Vorwort – Reaktion auf das 1880 erschienene Buch!


Zum Verständnis für die “chinesischen Lieder”, ist es hilfreich, diese beiden Artikel zu lesen, auch wenn sie etwas lang sind.
Aber manchmal kann man etwas eben nicht mit ein paar Sätzen erklären!
Unterhalb findet man auch die Abschrift dazu!
H. Fi.

Abschrift des Zeitungsartikel vom 6.12.1879, der nach dem Erscheinen des Schi-King, dem kanonische Liederbuch der Chinesen erschienen ist:

An des Ostentors Gebreite –
Blüht der Krapp dem Wall zur Seite.
Ach, das Haus, da ist es nah;
Doch sein Herr – ist in der Weite.
Bei des Tors Kastanien drauß,
Stehn gereihet Haus an Haus.
Wie gedächt’ ich da nicht deiner?
Doch du – trittst mir nicht heraus.

Wen heimelten diese Zeilen nicht an, etwa wie Klänge aus Robert Reinicks Liedermunde? Oder wäre das nicht etwa Heinescher Rhythmus? – Nichts von dem; Klänge sind es aus längst entschwundenen Jahrhunderten (Jahrtausenden) ein Lied unter Liedern aus ältester geschichtlicher Zeit, der Seufzer, den vor mehr als 2 ½ Jahrtausenden die einsam wartende Wei-Hoa dem fernen Geliebten nachruft.
Ich habe die acht Zeilen einer Sammlung von Liedern entnommen, die nur an den Psalmen und dem Rigveda der Inder Altersgenossen und welche uns Victor von Strauß soeben in seiner meisterhaften Übersetzung des Schi-king, des kanonischen Liederbuches der Chinesen, geboten (erschienen Heidelberg 1880. Winter. 528 S.).
Am Schlusse seiner prächtigen Einleitung spricht der Übersetzer die Hoffnung aus, der Gegenwart, dieser warmen Pflegerin kulturhistorischer Bestrebungen, für die Kenntnis einer ältesten ostasiatischen Dichtung ein neues Blatt aufgeschlagen zu haben; diese Hoffnung darf als im vollsten Maße als erfüllt gelten. Aber auch die andere, daß er einen Baustein zu der von Goethe einmal als Desiderat (= eine Lücke füllen, einem Mangel abhelfen, dringend nötig – H. F.) bezeichneten „allgemeinen Weltliteratur“ herbei geschafft, ist nicht weniger glücklich von Strauß realisiert worden, indem er uns durch seine Übersetzung einen Einblick in das Geistes- und Poesieleben einer der ältesten Nationen gestattet.
Die Lieder sind Poesieblüten aus der altchinesischen Kulturhöhe zu Anfang der Tscheu-Dynastie (um 1000 v. Chr.), und zeigen uns die verschiedenen Strömungen des ostasiatischen Kulturlebens nach Form und Gestalt von einer Mannigfaltigkeit und Tiefe, die selbst einen kultursatten Europäer überraschen muß. Denn für uns Okzidentale ist es ja Dogma geworden, daß die Entwicklung des Reiches der Mitte seit Jahrtausenden in Stagnation geraten sei, und daß die abendländische Kultur ihre östliche Schwester bereits um viele Jahrhunderte überholt habe.
Nun bekommen wir hier von einem Meister der deutschen Sprache, dem die Gegenwart nur wenige andere an die Seite zu setzen hat, diese Liedersammlung in ausgezeichneter Übersetzung dargeboten.
Die Zusammenstellung der Lieder in chinesischer Form ist das Werk Khung-fu-tse’s (Konfuzius), der die Sammlung 483 v. Chr. abschloß; es sind im ganzen 306 Lieder, von denen die große Mehrzahl aus dem XII. bis VII. Jahrhundert stammt, während fünf einem noch viel höheren Altertum angehören; es sind also unmittelbare Stimmen aus einer uralten Kulturwelt, die uns nach ihren verschiedenartigsten Beziehungen hier lebendig illustriert werden.
Die religiöse Entwicklung der Chinesen war auf keiner Stufe beeinflußt durch jenen wunderbaren, bei den meisten Nationen sich wiederholenden Prozeß, der die Strahlen der göttlichen Einheitsidee durch das Prisma des mythologisierenden Geistes unrein und gebrochen erscheinen ließ und den einheitlichen Gottesgedanken zersplitterte in eine matte Vielheit von Göttern, Halbgöttern und Heroen. Im Zusammenhang hiermit steht es nun, daß die Chinesen keine Zeugungs- und Gestaltungskraft für das Epos besaßen, weil dasselbe hervorgeht aus der Bewunderung für die Göttergestaltungen einer dichterisch schaffenden Mythologie.
Um so reicher ist nun die Lyrik ausgebaut. Die 306 Lieder variieren die verschiedenartigsten, uns modernen Okzidentalen völlig neuen Motive in geistreichster Behandlung und in mannigfaltigster Form; und wesentlich in diesen beiden Seiten liegt der große Reiz auch der deutschen Übersetzung. Denn das sprachliche Feingefühl Victor von Strauß’s hat es verstanden, den originalen und originellen Formschönheiten nachzugehen, und seiner sprachlichen Gewandtheit ist es – nach sechs Jahren angestrengtester Arbeit – gelungen, den reizvollen Zauber des Originals die Leser der Übersetzung nachempfinden zu lassen.
Die formellen Schwierigkeiten, welche zu überwinden waren, wird derjenige ermessen, welcher weiß, daß im Unterschied von allen indogermanischen Sprachen das Chinesische ausnahmslos einsilbige Wörter besitzt, dem Gesetzt der Poetik also nicht durch Hebung und Senkung der Silben genügt, sondern dasselbe einfach durch die Zahl der (vier) Füße erfüllt ansieht. Eine wortgetreue Nachbildung ist also für uns Indogermanen eine einfache Unmöglichkeit: einerseits wegen der Vieltönigkeit unserer Wörter, andererseits weil wir schlechterdings nicht bändelang die packende Wucht des Monosyllabismus (= Einsibigkeit) so geschickt darstellen können, wie es Luther in seiner (schon von Gabelentz hierher gezogenen) Predigtregel tut: „Geh rasch ‚nauf, – Tu’s Maul auf; – Hör bald auf!“
Strauß hätte eine sprachliche Monstrosität (= ungeheuer aufwendig) geliefert, wenn er die einzelnen Verszeilen der 306 Lieder durch je vier schwere Silben hätte wiedergeben wollen. Höchst geschickt und einfach vermeidet er das dadurch, daß er nach dem einfachsten deutschen Versfuß, dem Jambus und Trochäus (= antiker Versfuß) greift, durch den er jeden einzelnen jener wuchtigen Viersilbener ersetzt. Wie geschickt er die andere Schwierigkeit des chinesischen Idioms, welche in der ungewöhnlich häufigen Reimwiederkehr lag, überwunden, zeigt u. a. folgende Strophe aus dem Liede:

„Der große Opferdienst“

Am Herd ist eifriger Verkehr,
Gewaltge Trachten stellt man her;
Wenn jener brät, so röstet der.
Die Fürstenfraun gehen still einher
Und richten an der Schüsseln Heer.
Die Fremden und die Gäst’ umher,
Trinken sich zu in Kreuz und Quer.
Man feiert ganz nach Brauch’s Begehr;
Lächeln und Wort sind schicklich sehr.
Die Geister kommen gnädig her,
Und lohnen es mit reichem Segen,
Zehntausend Jahren und noch mehr.



Aber abgesehen von diesen durch die Form bedingten Reizen, die der Leser um so lebhafter empfinden wird, je reiner sein Gefühl für Sprachschönheit und – fluß ist, ist die Sammlung auch inhaltlich von besonderem Interesse, weil die Lieder, frei von aller religiös-mythologischen Zutat auf dem Boden der Wirklichkeit entsprossen sind und das reale Leben einer uralten Kulturwelt in seinen tausendfachen Beziehungen, Gedanken und Empfindungen, Leiden und Freuden, Arbeiten und Genüssen darstellen, deren Kenntnisnahme um so höheren Reiz bietet, als sich des Gesanges Goldnetz um sie gewoben hat. In seiner Einleitung, einem Musterstücke übersichtlicher Arbeit, hat Strauß diese verschiedenen Strömungen des chinesischen Lebens anschaulich dargestellt; schon die Titel der einzelnen Kapitel: Religion und Kultus, Sitten und Lebensweise, Reichsordnung und Regiment, Geschichtliches, die altchinesische Poesie und das Schi-king beweisen, wie Wertvolles dieselbe nach kulturhistorischer Seite bietet. Strauß hat ganz Recht, wenn er bemerkt (S. 3), daß diese altchinesische Welt, durch die Phantasie des dichtenden Volksgeistes lebendig ausgestaltet, dem okzidentalen Verständnis des XIX. Jahrhunderts in dieser Form wirklich mehr entgegenkomme als die griechische und römische Lyrik. Das hat wohl der feine Poetensinn Rückerts empfunden, als er 1833 die Schi-king-Lieder uns Deutschen formgewandt und reizvoll „verdeutschte“; da er aber als Original die von Mohl 1830 herausgegebene lateinische Übersetzung des Pater Lacharme (v. J. 1733) benutzte, welche umschreibend und deshalb ungenau und fehlerhaft war, und da er vielmehr verdeutschte als übersetzte, so fehlt seiner „Bearbeitung“ die Hauptsache: der Zauber des Originals. Die Cramersche Übersetzung v. J. 1844 läßt in formeller Beziehung noch mehr zu wünschen übrig. Die Lücke hat uns Deutschen nun Strauß ausgefüllt in einer Weise, daß nach dem Urteil des bedeutendsten deutschen Sinologen, Prof. von der Gabelentz in Leipzig, der die Übersetzung auch nach der philologisch-exegetischen (Exegese = enthalten, erklären und auslegen. Ein Exegete ist eine Person, die Texte interpretiert, insbesondere die Schrift – H. F.) Seite hin sehr günstig beurteilt hat, diese deutsche Ausgabe des Schi-king einen „höchst hervorragenden Platz in der Übersetzungsliteratur aller Zeiten und Länder einnehmen wird.“
Dr. Buddensieg. Nr.23. Beilage zur Augsburger Postzeitung. 22. März 1879

Eine weitere Zeitungsnotiz berichtet Ähnliches:
Nr. 23. Beilage zur Augsburger Postzeitung. 22. März 1879.

Victor von Strauß’ Übersetzung des Schi-king.
Die gebildete und gelehrte Welt unseres Vaterlandes hat bisher der chinesischen Literatur gegenüber eine Gleichgültigkeit gezeigt, welche mit der viel gerühmten Allseitigkeit des deutschen Geistes kaum vereinbar erscheint. Nirgends vielleicht werden indische und semitische Studien eifriger gepflegt, als bei uns, und kaum irgendwo sonst dürften sie außerhalb der fachwissenschaftlichen Kreise lebhafteren Anklang finden. Das größte Volk der Welt, das älteste unter den heute lebenden, dagegen ist und bleibt in den Augen so vieler unserer Gebildeten eine Nation von Querköpfen, ameisenmäßig fleißig, geschickt zu allerhand niedlichen Arbeiten, aber jeder tieferen Regung des Gemütes, jedes höheren Geistesfluges unfähig, zu sprichwörtlichem Stillstande verdammt. Summa: solche Leute mögen uns Lack- und Elfenbeinwaren, Tee und Seide liefern, aber mit ihren Geisteskindern mögen sie uns verschonen!
Es ist dies nicht das einzige Vorurteil, gegen welches unsere Sinologen anzukämpfen haben. Ein anderes, vielleicht gleich verhängnisvolles, gilt der Sprache und der Schrift. Wer mag sich die garstigen einsilbigen Wörter einprägen, wer jene Tausende von wunderlich verworren scheinenden Schriftzeichen, zu deren Erlernung, wie man sagt, allein ein Menschenleben erforderlich ist? Die Wahrheit ist die, daß die chinesische Sprache, was ihr an Wohlklang abgeht, durch unvergleichliche Energie, durch Ideenreichtum, Feinheit und Biegsamkeit voll und ganz ersetzt, und daß im Mittelreiche die Zahl der Analphabeten verhältnismäßig niedriger ist, als in manchen Staaten unseres Erdteils. Die Erfahrung lehrt es, der Eintritt in die chinesische Literatur ist nicht schwieriger als jene in die altindische. Die Frage bleibt: Wie wird die Mühe belohnt?
Es ist bekannt, daß die Literatur des Mittelreichs während ihres viertausendjährigen Entwicklungsganges zu der umfangreichsten des Morgenlandes angewachsen, daß ihr an Eigenartigkeit kaum eine zweite, an Vielseitigkeit nur etwa die arabische zu vergleichen ist. Dieses Lob, soviel es besagt, ist für die Mehrzahl der Leser ein zweifelhaftes, denn Eigenartigkeit sollte nicht einladen, wenn die Eigenart nichts taugt. Der Chinese ist mit nichten der Stillstandmensch, für welchen man ihn gemeinhin hält; er läuft nur nicht jedem Neuerer blindlings nach, sondern verlangt in echt konservativem Geiste, daß sich das Neue verantworte vor dem Altüberkommenen. Die Geschichte der chinesischen Philosophie ist an großen und selbstständigen Denkern reich.
Einer der größten und tiefsinnigsten, der Mystiker Lao-tse war es, mit welchem uns vor einigen Jahren durch ein wahres Meisterwerk derselbe Gelehrte (Victor von Strauß) bekannt gemacht hat, auf dessen jüngste sinologische Arbeit die Leser dieses Blattes aufmerksam gemacht werden sollen.
Es handelt sich um die Lösung einer Aufgabe, wie sie schwieriger einem Übersetzer kaum gestellt werden kann. Dank Konfuzius sind uns etwa dreihundert ( 306) altchinesische Lieder in einem der kanonischen Bücher des Mittelreiches, dem Schï-kïng erhalten, welche aus dem 12. bis 6. Jahrhundert, vor unserer Zeitrechnung stammen und somit schon um ihres Alters willen zu den ehrwürdigsten Denkmälern menschlicher Dichtkunst gehören. Sie sind durchweg lyrischer Art, – ein eigentliches Epos hat das alte China nicht erzeugt, und das Drama soll erst nach Einführung des Buddhismus von Indien her ins Mittelreich verpflanzt worden sein. Nach Inhalt, Form und Umfang sind sie von erstaunlicher Mannigfaltigkeit.
Das erste Buch Kuŏh-fung, d. i. Landessitte geheißen, enthält Volkslieder aus den verschiedenen Staaten des alten Feudalreiches. Ihre Aufbewahrung ist ein Verdienst jener feinsinnigen Anordnung der früheren Kaiser, die im Volksmunde der verschiedenen Einzelländer lebenden Gesänge aufzeichnen und sammeln zu lassen, um aus ihnen ein Urteil über die Gesinnungen und Stimmungen der Untertanen zu gewinnen. Das zweite und das dritte Buch enthalten feierlichere Lieder der Kunstpoesie, bestimmt zum Vortrage bei kleineren und größeren festlichen Anlässen, daher die Namen siao-ya und ta-ya. Das vierte Buch endlich, unter dem Namen sung besteht aus Lobliedern auf die großen Fürsten der Tscheu-Dynastie. So werden hier alle Tonstufen lyrischen Empfindens durchlaufen. Da finden wir leichte Kinder des Augenblickes, ähnlich den Schnaderhüpferln unserer Bergbewohner, dann wieder naive Klagetöne, rührend durch ihre sinnige Einfachheit und Gefühlstiefe, oder herbe geißelnde Spottlieder eines geknechteten Volkes auf seine Unterdrücker, dann kräftig frische Soldaten-, Jäger- und Trinklieder, ernste Gelegenheitsgedichte und hochfeierliche Hymnen, das heimelt uns alles so menschlich an, und ich wüßte wenig, was wir hier vermissen könnten, es wäre denn etwa jene ans Rohe grenzende Derbheit, welche bei uns so gerne den unmittelbaren Äußerungen einer gewaltigen Leidenschaft anhaftet. Wer sich ins innerste Seelenleben des uralten Kulturvolkes zu vertiefen begehrt, für den wüßte ich keine ergiebigere Fundgrube als diese, und wahrlich auch kaum eine anmutigere.
Jetzt kann es sich nicht mehr fragen, ob eine Übertragung dieser Sammlung in eine europäische Sprache der Mühe wert sei. Die Frage ist nur: ist die Aufgabe lösbar? Wer ist ihr gewachsen?
Denn in der Tat sind die Schwierigkeiten groß. Die Lieder sind in den mannigfaltigsten Versarten und Reimfolgen verfaßt. Soll die Übersetzung ihrem Zwecke entsprechen, so muß sie auch die Formen der Originale widerspiegeln, sie muß Versmaß für Versmaß, Reim für Reim geben. Nun wiederholt sich aber in manchen Liedern derselbe Reim acht bis zwölfmal in der nämlichen Strophe und den chinesischen Versmaßen wäre die einsilbigste unter den europäischen Sprachen, die englische, nicht gewachsen. Die Silbe ist eben im Altchinesischen ein anderes Ding, als in den Sprachen unseres Stammes, sie ist schwerer wiegend in körperlicher wie in geistiger Hinsicht, ihr entspricht im heutigen Deutsch ein Wort, oft zwei Wörter, wenn wir Artikel und Pronomen zuhilfe nehmen müssen. Zum Ausdrucke desselben Gedankens bedarf unsere Sprache durchschnittlich der doppelten Silbenzahl gegenüber dem Altchinesischen. Das Ergebnis liegt zu Tage: Die chinesische Metra können nicht durch gleiche, sondern nur durch analoge wiedergegeben werden, die chinesische nur durch den Versfuß. – die Schwierigkeiten sachlicher Art sind leichter zu ahnen als zu schildern. Nur wer in einem so fremdgestaltigen Volkstume völlig eingelebt ist, erscheint zum Werke vorbereitet, und oft wird den Dichter nur der verstehen, der selber Dichter ist. “Hört, hört!
Man sieht, welche Anforderungen an den Übersetzer gestellt werden müssen:
Er soll ein gründlicher Sinologe sein, ein feinsinniger echter Dichter und obendrein ein wahrer Tausendkünstler in der Handhabung seiner Muttersprache.
Es gibt nur einen Mann und wird aller menschlichen Voraussicht nach in Jahrhunderten keinen Zweiten geben, auf den dieses Signalement (= Personenbeschreibung; Landw. Zusammenstellung der ein bestimmtes Wesen kennzeichnende Angabe – H. F.) im vollsten Sinne paßt: Victor von Strauß!
Daß er, dessen tiefsinnigem Geiste und weit umfassendem Wissen sich so viele Richtungen reizvollen Forschens und Schaffens eröffneten, sieben Jahre des ausdauerndsten Fleißes der Übersetzung jenes alten Liederschatzes gewidmet hat, bürgt an sich schon für den Wert dieser Poesie, bürgt aber auch für den Wert seiner Übersetzungen. Es handelt sich nicht um bloße Kunststücke, sondern um echte Kunstwerke.
In einem der letzten Heft der Zeitschrift der deutschen Morgenländischen Gesellschaft habe ich einige seiner Übertragungen an der Hand der Originalen in Rücksicht auf ihre Sprachgemäßheit geprüft. Was sich dabei herausstellte, war geradezu erstaunlich: eine Treue der Wiedergabe, Vers für Vers, Reim für Reim, Sinn für Sinn und nahezu Wort für Wort, ein wahrer Triumph für unsere Muttersprache, die sich scheinbar leicht und zwanglos auch in die wunderlichsten Formen fremdländischer Verskunst schmiegt. Sie greift wohl dabei zuweilen in die Vorratskammern ihrer veralteten und provinziellen Ausdrücke, aber mit Maß, nicht mit altertümelndem oder volkstümelndem Getue.
Der Öffentlichkeit hat Herr von Strauß erst zweimal Proben dieser großartigen Leistung vorgelegt, das letzte Mal in dem Album „Caritas“ (Dresden 1879) und diesem entnehme ich die folgenden Beispiele:

Der große Opferdienst im Ahnentempel.

Lied II. 6. 5 – Vers 2:
Voll Würd’ und Anstand geh’n wir fein,
Mit Stieren und mit Widdern rein,
Zum Herbst und Winteropfer ein.
Die häuten ab, die kochen klein,
Die richten zu, die tragen ein.
Der Beter opfert türherein.
Gar glänzend sind die Opferweih’n.
Und herrlich zieh’n die Ahnen ein;
Es freuen sich die Geisterreih’n,
Dem frommen Enkel zum Gedeih’n,
Und lohnen ihm mit reichem Segen,
Sein Alter soll ohn’ Ende sein!

Genug der Proben. Ich wiederhole den Wunsch: möge dieses Meisterwerk nun bald in seiner Ganzheit vor die Öffentlichkeit treten. Sind noch Schwierigkeiten vorhanden, so ist es Aufgabe der Presse, sie hinwegzuräumen und ich habe mich unlängst innig gefreut in der „Allgemeinen Zeitung“ einen ebenso gediegenen wie beredten Artikel zu lesen, dessen Verfasser gleich mir dies Dornenröschen unserer Literatur zu erwecken wünscht.
Georg von der Gabelentz (1840 – 1893).


Mit Georg von der Gabelentz stand Victor in brieflichem Kontakt. Einer von den Briefen ist meiner Familie erhalten geblieben.

Hildegard Fischer, am 1. September 2019