pagoden und Türmchen.
Beim Anrücken der Feinde floh der Kaiser nach Jehol (siehe auch im Internet), in der Tarterei(?) und ist da gestorben. Kummer oder Selbstmord, sagt man. Das ist auch ganz glaubhaft, dieses Volk fürchtet den Tod nicht.
So kommt es oft vor, daß eine junge Frau sich umbringt, weil der Mann oder die Schwiegermutter, deren Sklavin sie dem Landesgesetz nach ist, oder beide sie schmählich behandeln, sei es auch nur mit Worten.

Jean-Baptiste Louis Gros, 1793 – 1870 — James Bruce, 8. Earl of Elgin und 12. Earl of Kincardine – 1811 – 1863

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18. Aufnahme

Porte de Tsien-Men, principale porte sud de la Ville Tartare, Pèking
1863 – 1865, Post an Victor von Strauß

19. Aufnahme,
mit Text auf der Rückseite

Vielle femme musulmane
1863 – 1865, Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 19

Abschrift – Ein Missionsbericht:

Im Jahre 1863 in Peking angekommen, hat Hh. Edkins bald die Söhne dieser Alten gekannt und im nächsten Jahre getauft, die Mutter selbst 1865. Indessen war eine Knabenschule eröffnet unter der Leitung des jüngeren Tschang. Dieser entdeckte eines Tags, daß zwischen seinen Schülern ein Mädchen in Knabenkleidern war. Sie den Eltern zurückbringend erklärte ihm der Vater, wie sein Wunsch, das Kind möge lesen lernen, ihn zu diesem Betrug verleitet habe. Das gab uns die Idee, eine Mädchenschule zu eröffnen. Doch waren die Umstände gerade zu der Zeit höchst ungünstig und wir hatten lange nur sechs Mädchen. (Wenn man nur Mut hat zum Anfangen; diese kleine Anstalt ist seitdem sehr bedeutend geworden.) Die zwölfjährige Erko zeichnet sich durch Fleiß und Ernst aus. Frau Edkins war damals kränklich, allein konnte ich’s nicht zu Stande bringen. Tschang T’hai Thai 74 Jahre alt, konnte nicht lesen, willigte doch aber gern ein, Morgens und Nachmittags in der Schule zu sein; Tschang der ältere unterrichtete während einer Stunde im Lesen und Schreiben; wir beschäftigten die Kinder so gut wir konnten, Morgens ich, Nachmittags Frau Edkins. Da empfängt mich eines Tages der stille Edkins, der selten lächelt, niemals unaufgefordert spricht und doch nur Interessantes zu sagen weiß, mit freudestrahlenden Augen und erzählt mir, was ich doch selbst hören wollte. So nahm ich meine wenigen chinesischen Brocken zusammen und habe folgende textliche Unterredung mit Erko – ich werde sie niemals vergessen-. Meine ich: „Deine Mutter tot?“ – „Tot!“ – „Ihr Körper in der Erde, ihre Seele, wo?“ – „Im Himmel!“ – „Warum?“ – „Sie glaubte an Jesum!“ – „Wie? Sie kannte nicht Jesum.“ – „Sie kannte Jesum, sie im Himmel!“ – „Wie kannte deine Mutter Jesum, sie kam nie in die Kirche?“ – „Meine Mutter immer krank, konnte nicht; drei Mal, Wochentage, sie ging in die Schulhaus-Straße; der ältere Tschang jeden Nachmittag steht da, liest das Buch (die Bibel) erklärt, meine Mutter kannte Jesum. Frau Edkins sagte mir, ich (soll) ihr (der Mutter) erzählen, was der ältere Tschang liest im Sau-Zze-King (Ein Katechismus in Reimen, nach chinesischer Art der Schulbücher – der mit „Im Anfange war Gott“ anfängt… Gott hat keine Gestalt, keine Farbe, keinen Geruch usw. von dem ersten protestantischen Missionar, Morrisson). Ich erzählte (es) ihr jeden Abend.“ – „Ist es wahr, Ihr Eure Götzenbilder verbrannt?“ – „Wahr. San-Cze Csing sagt: Buddha nicht Gott, Schangti Gott, meine Mutter Buddha verbrennen.“ – „Erzähle, wie starb deine Mutter.“ – „Nicht Tag, nicht Nacht, meine Mutter sagte: ich sterbe, du bete. Ich bete das Schulgebet (Vater Unser). Meine Mutter sagt: ich gehe zu Jesu. Nimmt meine Hand, stirbt.“ – Darauf kam Erko erst selten in die Schule und die Kirche, endlich gar nicht. Wir konnten sie nicht aufgeben. Die Mutter, die wir kränklich wußten, hatten wir damals nicht besuchen können, weil wir zu wenig chinesisch sprachen; ein Männerbesuch wäre ein Skandal gewesen.
Jetzt, sechs Monate nachher, hatten unsere täglichen Studien mit dem älteren Tschang uns ein wenig gefördert. Wir fanden Erko allein, sie ward feuerrot vor Freude als sie hörte, daß Frau Edkins sie zu sich nehmen wolle. Tee bereitend, ab und zu gehend, tat sie ihre besten Kleider an, meinend sie werde gleich mitkommen. Ich betrachtete mit Rührung den Platz wo die Mutter gestorben war; Napoleons Sarkophag im Invalidengewölbe war mir nicht so interessant gewesen. Praktischer als ich hatte Frau Edkins bemerkt, daß Erko etwas unter einer Matte versteckte, und fand, da wir allein blieben, eine Opiumpfeife, sagten aber dem Mädchen natürlich kein Wort darüber. Bald kam der Vater: er habe nach seiner Frauen Tode seinen Dienst als Koch bei einem Prinzen aufgegeben und einen kleinen Handel angefangen, weil er sein Kind bei sich behalten wolle. – Nachmittags kam er zu Hh. Edkins mit den selben Weigerungsgründen und bekannte, was sein Aussehen bezeugte, das Opiumrauchen. Aber auch darin sei Erko ihm eine Stütze, sie bitte ihn es aufzugeben; auf einmal könne er’s nicht – eine bekannte Wahrheit – doch habe er seine tägliche Gewohnheit schon um so und so viel gemindert. Dagegen war nichts einzuwenden, auch kam nun Erko manchmal in die Schule und regelmäßig in die Kirche, wohin sie zuweilen Nachbarfrauen mitbrachte. – Nach und nach ist sie dennoch herunter- gekommen, und hat voriges Jahr die zweite Frau eines getauften Chinesen werden müssen, welche anstößige Notwendigkeit beide Eheleute von der Kirche entfernte. – Die Tschangs auch, Mutter und beide Söhne, sind abtrünnig geworden. Mich irrte das alles nicht. Ich kann’s nicht beweisen – aber sie haben Jesum gekannt, sind menschlich gefallen, wir haben für sie gebetet, beten noch – Gott wird sie wieder erheben! – Und so viele andere, die hören und glauben! Mir ist China ein reifes Ährenfeld, da nur die Schnitter fehlen. – Und jetzt suche ich diese wunderbare Willigkeit, das Evangelium anzunehmen, in den geheimen Nachwirkungen der Tau-Lehre, wie Sie dieselbe erklären.

20. Aufnahme
mit Text auf der Rückseite

Fortifications de la Ville Tartare (face Sud) Pèking
1863 – 1865, Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 20

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Sie sehen ungefähr aus wie die um Paris. Diese hier abgebildeten erlaubt man uns Fremden als Spaziergang. Ähnliche Mauern umringen die ganze Stadt Peking, d. h. die Chinesische Stadt inbegriffen, welche die Tartarische umgibt.

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21. Aufnahme,
mit Text auf der Rückseite

Vieille femme Tartare, Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 21

Die Frau des Gouverneurs von Peking dessen Sohn den meinigen bei einem von den Engländern angestifteten Pferderennen bemerkte, als sehr „vornehm aussehend“, sagte er und sich ihm vorstellen ließ. Nach den gebräuchlichen Etiketten – Auswechseln von Visitenkarten und dergleichen – lud er ihn in seines Vaters Hause zum Essen ein, wobei er zu verstehen gab, daß er gerne einige Photographien der Seinigen hätte. So wurde der Appareil dahin transportiert. Mein Sohn hatte einen Bedienten mitgenommen, den er als Photographie-Gehilfen dressierte. Aber der junge Mandarin ließ sich’s nicht nehmen, ihn selbst zu bedienen, und geschickt genug; der alte Gouverneur sah sehr aufmerksam zu und schien die Theorie, durch die Reflexion des Auges erklärt, vollkommen zu verstehen. Er war ein Fortschrittsmann, denn er ließ seine Frau und seine Schwiegertochter photographieren, und der Sohn, der nachher eine Einladung zum Essen bei uns annahm, erzählte uns, daß er nur eine Frau habe, mehr sei „pu chau“ nicht schön. – Doch ist dies nicht die allgemeine Ansicht. Einer der Unsrigen wurde befragt, wie viele Frauen der Französische Kaiser habe: „Eine!“ – „Pu chau, pu chau!“ rief man, denn es schien dieser Umstand sei ein Beweis von Geiz. – Der armen Frauen Gesicht ist kläglich vernarbt. Überhaupt kann man sagen, daß im Durchschnitt das dritte chinesische Gesicht Pockenspuren hat, meistens sehr entstellende. In dem großen Porzellangefäße hat man im Sommer Eisblöcke, den Saal zu kühlen. Die Stufen im Hintergrund führen zu einem Art Ruhebett oder Sofa, dem Ehrensitze für zwei Personen. Davor Lehnstuhl und auf ein Kissen gestützt, ein Tischen, ellenbogenhoch, zum Rauchen und Teetrinken.

22. Aufnahme

Are de Triumphe dans la Ville Tartare, Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

23. Aufnahme,
mit Text auf der Rückseite

Pagode de Pa-li-Tetronan, Façade principale,
(Aroirous de Pèking)

1863 – 1865 Post an Victor von Strauß
Text zu Foto-Postkarte 23

Abschrift:
Wir haben da einige Sommermonate zugebracht, und wohnten, im eigentlichstem Sinne des Wortes, in Tempeln. Rechts, ein wenig tiefer als die Hauptpagode in der Mitte, war meines Sohnes Arbeitszimmer, links die Küche. Meine Schwiegertochter hatte zwei Zimmer in einem Gebäude, das einen rechten Winkel mit dem Haupteingang bildete, gegenüber ein Eßsaal und mein Schlafzimmer. In jedem dieser Gemächer Götzen, denen man täglich geräuchert hatte, wenn wir nicht da gewesen. An mehreren Dächerecken hingen kleine Glocken, die in verschiedenen Tönen harmonisch läuteten beim leisesten Winde. Morgens und Abends sangen die Bonzen ihren Götzendienst in der mittleren Pagode, es hörte sich’s lieblich zu, denn es klang wie der Choralgesang in den katholischen Kirchen. In der Zwischenzeit waren sie unsere untertänigen Diener, wegen der Piaster für die Miete. Aber wir mißbrauchten diese Disposition nicht, denn wir hatten unsere Dienstboten. Es war eine seltsame Überraschung als unser vierjähriger Knabe rief: „Papa! Maitre Corbeau surun arbre – perche!“ – Seine Mutter studierte ihm just zu der Zeit die Fabel ein, und so erkannte das Kind auf den ersten Blick das grob gemalte Bild – auf einer Seitenmauer – des Raben mit dem Käse im Schnabel, auf dem Baume, den Fuchs unten. Eine Tradition aus Indien, die auf Äsoy may gekommen sei, von dem auf uns.
Die Bonzen sind nicht allein nicht geachtet, sie werden verachtet, wie wohl sie gutmütige, ich glaube auch anständige Leute sind. Aber es ist durchaus logisch, denn die Chinesen glauben nicht an die Religion der sie dienen. Mehr als aus natürlicher Gerechtigkeitsliebe mag es wohl kommen, daß nirgendwo Gewissensfreiheit respektiert wird, wie in China. Nirgendwo? – Die Vereinigten Staaten vielleicht aus genommen. In allen großen Städten sind Synagogen und Moscheen. – Im 17ten Jahrhundert brachte man eine gewisse Anzahl Russischer Kriegsgefangener nach Peking. Der Kaiser ließ Griechische Priester für sie kommen, die er mit der Zeit pensioniert zurückschickte, und andere kommen ließ. Da die Russen immer eine politische Mission in Peking gehabt hatten, der Grenze und des Handels (Tee und Pelzwerk) wegen, war das leicht eingerichtet. Diese Kosaken hatten sich verheiratet, ihre Nachkommen sind durchaus Chinesen nach Sprache und Sitte, aber ihre eigene Religion haben sie beibehalten. Seit dem letzten Vertrage 1860 hat die Russische Regierung die Bezahlung der Priester für diese Chinesisch-Griechische Gemeinde übernommen, die Kaiserin hat auf ihre persönlichen Unkosten eine Mädchenschule finanziert, die sehr interessant ist, und mit der Zeit viel Gutes bewirken kann. – Im Frühling 1863 hatten einige Bonzen auf der öffentlichen Fahrstraße nahe bei Peking Götzenbilder aufgestellt und zwangen jeden Vorübergehenden ein Gebet zu sprechen und Geld zu geben, der Trockenheit halber, Regen zu erhalten. Ein Christlicher Chinese sieht von weitem, um was es sich handelt und geht weit abwärts seinen Weg. Aber die Bonzen schleppen ihn herbei und mißhandeln ihn, weil er nicht beten, besonders weil er nichts geben will. Er bringt den Vorfall vor die Missionare, die zum Minister, der vor’s Gericht, das nicht umhin konnte, die Bonzen schuldig zu erklären, die Politik wollte es damals so. Aber was die Politik nicht eingab: „Ihr hattet sehr Unrecht“, sagte der Richter zu den Bonzen, „den Mann zum Beten zwingen zu wollen. Hättet Ihr das von mir verlangen können, der ich doch Eure Religion habe? Nein, denn das Gebet ist freiwillig. Niemand darf, niemand kann uns dazu zwingen.“ – So hat mir diese Geschichte der Bischof von Peking erzählt. Die sogenannten religiösen Verfolgungen haben nie Religion zum Grunde gehabt. Den Engländern und Amerikanern ist oft das Vorurteil der fremden Race (Rasse), der Hautfarbe entgegen, die Chinesen fühlen durch, daß man sie nicht sich selbst gleichstellt, ein Mißverständnis veranlaßt einen Streit usw. bei den Katholiken kommts direkter. Sie meinen, die Religion müsse in ihnen geehrt werden und haben daher Etikettenansprüche, denen die Chinesen durchaus nicht nachgeben. Kommt ein Bischof in einer Stadt an, so verlangt er – nicht jeder, aber es kommt vor – daß der Gouverneur ihm die erste Visite macht; das will der andere aber nicht. Ein Bischof nimmt eine grüne Sänfte, die nur den Prinzen zukommt. Kleidet Euch in Eure Landestracht, man sieht, daß Ihr Freunde seid und Eure grüne Sänfte hat keine Bedeutung. Kleidet Ihr Euch aber Chinesisch, so fügt euch auch „Chinesischem Gebrauche“ sagen sie und haben Recht. Dann mischen sich die Katholiken zu oft in politische Intrigen. Im Jahre 1860 waren in der Provinz Set – Schuang mehrere Chinesen und einige französische Missionare martyrisiert; wir fanden bei unserer Ankunft zwei Missionare in Peking, die in dieser Angelegenheit sich an die Legation gewandt hatten. Alles genau untersucht, fand sich’s, daß die erste Veranlassung von den Franzosen kam. 1866 war in Korea ein gräßliches Blutbad; sieben Missionare umgebracht. Die Franzosen schickten ein Kriegsschiff hin, wußten aber wohl, daß die Ihrigen Schuld daran waren – Politik.
In Japan hatten sie behauptet, der Papst in Rom stehe über dem (chinesischen) Kaiser, was die Mandarins nicht dulden konnten. – Das Blutbad in Cin –Czin (1870) war unseres Konsuls Veranlassung. Er war lang in Peking und wir fühlten uns nie sicher in seiner Nähe, so grob und ungerecht war er mit den Chinesen.

Aufnahme 24

Pei-ta-Sse -Monument e’lere sarave Diut a Bondha, Palais S.’kiver, Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

25. Aufnahme

Luntrée du Limetiere des Eunuques enoirous de Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

26. Aufnahme

Sue générale de la Ville Chinoise prise de la porte de Tsien-Man au sud de la Ville Tartare, Pèking
1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Aufnahme 27

Pagode dite de Poralaine
Palais d’Ete, Yuen-Min-Yuen enoisous a Peking

1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Aufnahme 28

Port dans le Parc du Yuen-Min-Yuen
(Palais d’Ete) ans enoirous de Pèking

1863 – 1865 Post an Victor von Strauß

Über Reverend Joseph Edkins, der immer wieder einmal im Text erwähnt wird, ist im Internet einiges zu erfahren.

Und noch etwas:
Ich selbst kann nicht chinesisch und so ist es möglich, daß ich das eine oder andere Wort nicht exakt abgeschrieben habe, was oftmals wegen flüchtiger Handschrift und Sütterlin schwierig war.

Hildegard Fischer am 11.3.2019 und am 28.12.2019