Die Lieder in chinesischer und deutscher Form. (3.)

Und wieder mal folgt ein Nachricht von mir:
Es geht um die Redundanz – das mehrmalige Aufzeigen der Überschriften und anderen Daten.
Ich habe das gemacht, damit man schnell auf verschiedene Arten auf die Lieder mit “Strg +F” (= Suchprogramm) zugreifen kann.

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Ersten Teiles elftes Buch: Thsîn.

1- Der Staat Thsin, dessen Beherrscher im 3. Jahrh. v. Chr. Alle übrigen Staaten von China bekriegte, unterwarf und annektierte (= einnehmen), entstand um 900 v. Chr. Als ein ganz kleines Lehen im Nordwesten des Reichs von China. Von geringen Anfängen aus nahm dann sein Umfang und seine Macht immer mehr zu. Sowohl ein großer Teil der Bevölkerung als auch deren Fürsten dürften den wilden mongolischen Stämmen angehört haben, von deren Sitten sich auch Spuren finden. Vgl. das 6. Lied d. B.
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Lied I. 11, 01
Anfänge feineren höfischen Lebens in Thsin.
Seite 208

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Anfänge feineren höfischen Lebens in Thsîn.

Er hat viele Wagen, die rollen heran,
Hat manch weiß-gestirntes Rossegespann,
Und nicht eher sieht man den hohen Herrn,
Es meld’ es ihm denn ein Verschnittener an.

Lackbäume an Halden sich breiten,
Kastanien für niederen Weiten.
Und lässet sich sehen der hohe Herr,
So sitzen wir mit ihm beim Spiele der Saiten;
Und ist dann Einer noch mißvergnügt,
So wird er die Achtziger auch so beschreiten.
(Mit anderen Worten: So ein Mensch ändert sich nicht!)

Maulbeeren an Halden ergrünen,
Salweiden an niederen Bühnen.
Und lässet sich sehen der hohe Herr,
So sitzen wir mit ihm beim Spiel der Clarinen (Klarinetten);
Und ist dann Einer noch mißvergnügt,
So bleibt er es auch, bis sein Ende erschienen,

Lied I. 11, 02 Hofjagd. Seite 209

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Hofjagd.

Vier Rappen geh’n in stolzer Pracht,
Sechs Zügel sind zur Hand gebracht, 1
Und die der Fürst am liebsten hat
Zieh’n mit dem Fürsten auf die Jagd.

Man treibt ihm vor das zeit’ge Wild,
Das zeit’ge Wild ist feist gehegt.
Der Fürst befiehlt: “Zur Linken ihm!“
Entläßt den Pfeil, und hat’s erlegt.

Im Norderpark spaziert er dann,
Und müßig geht sein Viergespann.
Der leichten Wagen Schellenzaum 2
Bringt Spürhund, Schweißhund fort vom Raum. 3

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1 – In die Hand des Wagenlenkers, indem die Deichselpferde je zwei Zügel, die Außenpferde nur je einen hatten.
2 – Leichte Wagen, deren Pferde Schellenzäume hatten, dienten zur Eintreibung des aus der Umstellung austretenden Wildes.
3 – Dies dürfte die waidmännische Bedeutung der lang- und kurzschnauzigen Hunde (liân hiĕ kiäo) sein, welche beim Schluß der Jagd dem Schellengeklingel folgen.

Lied I. 11, 03
Des fernen hohen Kriegshelden wird von seiner Gemahlin gedacht.
Seite 210

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Des fernen hohen Kriegshelden wird von seiner Gemahlin gedacht. 1

Der Kriegeswagen leicht und enge,
Am Deichselbaum fünf Schmuckgehänge,
Gleitriemen in dem Brustgespänge, 2
Am Vorbrett goldberingte Stränge,
Das Tigerfell, Achsenlänge,
Vorn’ uns’rer glatten Weißfüß’ Gänge. –
Ich denke an meinen hohen Herrn,
Der, lieblich wie ein Edelstein,
Nun dort sein Bretterhaus nimmt ein; 3
In’s tiefste Herz greift mir’s hinein.

Vier Hengste geh’n in stolzer Pracht,
Sechs Zügel sind zur Hand gebracht; 4
Inmitten sind die glatten Schecken,
Die Apfelschimmel an den Ecken;
Hoch steh’n die Drachenschild-Zwillinge, 5
Vergoldet sind die Schnallenringe. –
Ich denk’ an meinen hohen Herrn,
Wie freundlich er die Stadt durch ginge. 6
Wann kommt die Zeit der Wiederkehr?
O wie gedenk’ ich seiner so sehr!

Die Ross’ im Panzer, gleich an Kraft,
Des Dreizackspeers vergold’ter Schaft,
Die bunten Schilde, musterhaft,
Der Tigerschrein mit Stahl am Bug,
Der Schrein, der die zwei Bogen trug,
Mit Schnur geknüpft am Bambuszug. 7
Ich denk’ an meinen hohen Herrn
Beim Aufsteh’n und beim Schlafengeh’n.
So würdig ist der edle Mann,
Sein Tugendruhm wird stets besteh’n

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1 – Die ersten sechs Verse jeder Strophe dieses schönen Liedes schildern die kriegerische Ausrüstung des Gemahls bei seinem Auszug, wie er der Sängerin stets vor Augen schwebst; in den vier letzten geht sie dann in raschem Sprung auf ihre gegenwärtigen Empfindungen über.
2 – Gleitriemen für die Zügel der Außenpferde, die durch das Brustgehänge der Deichselpferde laufen.
3 – Nämlich im entfernten Westen, wo die Leute in Bretterhäusern wohnen.
4 – Vgl. Anm. 1 des vorigen Liedes.
5 – An der Vorderseite des Kriegswagens waren zwei ganz gleiche Schilder mit den kaiserlichen Emblemen des Drachen befestigt.
6 – Die Stadt, in die er nun wohl eingezogen sein möchte.
7 – „Bambuszug“ (tschŭ pi) wagten wir das Instrument zu nennen, an welches die abgespannten Bogen fest geknüpft wurden, damit sie ihre Spannkraft behielten.

Lied I. 11, 04 Rätselhaft. Seite 212

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Rätselhaft. 1

Das Rohr und Schild wird völlig blau,
Zum Reife wird der helle Tau.
Und den ich meine, jenen Mann,
Er ist in dieses Flusses Au.
Ich geh’ stroman und folge’ ihm nach;
Der Weg ist weit und dazu rau;
Ich geh’ stromab und folg’ ihm nach, –
Da sitzt er mitten in dem Wasser, schau!

Das Rohr und Schilf gar frostig läßt,
Noch ist der helle Tau nicht fest.
Und den ich meine, jenen Mann,
Ist, wo der Fluß das Ufer näßt.
Ich geh’ stroman und folg’ ihm nach;
Der Weg ist rau und steil sein Rest;
Ich geh’ stromab und folg’ ihm nach, –
Da sitzt er auf dem Holm* im Fluß!
(*Holm = norddeutsch für kleine Insel)

Das Rohr und Schilf wird abgemäht,
Bevor der helle Tau vergeht.
Und den ich meine, jener Mann,
Ist, wo am Fluß das Ufer steht.
Ich geh’ stroman und folg’ ihm nach;
Der Weg ist rau und steinbesä’t.
Ich geh’ stromab und folg’ ihm nach, –
Da sitzt er auf des Flusses Insel, seht!

(Ich glaube, daß dieser Mann wußte, daß ihm die Frau folgt und hat sie einfach ein bisschen an der Nase herumgeführt.)

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1- Das Lied ist durchaus rätselhaft und seine Beziehung dürfte wohl unerklärlich bleiben. Die geschichtlichen Deutungen chinesischer Erklärer sind nur unwahrscheinliche Vermutungen.

Lied I. 11, 05
Der Landsherr kehrt mit erhöhtem Range vom Kaiserhof zurück.
Seite 213

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Der Landesherr kehrt mit erhöhtem Range vom Kaiserhof zurück. 1

Was gibt es auf dem Berg Tschūng-nân?
Viel’ Fichten, manchen Pflaumenbaum.
Der hohe Herr ist angelangt
Im bunten Kleid mit Fuchsfellsaum, 2
Von Angesicht wie Scharlach rot.
Das ist ein Fürst, wie Einer kaum!

Was gibt es auf dem Berg Tschūng-nân?
Viel’ Gipfel, manchen Weidegang.
Der hohe Herr ist angelangt
Im Kleid, gestickt nach seinem Rang;
Sein Gurtgestein gibt hellen Klang.
Er lebe lang und ohn’ Vergang!

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1 – Man meint, der im Lied Begrüßte und Gepriesene sei Fürst Siäng (769 v. Chr.) gewesen.
2 – Mit dieser Kleidung wurden die Lehnsfürsten investiert ( = nutzbringend anlegen).

Lied I. 11, 6
Klaggesang über die drei, mit der Leiche des Fürsten Mu lebendig begrabenen Heldenbrüder aus dem Hause Tsè-kù.
Seite 214

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Klaggesang über die drei, mit der Leiche des Fürsten Mŭ lebendig begrabenen Heldenbrüder aus dem Hause Tsè-kü. 1

Die gelben Vögel fliegen hin,
Auf Dornen rasten sie.
Wer ist dem Fürsten Mŭ gefolgt? 2
Das war der Tsè-kü, war Jàn-sĭ.
Und dieser selbige Jàn-sĭ,
Der Hunderten gewichen nie,
Als er die Grube sah;
Wie schaudert’ ihm vor Grausen da!
O Himmel, den so blau wir wissen,
Welch Edlen hast du uns entrissen!
Wär’ er zurückzukaufen, o,
Wir wollten hundert Andre missen.

Die gelben Vögel fliegen hin,
Sie ruh’n auf Maulbeer’n lang’.
Wer ist dem Fürsten Mŭ gefolgt?
Das war der Tsè-kü, war Tschūng-hâng.
Und dieser selbige Tschūng-hâng,
Der Hunderte zum Weichen zwang,
Als er die Grube sah,
Wie schaudert’ ihm vor Grausen da!
O Himmel, den so blau wir wissen,
Welch Edlen hast du uns entrissen!
Wär’ er zurückzukaufen, o;
Wir wollten hundert Andre missen.

Die gelben Vögel fliegen hin,
Den Brombeer’n zieh’n sie zu.
Wer ist dem Fürsten Mŭ gefolgt?
Das war der Tsè-kü, war Tschīn-hù.
Und dieser selbige Tschīn-hù.
Als er die Grube sah,
Wie schaudert’ ihm vor Grausen da!
O Himmel, den so blau wir wissen,
Welch Edlen hast du uns entrissen!
Wär’ er zurückzukaufen, o;
Wir wollten hundert Andre missen.

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1 – Die unter einigen Mongolenstämmen noch bestehende Sitte, Lebende mit verstorbenen Fürsten zu begraben, war dem eigentlichen China fremd. Daß sie in Thsin bestand, wo sie noch 209 v. Chr. beim Begräbnis des Kaisers Schï-hoâng.ti in schrecklicher Weise stattfand, zeigt, daß die nicht-chinesische Bevölkerung in dem Fürstentum von Alters her überwog. Fürst Mŭ starb 620 v. Chr.
2 – … nämlich in die Gruft, um dort mit begraben zu werden.

Lied I. 11, 07
Allzulange Abwesenheit des Gatten.
Seite 216

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Allzu-lange Abwesenheit des Gatten.

Fort schwinget sich der Sperber dort
Zum Waldesdickicht hin gen Nord.
Noch seh’ ich nicht den hohen Mann;
Mein banges Herz denkt immerfort:
Kann es denn sein, kann es denn sein,
Daß er so ganz vergessen mein?

Am Berg sind Eichen dicht und groß,
Fünf Ulmen sind im Tales Schoß.
Noch seh’ ich nicht den hohen Mann;
Mein banges Herz ist freudelos.
Kann es denn sein, kann es denn sein,
Daß er so ganz vergessen mein?

Waldkirschen sind am Berges Saum.
Im Tale steht der Holzbirnbaum.
Noch seh’ ich nicht den hohen Mann;
Mein banges Herz ist wie im Traum. 1
Kann es denn sein, kann es denn sein,
Daß er so ganz vergessen mein?

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1 – Genauer: „ist wie weinbetäubt“.

Lied I. 11, 08 Waffenbrüderschaft. Seite 217

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Waffenbrüderschaft.

Wer sagt, du hättest kein Gewand?
Mein’ Oberkleider sind auch dein!
Der König setzt das Heer in Stand,
Ich richt’ uns Spieß’ und Lanzen ein,
Du sollst mein Waffenbruder sein.

Wer sagt, du hättest kein Gewand?
Mein’ Unterkleider teilen wir!
Der König setzt das Heer in Stand,
Ich rüst’ uns Spieß’ und Speere hier,
Und breche auf vereint mit dir.

Wer sagt, du hättest kein Gewand?
Mit die teil’ ich mein Niederkleid.
Der König setzt das Heer in Stand,
Ich mach’ uns Waff’ und Wehr bereit,
Und zieh’ mit dir hinaus zum Streit.

Ja, ja, das nenne ich wirkliche Kameradschaft!)

Lied I. 11, 09 Fürst Khāng‘s Lied. Seite 218

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Fürst Khāng’s Lied. 1

Des Oheims Sprößling hab’ ich geleitet,
Wohl über den Wéi gen Norden hinan.
Was hab’ ich ihm zu Geschenk gegeben?
Zum Reisewagen ein Fuchsgespann.

Des Oheims Sprößling hab’ ich geleitet,
Und lange bleib’ ich seiner gedenk.
Was hab’ ich ihm zu Geschenk gegeben?
Von köstlichen Steinen ein Gurtgehenk.

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1 – Fürst Mŭ von Thsin war mit einer Tochter des Fürsten Hián von Tsin vermählt; ihr Sohn war Fürst Khäng, ihr Bruder Schïn-sëng war Thronfolger von Tsin.
Li-kï, ein begünstigtes Nebenweib des Fürsten Hián, brachte Schïn-sëng bei diesem in Verdacht, er habe ihn vergiften wollen, und verzweifelt unter der Last dieses Verdachts, erhängte sich Schïn-sëng.
Sein beiden Söhne Tschhûng-ȯll und Ji-ngû flüchteten in‘s Ausland.
Fürst Mŭ nahm den ersteren bei sich auf. Fürst Khäng, zu der Zeit Thronfolger, geleitete ihn hernach nordwärst über den Wéi, und machte dieses Lied.
Übrigens gelangte Tschhŭng-ȯll später nach mancherlei Zwischenfällen unter dem Namen Fürst Wên auf den Thron von Tsin, wo er eine große Rolle spielte.

Lied I. 11, 10
Klage vernachlässigter alter Staatsdiener.
Seite 219

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Klage vernachlässigter alter Staatsdiener. 1

Einst ward uns, ach, so großes Haus und drin so groß Gemach.
Und nun blieb nicht der Rest für eine Mahlzeit nach.
O wehe, ach! Es ging nicht fort wie sein Beginn versprach.
Einst gab es, ach, bei jedem Mahl für uns der Schüsseln vier,
Und nun blieb nicht der Rest für eine Mahlzeit hier.
O wehe, ach! Es ging nicht fort wie sein Beginn versprach.

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1 – Die Überlieferung will, daß dieses Lied alte Diener Mŭ‘s gemacht hätten, die dessen Sohn, Fürst Khäng, habe zurück gesetzt und verarmen lassen.

Ersten Teiles zwölftes Buch:
Tschhîn.

1 – Tschhin, eins der kleineren Fürstentümer, lag in der heutigen Provinz Hȯ-nân, und ward von König Wù (1121 – 1114) zuerst einem Nachkommen des alten Kaisers Schùn (gest. 2204) verliehen.
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Lied I. 12, 01
An einen müßig sich vergnügenden Beamten.
Seite 220

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An einen müßig sich vergnügenden Beamten.

Wie der Herr sich mag ergehen
Auf des Juân-Gebirges Höhen!
Ja, da hat er sein Vergnügen,
Braucht dabei auf nichts zu sehen.

Wandelt, laut die Pauke schlagend,
An des Juân-Gebirges Fuße,
Nicht nach Winter, Sommer fragend,
Seine Reiherfedern tragend. 2

Paukt den Topf mit lauten Schlägen 3
Auf des Juân-Gebirges Wegen,
Fragt nach Winter nicht, noch Sommer,
Um den Reiherbusch zu regen.

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2 – … als Fächer nämlich.
3 – Der Körper der Handpauke war ein irdener Topf.

Lied I. 12, 02 Getäuschte Neigung. Seite 221

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Getäuschte Neigung.

An dem Ostertor sind Ulmen,
Auf dem Juân-Gebirg sind Eichen,
Und des Tsè-tschúng schöne Tochter
Tanzt darunter ohne Gleichen.

Tat den schönen Tag erküren
Für den freien Platz in Süden,
Nicht um sich beim Hanf zu rühren,
Nein, den Reigen anzuführen.

Schöner Tag, um auszustreifen,
Mit der Meng’ umher zu schweifen! –
Sah in dir die Malvenrose -:
Reicht sie mir die Pfefferdose !

Lied I. 12, 03 Genügsamkeit. Seite 222

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Genügsamkeit.

Unter roher Balkenpforte
Kann man mit Behagen lungern,
Bei der vollen Sprudelquelle
Kann man mit Vergnügen hungern.

Braucht man denn, um Fisch zu essen,
Sich am Barsch vom Hô zu laben?
Braucht man, um ein Weib zu nehmen,
Eine Kiāng von Thsî zu haben? 1

Braucht es, wenn man Fisch will essen,
Karpfen aus dem Hô zu sein?
Braucht man, um ein Weib zu nehmen,
Eine Tsè von Súng zu frei’n? 1

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1 – Kiäng war des in Thsi -, Tsè des in Sùng regierenden Hauses Familienname.

Lied I. 12, 04 Die Gescheidte. Seite 223

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Die Gescheite.

Gräben an dem Ostertore
Können Hanf zum Rösten bringen.
Jene holde, gute Schöne,
Herrlich weiß sie uns zu singen.

Gräben an dem Ostertore
Können Nesseln röstend spalten.
Jene holde, gute Schöne,
Herrlich kann sie unterhalten.

Gräben an dem Ostertore
Lassen Fasergras zergehen.
Jene holde, gute Schöne,
Herrlich kann sie Rede stehen.

Lied I. 12, 05 Getäuschte Erwartung. Seite 224

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Getäuschte Erwartung.

Die Weiden an dem Ostertor
Die steh’n in vollem Blätterflor,
Auf Abend war die Zeit bestimmt, –
Nun strahlt der Morgenstern hervor.

Die Weiden an dem Ostertor
Die steh’n in vollem Blätterkranz.
Auf Abend war die Zeit bestimmt, –
Nun strahlt der Morgenstern mit Glanz.

Lied I. 12, 06 Vergebliche Warnung. Seite 225

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Vergebliche Warnung.

Sind Dornenbüsch’ am Tor der Gruft,
So haut man sie mit Äxten um.
Und Jener, nein, er ist nicht gut; 1
Die Leut’ im Lande wissen drum.
Sie wissen’s er läßt nicht davon,
Und so von jeher war er schon.

Sind Pflaumenbäum’ am Tor der Gruft,
So sieht man Eulen dahin zieh’n.
Und Jener, nein, er ist nicht gut;
Ich singe, um zu warnen ihn.
Und wird umsonst mein Warnen sein,
Nach seinem Sturze denkt er mein.

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1 – Jener Mann war ohne Zweifel ein hochgestellter Beamter, der so hart und schlecht verwaltete, daß der Sänger seinen Sturz voraussah.

Lied I. 12, 07
Entfremdung des Geliebten.
Seite 226

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Entfremdung des Geliebten.

Aglasternester* sind am Deich,
Am Hügel Erbsen zart und weich.
Wer reizte meinen Holden auf?
Mein Herz, wie ist es schmerzenreich!

Am Tempelweg ist Ziegelstein,
Am Hügel Goldklee, zart und fein.
Wer reizte meinen Holden an?
Mein Herz, wie ist es voller Pein!

*Für Aglaster selbst habe ich keine Erklärung gefunden, aber es gibt ihn als Nachnamen und sogar als Ort, nämlich Aglasterhausen.

Lied I. 12, 08 Liebespein. Seite 227

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Liebespein.

Wie steigt der Mond in Herrlichkeit!
Wie reizend ist die schöne Maid!
O wär’ ich los der Sehnsucht Leid!
Wie liegt mein armes Herz in Streit!

Wie steigt der Mond von Glanz verklärt!
Wie ist die Schöne liebenswert!
O wär’ ich los was mich verzehrt!
Wie ist mein armes Herz beschwert!

Wie steigt der Mond mit lichtem Schein!
Wie glänzend strahlt die Schöne mein!
O könnt’ ich los der Fesseln sein!
Wie ist mein armes Herz voll Pein!

Lied I. 12, 09
Fürst Ling‘s Besuche.
Seite 228

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Fürst Lîng’s Besuche. 1

Was hat er in Tschū-lín zu tun? –
Hià-nân besucht er nun.
Nicht um  Tschū-lín ist’s ihm zu tun;
Hià-nân besucht er nun.

„So schirrt mir an mein Roßgespann!
In Tschū’s Umgebung rast’ ich dann.
Dem Fohlenspanne setz’ ich zu
Und nehme Frühstück ein in Tschū.“

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1 – Fürst Ling von Tschhin hatte sträflichen Umgang mit Kià-kï, einer Tochter des Fürsten Mŭ von Tschhing, welche an Hià, einen Großen von Tschhin verheiratet war. Sie war Mutter von Hià-Nán, dessen Ehrenname Tschïng-Schü war, und wird nach der 2. Strophe unseres Liedes in der Umgebung von Tschü-lin (oder Tschü) gewohnt haben, denn es wird angedeutet, daß Ling daselbst die Nacht zubringe. Dies echte kleine Volkslied dürfte wohl das jüngste im ganzen Schï sein – Übrigens wurde Fürst Ling in der Folge von Tschïng-Schü getötet, welchen dann Tschuäng-wâng von Thsù umbrachte.

Lied I. 12, 10 Liebesleid. Seite 229

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Liebesleid.

Auf den Ufern an den Seen
Stehen Binsen bei Nymphäen/Seerosen.
Eine Allerschönste gibt’s, –
Welches Leid ist mir geschehen?
Wachend, schlafend tu ich nichts,
Will in Tränenflut zergehen.

Auf den Ufern an den Seen
Steh’n bei Binsen Lilienglocken.
Eine Allerschönste gibt’s,
Hoch und schlank und reich an Locken.
Wachend, schlafend tu ich nichts,
Fühl’ im Herzen nur dies Stocken.

 Auf den Ufern an den Seen
Finden Bins’ und Lotos Stätte.
Eine Allerschönste gibt’s,
Hoch und schlank in stolzer Glätte.
Wachend, schlafend tu ich nichts,
Wälze mich umher im Bette.

Ersten Teiles dreizehntes Buch:
Kuéi.

1 – Kuéi war ein kleines, schon altes Lehnsfürstentum, das in der jetzigen Provinz Hȏnân zwischen den Flüssen Tsin und Wéi lag, und bereits im 8. Jahrh. V. Chr. Von Tschhing annektiert wurde.
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Lied I. 13, 01
Der eitle und leichtsinnige Fürst.
Seite 230

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Der eitle und leichtsinnige Fürst.

Im Lammpelz treibst du Müßiggang,
Im Fuchspelz hältst du Hofempfang; 2
Wie sollt’ ich da nicht dein gedenken?
Mir ist im Herzen weh und bang.

Im Lammpelz schwärmst du sonder Wahl,
Im Fuchspelz bist du in dem Saal;
Wie sollt’ ich da nicht dein gedenken?
Mir macht’s im Herzen Leid und Qual.

Der Lammpelz, wie von Fettbalsam,
Erglänzt, sowie die Sonne kam;
Wie sollt’ ich da nicht dein gedenken?
Mein ganzes Herz ist voller Gram.

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2 – Der Lammpelz sollte nur beim Hofempfang im Saale, der Fuchspelz nur am Hofe des Königs getragen werden.
Das Verfahren des Fürsten macht dem anhänglichen Sänger schmerzliche Sorge.

Lied I. 13, 02
Klage über den Verfall kindlicher Ehrerbietung, sich erweisend in Vernachlässigung der Trauergebräuche.
Seite 231

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Klage über den Verfall kindlicher Ehrerbietung, sich erweisend in Vernachlässigung der Trauergebräuche. 1

O seh’ ich doch den weißen Hut getragen,
Und Trauernde sich abgehärmt beklagen!
Vor Kummer will mein banges Herz verzagen.

O möcht’ ich weißes Unterkleid doch sehen!
Mein Herz es würd’ in Gram und Mitleid stehen,
Und gerne wollt’ ich dann mit euch zusammen gehen!

O seh’ ich doch die Kniee weiß umwunden! 2
Mein Herz, wie wär’ es innig dann gebunden,
Wie gerne wär’ ich dann mit euch als eins erfunden!

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1 – In China trauert man seit uralter Zeit bekanntlich in Weiß, vornehmlich aber nur um die Eltern, weshalb Vernachlässigung der Trauer Mangel an kindlicher Pietät (Respekt) bezeugt.
2 – „Oh sähe ich doch – sù pĭ“ = Kniebedeckung oder Schürze aus weißem Leder.

Lied I. 13, 03
Der glückliche Baum – ohne Haussorgen.
Seite 232

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Der glückliche Baum – ohne Haussorgen.

Im Tale steht der Blimbingbaum,
Und weich und biegsam ist sein Reis;
Er lacht uns an mit seinem Glanz –
O du Beglückter, der von gar nichts weiß!

Im Tale steht der Blimbingbaum,
Und weich und zart sind seine Blüten;
Er lacht uns an mit seinem Glanz –
O du Beglückter, hast kein Haus zu hüten!

Im Tale steht der Blimbingbaum,
Und seine Frucht ist weich und linde;
Er lacht uns an mit seinem Glanz –
O du Beglückter, hast kein Hausgesinde!

Lied I. 13, 04
Klage über den Verfall der Königsmacht von Tscheu.
Seite 233

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Klage über den Verfall der Königsmacht von Tschēu.

O es ist nicht der Winde Sausen,
O ist es nicht der Wagen Brausen, –
Ich schau’ hinaus des Wegs nach Tschēu,
Und fühle Weh im Herzen hausen.

O es ist nicht der Winde Schwärmen,
O es ist nicht der Wagen Lärmen, –
Ich schau’ hinaus des Wegs nach Tschēu,
Und muß mich tief im Herzen härmen.

Wer ist, der Fische kochen kann?
Ich will ihm seinen Kessel scheuern.
Wer ist, der will nach Westen geh’n?
Ich will ihm gute Worte steuern. 1

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1 – Der Sinn dieser Strophe dürfte sein: Wer im Stande ist, etwas Förderliches zu tun, und die Absicht hat, deswegen nach Tschëu (gen Westen) zu gehen, dem will der Sänger dazu behilflich sein und ihm „gute Laute“ – ob Rat, Empfehlung Botschaft?
Legge meint, eben dies Lied – zur Unterstützung mitgeben.

Ersten Teiles vierzehntes Buch:
Thsâo.

1 – Dies kleine Fürstentum, das in der heutigen Provinz Schän-tüng lag, ward zuerst von König Wù seinem jüngeren Bruder Tschin-tŏ verliehen, und bestand bis in das 5. Jahrh. v. Chr. wo es von Súng annektiert ( man könnte auch sagen einkassiert) wurde.
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Lied I. 14, 01
Der leichtsinnige Stutzer.
Seite 234

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Der leichtsinnige Stutzer.

Der Eintagsfliege Flügelkleid
Ist ein Gewand voll Herrlichkeit.
Mein Herz ist voller Kümmernis;
Käm er zu mir, er blieb’ allzeit. 2

Der Eintagsfliege Schwingenstand
Ist ihr ein prächtiges Gewand.
Mein Herz ist voller Kümmernis;
Käm’ er zu mir, da hielt’ er Stand.

Die Eintagsflieg’ entschlüpft wohl eh’;
Ihr Hanfgewand ist wie der Schnee.
Mein Herz ist voller Kümmernis;
Käm’ er zu mir, er dauerte.

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2 – Grammatisch fassen wir diesen Vers: «Ad me reversus maneret – “ich kehrte um zu bleiben“, und sehen darin den Gegensatz gegen die Kurzlebigkeit der Eintagsfliege.
Wem das zuzuschreiben, ist unklar. Politisches ist nicht darin zu entdecken.

Lied I. 14, 02
Die Menge unwürdiger Hofdiener.
Seite 235

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Die Menge unwürdiger Hofdiener.

Die Menge Hofbegleiter-Herren da, 1
Und ihre Spieß- und Lanzenpfleger!
Dergleichen Leute sind es nun –
Dreihundert Scharlachschürzenträger! 2

Wohl sitzt der Pelikan am Deich,
Doch nicht die Flügel mag er netzen.
Dergleichen Leute sind es nun
Nicht ihrer Kleider wert zu schätzen.

Wohl sitzt der Pelikan am Deich,
Doch nicht den Schnabel mag er nässen.
Der gleichen Leute sind es nun –
Nicht ihren Gunsten angemessen.

Und wie das wuchert, wie des schwillt!
Frühnebel auf des Südbergs Weiden! –
Die holde, ach, die schöne, ach,
Die zarte Maid muß Hunger leiden! 3

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1 – „Heû sjîn“, eine Art Kammerherrn zum Einführen und Geleiten fremder Gäste.
2 – „Tschĭ fŭ“, scharlachfarbene Knieschürze, Zeichen der Würde und davon Amtsname.
3 – Ist dunkel. Die Ausleger verstehen unter der „zarten Maid“ (ki niú) bald die würdigeren Männer, bald das Volk.

Lied I. 14, 03
Preis eines vorzüglichen Regenten.
Seite 236

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Preis eines vorzüglichen Regenten.

Die Turtel(-taube) ist im Maulbeerbaum
Und sieben Junge zog ihr Nest.
Ein Ehrenmann, der hohe Herr,
Der nie von einem Rechten läßt.
Der nie von einem Rechten läßt,
Des Herz ist wie ein Knoten fest.

Die Turtel ist im Maulbeerbaum,
Im Pflaumenbaum ist ihre Brut.
Ein Ehrenmann, der hohe Herr,
Und ist sein Gurt von Seidengut.
Und ist sein Gurt von Seidengut,
So trägt er einen schwarzen Hut.

Die Turtel ist im Maulbeerbaum,
Die Jungen sind im Dornenstrauch.
Ein Ehrenmann, der hohe Herr,
Unfehlbar in des Wandels Brauch.
Unfehlbar in des Wandels Brauch,
Bessert er rings die Länder auch.

Die Turtel ist im Maulbeerbaum,
Auf Haseln stellt die Brut sich dar.
Ein Ehrenmann, der hohe Herr,
Er bessert unsres Volkes Schar.
Er bessert unsres Volkes Schar –
Warum nicht noch zehntausend Jahr’?

Lied I. 14, 04
In schlimmen Zeiten, da keine Hilfe mehr vom Königshofe kommt.
Seite 237

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In schlimmen Zeiten, da keine Hilfe mehr vom Königshofe kommt.

Kalt kommt herab der Quelle Lauf,
Das dichte Lolchkraut* überrinnend.
* (= eine Grasart)
O weh, mit Seufzen wach’ ich auf,
Mich auf die Hofburg Tschēu’s besinnend.

Kalt kommt herab der Quelle Lauf,
Das dichte Rohrschilf überströmend.
O weh, mit Schmerzen wach’ ich auf,
Die Hofburg Tschēu’s zu Herzen nehmend.

 Kalt kommt herab der Quelle Lauf,
Die dichte Schafgarb’ übertränkend.
O weh, mit Schmerzen wach’ ich auf,
An jenen Königshof gedenkend.

Einst war das Hirsefeld voll Segen,
Befruchtet von gar reichem Regen;
Die Länder hatten einen Herrn,
Ein Fürst von Siün konnt’ ihrer pflegen. 1

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1 – Eine unverständliche geschichtliche Anspielung, aus welcher man geschlossen hat, daß einst ein Fürst des Ländchens Siün in glücklicheren Zeiten Vizekönig gewesen sei.

Ersten Teiles fünfzehntes Buch: Pin.

Das Leben in Pin zur alten Zeit.
Das Land Pin lag im Westen der jetzigen Provinz Schèn-si am King-Fluß und war von 1796 bis 1325 v. Chr. Besitz der Vorfahren der Tschëu-Dynastie. Das folgende Gedicht, das ländliche Geschäfte und Sitten der uralten Bewohner beschreibt, soll von dem Tschëu-Fürsten (Tschëu-küng), Königs Wên‘s Sohn und König Wú‘s Bruder, für sein Mündel, den jungen König Tschhing verfaßt sein, etwas um 1114 v. Chr.
War auch das kleine Pin längst in dem großen Tschëu aufgegangen, so wurde doch die Überschrift für dies Buch beibehalten, dessen Gedichte teils von dem Tschëu-Fürsten herstammen, teils auf ihn sich beziehen.
Da dieses erste Gedicht einem Landwirt der Vorzeit in den Mund gelegt ist, so zählt es die Monate noch nach dem alten Jahre der Hiá-Dynastie, das etwa mit unserem Februar begann.
Die Übersetzung hat dies Mal ausnahmsweise die Reime fallen lassen, und wo nicht der chinesische Vers länger ist, fünffüßige Jamben gewählt.

Lied I. 15, 01
Das Leben in Pin zur alten Zeit.
Seite 238

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Das Leben in Pin zur alten Zeit.

Im siebten Monat sinkt der Feuerstern,1
Im neunten Monat teilt man Kleider aus.
In’s ersten Monats Tagen pfeift der Wind,
In’s Zweiten Tagen sind die Lüfte kalt,
Und ohne Kleidung, ohne Wollenzeug,
Wie wäre durchzukommen durch das Jahr?
In’s Dritten Tagen geht man an den Pflug,
In’s Vierten Tagen hebt man seine Zehen.2
Vereint mit meinem Weib und Kindern dann,
Das Essen bring’ ich nach den Mittagsäckern.
Der Ackervogt tritt zu und freuet sich.

Im siebten Monat sinkt der Feuerstern,
Im neunten Monat teilt man Kleider aus.
Die Frühlingstage bringen Wärme mit,
Der gelbe Vogel hebt zu singen an;
Die Mägdlein nehmen schön gewölbte Körbe
Und geh’n damit die engen Pfade entlang,
Um zarte Maulbeerblätter aufzusuchen.
Verlängern sich die Frühlingstage dann,
So pflücken sie den Wermuth scharenweis’.
Des Mägdleins Herzen ist so weh vor Leid,
Bald soll sie sich vermählen mit des Fürsten Sohn.

Im siebten Monat sinkt der Feuerstern;
Im achten Monat gibt es Schilf und Rohr.
Im Seidenwurmmond ästet man den Maulbeer; 3
Da greift man zu dem Beil und zu der Axt,
Um abzukappen was zu weit und hoch;
Die jungfräulichen Maulbeer’n blattet (= verkürzt) man.
Im siebten Monat singt der Würgevogel. 4
Im achten Monat hebt das Spinnen an,
Da webt man blaues, webt man gelbes Zeug;
Und unser rotes, das am meisten glänzt;
Gibt Unterkleider für die Fürstensöhne.

Im vierten Mond besamet sich das Gras;
Im fünften Monat tönt der Grillen Gesang;
Im achten Monat ernte man die Frucht;
Im zehnten Monat fällt das Laub herab.
In’s Ersten Tagen geht man nach dem Dachs,
Und fängt die Füchse und die wilden Katzen,
Die geben Pelze für die Fürstensöhne.
In’s Zweiten Tagen ist Zusammenkunft
Zur Wiederholung kriegerischen Tuns. 5
Die Frischlinge behält ein Jeder selbst,
Die vollen Schweine bringen sie dem Fürsten.

Im fünften Monat rührt die Grille ihre Schenkel;
Im sechsten Monat schwingt das Heimchen seine Flügel,
Im siebten Monat ist es auf dem Feld,
Im achten Monat ist es unterm Östen,6
Im neunten Monat ist es in der Tür;
Im zehnten Monat geht das Heimchen unter unser Bett.
Man stopft die Ritzen, räuchert aus die Mäuse,
Verschließt die Fenster, übertüncht die Türen.
Ach leider, du mein Weib und meine Kinder,
Dieweil das Jahr sich umgewandelt hat,
So geht in dieses Haus und wohnt darin.

Im sechsten Monat ißt man Pflaume und Traube,
Im siebten Monat ißt man Kraut und Schoten,
Im achten Monat schlägt man Nüsse ab;
Im zehnten Monat erntet man den Reis
Und macht daraus für nächsten Frühling Wein,
Die greisen Augenbrauen aufzufrischen.
Im siebten Monat ißt man Melonen,
Im achten Monat haut man Flaschenkürbis,
Im neunten liest man Samen von dem Hanf,
Pflückt Lattich, macht von Stinkebäumen Brennholz,
Und Speisen geb’ ich meinen Ackerleuten.

Im neunten Monat stampft man Grund im Garten,
Im zehnten Mond bringt man die Garben drauf, 7
Die Hirsenarten, frühe sowie späte,
Getreide, Hanf, die Hülsenfrüchte u. d. Weizen.
Wohl an denn nun, ihr meine Ackerleute,
Da unsre Feldarbeit vollendet ist,
Geht heim und nehmt die Hausgeschäfte vor!
Indes es Tag ist, schneidet Binsengras,
Und wird es Nacht, so flechtet Seile draus.
Behende steiget zu den Böden auf,
Hebt an und worfelt* alle das Getreide.
*(das ist das Reinigen desselben)

In’s Zweiten Tagen hauet man das Eis mit Klirren los
In’s Dritten Tagen legt man es in Eisgewölben ein; 8
In’s Vierten Tagen, wenn es Morgen wird,
Bringt man das Lamm dar und man opfert Lauch. 9
Im neunten Monat frieret es und reift;
Im zehnten Monat scheuert man die Tenne,10
Die Doppelflasche Wein wird aufgetischt,
Dann schlachtet man die Lämmer und die Schafe,
Begibt hinauf sich in des Fürsten Saal
Und hebt den Nashornbecher in die Höh’:
– „Zehntausend Jahre lebe er und ohne Ende!“

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1 – Der Feuerstein (hȯ) ist das Herz des Skorpions, und mit seinem Sinken ist sein Durchgang durch den Meridian gemeint, womit er westwärts hinab sinkt. Zu des Tschëu-Fürsten Zeit geschah dies im August.
2 – D. h. „sie gehen an die Arbeit“.
3 – Dies ist kein bestimmter Monat, sondern eben der, in welchem die Seidenwürmer (aus ihrem Kokon) herauskriechen, zu deren Nahrung man dann der Maulbeerblätter bedarf.
4 – Der Neuntöter. (= ein Vogel und gehört zur Familie der Würger.)
5 – Im Zweiten Monat ist allgemein Jagd, die, weil sie vornehmlich den Wildschweinen galt, Übung im Waffengebrauch verlangte, auch gefährlich sein konnte, daher für Krieg vorbereitete.
6 – „Osten“, ist der über die Hauswände vorstehende Teil des Daches, der bei chinesischen Häusern sehr breit ist.
7 – Im Garten wird der Boden festgestampft, um die Getreide-Feimen (=Getreidebündel) drauf zu bringen.
8 – Tschü-hï bemerkt, da der Erdboden in Pin sehr kalt gewesen, so sei das Eis im ersten Frühlingsmonat noch nicht geschmolzen, drum habe man es noch einbringen können.
9 – Diese religiöse Zeremonie ging dem Öffnen und Benutzen des Eiskellers voraus.
10 – Mit dem Mand-schu, der «falan sombi» hat.
(„falan sombi“!!! Also wirklich, bei solchen Ausdrücken bin ich mit meinem Latein, das ich nicht kann, am Ende.)

Des Tschēu-Fürsten Eulenlied.
König Wù (1122 – 1112 v. Chr.) hatte dem Sohn des letzten Kaisers der gestürzten Schäng-Dynastie, Wù-këng, ein kleines östlich gelegenes Fürstentum verliehen, und zur Hut der ehemaligen Land der Schäng drei seiner eigenen Brüder bestellt. Nach seinem Tode verbündeten diese sich insgeheim mit Wù-këng gegen den jungen Kaiser, König Tschhing, ihren Neffen, und um zunächst den Reichsverweser, den Tschëu-Fürsten, dessen überlegenen Geist sie am meisten fürchteten, zu beseitigen, streuten Gerüchte aus, die ihn verdächtigten, und sorgten dafür, daß diese dem jungen König zu Ohren kamen. Sie blieben nicht ohne Erfolg und Tschhing bewies seinem Oheim sein ganzes Mißtrauen; dieser jedoch, ohne sich leidenschaftlich dagegen zu verteidigen (s. Lied 7 d. B.), zog sich gelassen in die östlichen Lande zurück, wo er zwei Jahre blieb. Als nun aber die Verschworenen in offene Empörung ausbrachen, sammelte er ein Heer gegen sie und unterwarf sie nach längeren hartnäckigen Kämpfen (s. Lied 4). – Die herkömmliche Erklärung setzt das Eulenlied in die Zeit nach diesem Sieg; der Inhalt läßt einen früheren Zeitpunkt vermuten.

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Lied I. 15, 02
Des Tscheu-Fürsten Eulenlied.
Seite 242

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Des Tschēu-Fürsten Eulenlied.

Du Eule, o du Eule du!
Schon hältst du meine Jungen fest; 1
Zerstöre nicht mein ganzes Nest!
Sie pflegt’ ich, sie umklammert’ ich,
Der aufgenährten Jungen jammert mich.

Bevor am Himmel schwarz die Regenwolken hingen,
Sah man mich Maulbeerfasern bringen
Und fest um Tür und Fenster schlingen. 2
Und jetzt, du niedriges Geschlecht,
Wagt Einer Schmach auf mich zu bringen? 3

Mein’ Klau’n erkrallten alle Stund’,
Wo ich ein Hälmlein fassen kunnt (konnte)‘,
Wo ich nur einzusammeln fund (fand/finden),
Bis mir der Schnabel völlig wund.
Ich sprach: Ich habe noch nicht fest des Hauses Grund. 4

Nun sind die Schwingen mir verheert (zerstört),
Nun ist der Schweif mir weg gezehrt,
Gefahr ist in mein Haus gekehrt,
Das Wind und Regenflut durchstürmt, durchfährt;
Mir bleibt nur noch ein Klagelied gewährt. 5

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1 – Unter der Eule dürfte wohl das ganze mächtig unheimliche Geschlecht der Empörer zu verstehen sein. Die „Jungen“ sind die nachgeborenen in die Empörung verflochtenen Brüder des Tschëu-Fürsten, der in dem ganzen Lied den Charakter des Nest bauenden, behütenden und versorgenden Vogels beibehält.
2 – Bis zu dieser Zeit der Unwetter hat er treulich für die Befestigung des jungen Königshauses gesorgt und sich dabei auf‘s äußerste abgemüht.
3 – Diese Verse möchten beweisen, daß das Gedicht vor dem siegreichen Feldzug abgefaßt sei.
4 – Noch immer hingen viele an dem gestürzten Königshaus der Schäng.
5 – Auch diese Strophe kann nur entstanden sein, als der Fürst die Dynastie und sich selbst hilflos erkannte.

Lied I. 15, 03
Die Heimkehr der Truppen von des Tscheu-Fürsten Feldzug gegen den Empörer.
Seite 244

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Die Heimkehr der Truppen von des Tschēu-Fürsten Feldzug gegen die Empörer.

Wir zogen nach des Ostens Bergen,
Lang’, lange sonder (ohne) Wiederkehr.
Da wir vom Osten kamen wieder,
Da fiel der Regen strömend nieder, –
Als man im Osten rief zur Kehr,
Schmerzt’ uns das Herz nach Westen sehr.
Wir stellten Röck’ und Kleider her; 1
Kein Dienst erzwang die Reihen mehr. 2
Ein Wimmeln war’s, wie Raupen machten,
Wo sich ein Maulbeerfeld erstreckt.
Dann gab’s ein still und einsam Nachten,
Nur von den Wagen überdeckt.

Wir zogen nach des Ostens Bergen,
Lang’, lange sondern Wiederkehr.
Da wir vom Osten kamen wieder,
Da fiel der Regen strömend nieder, –
„Des wilden Kürbis Früchte klammern
Sich wohl an unser Dach empor;
Die Asseln sind in unsern Kammern,
Und Spinnweben in dem Tor;
Die Hirsche weiden auf den Wiesen,
Glühwürmer schimmern über diesen“ –
Wohl konnte Furcht uns kränken so,
Es war ja wohl zu denken so!

Wir zogen nach des Ostens Bergen,
Lang’, lange sondern Wiederkehr.
Da wir vom Osten kamen wieder,
Da fiel der Regen strömend nieder, –
Vom Ameisenberg der Kranich schrie;
Die Frau, im Hause seufzte sie,
Wusch, fegte, stopfte jede Fuge.
Da kehrten wir von unserm Zuge.
Die Bitterkürbiss’ hingen voll,
Die Kastanienästen waren,
Von unsern Augen nicht erblickt,
bis diesen Tag seit dreier Jahren. 4

Wir zogen nach des Ostens Bergen,
Lang’, lange sondern Wiederkehr.
Da wir vom Osten kamen wieder,
Da fiel der Regen strömend nieder, –
Nun fliegt das gelbe Vögelein
Und schimmernd glänzen seine Flügel.
Die Jungfrau zieht zur Hochzeit ein,
Und Füchs’ und Schecken lenkt der Zügel.
Die Mutter band die Schärp’ ihr an, 5
Neun, zehnfach ist ihr Schmuck getan.
Das Frische lockt gar lieblich an;
Das Alte – was reicht da hinten an? 6

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1 – Wenn die Kritiker die Ausdrücke für „Röcke und Kleider“ für unmilitärisch erklären, so dürfte sie das 8. Lied des 11. Buches widerlegen, wo im Chinesischen die selben Ausdrücke stehen, wie hier. Übrigens ist es ganz natürlich, daß die Krieger, sobald sie von Rückmarsch hören, zunächst die Kleidung, so gut es geht, in Stand setzen.
2 – Wir finden diesen Sinn in dem Vers, den Tschü-hï „noch nicht erklärt“ nennt. Auf der Heimkehr ist kein Zwang (mêi = „Knebel“) zur dienstlichen Reihung mehr.
3 – Tschü-hï sagt: „Will es regnen, so wissen es die Höhlen bewohnenden (Tiere) vorher, drum kommen die Ameisen aus dem Haufen und der weiße Kranich frißt sie sofort; danach schreit er auf jenem.
4 – Dies stimmt zu einer zweijährigen Abwesenheit, wenn das Heer vor dem Aufranken der Kürbisse ausgezogen.
5 – Ein Brautgürtel, den die Mütter den Töchtern am Hochzeitstage umbinden.
6 – „Das Frische“ sind die jungen Bräute junger heim-gekehrter Krieger, „das Alte“ ist der bereits gegründete Hausstand, vornehmlich auch die Eltern. – Dieses Lied soll von dem Tschëu-Fürsten für sein Heer gemacht sein.

Lied I. 15, 04
Gesang der Krieger. Erwiderung auf das vorige Lied.
Seite 247

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Gesang der Krieger. Erwiderung auf das vorige Lied.

Unsre Äxte sind zerbrochen,
Unsre Beile sind zerfetzt;
Denn der Tschēu-Fürst kämpft’ im Osten,
Alles Land ist recht besetzt.
Doch sein Mitleid für uns Leute
Zeigt sich über Allem jetzt.

Unsre Äxte sind zerbrochen,
Unsre Meißeln sind zerkracht; 1
Denn der Tschēu-Fürst kämpft’ im Osten,
Alles Land ist heim gebracht.
Doch sein Mitleid für uns Leute
Zeigt sich jetzt in voller Pracht.

Unsrer Äxte sind zerbrochen,
Unsre Keulen sind zerschellt;
Denn der Tschēu-Fürst kämpft’ im Osten,
Alles Land ist wohl bestellt.
Doch sein Mitleid für uns Leute
Ist das Herrlichste der Welt.

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1 – Der Meißel muß eine alte, sehr einfache Waffe gewesen sein.

Lied I. 15, 05
Richtig gewählte Vermittlung.
Seite 248

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Richtig gewählte Vermittlung.

Wer Beilstiel’ haut, wie fängt er’s an?
Nicht ohne Beil bringt er’s dahin.
Nimmt man ein Weib, wie fängt man’s an?
Man kriegt’s nicht ohne Werberin.

Wer Beilstiel’ haut, wer Beilstiel’ haut,
Der hat das Maß dazu nicht weit.
Ich sehe die erwählte Braut,
Und Körb’ und Schalen steh’n bereit.

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1 – Die Erklärung des Liedes zeigt sich auf den ersten Blick nicht schwierig: wie man den alten Beilstiel gebraucht, um den neuen zuzuhauen, so eine Alte als Werberin, um eine Junge zu heiraten. Die Vortrefflichkeit jener verbürgt die Vortrefflichkeit dieser; danach wählte ich und bin zur Hochzeit gerüstet. Allein die Überlieferung bezieht das Lied auf den Tschëu-Fürsten, wofür auch seine Einordnung spricht. Danach wäre es nur bildlich aufzufassen: will der junge Kaiser das Reich (die Braut, für die alles bereit steht) für sich gewinnen, so muß er den Tschëu-Fürsten zum Vermittler und dessen Verfahren zum Vorbild nehmen, dann wird eine glückliche Verbindung zustande kommen. Schwerlich ist jedoch das Lied entstanden, um diesen Gedanken auszudrücken.

Lied I. 15, 06
Des Tscheu-Fürsten Weilen im Ostlande und seine Rückberufung.
Seite 249

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Des Tschēu-Fürsten (Ver-)Weilen im Ostlande und seine Rückberufung.

Im neunmal weiten Fischernetz sind Karpf’ und Schlei’.
Nun sehen wir den hohen Herrn
Im Königskleid mit Stickerei! –1

„Die Wildgans fliegt um Inselein.
Kehrt nicht der Fürst zum Platz, der sein?
Bei euch noch einmal spricht er ein.“

„Die Wildgans fliegt zum Hochland her.
Der Fürst geht ohne Wiederkehr;
Bei euch noch einmal rastet’ er.“ –

O darum hat er dieses königliche Kleid!
O nicht gescheh’s, daß unser Fürst von hinnen scheid’!
O nicht bereit’ er unsern Herzen dieses Leid!

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1 – Dies „königliche Kleid mit gesticktem Unterkleid“, nur wenig von der Kleidung des Königs verschieden, kam nur den drei vornehmsten Fürsten des Tschëu-Hauses zu. Das Lied zeigt, daß der Tschëu-Fürst nach dem siegreichen Feldzug von dem jungen König reuevoll aufgenommen, nochmals in seiner alten Würde nach Osten gegangen sei. So sehen ihn die Einwohner und drücken in der ersten Strophe die Hoffnung aus, daß er bei ihnen bleiben werden. – Die zweite und dritte Strophe haben nur einen richtigen Sinn, wenn sie einem andern in den Mund gelegt werden. Sie bescheiden das Volk, daß seine Hoffnung sich nicht erfüllen werde.

Lied I. 15, 07
Des Tscheu-Fürsten ruhige Großheit, als er verleumdet war.
Seite 250

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Des Tschēu-Fürsten ruhige Großheit, als er verleumdet war.

Der Wolf gibt seiner Wamme Stoß, –
Dann stürzt er seinem Schweife zu. 1
Der Fürst wich sanft und schön und groß;
Gelassen stand der rote Schuh. 2

Der Wolf stürzt seinem Schweife zu, –
Dann gibt er seiner Wamme Stoß. 1
Der Fürst wich sanft und schön und groß;
Sein Tugendruhm bleibt makellos.

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1- Die Ausleger bemerken, daß alte Wölfe eine starke Wamme am Hals bekommen, und daß man sich hier den Wolf in einer Grube gefangen denken müsse, wo er vor Wut und Angst vorwärts und zurück springt, und ohne zu entkommen, nur sich selbst schadet. Damit kontrastiert des Tschëu-Fürsten Benehmen in aller Weise.
2 – Rote Sohlen gehören zu der auszeichnenden Kleidung der höchstgestellten Fürsten.

Zu diesen Zeichen gibt es von Victor keine Übersetzung.
Ich habe sie der Vollständigkeit angefügt.

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Fertigstellung dieser Seite von Hildegard Fischer am 10. und 23. August 2019, sowie am 29.9.2019 und 15.10.2019.