Die Lieder in chinesischer und deutscher Form. (2.)

Bemerkung in eigener Sache:
Ich habe immer wieder mal Anmerkungen und Verbesserungen angefügt, wie sie mir gut erschienen. Sollte einer der Besucher es besser wissen, bin ich dankbar für seinen Verbesserungsvorschlag auf der Kommentarseite
!

Ersten Teiles sechstes Buch:
W â n g.

1 – Wâng (König) war das alte königliche Gebiet oder das östliche Tschëu, wo die Tschëu-Dynastie nacheinander verschiedene Residenzen hatte. Bei der späteren Verlegung der Hauptstadt begann das Herabsinken der Dynastie.

Lied I. 6, 01
Die verödeten Stätten. Klage eines Großen.
Seite 142

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Die verödeten Stätten.
Klage eines Großen.


Da hängt die Hirse ährenschwer,
Die Opferhirse sproßt daneben.
Ich schleiche matt des Wegs einher,
Im Herzen schütterndes Erbeben.
Und jeder, der mich kennt,
Der sagt, daß Gram mein Herz verzehre;
Wer aber mich nicht weiter kennt,
Der sagt, was ich denn noch begehre?
Endloser, blauer Himmel du;
Durch wen, ach, kam es nur dazu?

Da hängt die Hirse ährenschwer,
Die Opferhirse hebt die Häupter.
Ich schleiche matt des Wegs einher,
Im Herzen wie ein Weinbetäubter.
Und jeder, der mich kennt,
Der sagt, daß Gram mein Herz verzehre;
Wer aber mich nicht weiter kennt,
Der sagt, was ich denn noch begehre? –
Endloser, blauer Himmel du;
Durch wen, ach, kam es nur dazu?

Da hängt die Hirse ährenschwer,
Der Opferhirse Korn wird trocken.
Ich schleiche matt des Wegs einher,
Im Herzen wie als woll’ es stocken.
Und jeder, der mich kennt,
Der sagt, daß Gram mein Herz verzehre;
Wer aber mich nicht weiter kennt,
Der sagt, was ich denn noch begehre? –
Endloser, blauer Himmel du;
Durch wen, ach, kam es nur dazu?

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2 – Dieses Lied soll sich auf den Verfall des östlichen Tschëu beziehen. Der Sänger bricht bei Betrachtung der ehemaligen Hauptstadt in diese Klage aus.

Lied I. 6, 02
Bei langer Entfernung des Gemahls.
Seite 144

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Bei langer Entfernung des Gemahls.

Mein hoher Herr ist fort im Dienst; 1
Weiß nicht, wie lang er hat zu tun;
Und wohin kam er nun?
Es schläft in seinem Stall das Huhn,
Es geht der Tag dem Abend zu,
Und Schaf und Rind kehrt heim zu ruh’n.
Mein hoher Herr ist fort im Dienst, –
Wie sollt’ ich sein denn nicht gedenken nun?

Mein hoher Herr ist fort im Dienst –
Nicht Tagen bloß, nicht Monden nach.
Wann kehrt er heim in sein Gemach?
Es schläft des Huhn in seinem Fach,
Es geht der Tag dem Abend zu,
Und Schaf und Rind kommt unter Dach.
Mein hoher Herr ist fort im Dienst, –
Leid’t er nicht Durst und Hunger, ach!

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1 – Hoher Herr, kiún tsé, ist wie öfter, respektvolle Bezeichnung des Gemahls.

Lied I. 6, 03
Freude nach glücklicher Heimkehr des Gemahls.
Seite 147

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Freude nach glücklicher Heimkehr des Gemahls.

Nun ist mein Herr in Freudenröte,
Die Linke hält die Flöte,
Auf daß die Rechte mich hinein entböte*
* herein bittet
O diese Seligkeit, ahi!

Nun ist mein Herr im Freudenblinke,
Die Feder hält die Linke,
Auf daß die Rechte mir zum Eintritt winke –
O diese Seligkeit, ahi!

Lied I. 6, 04
Heimweh des Grenzwächters.
Seite 146

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Heimweh des Grenzwächters.

Ein angestautes Wasser
Flößt keine Brennholzbündel hin;
Und sie da drüben, die Geliebte, 1
Ist nicht hier mit mir auf der Wacht in Schīn.
Ach ihrer denk’ ich, ihrer denk’ ich!
In welchem Mond zurück zur Heimat wieder lenk’ ich?

Ein angestautes Wasser
Flößt keine Reisigbündel zu; –
Und sie da drüben, die Geliebte, 1
Ist nicht hier mit mir auf der Wacht in Fú.
Ach ihrer denk’ ich, ihrer denk’ ich!
In welchem Mond zurück zur Heimat wieder lenk’ ich?

Ein angestautes Wasser
Flößt keine Rutenbündel zu; –
Und sie da drüben, die Geliebte,
Ist nicht hier mit mir auf der Wacht in Hiú.
Ach ihrer denk’ ich, ihrer denk’ ich!
In welchem Mond zurück zur Heimat wieder lenk’ ich?

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1 Mit dem Mandschu: « gege mini emgi …. tuwakiyarakó ».

Lied I. 6, 05
Die Frau, durch Hungersnot hinaus getrieben.
Seite 147

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Die Frau durch Hungersnot hinaus getrieben.

In den Gründen steht die Maiwurz,
Dürre tat sie schlagen, ach!
Und die Frau ist weg geschieden,
Seufzet ihre Klagen, ach;
Seufzet ihre Klagen, ach:
Trifft den Menschen solche Last von Plagen, ach!

In den Gründen steht die Maiwurz,
Dürre tat sie sengen, ach!
Und die Frau ist weg geschieden,
Ächzt mit Jammerklängen, ach;
Ächzt mit Jammerklängen, ach:
Muß den Menschen solche Not bedrängen, ach!

In den Gründen steht die Maiwurz,
Dürr und saftgenommen, ach!
Und die Frau ist weg geschieden,
Weinet Angst beklommen, ach;
Weinet Angst beklommen, ach:
Wohin wird’s noch kommen, ach!

Lied I. 6, 06
Der lebensmüde Beamte in böser Zeit.
Seite 148

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Der lebensmüde Beamte in böser Zeit.

Wenn sorgenfrei der Hase lebt,
Ist der Fasan dem Netz erlegen.
Bei meines Lebens Anbeginn
War noch kein Dienst zu pflegen;
In meines Lebens Folgezeit
trat all’ dies Elend uns entgegen: –
O schlief’ ich ohne mich zu regen!

Wenn sorgenfrei der Hase lebt,
Fällt der Fasan dem Netz in Rachen.
Bei meines Lebens Anbeginn
War noch nichts abzumachen;
In meines Lebens Folgezeit
Traf Unglück uns in hundert Sachen: –
O schlief ich ohne aufzuwachen!

Wenn sorgenfrei der Hase lebt,
Muß der Fasan dem Netz gehören.
Bei meines Lebens Anbeginn
War nichts vom Dienst zu hören;
In meines Lebens Folgezeit
Mußt’ all’ dies Unheil uns verstören: –
O schlief’ ich, um nie mehr zu hören!

(Bei diesem Lied kam mir eine Erklärung für die Metapher von Hase und Fasan:
Wenn einer sorgenfrei lebt, muß manchmal ein anderer für dessen Wohlbefinden aufkommen!)

Lied I. 6, 07
Der Ausgewanderte in der Fremde.
Seite 149

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Der Ausgewanderte in der Fremde.

Das Kŏ, das üppig ranken soll,
Darf nicht vom Flußgestad’ /Flußufer sich trennen.
Von meinen Brüdern weit entfernt,
Muß ich den Fremden Vater nennen.
Muß ich den Fremden Vater nennen,
So will er mich nicht anerkennen.

Das Kŏ, das üppig ranken soll,
Darf nicht des Ufers sich entschlagen.
Von meinen Brüdern weit entfernt,
Muß ich zur Fremden Mutter sagen.
Muß ich zur Fremden Mutter sagen;
so will sie doch nach mir nichts fragen.

Das Kŏ, das üppig ranken soll,
Darf nur am Strand des Flusses sein.
Von meinen Brüdern weit entfernt,
Nenn’ ich den Fremden Bruder mein.
Nenn’ ich den Fremden Bruder mein,
So will er mir sein Ohr nicht leih’n.

Lied I. 6, 08
Abwesenheit des Geliebten.
Seite 150

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Abwesenheit des Geliebten.

Ach, da pflückt er Kŏ-Gerank, –
Und ein Tag, ohn’ ihn zu sehen,
Wird mir ja drei Monde lang!

Ach, da pflückt er Stabwurz heut, –
Und ein Tag, ohn’ ihn zu sehen,
Wird mir dreier Herbste Zeit!

Ach, da pflückt er Beifuß ein, –
Und ein Tag, ohn’ ihn zu sehen,
Ist als ob’s drei Jahre sei’n.

Lied I. 6, 09
Warum sie nicht gekommen.
Seite 151

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Warum sie nicht gekommen.

Mit Rasseln bracht’ ein großer Wagen
Ein schilfgrün Galakleid getragen. 1
Wie hätt’ ich deiner nicht gedacht?
Furcht vor dem Herrn ließ mich’ nicht wagen.

Ein großer Wagen knarrend naht,
Ein Galakleid drin wie Granat.
Wie hätt’ ich deiner nicht gedacht? –
Furcht vor dem Herrn verbot den Pfad.

Im Leben ist dein Haus nicht mein’s,
Im Tod ist unser Grab nur ein’s.
Du sagst, ich sei dir nicht getreu?
Ich bin’s, beim Licht des Sonnenscheins!

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1 – Die Galakleider bezeichnen den hohen Beamten, den „Herrn“, dessen scharfe Sittenpolizei sie am Kommen gehindert hat.

Lied I. 6, 10
Die Liebhaber sind ausgeblieben.
Seite 152

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Die Liebhaber sind ausgeblieben.

Am Hügel wächst der Hanf, ei siehe,
Da hält wohl Eine den Tsè-tsīe;
Hält da wohl Eine den Tsè-tsīe, –
O daß er doch vergnüglich hierher fliehe!

Am Hügel wächst der Weizen so,
Da hält wohl Eine den Tsè-kuŏ;
Hält da wohl Eine den Tsè-kuŏ, –
O käm’ er, meiner Mahlzeit froh!

Am Hügel bei dem Pflaumenhaine,
Da hält wohl diese Herrchen Eine;
Hält da wohl diese Herrchen Eine, –
Sie schenken mir doch Gurtgesteine.

Ersten Teiles siebtes Buch:
Tschhing.

1 – Tschhing war ein jüngerer, erst 805 v. Chr. gestifteter Lehnsstaat, und Fürst Wú der zweite Regent.

Lied I. 7, 01
Ergebenheitsbezeugungen des Volks für d. Fürsten Wù (773 – 742).
Seite 153

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Ergebenheitsbezeugungen des Volkes für den Fürsten Wù (773 – 742).1

Das schwarze Kleid, wie steht es ihm so schicklich! 2
Ist’s abgetragen, so erneuern wir’s augenblicklich.
Auf! geh’n wir zu des Herrn Palast und Saale,
Und senden, heimgekehrt, dem Herrn Gerichte hin zum Mahle. 3

Das schwarze Kleid, wie steht’s ihm so erfreulich!
Ist’s abgetragen, so erneuern wir’s getreulich.
Auf! geh’n wir zu des Herrn Palast und Saale,
Und senden, heimgekehrt, dem Herrn Gerichte hin zum Mahle.

Das schwarze Kleid, wie steht es ihm so füglich!
Ist’s abgetragen, so erneuern wir’s unverzüglich.
Auf! Geh’n wir zu des Herrn Palast und Saale,
Und senden, heimgekehrt, dem Herrn Gerichte hin zum Mahle.

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2 – Schwarz war die Hauskleidung königlicher Minister, Wú war daher wohl zugleich ein solcher.
3 – Das Volk will erst sehen, ob der Palast gehörig im Stande sei, und dann den Tisch des Fürsten versorgen. Das Lied mochte zum Empfange des Fürsten gemacht sein.

Lied I. 7, 02
Mädchenbitte.
Seite 154

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Mädchenbitte.

Ich bitte, Tschúng-tsè, höre mich!
Steig’ nicht in unser Dörfchen her,
Zerbrich nicht unsre Weidenpflanzen mehr!
Wie wagt’ ich es und liebte dich?
Vor meinen Eltern fürcht’ ich mich.
Du, Tschúng, magst mir im Sinne sein;
Doch vor der beiden Eltern Reden
Darf ich der Furcht wohl inne sein,

Ich bitte, Tschúng-tsè, höre mich!
Steig’ über unsern Wall nicht wieder,
Brich nicht die Maulbeerpflanzen nieder!
Wie wagt’ ich es und liebte dich?
Ich fürchte meine ältern Brüder.
Du, Tschúng, magst mir im Sinne sein;
Doch vor der ältern Brüder Reden
Darf ich der Furcht wohl inne sein.

Ich bitte, Tschúng-tsè, höre mich!
Steig’ nicht durch unsern Gartenzaum,
Brich nicht die Sandelpflanzen, die wir bau’n!
Wie wagt’ ich es und liebte dich?
Der Leute Reden fürcht’ ich, die es schau’n.
Du, Tschúng, magst mir im Sinne sein;
Doch vor der Leute vielen Reden
Darf ich der Furcht wohl inne sein.

Lied I. 7, 03
Lob des Prinzen Schu.
Seite 155

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Lob des Prinzen Schŭ. 1

Wenn Schŭ die Jagd forttrieb,
Ist keiner, der im Orte blieb.
„Wie, Keiner, der im Orte blieb?“
Nein, auch nicht Einer, der wie Schŭ,
So wahrhaftig brav und leutelieb!

Ist Schŭ zur Jagd im Hain,
Trinkt Keiner mehr im Orte Wein.
„Wie, und da tränke Keiner Wein?“
Nein, auch nicht Einer, der wie Schŭ,
So wahrhaft brav und gut kann sein.

Wenn Schŭ im Felde fährt,
Zäumt Keiner mehr im Ort ein Pferd.
„Wie, Keiner zäumte mehr ein Pferd“?
Nein, auch nicht Einer, der wie Schŭ
So wahrhaft brav und kampfbewährt.

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1 – Prinz Túan, als dritter Sohn des Fürsten Wú, Schŭ genannt, war ein Bruder von Wú‘s Nachfolger Tschunäng (742 v. Chr.). „Er taugte nichts und doch gewann er alle; die Leute im Lande liebten ihn“. (Tschü-hï).

Lied I. 7, 04
Prinz Schŭ als Wagenlenker und Jäger.
Seite 156

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Prinz Schŭ als Wagenlenker und Jäger.

Schŭ ist zum Jagen aus,
Er fährt sein Viergespann,
Hält Fäden gleich die Zügel an,
Die Außenrosse tanzen dran. 1
Schŭ ist im wilden Bruch:
Feuer und Flammen sprühen hinan; 2
Nacktarmig packt er den Tiger an,
Und bringt ihn vor den Fürsten dann.
Schŭ, stelle das nicht nochmals an!
Meid’s (vermeide), daß er dich zerfleischen kann!

Schŭ ist zu Jagen aus,
Er fährt den Falbenzug,
Gleich sind die Deichselroß’ am Bug,
Die Außenroß’ im Kranichflug. 3
Schŭ ist im wilden Bruch:
Feuer und Flammen lodern g’nug;
Wie schießt da Schŭ so prächtig, ah!
Wie lenkt er denn so mächtig, ah!
Wie treibt er an, wie hält er, ah!
Wie zielet er, wie schnellt er, ah!

Schŭ ist zum Jagen aus,
Vier Apfelschimmel vor;
Die inner’n gleich mit Kopf und Ohr,
Die äußern stellen Hände vor.
Schŭ ist im Bruch und Moor;
Feuer und Flammen sprüh’n empor.
Schŭ’s Rosse geh’n gelassen, ah!
Schŭ will mit Schießen passen, ah!
Den Köcher abgezogen, ah!
Verschließt er seinen Bogen, ah!

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1 – Die vier Rosse sind neben einander gespannt, die beiden inneren an die Deichsel, während die beiden äußeren, mit etwas kürzeren Strängen, freier laufen. Die Zügel der Letzteren gingen durch Gleitringe, die an den Brustspangen der Deichselrosse befestigt waren.
2 – Das Anzünden von Feuern diente zum Auftreiben des Wildes.
3 – Wie Kraniche keilförmig fliegen, so sind die Deichselrosse voran, die Außenrosse etwas hinter ihnen zurück.

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(Je länger ich mit dem Abschreiben der Lieder beschäftigt bin, um so öfter habe ich die Vision von meinem Ururgroßvater Victor, wie er sich mit der Übersetzung daran herum plagt. Er hat dabei seine Pfeife in der Hand, nimmt immer wieder mal einen kräftigen Zug und feilscht mit Worten, um sie passend zu machen. Seine Wortschöpfungen sind oftmals schon recht abenteuerlich, aber auch sehr mutig. Ich kann mir gut vorstellen, wie er sich selbst dabei das eine und andere Mal innerlich überwinden mußte, es so niederzuschreiben.
Aber wenn man recht hinhört, versteht man, was er und die Lieder mitzuteilen haben.)

Lied I. 7, 05
Waffenübungen der Grenztruppen.
Seite 158

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Waffenübungen der Grenztruppen.

Die Männer von Thsīng, sie erschienen in P’hûng;1
Vierspanne, gepanzerte, schnauben im Sprung.
Zwei Lanzen darinnen und doppelter Flunk, 2
So tummeln sie neben dem Strom sich im Schwung.

Die Männer von Thsīng, nach Siāo sie gingen;
Vierspanne, gepanzert, tanzen und springen,
Zwei Lanzen darinnen und doppelte Klingen, 3
So sieht man am Strome sie spielend sich schwingen.

Die Männer von Thsīng sind in Tschŭ’s Gebiet;
Vierspanne, gepanzert, fliegen im Glied;
Wer links, der wendet; wer rechts, der zieht.
Es freut sich der Führer des Heers, der es sieht.

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1 – P‘hûng, Siäo und Tschŭ waren Grenzlandschaften am Hoäng-ho, der vorzugsweise der „Strom“ (ho) heißt.
2 – Flunk – der Federschmuck an den Lanzen.
3 – „Klingen“ – die eisernen Hakenspitzen der Lanzen.

Lied I. 7, 06
Lob eines hohen Beamten.
Seite 159

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Lob eines hohen Beamten.

Im Lämmerpelz von weichem Haar, 1
Traun=wirklich, glatt und zierlich immerdar,
Beharret dieser Ehrenmann
An seiner Pflicht unwandelbar.

Im Lämmerpelz mit Pardels Rand,
Gar tapferlich mit fester Hand,
Verwaltet dieser Ehrenmann
Gerechtes Regiment im Land.

Im Lämmerpelz, so schön und fein,
Mit Säumen, glänzenden, zu drei’n;
O, so wird dieser Ehrenmann
Allzeit des Landes Zierde sein.

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1 – Der Lämmerpelz mit Verbrämung von Pardelfell (das kann sowohl Tiger- als auch Pantherfell sein) und dreifachem Besatz war die auszeichnende Kleidung im hohen Amt.

Lied I. 7, 07
Bitte um Versöhnung.
Seite 160

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Bitte um Versöhnung.

Den Heerweg hab’ ich eingehalten,
Und fasse, halte dich an deines Ärmels Falten.
O lass’ den Haß auf mich nicht walten!
O nicht so schnell laß ab vom Alten!

Den Heerweg hab’ ich eingehalten,
Und fass’ und halte dich nun fest an deinen Händen.
O wolle dich nicht von mir wenden!
O nicht so schnell laß Liebe enden!

Lied I. 7, 08
Die gute Hausfrau.
Seite 161

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Die gute Hausfrau.

Die Frau die sagt: „Da kräht der Hahn!“
Der Mann der sagt: „Kaum Dämm’rung wacht!“
„Steh auf, mein Herr, beschau’ die Nacht!
Der Morgenstern erglänzt in Pracht.
Drum rege dich, drum rühre dich;
Und geh’ zur Gäns- und Entenjagd.

Und schossest du und trafest du,
So richt’ ich dir’s geziemend zu,
Geziemend trinken wir den Wein,
Ich geh’ mit dir in’s Alter ein,
Es klingen Laut’ und Harfe drein;
Und nicht fehlt Eintracht und Gedeih’n.

Und weiß ich, wen du möchtest bei dir haben,
Mit Gurtgehängen will ich sie begaben; 1
Und weiß ich, daß sie williglich erschienen,
Von meinen Gurtgehängen schenk’ ich ihnen;
Und weiß ich, daß sie sich dir lieb gesellten,
Mit Gurtgehängen will ich es vergelten!

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1 – Dergleichen Gurtgehänge bestanden aus sieben kostbaren, durch Perlenschnüre verbundenen Steinen. Eine Abbildung davon gibt Legge zu diesem Lied. *
* Ich weiß aber nicht wo das sein soll! H. Fischer

Lied I. 7, 09
Preis der schönen Mung-Kiang.
Seite 162

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Preis der schönen Mùng-Kiāng.

Es ist ein Weib mit in dem Wagen,
Von Antlitz wie die Rose schön. 1
Wenn sie sich regt, wenn sie sich schwang,
Klingt ihres Gurtgesteins Getön.
Das ist die liebliche Mùng-Kiāng, 2
So lieblich und so wunderschön.

Es ist ein Weib mit auf dem Gang’;
Der Rose gleich, die kaum entsprang. 1
Wenn sie sich regt, wenn sie sich schwang,
Klingt ihrer Gurtgesteine Klang.
Das ist die liebliche Mùng-Kiāng;
Ihr Tugendruhm kennt nicht Vergang-(enheit.

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1 – Wörtlich: „ Von Angesicht wie die Schún-Blüte“ (Str. 1) oder „Schún-Blume“ (Str. 2). Nach Legge gehört diese Blume zum Malvengeschlecht und blüht sehr schön, aber nur kurze Zeit. Schwerlich wollte der Dichter in einem solchen Lied auf die kurze Dauer anspielen
2 – „Múng‘“ bezeichne die Ältestgeborene.

Lied I. 7, 10
Der Geliebte wird verspottet.
Seite 163

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Der Geliebte wird verspottet.

Auf Bergen da sind Bäumelein,
Im Tale sind Seerosen fein.
Ich sehe nicht den Schönsten mein,
Seh’ einen Kindskopf nur, o Pein!

Auf Bergen schaun die Fichten wir,
Den Knöterich im Talrevier.
Ich sehe nicht der Männer Zier,
Ein falsches Büblein seh’ ich hier.

Lied I. 7, 11 Aufforderung. Seite 164

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Aufforderung. 1

O dürres Laub, o dürres Laub,
Wie du dahin treibst in den Winden!
O Trefflicher, o Wertester,
Nur vor! du sollst mich willig finden.

O dürres Laub, o dürres Laub,
Wie dich dahin die Winde wehen!
O Trefflicher, o Wertester,
Nur vor! ich werde mit dir gehen.

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1 – Die ältere Auslegung findet in diesem Lied eine Aufforderung zum kräftigen politischen Vorgehen; Tschü-hï die Aufforderung eines verliebten Weibes an ihren Geliebten. Die Stellung des Liedes in der Reihenfolge dürfte zeigen, daß auch Khùng-tsè der Ansicht Tschü-hï‘s gewesen sei.

Lied I. 7, 12
Laune gegen Laune.
Seite 165

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Laune gegen Laune.

O dieser ränkevolle Bursch!
Er wollte mir auch nicht ein Wörtlein gönnen.
Und um des Herren willen nur,
Sollt’ ich auch selber nun nicht einmal essen können?

O dieser ränkevolle Bursch!
Mit mir zu essen, war ihm nicht gelegen.
Und um des Herren willen nur,
Sollt’ ich auch selber nun nicht können Ruhe pflegen?

Lied I. 7, 13 Trotz. Seite 166

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Trotz.

Bist du in Liebe meiner gedenk,
Will ich mich schürzen, den Tsīn zu durchwaten. 1
Wärest du nicht mehr meiner gedenk,
Braucht’ eines anderen ich zu entraten?
( entraten = veraltet für entbehren)
O du törichtster aller törichten Burschen, oh!

Bist du in Liebe meiner gedenk,
Will ich mich schürzen, den Wèi zu durchwandern. 1
Wärest du nicht mehr meiner gedenk,
Fänd’ ich da nicht bald Einen der Andern?
O du törichtster aller törichten Burschen, oh!

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1 – Tsïn und Wèi waren ein paar Flüsse in Tschhing.

Lied I. 7, 14 Reue. Seite 167

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Reue.

Wie war’s ein Herr voll Trefflichkeit;
Der mich erwartet’ an der Gasse Seiten;
Wie reut’s, daß ich ihn nicht gewollt begleiten.

Wie war’s ein Herr von bestem Range,
Der mich erwartet’ an dem Vorhofgange;
Wie reut’s, daß ich nicht hinging zum Empfange.

– Nun birgt ein Mantel meine Zier,
– Mein Prachtgewand deckt einfach Kleid.
– O Herr, o Freund, ich bin bei dir
– Im Wagen fortzugeh’n bereit.

– Mein Prachtgewand deckt einfach Kleid,
– Es birgt ein Mantel meine Zier.
– O Herr, o Freund, im Wagen hier
– Fahr ich zur Hochzeit fort mit dir.

Lied I. 7, 15 Abwesenheit. Seite 168

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Abwesenheit.

An des Ostentores Breite
Blüht der Krapp dem Wall zur Seite.
Ach das Haus, da ist es nah,
Doch sein Herr ist in der Weite.

Bei des Tor’s Kastanien drauß’
Steh’n gereihet Haus an Haus.
Wie gedächt’ ich da nicht deiner?
Doch du trittst mir nicht heraus.

Lied I. 7, 16
Des Gemahls glückliche Heimkehr.
Seite 169

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Des Gemahls glückliche Heimkehr.

Mag Wind und Regen frostig sein,
Der Hahn sein Kikeriki auch schrei’n;
Nun ich den hohen Mann geseh’n
Wie sollt’ ich nicht zufrieden sein?

Mag Wind und Regen sausend weh’n,
Der Hahn sein Kikeriki auch kräh’n;
Nun ich den hohen Mann geseh’n,
Wie sollte mir’s nicht wohl ergeh’n?

Ob Wind und Regen dunkel droh’n,
Der Hahn auch kräh’ ohn’ Ende so;
Nun ich den hohen Mann geseh’n,
Wie wär’ ich nicht von Herzen froh?

Lied I. 7, 17
Die Vernachlässigte.
Seite 170

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Die Vernachlässigte.

Gehest nun im blauen Kragen, 1
Und mein Herz will schier verzagen.
Darf ich auch zu dir nicht geh’n,
Konntest du denn nichts mir lassen sagen?

Hast den blauen Gurt genommen, 1
Und ich sinne tief beklommen.
Darf ich auch zu dir nicht geh’n,
Hättest Du nicht können kommen?

Ach du tanzest, loser Lauer,
In den Türmen auf der Mauer; 2
Und ein Tag, ohn’ dich zu seh’n,
Hat mir dreier Monden Dauer!

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1 – Die blaue Farbe von Kragen und Gürtel bezeichnet den Gelehrten der ersten Stufe.
2 – Verrufene Belustigungsorte.

Lied I. 7, 18
Treue und Vertrauen.
Seite 171

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Treue und Vertrauen.

Ein angestautes Wasser
Flößt Dornenbündel nicht herzu.
Gar wenige nur sind sich Brüder;
Wir aber sind es, ich und du.
Vertraue nicht auf andrer Leute Reden!
Sie tragen dir nur Lügen zu.

Ein angestautes Wasser
Flößt Brennholzbündel nicht herbei.
Gar wenige nur sind sich Brüder;
Wir aber sind es uns, wir zwei.
Vertraue nicht auf andrer Leute Reden!
Sie meinen es fürwahr nicht treu.

Lied I. 7, 19
Die einfach Einzige.
Seite 172

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Die einfache Einzige.

Da draußen vor dem Ostertor
Sind Mädchen wie ein Wolkenzug;
Doch ob sie wie ein Wolkenzug;
Mein Sinn nimmt nicht dahin den Flug.
Ein weißes Kleid, ein buntes Tuch.
O sie erfreu’n mich all genug.

Da draußen vor dem Mauertor
Sind Mädchen wie ein Blumenflor;
Doch ob sie wie ein Blumenflor,
Mein Sinn ist nicht bei ihrem Chor;
Ein weißes Kleid, ein roter Flor,
Sie geh’n mir allen Freuden vor.

Lied I. 7, 20 Zufällige Begegnung. Seite 173

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Zufällige Begegnung.

Auf dem Feld die Rankenpflanzen
Waren dicht von Tau beflogen;
Und da war voll Anmut Einer;
Mit den schönsten Augenbogen.
Zufall führt’ uns zu einander
Und er wies sich mir gewogen.

Auf dem Feld die Rankenpflanzen
Waren dicht besprengt vom Tauen;
Und da war voll Anmut Einer,
Mit den schönsten Augenbrauen.
Zufall führt’ uns zu einander;
Uns im vollsten Glück zu schauen.

Lied I. 7, 21
Frühlingsfest in Tschhing.
Seite 174

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Frühlingsfest in Tschíng.

In dem Tsīn und Wèi
Schmolz das Eis an allen Enden;
Männer so wie Frauen
Tragen Lilien in Händen. 1
Sagt die Frau:“Ob wir’s beschauen?“
Sagt der Mann: „Ist (doch) schon gescheh’n!“
„O noch einmal gehn wir schauen!
Draußen an dem Wèi
Ist ja Raum, der Lust zu denken,
Da die Männer mit den Frauen
Sich ergeh’n in Scherz und Schwänken
Und sich mit Päonien beschenken“ 2

In den Tsīn und Wèi
Liegt die Tiefe schon im Klaren;
Männer samt den Frauen
Sammeln sich in vollen Scharen.
Sagt die Frau:“Ob wir’s beschauen?“
Sagt der Mann: „Ist schon gescheh’n!“
„O noch einmal geh’n wir schauen
Draußen an dem Wèi
Ist ja Raum an Lust zu denken,
Da die Männer mit den Frauen
Sich ergeh’n in Scherz und Schwänken
Und sich mit Päonien beschenken.

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1 – „Lilien“ – das chinesische „kiän“ ist vermutlich das Chrysanthemum indicum. (= eine Herbstcrysantheme.)
2 – „Jŏ“ ist die kleine wohlriechende Päonie (= eine Pfingstrose).

Ersten Teiles achtes Buch: T h s i.

1 – Thsi war einer der ältesten und größten Lehnsstaaten unter der Tschëu-Dynastie. Es lag in der jetzigen Provinz Schän-tüng zwischen dem Hoäng-hó und dem Meer.
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Lied I. 8, 01
Tagelied eines fürstlichen Paares.
Seite 175

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Tagelied eines fürstlichen Paars.

„Schon ließ der Hahn sein Kräh’n erschallen;
Der Hof erfüllet schon die Hallen.“ –
„Das war noch nicht des Hahnes Kräh’n;
Die Fliegen machten dies Getön.“ –

„Schon ist der Osten licht/hell erglommen;
Der Hof ist schon zusammen (ge-)kommen.“
„Noch lichtet es sich ja im Osten nicht;
Das ist des Mondenaufgangs Licht.“ –

„Die Fliegen summen ja im Vollen,
Und süß wär’s neben dir noch träumen wollen;
Doch die Versammlung geht davon:
Laß’ nur nicht etwa mir und dir sie grollen.“

Lied I. 8, 02
Jägerkomplimente und Prahlerei.
Seite 176

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Jägerkomplimente und Prahlerei.

Wie ist der Herr so viel gewandt!
Im Nâogebirg’ war’s, wo ich mich mit ihm zusammenfand.
Wir beide sind zugleich zwei Ebern nachgerannt;
Da hat er sich verneigt und mich geschickt genannt.

Wie ist der Herr so schön gesetzt!
Im Nâogebirge hab’ ich ihn am Weg getroffen letzt.
Wir beide haben dort zwei Stück Wild gehetzt;
Da hat er sich verneigt und tüchtig mich geschätzt.

Wie ist der Herr so unverzagt!
Im Nâogebirge traf ich ihn, wo das gen Süden ragt.
Wir beide haben dort zwei Wölfen nach gejagt;
Da hat er sich verneigt und ich sei brav gesagt.

Lied I. 8, 03 Brautempfang. Seite 177

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Brautempfang.

Er harrte meiner an dem Vordertor, ahi!
Der Schnurbehang war weiß bei seinem Ohr, ahi! 1
Und an ihm blinkten bunte Edelstein’ hervor, ahi! 2

Er harrte meiner in dem Mittelsaal, ahi!
Sein Schnurbehang beim Ohr war grün zumal, ahi!
Und an ihm blinkte roter Edelsteine Strahl, ahi!

Er harrte mein im inneren Gemach, ahi!
Sein Schnurbehang beim Ohr war gelb danach, ahi!
Dran blinkten grüne Edelsteine mannigfach, ahi!

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1 – Seidene mit Edelsteinen geschmückte Schnüre hingen von der Kopfbedeckung neben den Ohren herab.
2 – Statt der fremden Namen der Edelsteine ist deren Farbe angegeben, wie sie von den Auslegern angenommen werden.

Lied I. 8, 04
Zutulichkeit (Zutraulichkeit) und Scheu.
Seite 178

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Zutulichkeit und Scheu.

Wenn im Osten wird die Sonne wach,
O welch allerliebstes Mädchen
Ist in meinem Wohngemach!
Ist’s in meinem Wohngemach,
Spürt’s nach mir und kommt mir nach.

Wenn im Osten tritt der Mond herfür;
O welch allerliebstes Mädchen
Ist dann binnen meiner Tür!
Ist’s dann binnen meiner Tür,
Spürt’s nach mir und flieht von mir.

Lied I. 8, 05
Unzeitige Geschäftigkeit des Fürsten.
Seite 179

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Unzeitige Geschäftigkeit des Fürsten.

Bevor es noch im Osten klar,
Verkehrt ich in die Kleider fahr’,
Hier überquer, dort umgekehrt,
Weil mein bereits der Fürst begehrt.

Bevor’s in Osten dämmern kann,
Werf ich verkehrt die Kleider an,
Hier umgekehrt, dort überquer,
Denn schon berief der Fürst mich her.

Umzäumt man Gärten nur mit Weiden,
Wird auch ein Schwachkopf scheu sie meiden.
Wer Tag und Nacht nicht weiß zu scheiden,
Fehlt, wenn nicht früh, dann spät an beiden.

Lied I. 8, 06
Unerlaubte Leidenschaft.
Seite 180

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Unerlaubte Leidenschaft. 1

Auf Südgebirges hohen Zinnen
Wird sein der Fuchs so einsam innen.
Der Weg nach Lù geht grad hinaus;
Den zog die Tochter Thsî’s von hinnen; 2
Und zog sie ihn einmal von hinnen,
Was kannst du denn auf sie noch sinnen?

Von Zeugschuh’n gibt’s fünf Paar zu reihen,
Hutbänder trägt man auch zu zweien.
Der Weg nach Lù geht grad hinaus;
Den hat die Tochter Thsî’s genommen; 2
Und hat sie ihn einmal genommen,
Wie kannst du denn an sie noch kommen? –

Den Hanf zu säen, wie fängt man’s an?
Man pflügt sein Feld hinab, hinan.
Ein Weib zu freien, wie fängt man’s an?
Man geht darum die Eltern an. 3
Und da sie angegangen waren,
Wie darfst du ihr denn so willfahren? 4

Das Holz zu hauen, wie fängt man’s an?
Nicht ohne Beil kann man es zeigen.
Ein Weib zu freien, wie fängt man’s an?
Ohn’ Werberin wird’s nicht dein eigen. 5
Und ward sie nur einmal dein eigen,
Wie kannst du denn zum Ärgsten schweigen? 6

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1 – Fürst Siäng von Thsi liebte eine nah verwandte Prinzessin seines Hauses Namens Wen-Kiäng, obgleich diese bereits an den Fürsten Huân von Lù vermählt war. Sie erwiderte seine Leidenschaft und bewog ihren Gemahl zu einem Besuch bei Siäng, von welchem er dann ermordet wurde. Das Lied wurde offenbar noch vor dieser Katastrophe gedichtet und wendet sich in den beiden ersten Strophen an Siäng, in den beiden letzten an Huân.
2 – …nämlich zu ihrer Vermählung mit Huân von Lù, welche im Jahre 708 v. Chr. statt fand.
3 – Hier sind die eigenen Eltern gemeint, die zuerst in eine Verbindung des Sohnes willigen müssen. Fürst Huân, dessen Eltern bereits verstorben, hatte seiner Pflicht dadurch genügt, daß er ihnen im Ahnensaal seine beabsichtigte Heirat angezeigt hatte.
4 – Dies bezieht sich auf die Nachgiebigkeit Huân‘s in Betreff der verhängnisvollen Reise.
5 – Daß eine Verehelichung durch eine Werberin vermittelt werde, gehörte zu den vorgeschriebenen Bräuchen.
6 – Dieses ärgste, äußerste ist die unbesonnene Reise.

Lied I. 8,07
Nach Versagtem trachten bringt Leid; alles kommt zu seiner Zeit!
Seite 182

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Das ist eines meiner Lieblingslieder, weil die ersten zwei Verse viel Weisheit ausdrücken.

Nach Versagtem trachten bringt Leid; alles kommt zu seiner Zeit.

Ackre nicht zu große Äcker,
sonst wird Unkraut überwiegen;
Denke nicht an ferne Menschen,
Sonst wird Gram dein Herz besiegen.

Ackre nicht zu große Äcker,
Sonst wird Unkraut hoch sich mehren;
Denke nicht an ferne Menschen,
Sonst wird Gram dein Herz verzehren.

Mag der Knab’ es zierlich finden,
Hörnern gleich sein Haar zu winden;
Eh’ man’s denkt, erscheint der Gute
Aufgeschossen und im Hute.

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Und seltsamer Weise habe ich mich irgendwie schon seit früher Jugend ähnlich verhalten. Oft habe ich zu mir gesagt: “Warte ab, alles kommt zu seiner Zeit!”, und das meiste davon ist dann auch nach und nach eingetreten. Und so kann ich heute mit 73 Jahren sagen, ich bin gesegnet mit einer liebevollen Familie und bin ein zufriedener Mensch.
(Was nicht bedeutet, daß es nicht auch tägliche Mühen und Sorgen gibt, aber das gehört dazu!)
H. Fischer, am 21. August 2019.

Lied I. 8, 08
Die Jagdhunde und der Jäger.
Seite 183

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Die Jagdhunde und der Jäger.

Die Meute klingelt hin;
Ihr Herr ist schön und von gar edlem Sinn.

Die Meute geht gepaart; 1
Ihr Herr ist schön und stattlich ist sein Bart.

Die Meut’ hat Doppelringe; 2
Ihr Herr ist schön und tüchtig aller Dinge.

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1 – Die Hunde sind je zwei an Halsringen gekoppelt.
2 – Ein Ring steckt in dem andern.

Lied I. 8, 09
Wen-Kiang‘s freche Besuche in Thsi nach ihres Gemahls Ermordung.
Seite 184

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Wên-Kiāng’s freche Besuche in Thsî nach ihres Gemahls Ermordung. 1

Zerbroch’ne Reusen sind am Damm,
Beim Brassen- und beim Karpfenvolke.
Die Tochter Thsî’s, sie kehrt zurück,
Und ihr Gefolge gleicht der Wolke.

Zerbroch’ne Reusen sind am Damm,
Dabei sich Brass’ und Schlei’ bewegen.
Die Tochter Thsî’s, sie kehrt zurück,
Und ihr Gefolge gleicht dem Regen.

Zerbroch’ne Reusen sind am Damm,
Frei geh’n die Fische durch die Ruten.
Die Tochter Thsî’s, sie kehrt zurück,
Und ihr Gefolge gleicht den Fluten.

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1 – Fürst Tschuäng, des ermordeten Huân Sohn und Nachfolger, hätte diese Besuche nicht dulden sollen, allein er war wie eine zerbrochene Reuse, welche die Fische nicht festzuhalten vermag, daher Wên-Kiäng ungehindert und noch dazu mit großem Gefolge diese Reise machte.

Lied I. 8, 10
Nochmals Wen-kinang‘s Schamlosigkeit.
Seite 185

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Nochmals Wên-Kiāng’s Schamlosigkeit.

Der Wagen  rollt in raschem Lauf;
Rot-ledern Deck’ und Sitz darauf.
Der Weg nach Lù geht grad hinaus;
Thsî’s Tochter bricht gen Abend auf.

Stolz prangt der Rosse Viergespann,
Schlaff hängen ihm die Zügel an.
Der Weg nach Lù geht grad hinaus;
Thsî’s Tochter blicket dreist hinan.

Die Flut des Wén geht hoch einher;
Der Wandrer kommen mehr und mehr.
Der Weg nach Lù geht grad hinaus;
Thsî’s Tochter fährt kaltblütig her.

Die Flut der Wén strömt reißend dort;
Der Wanderer Scharen zieh’n zu Ort.
Der Weg nach Lù geht grad hinaus;
Thsî’s Tochter fährt gleichmütig fort.

Lied I. 8, 11
Klage im Preise des Fürsten Tschuäng von Lu.
Seite 186

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Klage im Preise* des Fürsten Tschuāng von Lù. 1

*Da bin ich mir nicht sicher ob das wirklich so heißt, vielleicht sollte das “im Kreise” heißen!

Ach ja, wie hoch er sich erschwang!
Wie groß gebaut er ist und schlank!
Wie er der Schönheit Preis errang!
Wie blickt sein Auge frei und frank!
Wie leicht und wie gewandt sein Gang!
Wie seines Schießens Ruhm erklang!

Ach ja, wie ist er lobebar! ´
(„lobe bar = das bedeutet eigentlich „nicht wert zu loben“!)
Wie sind die schönen Augen klar!
Sein Anstand, wie vollkommen gar!
Er schießet tag’lang nach der Scheibe,
Und bietet keinen Fehlschuß dar.
Ja, unser Neff’ ist er fürwahr! 2

Ach ja, er ist voll Zierlichkeit,
An Aug’ und Stirn ganz Lieblichkeit!
Tanzt er, ist’s Auserlesenheit;
Schießt er, wie trifft er allezeit!
Vier Pfeile folgen Schneid’ auf Schneid’,
Zu bänd’gen Unbotmäßigkeit.

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1 – S. Anm. zu 8, 9. Die Klage über Tschuäng‘s Schwäche gegen das sträfliche Betragen seiner Mutter verbirgt und zeigt sich nur in dem bedauernden Ausruf „Ach ja!“ (jï-tsïe), womit jede Strophe beginnt.
2 – Er ist der Neffe von Thsi, d. h. von dessen Fürsten.

Ersten Teiles neuntes Buch:
W é i.

1 – Dieses Wéi, nicht zu verwechseln mit dem Wéi des fünften Buches, war ein kleines Fürstentum in der jetzigen Provinz Schän-sï und wurde 660 v. Chr. zu dem Staate Tsin geschlagen.
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Lied I. 9, 01
Unschicklichkeiten der Vornehmen in Wei.
Seite 187

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Unschicklichkeiten der Vornehmen in Wéi.

Auf den dünnen Schuh’n von Kŏ 2
Mögen sie bei Raufrost gehen.
Ihrer Bräute zarte Hände
Mögen Männerkleider nähen,
Säumen sie, verbrämen sie;
Herrn von Stande nehmen sie.

Ruhig stellt ein Herr von Stand’
Sich in Demut linker Hand, – 3

(3 – Hier scheint ein Vers ausgefallen zu sein, schreibt Victor – er meinte aber natürlich eine Zeile, denn Vers kann beides bedeuten Zeile o. Vers.
Allerdings hat ein Vers mehrere Zeilen!)

Elfnen (aus Elfenbein) Kamm am Gürtelband!
Ei, sind das beschränkte Herzen,
Da ist Spott wohl angewandt.

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2 – Die öfter vorkommende rankende Faserpflanze.
3 – Hier scheint ein Vers ausgefallen zu sein.

Lied I. 9, 02
Der ungeeignete Hofbeamte.
Seite 188

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Der ungeeignete Hofbeamte.

Dort in dem nassen Sumpf des Fên
Sieht man sie Ampfer pflücken geh’n.
Und Der, o freilich, dieser Herr
Ist außer Maßen schön;
Doch, außer Maßen schön,
Taugt Fürstenwagen er nicht vorzusteh’n.

Dort wo dem Fên ein Ufer ward,
Da pflückt man Maulbeerblätter zart.
Und Der, o freilich, dieser Herr
Ist schön in Blütenart,
Doch, schön in Blütenart,
Taugt er als Ordner nicht zur Fürstenfahrt.

Dort wo der Fên sich biegt hinein,
Sammeln sie Wasserweg’wart ein.
Und Der, o freilich, dieser Herr
Ist schön wie Edelstein;
Doch, schön wie Edelstein,
Taugt er doch nicht, am Fürstenhof zu sein.

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1 – Der Fên war ein Fluß dieses Fürstentums Wéi.

Lied I. 9, 03
Heimlicher Kummer über den herannahenden Verfall des Landes.
Seite 189

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Heimlicher Kummer über den herannahenden Verfall des Landes.

Wer Pfirsich’ heget (pflegen) ein,
Ißt Früchte, wie sie dran gedeih’n.
In meines Herzen Kümmernis
Sing ich zur Laut’ und sing allein;
Und wer mich nicht genauer kennt,
Der sagt, ich müß’ ein Herr voll Dünkel sein. –
„Die Leute, ei, Recht haben sie.
Was sagst du selbst davon denn? wie?“ –
Ach meines Herzens Kümmernis,
Wer unter allen kennet die?
Wer unter allen kennet die?
Auch denken sie daran wohl nie!

Wer sich Jujuben (= ein Beerenstrauch) hegt,
Ißt Früchte, wie sein Garten trägt.
In meines Herzen Kümmernis
Da hab’ ich mich durch’s Land bewegt;
Und wer mich nicht genauer kennt,
Der sagt, ich sei ein Herr, der ohne Zweck sich regt. –
„Die Leute, ei, Recht haben sie.
Was sagst du selbst davon denn? wie?“ –
Ach meines Herzens Kümmernis,
Wer unter allen kennet die?
Wer unter allen kennet die?
Auch denken sie daran wohl nie!

Lied I. 9, 04
Gedanken des jungen Kriegers an das Elternhaus.
Seite 190

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Gedanken des jungen Kriegers an das Elternhaus.

Ich steig’ hinan die kahlen Höh’n,
Nach meinem Vater auszuseh’n.
Der Vater sagt: Ach wehe mir, mein Sohn ging fort im Dienst,
Muß Tag und Nacht sich rastlos treiben!
O sorget’ er vor allem nur,
Zu kehren und nicht auszubleiben!

Ich steig’ hinan den Berg, den rauen,
Nach meiner Mutter auszuschauen.
Die Mutter sagt: Ach wehe mit, mein Kind ging fort im Dienst,
Muß Tag und Nacht dem Schlaf entsagen!
O sorget’ er vor allem nur,
Zu kehren und nicht hinzuschlagen!

Ich steig hinan den Bergesrücken,
Nach meinem Bruder auszublicken.
Der Bruder sagt: Ach wehe mir, mein Bruder ging im Dienst,
O sorget’ er vor allem nur,
Zu kehren und nicht umzukommen!

Lied I. 9, 05
Verbauerung der Vornehmen in Wei.
Seite 191

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Verbauerung der Vornehmen in Wéi, 1

„Wenn auf den Ackerstücken, diesen zehen, (also 10 Stück)
Die Maulbeerpflanzer ganz in Muse stehen,
So werd’ ich mit dem Herrn zurückegehen.“

„Wenn an der zehen Ackerstücke Seiten
Die Maulbeerpflanzer unbeschäftigt schreiten,
So werd’ ich meinen Herrn zurückbegleiten.“

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1 – Im Hinblick auf die ersten Lieder dieses Buches dürfte in diesen Versen nur die Aussprache eines Herrn zu finden sein, der selbst dann, wenn es die Höflichkeit gegen einen anderen verlangt, sich von seinen Arbeitern nicht eher trennen kann, bis sie aufgehört haben zu arbeiten. Die politischen Auslegungen chinesischer Erklärer s. bei Legge.

Und weil dieser “Legge” immer wieder einmal auftaucht, habe ich mich im Internet schlau gemacht und folgendes über ihn gefunden:

James Legge, geb. am 20. Dez. 1815 in Huntly, Aberdeenshire, Schottland, gest. am 29. November 1897 in Oxfort, war ein britischer Sinologe und Übersetzer klassischer chinesischer Literatur.
(Auszug aus dem Internet, bei Wikipedia.)

Lied I. 9, 06
Der schwelgerische und habgierige Müßiggänger im hohen Amte.
Seite 192

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Der schwelgerische und habgierige Müßiggänger im hohen Amte.

Wer unter Stöhnen Sandelholz gefällt
Und an dem Uferrand des Flusses aufgestellt,
Dem strömt des Flusses Wasser klar und sanft gewellt. 1
Du säest nicht, du erntest nicht:
Wie kriegst du denn die Früchte von dreihundert Hufen Feld?
(Hufe = Durchschnittsmaß bäuerlichen Grundbesitzes im Mittelalter)
Du jagest nicht, erlegest nicht:
Wie seh’n wir denn die Dachse da gehängt an deines Saal’s Gezelt?
(Gezelt = Zimmerdecke)

O was ist der ein edler Mann,
Der nicht nach Muse Mahlzeit hält!

Wer unter Stöhnen Speichenholz gemacht
Und an dem Ufersaum des Flusses aufgefacht (entzündet),
Dem strömt des Flusses Wasser klar und wallte sacht.
Du säest nicht, du erntest nicht:
Was hat dir denn die drei Millionen Büschel Frucht gebracht?
Du jagest nicht, erlegest nicht:
Was seh’n wir denn in deinem Saal da hängen von der Eberjagd? –

O was ist der ein edler Mann,
Der nicht nach Muse Mittag macht!

Wer unter Stöhnen Felgenholz gespleißt
Und aufgebaut am Strande, den der Fluß umkreist;
Dem strömt des Flusses Wasser klar und sanft begleißt. (glänzen/glitzern)
Du säest nicht, du erntest nicht:
Wie kriegst du denn die Frucht, die du dreihundert Speichern leihst?
Du jagest nicht, erlegest nicht:
Wie sehen wir die Wachteln denn, die aufgehängt dein Saal uns weist? –

O was ist das ein edler Mann,
Der nicht im Müßiggange speist!

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1 – Offenbar sollen die drei ersten Verse jeder Strophe andeuten, daß nur auf angestrengte Arbeit behaglicher Genuß folgen könne und solle. Demzufolge die Fassung der Übersetzung.

Lied I. 9,07
Abschiedslied der Auswanderer an ihren Oberbeamten.
Seite 194

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Abschiedslied der Auswanderer an ihren Oberbeamten.

Große Maus! Große Maus!
Unsre Hirse nicht verschmaus’!
Drei Jahr’ hielten wir dich aus;
kümmerten dich keinen Daus:
Wandern nun vor dir hinaus,
Freu’n uns jenes schönen Gau’s,
Schönen Gau’s, schönen Gau’s,
Wo wir finden Hof und Haus.

Große Maus! Große Maus!
Friß nicht unsern Weizenstand!
Drei Jahr’ hielten wir dich aus,
Nie hast Gut’s uns zugewandt;
Wandern nun von dir hinaus,
Zieh’n in jenes schöne Land,
Schöne Land, schöne Land,
Wo uns Recht wird zuerkannt.

Große Maus! Große Maus!
Friß nicht unsern jungen Reis!
Drei Jahr’ hielten wir dich aus,
Fragtest nichts nach unserm Schweiß;
Wandern nun von dir hinaus,
Zieh’n in jenen schönen Kreis,
Schönen Kreis, schönen Kreis.
Wer ist da voll Klaggeschrei’s ?

(Ich sage es euch: Es ist die große Maus! Er hat es wohl mit den Steuereinnahmen übertrieben.)

Ersten Teiles zehntes Buch:
Thâng.

1 – Thâng war eins der ältesten Lehnsfürstentümer, erhielt aber schon im elften Jahrh. v. Chr., als König Tschhing es seinem jüngeren Bruder Schŭ-jü übertragen, nach seinem südlichen Hauptfluß den Namen Tsin. Es lag in der heutigen Provinz Schän-si. Der altertümliche Name dürfte hier beibehalten sein, um an die früheren Zeiten zu erinnern.
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Lied I. 10, 01
Lied beim festlichen Begehen des Beschlusses der Jahresarbeiten.
Seite 195

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Lied beim festlichen Begehen des Beschlusses der Jahresarbeiten.

Die Heimchen zirpen durch das Haus,
Nun ist des Jahres letzte Zeit,
Und wären wir nicht heut vergnügt,
Uns ließen Tag und Mond beiseit’.
Doch sei die Lust nicht Saus und Braus;
Zuerst bedenkt, wobei ihr seid.
Der Lust zu Liebe schweift nicht aus;
Ein wack’rer Mann hält Sittlichkeit.

Die Heimchen zirpen durch das Haus,
Nun ist des Jahres letzte Schicht,
Und wären wir nicht heut vergnügt,
Uns blieben Tag’ und Monde nicht.
Doch sei die Lust nicht Saus und Braus;
Zuerst bedenkt, was noch in Sicht.
Der Lust zu Liebe schweift nicht aus;
Ein wack’rer Mann hält auf die Pflicht.

Die Heimchen zirpen durch das Haus,
Ein jeder Arbeitskarren ruht;
Und wären wir nicht heut vergnügt,
Wär’ Tag und Mond verlor’nes Gut.
Doch sei die Lust nicht Saus und Braus;
Zuerst bedenk, was wehe tut.
Der Lust zu Liebe schweift nicht aus;
Ein wack’rer Mann hält sich in Hut.

Lied I. 10, 02
Aufforderung zum heiteren Genuß der Güter des Lebens.
Seite 197

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Aufforderung zum heiteren Genuß der Güter des Lebens.

Dornenrüstern auf Bergen ragen
Und Ulmen auf niedrigen Lagen.
Du hast Gewand’ und Kleider genug,
Und magst sie nicht anzieh’n, magst sie nicht tragen.
Du hast auch Wagen und Rosse dazu,
Und magst nicht fahren, mit ihnen nicht jagen.
Und sitzest du so bis der Tod dich entrafft,
So läßt sie ein And’rer sich trefflich behagen.

Wachholder auf Bergen sich pflegen,
Und Eichen auf niederen Schlägen.
Du hast Paläst’ und Gemächer darin,
Und magst sie nicht scheuern, magst sie nicht fegen.
Du hast auch Pauken und Glockenspiel,
Und magst sie nicht schlagen, magst sie nicht regen.
Und sitzest du so bis der Tod dich entrafft,
So wird sie ein Anderer haben und hegen.

Lackbäume auf Bergen sich breiten,
Kastanien auf niederen Weiten.
Du hast des Weins und der Speisen genug;
Was schlägst du nicht täglich der Laute Saiten,
Um dabei heiter und fröhlich zu sein
Und längere Tage dir zu bereiten?
Und sitzest du so bis der Tod dich entrafft,
So wird in dein Haus ein Anderer schreiten.

Lied I. 10, 03
Einverständnis mit einer Verschwörung.
Seite 198

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Einverständnis mit einer Verschwörung. 1

Das Wasser staut sich auf,
Wo weiße Felsen mächtig ragen.
Mit weißem Kleid und rotem Kragen 2
Zieh’n wir gen Jŭ dir nach ohn’ Zagen. 3
Da wir den hohen Herrn geseh’n,
Wie sollten wir nicht Freude tragen?

Das Wasser staut sich auf,
Wo weiße Felsen leuchten blinken.
Mit weißem Kleid und roten Rinken* 2 
*(Rink = Schnalle/Spange )
Zieh’n wir gen Kâo nach deinen Winken. 4
Da wir den hohen Herrn geseh’n,
Wie sollten wir in Leid versinken?

Das Wasser staut sich auf,
Wo weiße Felsen schimmernd ragen.
Wir hörten, was dir aufgetragen,
Und werden’s keinem zu verraten wagen.

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1 – Fürst Tschäo von Tsin (744 – 738 v. Chr.) hatte seinem Oheim Tschhing-ssë oder Huân-schŭ Stadt und Bezirk Khiŭ-Jŭ verliehen; dieser zettelte dann eine Verschwörung gegen ihn an und seine Anhänger in Tsin begrüßten seinen Geheimboten mit diesem Lied.
2 – Sie wollen Tschhing-ssë die Opferkleidung eines regierenden Fürsten überbringen.
3 – Jŭ ist Khiŭ-Jŭ.
4 – Khâo ist eine andere Stadt des Bezirks von Khiŭ-Jŭ.

Lied I. 10, 04
Lob eines hohen Herren und Voraussagung von dem Wachstum seines Hauses.
Seite 199

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Lob eines hohen Herrn und Voraussagung von dem Wachstum seines Hauses. 1

Des Pfefferstrauches Körnerfrucht,
Sie füllt ein Nößel* überreichlich.
* = ein altes Flüssigkeitsmaß
Ein solcher Herr, wie dieser da,
Ist wahrhaft groß und unvergleichlich.

            Des Pfeffers Schossen, oh,
            Wie weit sie sprossen, oh!

Des Pfefferstrauches Körnerfrucht,
Füllt beide Hände voll bis oben.
Ein solcher Herr, wie dieser da,
Ist wahrhaft groß und hoch zu loben.

            Des Pfeffers Schossen, oh,
            Wie weit sie sprossen, oh!

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1 – Dieses Lied soll sich ebenfalls auf Huân-schŭ beziehen

Lied I. 10, 05
Vereinigung eines glücklichen Paares.
Seite 200

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Vereinigung eines glücklichen Paares.

Sie:
Fest schnüret man Holzbündel an;
Das Drei-Gestirn steigt himmelan. 1
O dieser Abend, welch ein Abend!
O meines Glücks! O meines Glücks!
Wo gibt es denn noch solchen guten Mann?

Beide:
Fest schnüret man Heubündel ein;
Das Drei-Gestirn blinkt schräg herein.
O dieser Abend, welch ein Abend!
Seh’n wir ein solches Stelldichein!
O unsres Glück! O unsres Glück!
Wo gab es je ein solches Stelldichein?

Er:
Fest schnüret man Dornbündel zu.
Der Drei-Stern strahlt der Türe zu.
O dieser Abend, welch ein Abend!
Ich sehe dich, du Schöne du!
O meines Glücks! O meines Glücks!
Wo gibt es solche Schöne noch wie du?

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1 – Sän sing sind die drei hellsten Sterne im Skorpion, welche im zehnten Monat, der für den geeignetsten zur Eheschließung gilt, abends sichtbar werden.

Lied I. 10, 06 Der Bruderlose. Seite 201

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Der Bruderlose.

Es steht ein Sorbenbaum allein,
Ob Laub im Übermaß auch sein.
Vereinsamt, freundlos schreit’ ich drein. –
Und gäb’ es denn nicht andre Menschen? –
Doch keinen, der von Vaters wegen mein!
O all’ ihr Wandrer auf den Straßen,
Warum gesellt sich keiner mir?
Ich bin ein Mensch ja ohne Bruder;
Warum ach hilft nicht Einer mir?

Es steht ein Sorbenbaum allein,
Ob auch von Laubesmenge schwer.
Vereinsamt schreit’ ich, liebe-leer. –
Und gäb’ es denn nicht andre Menschen? –
Doch Keinen, der da mein von Hause wär’!
O all’ ihr Wandrer auf den Straßen,
Warum gesellt sich keiner mir?
ch bin ein Mensch ja ohne Bruder;
Warum ach hilft nicht Einer mir?

Lied I. 10, 07
Klage über einen harten Oberbeamten.
Seite 202

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Klage über einen harten Oberbeamten. 1

Der Lämmerpelz mit Pardelkragen* 2
*Pardel = eine Pardelkatze /ein Leopardus)
Ward von uns Leuten mit Geduld ertragen.
Doch hast du keinen anderen?
‘s ist deinetwegen, daß wir’s sagen.

Der Lämmerpelz mit Pardelblegen 2
Ward von uns Volk gelitten ohn’ Erregen.
Doch hast du keinen anderen?
Wir sagen es nur deinetwegen.

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1 – Dies kurze Lied bietet große Schwierigkeiten. Bei den maßgebenden Ausdrücken sagt Tschü-hï geradezu, sie seien noch nicht erklärt. Uns will bedünken/erscheinen, das Lied sei an den Fürsten gerichtet und bitte um einen anderen Beamten, nicht allein der Leute wegen, sondern vornehmlich im eigenen Interesse des Fürsten. Diese Auffassung befolgte die Übersetzung.
2 – Dies ist die Amtskleidung, die hier statt der Person steht. „Blege“ ist ein alter Ausdruck für Besatz, Aufschlag. S. Frischii Lexikon s. v. limbus.

Lied I. 10, 08
Dienstpflicht und Kindespflicht.
Seite 203

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Dienstpflicht und Kindespflicht.

Wildgänse laut die Flügel bewegen
Und setzen sich in Eichgehegen.
Im Königsdienste gilt’s sich regen.
Nicht anbau’n konnten wir den Hirsesegen;
Wer wird denn unsrer Eltern pflegen?
Endloser blauer Himmel du!
Wann sind wir wieder dort zugegen?

Der wilden Gänse Flügel schallt,
Sie setzen sich im Dornenwald.
Im Königsdienst gilt’s, sich regen.
Fern sind wir, da es Hirse säen galt;
Wie wird den Eltern Unterhalt?
Endloser blauer Himmel du!
Kommt denn noch nicht das Ende bald?

Der wilden Gänse lärm’gen Heeren
Muß Rast ein Maulbeerbaum gewähren.
Im Königsdienste gilt’s, sich regen.
Der Bau von Reis und Mais mußt’ uns entbehren,
Wie werden sich die Eltern nähren?
Endloser blauer Himmel du!
Wann wird die Ordnung wiederkehren?

Lied I. 10, 09
Fürbitte beim König um Bestätigung im Fürstentum.
Seite 204

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Fürbitte beim König um Bestätigung im Fürstentum. 1

Wer sagt, er hätte nicht das siebente Gewand? 2
Doch ist’s nicht wie Gewand von deiner Hand:
Dann hätten Ruh und Glück Bestand.

Wer sagt, er hätte nicht auch schon das sechste Kleid? 3
Doch nicht ist’s wie Gewand von deiner Hand:
Das brächte Ruh und Sicherheit,

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1 – „Fürst Wú, der Enkel Huân-schŭ‘s von Khiŭ-Jŭ (I. 10, 3), griff Tsin an, unterwarf es und sandte zuletzt dessen kostbare Gefäße dem Tschëu-König Lî (alias Hï) als Geschenk, wofür der König den Fürsten Wú als Fürsten von Thsin anerkannte“ (678 v. Chr.). Möglich, daß der Gesandte, der die Kostbarkeiten überbrachte, dies Lied dem König vortrug oder überreichte.
2 – Die Zahl der Kleidung richtet sich nach der Höhe des Ranges. Der Vers sagt eigentlich, Wù habe die Fürstenwürde bereits in Besitz.
3 – Diese Kleidung, den um eine Stufe niedriger stehenden Khïng gebührend, trugen die Fürsten beim Erscheinen am königlichen Hofe.

Lied I. 10, 10
Der Arme, von ersehntem Umgang ausgeschlossen.
Seite 205

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Der Arme, vom ersehntem Umgang ausgeschlossen.

Es steht ein Sorbenbaum* allein,
(*Sperberbaum, sorbus domestica )
Er wäschst am Weg zur linken Seiten.
O jener edle hohe Mann,
Wollt’ er zu mir herein doch schreiten!
Von ganzem Herzen lieb’ ich ihn;
Doch womit speist’ und tränkt’ ich ihn?

Es steht ein Sorbenbaum allein,
Wo wir den Weg sich wenden sehen.
O jener edle hohe Mann,
Wollt’ er doch hierher sich ergehen!
Von ganzem Herzen lieb’ ich ihn;
Doch womit speist’ und tränkt’ ich ihn?

Lied I. 10, 11
Witwentrauer und Witwentreue.
Seite 206

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Witwentrauer und Witwentreue.

Das Kŏ wächst über’n Strauch herein,
Die Winde schlingt sich fort im Frei’n. 1
Mein Vielgeliebter ist nicht mehr;
Wer ist noch mein? Ich bin allein.

Das Kŏ am Dorn wächst kräftiglich,
Die Winde schlingt um Gräber sich. 1
Mein Vielgeliebter ist nicht mehr;
Wer ist noch mein? Ich bin allein.

Der Pfühl für’s Haupt, so schön und fein!
So reich der Decke Stickerei’n!
Mein Vielgeliebter ist nicht mehr;
Wer ist noch mein? Mir tagt’s allein.

Nach manchem Sommertag,
Nach mancher Winternacht,
Wohl hundert Jahre hinterdrein, 2
Geh’ ich, wo er nun Wohnung macht. 3

Nach mancher Winternacht,
Nach manchem Sommertag,
Wohl hundert Jahre hinterdrein,2
Geh’ ich zu ihm in sein Gemach. 3

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1 – Das schwach rankende Kŏ gedeiht nur kräftig, weil man ihm den Strauch, den Dornbusch zur Stütze gibt; die Winde, um die sich niemand kümmert, ist im freien Feld ohne Stütze und kriecht am Boden hin, höchstens (windet sie sich) um Gräber.
2 – So lange daucht (= dünken, vorkommen) ihr die Zeit bis zur Wiedervereinigung mit dem Geliebten.
3 – In seiner Gruft wird sie wie eine Neuvermählte ihre Heimat finden (kuëi).

Lied I. 10, 12
Gegen Klatschereien.
Seite 207

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Gegen Klatschereien.

Süßholz pflücken, Süßholz pflücken
Magst du auf des Scheù-jâng’s Rücken! 1
Bringen Leute dir Geschichten,
Lasse ja dich nicht berücken.
Laß ihr Tichten! Laß Ihr Tichten!*
*Das heißt natürlich “Dichten”!
Daß es wahr sei, glaub’ mit nichten!
Bringen Leute dann Geschichten,
Was kann das verrichten?

Raute binden, Raute binden
Magst du in des Scheù-jâng’s Gründen! 1
Bringen Leute dir Geschichten,
Laß sie ja nicht Glauben finden.
Laß ihr Tichten! Laß Ihr Tichten!
Daß es wahr sei, glaub’ mit nichten!
Bringen Leute dann Geschichten,
Was kann das verrichten?

Senf zu brechen, Senf zu brechen,
Such’ an Scheù-jâng’s Morgenflächen! 1
Bringen Leute dir Geschichten,
Laß ja nicht dein Ohr bestechen.
Laß ihr Tichten! Laß Ihr Tichten!
Daß es wahr sei, glaub’ mit nichten!
Bringen Leute dann Geschichten,
Was kann das verrichten?

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1 – Man kann eher erwarten, auf dem Rücken, in den Niederungen oder an der Ostseite des völlig unfruchtbaren Scheù-jâng-Gebirges die erwähnten drei Gartengewächse zu finden, als Wahrheit bei denen, die ihre Klatschgeschichten umher tragen.

Dieses Laster ist wohl so alt wie die Menschengeschichte. Wer sonst nichts Interessantes zu sagen hat, erfindet halt hin und wieder Klatschgeschichten. Wie gefährlich solche sein können, ist ihnen dann nicht immer bewußt.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Ornament-bunt.jpg

Fertigstellung dieser Seite durch Hildegard Fischer am 8. und 22. August 2019, am 28. 9. 2019 und 15.10. 2019.