Die Lieder in chinesischer und deutscher Form. (4.)

Zweiter Teil – Kleine Festlieder.
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Zweiten Teiles erstes Zehent.
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Lied II. 1, 1
Festlied zur Bewirtung königlicher Minister.
Seite 253

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Festlied zur Bewirtung königlicher Minister. 1

Der Hirsch der lockt mit frohem Laut,
Er ißt des Waldes würzig Kraut.
Gar edle Gäste hab’ ich hier.
Die Harfe schallt, die Pfeife klingt,
Die Pfeife klingt, ihr Zünglein schwingt; 2
Der Gabenkorb Geschenke bringt.3
Denn Männer sind es, die mich lieben,
Mir zeigen, welcher Weg gelingt.4

Der Hirsch der lockt mit frohem Laut,
Er ißt des Waldes süßes Gras.
Gar edle Gäste hab’ ich hier;
Ihr Tugendlob, wie glänzet das!
Es zeigt dem Volke: seid nicht laß*!
(*lass = matt, müde, schlaff)
Die hohen Männer sind das Vorbild, sind das Maß.
Hier hab’ ich auserles’nen Wein,
Des freuen sich die edlen Gäste desto baß/sehr.

Der Hirsch der lockt mit frohem Laut,
Er ißt des Waldes grün Gerank.
Gar edle Gäste hab’ ich hier,
Bei Harfenschall und Lautenklang.
Bei Harfenschall und Lautenklang,
Weilt holde Freude doppelt lang’.
Hier hab ich auserles’nen Wein,
Das in der edlen Gäste Herzen Freude geh’ in Schwang.

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1 – Dieses Lied, ursprünglich für Fürstenhöfe bestimmt, ist in China allgemeines Festlied zur Begrüßung geehrter Gäste geworden.
2 – Metallzungen in den Pfeifen brachten die Töne hervor.
3 – Das Beschenken der Gäste bewies deren Wertschätzung.
4 – Das chinesische – „schi ngò tschēu hâng“, wörtlich: „zeigen mir den vollkommenen Weg“, enthält zugleich ein Wortspiel, indem es auch heißen könnte: „den Weg der Tschēu“.


Lied II. 1, 2
Der Beamte auf Sendung in der Ferne.
Seite 255

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Der Beamte auf Sendung in die Ferne.1

Es jagt mein Hengstgespann einher,
Der Heerweg längt sich immer mehr.
Wie dächt’ ich nicht an Wiederkehr?
Doch Königsdienst will kein Versäumen, –
Mir ist das Herz vor Kummer schwer.

Es jagt mein Hengstgespann einher,
Die Mohrenschimmel schnauben, schäumen.
(Mohrenschimmel? – ist das nicht ein Widerspruch, denn Mohren sind schwarz und Schimmel weiß! Er drückt damit sicherlich aus, daß es sich um ein weiß-schwarz geflecktes Pferd handelt.)
Wie dächt’ ich nicht an Wiederkehr?
Doch Königsdienst will kein Versäumen;
Nicht darf ich hingekauert träumen.

Wohl seh’ ich schnell beschwingte Tauben,
Nun steigen, nun hinab begehren
Und auf das Eichendickicht kehren.
Doch Königsdienst will kein Versäumen;
Ich darf den Vater nicht ernähren.

Wohl seh’ ich schnell beschwingte Tauben,
Nun steigen, nun sich ab bewegen
Und sich in Weidendickicht legen.
Doch Königsdienst will kein Versäumen;
Ich darf die Mutter nicht verpflegen.

Vier Mohrenschimmel spannt’ ich an,
Sie rennen rastlos ihre Wege.
Wie dächt’ ich nicht an Wiederkehr? –
Und drum macht’ ich dies Lied,
Zu deuten auf der Mutter Pflege.

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1 – Dieses Lied pflegte am Hofe zur Feier der Rückkehr eines Abgesandten gesungen zu werden, weshalb die Ausleger meinen, es sei nur im Geiste eines solchen, nicht von ihm selbst gedichtet worden. Doch ist nicht nur aus dem ganzen Individuellen, daß der in weite Ferne Gesendete hilflose Eltern zurück gelassen, sondern auch aus den beiden Schlußversen zu vermuten, der Dichter habe das Lied als eine feine Bitte um Zurückberufung an seinen hohen Absender gerichtet.


Lied II. 1, 3
Rasche und glückliche Geschäftserledigung eines Ausgesendeten.
Seite 257

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Rasche und glückliche Geschäftserledigung eines Ausgesendeten. 1

Gar herrlich schimmern die Blüten dort
Wohl über das Tal und den Höhenzug;
Doch tummeln sich rasch die Entsendeten fort;
Und Jeden bedünkt, er tu nicht genug. 2

Wohl seh’n meine Pferde noch jugendlich aus,3
Doch sind die sechs Zügel, als trieft’ es daraus;
So treib’ ich sie an und so jag’ ich hinaus,
Und rings forsch’ Alles ich emsiglich aus.

Wohl sind meine Pferde noch schwärzlich von Haar,
Doch sind die sechs Zügel wie seidene gar;
So treib’ ich sie an und so jag’ ich hinaus,
Und ringsum forschend, nehm’ Alles ich wahr.

Wohl sind meine Schimmel noch schwarz an der Mähn’,
Doch sind die sechs Zügel wie naß anzuseh’n;
So treib’ ich sie an und so jag’ ich hinaus,
Um ringsum forschen nach Allem zu späh’n.

Wohl sind meine Pferde noch gräulich gefleckt,
Doch sind die sechs Zügel gleichmäßig gestreckt;
So treib’ ich sie an und so jag’ ich hinaus,
Und forsche ringsum, bis ich Alles entdeckt.

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1 – Auch dieses Lied wurde zur festlichen Begrüßung der auf Untersuchung des Landeszustandes ausgesandten Beamten nach ihrer Rückkehr und befriedigenden Verrichtung gesungen, ist jedoch auch wohl von einem solchen auf der Fahrt selbst gedichtet worden.
2 – Die erste Strophe dürfte nicht, wie die Ausleger meinen, erzählende Einleitung sein, sondern schon in den Mund dessen gehören, der in dem Nachfolgenden spricht.
3 – Vermutlich war der Sänger noch jung im Amt, und deutet dies dadurch an, daß seine Pferde noch „Füllen“, noch schwärzlich und grau gefleckt seien, was sich bei Schimmeln erst später verliert.

Lied II. 1, 4 Die Bruderliebe. Seite 267

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Die Bruderliebe. 1

Des wilden Kirschenbaumes Blüten,
Erschimmern sie nicht voll und reich?
Von allen Menschen unsrer Tage
sind keine doch den Brüdern gleich.

Wenn alle Tod und Trauen scheuen,
So halten Brüder fest in Treuen;
Und liegt’s auf Berg und Tal zuhauf, 2
Der Bruder sucht den Bruder auf.

Bachstelzen laufen auf der Haid’,
So eilen Brüder zu im Leid,
Die Einer hat, die guten Freunde,
Sind nur zum Seufzen stets bereit.

Die Brüder zanken wohl im Hause,
Doch draußen steh’n sie sich zur Wehr.
Die Einer hat, die guten Freunde,
Die eilen nicht zum Beistand her.

Hat Leid und Streit dann aufgehört,
Sind Ruh’ und Frieden eingekehrt,
Obwohl man dann auch Brüder habe,
Man hält sie nicht gleich Freunden wert.

Stellst deine Schüsseln du bereit,
Und tu im Wein vollauf Bescheid,
Sind dann die Brüder dir zur Seit’,
Herrscht Eintracht, Freud’ und Zärtlichkeit,

Sind Weib und Kinder hold verbunden,
Das ist wie Harf’ und Lautenklang;
Und werden Brüder eins erfunden, (als einig befunden)
Gibt’s Freud’ und Eintracht lebenslang.

Mach’ eins die deines Hauses sind,
So hast du Freud’ an Weib und Kind.
Dem trachte nach, drauf sei gesinnt.
Wirst seh’n, daß also sich’s befind’t!

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1 – Dieses Lied wurde bei Gastmählern gesungen, die den versammelten Prinzen des königlichen Hauses gegeben wurden.
2 – Die Ausleger sind nicht einig, ob hier von Haufen Erschlagener oder Flüchtiger die Rede sei. Der Sänger dachte wohl an verwundet auf dem Schlachtfeld Liegende.

Lied II. 1, 5
Zur Bewirtung von Freunden.
Seite 261

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Zur Bewirtung von Freunden.

Man fället Holz mit lautem Klang.
Das Vöglein singt gar süßen Sang,
Es fliegt aus tiefen Tales Raum
Und schwingt sich auf den höchsten Baum,
Und seiner Stimme süßer Sang
Lockt die Genossen mit dem Klang.
O sehen wir das Vögelein
Genossen locken mit dem Klang,
Um wieviel mehr denn lockt der Mensch
Nicht Freunde her mit sanftem Zwang!
Wenn das zum Ohr der Geister drang,
Kommt Fried’ und Eintracht stets in Schwang/Gebrauch.

Man fället Holz und stöhnt darein.
Hell ist mein abgeklärter Wein,
Bereit ein fettes Lämmelein,
Drauf lud ich all’ die Öhme ein; (die Onkeln)
Und kämen sie auch etwa nicht,
Nicht ich darf unbereitet sein.
Frisch ist gescheuert und gefegt,
Acht Schüsseln voll sind vorgelegt,
Bereit ein Widder, wohl gepflegt.
Ich lud, was Schwähers* Namen trägt;
(* Schwiegervater o. Schwager)
Und kämen sie auch etwas nicht,
Nicht ich darf’s sein, den Tadel schlägt.

Man fället Holz am Bergesfuß.
An starkem Wein ist Überfluß,
Die Schüsseln steh’n, wo jede muß,
Kein Bruder fehlet beim Genuß.
Nur Volk, das nichts von Güte weiß,
Erregt beim trocknen Mahl Verdruß.
Ich habe Wein, den klärt’ ich;
Gekauften sonst beschweret’ ich;
Den Schall der Pauken nähret’ ich,
Den Schritt zum Tanzen kehret’ ich; –
Und da uns nun gewähret ist,
So trinket, was gekläret ist.

Lied II 1, 6
Erwiederungslied der königlichen Gäste.
Seite 263

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Erwiderungslied der königlichen Gäste.

Der Himmel schützt und schirmet dich,
Er schenkt dir große Zuversicht;
Er macht dich alles Guten voll;
Welch Glück vermehret er dir nicht?
Und fügt dir immer mehr hinzu,
Daß dir’s an Fülle nie gebricht.

Der Himmel schützt und schirmet dich,
Läßt alles Gut auf dich gelangen;
Nichts ist bei dir, was nicht gemäß,
Hast alle Himmelsgnad’ empfangen,
Und künft’gen Segen schickt er dir,
Für den nicht deine Tage langen.

Der Himmel schützt und schirmet dich,
Nichts ist, das er nicht wollte spenden,
Gleich Bergen, gleich Hochebenen,
Gleich Alpenhöh’n, gleich Berggeländen;
Gleich eines Stromes stetigem Erguß,
Ist nicht, das er nicht wollte spenden.

Am günst’gen Tag, gereinigt, bringst du
Die Speisenopfer kindlich dar,
Im Sommer, Frühling Herbst und Winter,
Der Fürsten und Vorkön’ge Schar; 1
Und dir verheißen die Erhab’nen 2
Zehntausend, grenzenlose Jahr’.

Die Geister steigen zu dir nieder, 2
Dir großen Segen zu verleih’n;
Das Volk beweist sich treu und bieder,
Und Speis’ und Trank sind täglich sein.
Den schwarz behaarten hundert Stämmen 3
Wird deine Tugend allgemein.

Und wie des Mondes wachsend Licht,
Der Sonne steigend Angesicht,
Und wie des Südbergs Alter, nicht zu messen,
Der nie vergeht, noch niederbricht,
Und wie das Grün der Fichten und Zypressen, –
So fehl’ es dir an Nachgeschlechtern nicht.

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1 – „Gereinigt durch Wachen, Fasten und Baden, opfert er den Geistern seiner fürstlichen Ahnen, auf welche die Königswürde rückwärts erbte.
2 – Das sind eben die Geister der Vorfahren.
3 – Herkömmliche Bezeichnung des chinesischen Volkes. Es ist irrig, zu meinen, dasselbe habe ursprünglich gerade nur aus hundert Familien bestanden. Hundert ist hier bloß Bezeichnung der Vielheit.

Lied II 1, 7
Lied der Krieger beim Feldzug gegen die Kian-jün.
Seite 265

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Lied der Krieger beim Feldzug gegen die Hiàn-jǜn. (1)

Pflückt Farrenkeim! Plückt Farrenkeim!*
(* Farre = alte Bezeichnung für Farnkraut!)
Die Gabelfarne sind im Sprossen.
O ging’ es heim! O ging’ es heim!
Doch wohl ein Jahr ist dann verflossen.
Uns blieb nicht Haus, nicht Hausgenossen,
Dieweil die Hiàn-jǜn sich ergossen.
Und Ruh’ und Rast sind ausgeschlossen,
Dieweil die Hiàn-jǜn sich ergossen.

Pflückt Farrenkeim! Plückt Farrenkeim!
Nun sind die Gabelfarne zart.
O ging es heim! O ging es heim!
Den Herzen bringt nur Leid die Fahrt.
Leidvolle Herzen brennen hier,
Bald hungern wir, bald dürsten wir,
Und eh’ nicht unsre Grenzdienst’ enden,
Ist nicht um Nachricht heim zusenden. 3

Pflückt Farrenkeim! Plückt Farrenkeim!
Nun sind die Gabelfarne hart. 4
O ging’ es heim! O ging’ es heim!
Der zehnte Jahr’smond steht in Wart. 5
Doch Königsdienst will keine Trägen;
Wir dürfen nicht der Ruhe pflegen.
Die Herzen sind voll Leid und Schmerz:
Denn weiter geht’s, nicht heimatwärts.

Was aber prangt so herrlich da?
Waldkirschen, welche Blüten tragen?
Was fähret auf der Straße da?
Das ist des Heeresfürsten Wagen!
Sein Kriegeswagen ist bespannt,
Vor dem vier HengsteJahrh stolz sich wiegen.
Wer wagt zu rasten und zu ruh’n?
Ein Monat läßt uns dreimal siegen!

Vier Hengste sind davor gespannt,
Vier Hengste, kühn und kampferhitzt,
Auf die der Heeresfürst sich stützt,
Die der gemeine Mann beschützt, –
Vier Hengst, Flügel gleichgebracht, –
Fischköcher, elfne Bogenpracht, – 6
Wie hielten wir nicht täglich Wacht?
Gar heftig drängt der Hiàn-jǜn Macht.

Vordem, da wir hinausmarschiert,
Da neigten sich die schwanken Weiden;
Nun, wenn wir wieder heimwärts zieh’n,
Wird Schneefall stöbern auf den Heiden.
Der Marsch ist weit und nicht zu neiden,
Nicht Durst, nicht Hunger sind zu meiden;
Uns wird die Qual das Herz zerschneiden,
Und keiner weiß von unsern Leiden. 7

(Die verschiedenen Entwicklungen der Gabelfarne gibt an, wie die Zeit dahin eilt)

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1 – Die Hiàn-jün sind nach Ssë-mà-thsiän die Hiüng-nû, d. h. die Hunnen, die zu Ende des 10. Jahrh. V. Chr. den Norden des Reichs beunruhigten, in welche Zeit auch dieser Vater der chinesischen Geschichtsschreibung dieses Lied setzt.
2 – Die Keime der Gabelfarne sind eßbar.
3 – Während des Grenzkrieges kann niemand abgesendet werden, um sich nach dem Ergehen der zuhause gelassenen Familien zu erkundigen.
4 – Gegen Ende des zweiten Monats gehen die Gabelfarne auf, sind zu Anfang des dritten noch zart und werden um die Mitte desselben hart.
5 – Sie fürchten, der zehnte Monat werde sie noch im Felde finden. Bis zu Ende dieser Strophe ist der Feldherr noch nicht bei den Krieger; daher die gedrückte Stimmung, die sich bei seinem Erscheinen, in der vierten Strophe in Siegesgewißheit verwandelt.
6 – Der Köcher ist mit Fischhaut überzogen und der Bogen hat „elfenbeinerne Spitzen“ (siàng mi). Die verzierten Waffen sind Auszeichnung des Feldherrn.
7 – Keiner der Heimgelassenen nämlich. Der Rückmarsch in später Jahreszeit wird äußerst beschwerlich sein.

Lied II. 1, 8
Rückmarsch der Truppen nach Besiegung der Hian-jün.
Seite 268

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Rückmarsch der Truppen nach Besiegung der Hian-jün.

Wir zogen aus mit unsern Wagen
Dort auf der Herden Weideplan.
Her von des Himmelssohnes Stelle 2
War uns zum Marsch Befehl getan.
Man rief herbei die Wagenlenker,
Hieß sie die Wagen spannen an.
Des Königs Dienst war höchlich dringend;
Wohl spornet er zum Eifer an.

Wir zogen aus mit unsern Wagen
Soweit die Stadtmark sich erstreckt.
Das Schlangenbanner ward erhoben, 3
Der Jakstierschweif ward aufgesteckt.
Und Vogelbanner, Schlangenbanner, 4
Wie flatterten sie nicht einher!
Doch Kummer war in bangen Herzen,
Die Wagenlenker sorgenschwer.

Der König gab Nân-tschúng. Befehl,
Zur Wehr des Landes fortzujagen, 5
Und zahllos sah man zieh’n die Wagen
Und Drach‘- und Schlangenbanner ragen. 6
Der Himmelssohn gab uns Befehl,
Zur Wehr des Nordlands fortzujagen;
Und glorreich, glorreich war Nan-tschúng:
Die Hiàn-jün sind hinaus geschlagen.

Vordem, da wir hinweg marschierten,
Die Hirse blühend erst sich bot;
Nun, da wir heimwärts wieder ziehen,
Nun fällt der Schnee, wir geh’n im Kot.
Des Königs Dienst war höchst dringend,
Gönt‘ uns die Rast nicht, die uns not,
Ob wir nicht dachten heimzukehren? –
Wir scheuten jener Schrift Gebot. 7

Laut zirpt im Gras die Grille jung, 8
Es hüpft die Heuschreck‘ hin im Sprung;
Noch seh‘ ich nicht den hohen Mann;
Mein armes Herz hat Grams genug,
Könnt‘ ich erst seh’n den hohen Mann,
Dann hätt‘ mein Herz Beruhigung.  –
O glorreich, glorreich ist Nân-tschúng. ,
Im Westen züchtigt er die Sjung. 9

Nun ist der Frühling vorgerückt,
Mit Laub ist Kraut und Baum geschmückt,
Der gelben Vögelein Sang entzückt,
Wermuth wird scharenweis‘ gepflückt.
Mit Sträflingen, Gefangen(nen)haufen 10
Wird in die Heimat eingerückt;
Denn glorreich, glorreich ist Nân-tschúng. ;
Nun sind die Hiàn-jün unterdrückt.

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1 – Dieses Lied dürfte sich auf den selben Feldzug beziehen, dem das vorige galt. Es verherrlicht zugleich den sonst nicht bekannten Heerführer Nân-tschúng.
2 – Der „Himmelsohn“, d. h. der Kaiser, war der Tschëu-König.
3 – Das Schlangenbanner, „tschào“, ist eine mit Schildkröten und Schlangen bemalte Fahne.
4 – In dem Vogelbanner sah man fliegende Vögel.
5 – Nach Inhalt und Gang des Liedes können wir „tschhîng“, was zunächst „Mauer, “ummauern“ heißt, hier mit dem Mandschu nur in dem Sinne von „verteidigen, abwehren“ (tuwakinambi) fassen.
6 – In dem Drachenbanner zeigten sich zwei Drachen über einander, einer nach links, der andere nach rechts gekehrt.
7 – Wörtlich: „wir hatten Ehrfurcht vor jener Bambustafel-Schrift“; nämlich vor dem auf solche Tafel geschriebenen königlichen Befehl.
8 – Hier werden die zuhause gelassenen Frauen redend eingeführt. Vgl. I. 2, 3 –
9 – Ein anderer weit westlich wohnender Barbarenstamm.
10 – Sträfling, „sin“, sind die mit Tortur zu Verhörenden, mithin Häuptlinge der Besiegten.

Lied II. 1, 9
Sehnsucht der Frauen nach der Rückkehr der Krieger aus dem Feldzug gegen Hiàn-jun.
Seite 271

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Sehnsucht der Frauen nach der Rückkehr der Krieger aus dem Feldzug gegen Hiàn-jun. 1

Ein Sorbenbaum steht fern den Bäumen,
Mit Früchten herrlich anzuseh’n.
Des Königs Dienst will kein Versäumen,
Und unsre Tage geh‘n und geh’n.
Im zehnten Mond sind Mond‘ und Sonnen,
Der Frauen Herz hält Gram umsponnen:
O wär‘ der Krieger Zeit verronnen!

Ein Sorbenbaum steht fern den Bäumen
Mit Laub in voller Üppigkeit.
Des Königs Dienst will kein Versäumen,
Und unser Herz ist weh vor Leid.
Ob Kraut und Baum sich grün verbrämen,
Die Frauenherzen sind voll Grämen:
O daß die Krieger wiederkämen!

Wir stiegen auf den Berg im Norden,
Da sammelten wir Mispeln ein. 2
Des Königs Dienst will kein Versäumen,
Und unsre Eltern leiden Pein.
Wohl Sandelwagen sind zerrieben,
Wohl Hengstgespanne abgetrieben,
Doch nicht die Krieger fern geblieben. 3

Nicht packen sie, nicht kommen sie!
Gar tiefbetrübt sind unsre Herzen.
Die Zeit ist um, sie sind nicht hie,
Und größer werden unsre Schmerzen
Schildkröt‘ und Schikraut stimmen ja 4
Und sagen beide, sie sind nah.
O bald sind unsre Krieger da!

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1 – Es wird angenommen, die Frauen hätten die heimkehrenden Krieger mit diesem Lied begrüßt, das die Sehnsucht nach deren Rückkehr schildert.
2 – „Khi“ heißt sonst die Weide. Hier und an noch etlichen Stellen bezeichnet es eine Frucht. Daß es die Mispel sei, ist Legge‘s Vermutung.
3 – Sie meinen, die Krieger seien sicherlich im Anzug, und nur deshalb noch nicht eingetroffen, weil die Wagen (aus Sandelholz) und die Pferde von dem Feldzug so viel gelitten.
4 – Gemeint ist die Schicksalsbefragung aus den Sprunglinien der gebrannten Schildkrötenschale und dem Schï der Schafgarbe.

II. 1, 10 ist ein Verlorenes Lied.
Zweiten Teiles zweites Zehent.

Lied II. 2, 1 und Lied II. 2, 2 sind verloren gegangene Lieder.

Lied II. 2, 3
Lied der Gäste beim reichlichen Mahle.
Seite 273

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Lied der Gäste beim reichlichen Mahle. 1

Fische geh‘n in Reusen ein,
Salm und Schlei‘. 2
Unser hoher Herr hat Wein,
Gut und überlei.
Barsch und Butt.
Unser hoher Herr hat Wein,
Überlei und gut.

Fische geh’n in Reusen ein,
Karpf‘ und Brasse.
Unser hoher Herr hat Wein,
Guten und in Masse.

Wie die Dinge reichlich sind, 3
Wie sie unvergleichlich sind!

Wie die Ding‘ erquicklich sind,
Zu einander schicklich sind!

Wie die Ding‘ in Masse sind,
Und der Zeit zu passe sind!

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1 – Das Lied soll bei Gastmahlen in den Bezirken der Königslande gesungen worden sein.
2 – Die Fischnamen der drei ersten Strophen entsprechen nicht ganz den chinesischen; sie sollten nur bekannte Fische in den Reim bringen.
3 – „Die Dinge“ (wuŏ) sind die, welche die Gäste vor sich haben, also die verschiedenen Speisen.

Lied II. 2, 4 – ist ein Verlorenes!

Lied II. 2, 5
Lied beim Gastmahl.
Seite 275

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Lied beim Gastmahle.

Edle Barben sind im Süden,
Ei, wie man sie fischt mit Netzen!
Unser hoher Herr hat Wein,
Edle Gäste durch Bewirtung zu ergötzen.

Edle Barben sind im Süden,
Ei, wie die sich Reusen fügen!
Unser hoher Herr hat Wein,
Edle Gäste durch Bewirtung zu vergnügen.

Hängebäume sind im Süden;
Dran Melonen auf sich winden.
Unser hoher Herr hat Wein,
Edle Gäste durch Bewirtung zu verbinden.

Hin und her verflog’ne Tauben,
Ei, wie sie zusammenschwirrten!
Unser hoher Herr hat Wein,
Edle Gäste immer wieder zu bewirten.

Lied II. 2, 6 – ist ein Verlorenes.

Lied II. 2, 7
Festgruß des Fürsten an seine Minister.
Seite 276

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Festgruß des Fürsten an seine Minister.

Am Südberg ist Thâikraut zu sehen 1
Und Melde an des Nordbergs Höhen.
Ich freue mich der würd’gen Herrn,
Die unserm Staat als Säulen stehen.
Ich freue mich der würd’gen Herrn;
Sie leben lang’ und ohn’ Vergehen!

Den Südberg Maulbeerbäume kränzen,
Am Nordberg Pappelweiden lenzen.
Ich freue mich der würd’gen Herrn,
Die unserm Staat als Lichter glänzen.
Ich freue mich der würd’gen Herrn;
Sie leben lang’ und ohne Grenzen!

Den Südberg sieht man Mispeln hegen,
Und Pflaumen bei des Nordbergs Wegen.
Ich freue mich der würd’gen Herrn,
Die unsres Volks als Väter pflegen.
Ich freue mich der würd’gen Herrn;
Stets bleib’ ihr Tugendruhm in Segen!

Der Südberg läßt Wachholder schauen,
Am Nordberg kann man Eschen hauen.
Ich freue mich der würd’gen Herrn;
Sind altersgrau nicht ihre Brauen?
Ich freue mich der würd’gen Herrn;
Ihr Tugendruhm füll’ alle Gauen!

Birnelsen/Obst-Frucht sich am Südberg halten,
Mausgranten bei des Nordbergs Spalten.
Ich freue mich der würd’gen Herrn;
Sind sie nicht greis und voller Falten?
Ich freue mich der würd’gen Herrn.
Mögt ihr euch Nachgeschlecht erhalten!

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1 – Eine Nutzpflanze, für die sich kein deutscher Name fand.
Für die Benennung der Bäume in den letzten beiden Strophen ist schwer einzustehen.
Gerade die Einfachheit des Inhalts macht die Wiedergabe des vierfachen Reims in diesem Lied ungemein schwierig, und einige Freiheiten und Ungenauigkeiten der Überlieferung waren unvermeidlich.

(Ja, lieber Ururgroßvater Victor, das sei dir für all deine Mühe gern zugestanden.)

Lied II. 2, 8 – ist ein Verlorenes!

Lied II. 2, 9
Des Königs Lied bei Bewirtung der Lehnsfürsten.
Seite 278

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Des Königs Lied bei Bewirtung der Lehnsfürsten.

Wie schießt der Wermuth hoch empor,
Vom reich gefall’nen Tau benetzet!
Nun seh’ ich hier die hohen Herrn,
Daß sorgenfrei mein Herz sich letzet.
So schmauset denn und lacht und schwätzet!
Damit ihr heiter und behaglich euch ergötzet.

Wie schießt der Wermuth hoch empor,
Von reich gefall’nen Taues Nässen!
Nun seh’ ich hier die hohen Herrn,
Kann Gunst und Glanz daran ermessen.
Die Tugend makellos besessen,
Die leben lang’ und nie vergessen!

Wie schießt der Wermuth hoch empor,
Von reich gefall’nem Tau beflossen!
Nun seh’ ich hier die hohen Herrn,
Des Festmahls freudige Genossen.
So bleib’ ihr Bruderbund geschlossen!
Froh leben lang’ der Tugend Sprossen!

Wie schießt der Wermuth hoch empor,
Der reich gefall’nen Tau empfangen!
Nun seh’ ich hier die hohen Herrn,
Sah ihre Zäum’ und Zügel hangen,
Dran wohl gestimmt die Schellen klangen.
Mög’ alles Heil auf sie gelangen!

Lied II. 2, 10
Festlied bei Bewirtung der Lehnsfürsten.
Seite 280

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Festlied bei Bewirtung der Lehnsfürsten.

Des Taues reichlichen Erguß,
Ihn trocknet Sonnenschein nur aus.
Vergnüglich trinkt bis in die Nacht;
Wer nicht berauscht, geht nicht nach Haus.

Des Taues reichlicher Erguß
Fällt auf das dichte Gras zu Tal.
Vergnüglich trinkt bis in die Nacht;
Vollendet das Gelag’ im Saal.

Des Taues reichlicher Erguß,
Er fällt aus Weid’ und Dorngesträuch.
Wer ist, ihr edlen, treuen Herrn,
Nicht hoch an Tugend unter euch?

Der Thûngbaum* da, der Jībaum dort 1
(*Blauglockenbaum)
Hängt voll von Früchten wohlgestalt.
Gar fröhlich sind die hohen Herrn,
Und Keinem fehlt’s am feinsten Halt.

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1 – Unübersetzbare Namen zweier Fruchtbäume.
Da gibt das Internet Auskunft.

Zweiten Teiles dritte Zehent.

Lied II 3, 1
Königslied bei Verleihung des roten Bogens an einen verdienten Fürsten.
Seite 281

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Königslied bei Verleihung des roten Bogens an einen verdienten Fürsten. 1

Den roten Bogen, abgespannt,
Den nahm man und man legt’ ihn bei. 2
Hier hab’ ich einen edlen Gast,
Dem ich von Herzen ihn verleih’.
Und Glocken, Pauken steh’n bereit,
Daß morgenlang ihm ‘Festmahl sei.

Den roten Bogen, abgespannt,
Den nahm man und man streckt’ ihn ein.3
Hier hab’ ich einen edlen Gest,
Und freue mich von Herzen sein.
Und Glocken, Pauken steh’n bereit,
Und morgenlang soll Ehr’ ihm sein.

Den roten Bogen, abgespannt,
Den nahm und schloß man in die Truh’. 4
Hier hab’ ich einen edlen Gast,
Dem ich von Herzen Liebes thu’.
Und Glocken, Pauken steh’n bereit,
Und morgenlang trink’ ich ihm zu.

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1 – Legge erinnert, daß Rot die Farbe des Tschëu-Hauses war und ein roter Bogen dem Empfänger große Ehren und Vorrechte verlieh.
2 – Weist auf die sorgsame Behandlung der kostbaren Waffe hin.
3 – In den Bogenzug, damit er seine Spannkraft behalte. Vgl. I. 11, 3. Anm. 7.
4 – Die Truhe ist das verzierte Behältnis, in dem der Bogen aufbewahrt wird.

Lied II. 3, 2
Freude über des gütigen Königs Anwesenheit.
Seite 282

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Freude über des gütigen Königs Anwesenheit. 1

Die Stabwurz blüht in Üppigkeit
Inmitten auf dem Berggebreit.
Nun sehen wir den hohen Herrn,
Freu’n uns und zeigen Höflichkeit.

 Die Stabwurz blüht in Üppigkeit
Inmitten auf dem Eiland so.
Nun sehen wir den hohen Herrn,
Und des sind unsre Herzen froh.

Die Stabwurz blüht in Üppigkeit
Inmitten auf dem Hochgestein.
Nun sehen wir den hohen Herrn,
Das gibt uns hundert Muschelreih’n. 2

Es wogt und wogt der Weidenkahn,
Sinkt bald hinab, steigt bald hinan.
Nun sehen wir den hohen Herrn,
Und unsre Herzen ruh’n fortan.

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1 – Weshalb dies Lied auf königlichen Besuch in den Schulen und Beförderung der Talente bezogen wird, ist nicht abzusehen.
2 – Den Reichtum an aufgereihten Muscheln, die als Geld galten, können wir, mit Tschü-hï und dem Mandschu, nur für bildlich halten: „Den König zu sehen freut uns, wie die Erlangung großen Reichtums“.

Lied II. 3, 3
Der siegreiche Feldzug gegen die Hian-jün unter dem Feldherrn Ki-fu.
Seite 283

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Der siegreiche Feldzug gegen die Hiàn-jǜn unter dem Feldherrn Ki-fù. 1

Im sechsten Mond war heißer Drang.
Streitwagen waren schon im Stande,
Manch Spann von Hengsten stampft’ und sprang,
Gepackt war Rüstung samt Gewande.
Die Hiàn-jǜn waren wild entflammt,
Und wir drum in der Eile Brande.
Der König schickt’ in’s Feld das Heer,
Um zu befrei’n des Königs Lande.

Gleich kräftig waren je vier Rappen, 2
Geschult, wie es zu Maße steht.
Schon war in jenem sechsten Monde
Bestellet unser Kriegsgerät.
Als unser Kriegsgerät bestellt,
Galt’s dreißig Feldweg’s täglich schreiten. 3
Der König schickt’ ein Heer in’s Feld,
Um für den Himmelssohn zu streiten.

Die Hengstgespanne, lang und stark,
Mit hoch erhob’nen Häuptern gingen.
So brach man auf die Hiàn-jǜn ein,
Um große Taten zu vollbringen.
Man war gestreng, man war gewandt, 4
Und tat den Dienst mit tapf’rer Hand;
Man tat den Dienst mit tapf’rer Hand,
Um zu befrei’n des Königs Land.

Die Hiàn-jǜn hatten unbedacht
Sich Tiao und Huŏ zu Herrn gemacht
Und überwältigt Haō und Fāng
Des Kīngstroms Nordgestad’ entlang.
Als man das Vogelbanner schwang,
Und weiße Bänder wallten lang,
Und zeh gewallt’ge Kriegeswagen,
Voran, eröffneten den Gang.

Fest zeigten sich die Kriegeswagen,
Man sah sie vorn wie hinten ragen. 6
Die Hengstgespanne waren stark,
Stark und geschult für alle Lagen.
Geworfen war das Hiàn-jǜn-Volk,
Bis nach Thái-juân zurück geschlagen.
Für alle Land’ ein Vorbild ist
Kĭ-fù in Kriegs- und Friedenstagen

Nun schmaußt Kĭ-fù in Fröhlichkeit;
Ein großes Glück war ihm bereit.
Er ist zurück gekehrt von Hào,
Und unser Marsch war lang und weit.
Er lud die Freund’ auf Essenzeit
Zu Schildkröt’braten, Karpfenschneidt; 7
Und wer ist drinnen nun bei ihm? –
Tschāng-tschûng voll Sohnes Zärtlichkeit. 8

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1 – Dieses Lied fällt in die erste Regierungszeit des Königs Siuän, der von 826 bis 781 regierte und dessen Feldherr Kï-fù war.
2 – Es wurden immer Pferde von gleicher Tüchtigkeit zusammen gespannt.
3 – Durch „Feldweges“ ist „li“ wiedergegeben, von denen 250 auf einen Äquatorgrad gehen.
4 – Chinesische Ausleger beziehen die vier letzten Verse dieser Strophe auf den Feldherrn oder die Führer überhaupt.
5 – Weiße Bänder, an den Bannern herab flatternd.
6 – Auch beim Kampfgedränge erhielten sie sich im Gleichgewicht.
7 – Geschnittene oder gehackte Karpfen.
8 – Man weiß nicht, wer dieser zu seiner Zeit offenbar hoch geehrter Mann gewesen sei.

Lied II. 3, 4
Fang-schu‘s Sieg über die Man-king.
Seite 285

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Fāng-schŭ’s Sieg über die Mân-King. 1

Als man die weiße Hirse band
Dort auf den neuen Ackerlagen;
Hier auf dem frisch gebroch’nen Land,
Da nahm Fāng-schŭ sein Amt zur Hand.
Dreitausend waren seiner Wagen,
Sein Heer bewährt im Widerstand.
Die Truppen führte Fāng-schŭ an;
Er fuhr mit seinem Schimmel(ge)spann.
Das Schimmel(ge)spann hielt ebnen Gang.
Das Rot bewies des Wagens Rang,
Samt Schirmwand, Fischhautköcher blank,
Und Brustgespäng’ und Zaumbehang.

Als man die weiße Hirse band
Dort auf den neuen Ackerlagen,
Hier auf der Dörfer Länderei’n,
Da nahm Fāng-schŭ sein Amt in Hand.
Dreitausend waren seiner Wagen,
Kriegsbanner flatterten darein. 2
Die Truppen führte Fāng-schŭ an.
Jochschmuck und Nabenband ließ fein, 3
Hell klirrten acht Zaumglöckelein.
Er trug sein hohes Amtsgewand;
Der Scharlachschurz gab Glanz und Schein,
Laut klang des grüne Gurtgestein.

Rasch ist die Weih’ (= Greifvogel) in ihrem Flug,
Ob der sie mag zum Himmel tragen,
Ob sie zum Sitzen niederfährt.
So nahm Fāng-schŭ sein Amt in Hand.
Dreitausend waren seiner Wagen,
Sein Heer im Widerstand bewährt.
Die Truppen führte Fāng-schŭ an.
Mit Zimbelschlägern, Trommelerklängen,
Stellt’ er die Scharen, lenkt’ er Mengen.
Klug und verläßlich ist Fāng-schŭ.
Der Trommelschlag klang dumpf und bang, –
Heim zog das Heer mit munter’m Klang. 4

Verblendet wollten die Màn-Kīng
Dem großen Reich sich feind gebaren.
So hoch Fāng-schŭ auch war an Jahren,
So kühn doch sein’ Entwürfe waren.
Die Truppen führte Fāng-schŭ an;
Er griff die Frevler, find die Scharen. 5
Streitwagen rollten da in Menge,
In Übermeng’, in Überschwand
Wie Wolkenkrach und Donnerklang.
Klug und verläßlich ist Fāng-schŭ,
Der auszug und die Hiàn.jǜn schlug
Und die Màn -Kīng zur Ehrfurcht zwang.

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1 – Der Feldzug wird in das Jahr 825 v. Chr. gesetzt und Fäng-schŭ soll einer der Anführer unter Kï-fù gewesen sein. Die Mân-Kïng waren ein Barbarenstamm im Süden des Reichs.
2 – Im Original heißt es: „Die Drachenbanner und die Schlangen- und Schildkrötenbanner flatterten“.
3 – Das Band an den Radnaben war eine Verzierung von rotem Leder.
4 – Dumpf und tief war der Trommelschlag bei der Schlacht; munter und hell klingend bei der siegreichen Heimkehr.
5 – Die Frevler sind die der Folter zu unterwerfenden Häuptlinge („sin“. Vgl. II. 1, 8).
6 – Wenn der Schlußvers: „Mân Kïng lâi wëi“ dahin ausgelegt wird, daß die Mân-Kïng auf die Nachricht von dem Sieg über die Hián-jün, sich schon aus Furcht unterworfen hätten, so paßt das offenbar nicht zu der voraus gegangenen Erwähnung von Gefechten und Gefangennahmen.

Lied II. 3, 5
Große königliche Jagd zu Ehren der Lehnsfürsten.
Seite 287

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Große königliche Jagd zu Ehren der Lehnsfürsten.

Mit unsern Wagen wohl verwahrt,
Mit unsern Rossen, gleich gepaart;
Mit je vier Hengsten edler Art
Hinaus gen Osten ging die Fahrt.

Jagdwagen waren’s trefflich schier,
Und groß die Hengste je zu vier;
Im Osten ist weit Grasrevier,
Dorthin zum Jagen fuhren wir.

Die edlen Jägermeister drauf,
Laut zählten sie der Männer Hauf’,
Und steckten Fahn’ und Jakschweif auf;
Dann ging’s gen Ngâo nach Wild im Lauf.

Die Hengstgespanne trafen ein,
Und Hengstgespann’ in langen Reih’n,
Und Scharlachschürz’ und Goldschuh’ fein,
Als sollte Hofversammlung sein.

Armschien’ und Schießring stimmten schön, 1
Und Pfeil und Bogen paßten fein;
Und alle Schützen halfen ein,
Den Jagdertrag uns zu erhöh’n.

Manch Falbenspann der Zügel trieb,
Kein Seitenroß zurücke blieb,
Und kein’s den falschen Lauf beschrieb.
Geschoss’ner Pfeil war wie ein Hieb.

Und fröhlich wieherten die Ross’,
Als Fahn’ und Fähnlein nieder floß.
Still wurde Fuß- und Pferdetroß,
Und voll nicht bloß die Küch’ im Schloß. 2

Des Zuges Führer bei der Schaar
Vernahm man, doch kein Lärmen war. –
O wahrlich ja, das ist ein Fürst! 3
Der führte Großes aus, fürwahr!

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1 – Der Schießring schützte den rechten Daumen beim Spannen des Bogens, die lederne Armschiene den linken Arm beim Abschnellen des Pfeils.
2 – Wörtlich: „Die große Küche wurde nicht gefüllt“, will sagen, die königliche Küche erhielt nur einen mäßigen Anteil der Jagdbeute.
3 – Nämlich König Siuān.

Lied II. 3, 6
Lied der Jägermeister nach einer Jagd des Königs mit Gästen und Fremden.
Seite 289

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Lied der Jägermeister nach einer Jagd des Königs mit Gästen und Fremden.

Am ungraden Tage, der günstigen Zeit, 1
Da hat man geopfert, Gebete geweiht. 2
Jagdwagen, sie waren auf’s beste bereit,
Und Hengstgespanne von Dauerbarkeit.*
* Ausdauer, Beständigkeit
Zu fahren hinauf zu den Bergeshöh’n weit,
Und zu folgen den Rudeln auf hoher Heid’.

Am siebenten Tage, als günstig erkannt, 1
Da haben wir unsere Rossen gewandt,
Und dort, wo des Wildes vereinigter Gang*
* (damit ist ein Wildwechsel gemeint.)
Wo Hindin/Hirschkuh und Hirsch in Haufen sich fand
Das Ufer des Thsĭ und des Thsiü entlang,
Dort nahm der Himmelssohn seinen Stand.

Und als wir hinab in die Ebene sah’n,
Da waren an Menge sie gar ungemein;
Sie rannten, sie schritten gemächlich darein,
Die einen in Rudeln, die andern zu Zwei’n.
Da führten wir all’ die Gehilfen hinein,
Ein Fest dem Himmelssohne zu weih’n.

Und als wir unsere Bogen gespannt,
Und unsere Pfeil’ auf die Sehnen gestellt,
Da schossen wir hier die geringere Sau,
Und ein Nashorn groß war dort auch gefällt.
Die wurden den Gästen und Fremden verlieh’n,
Und Süßweinspende dazu gesellt. 3

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1 – Die Tage von ungerader Zahl galten, wie noch jetzt in China, für glückliche Tage. – Die zweite Strophe bezeichnet als günstigen Tag den „Këng-wü“, welches der siebente Tag des sechzigtägigen Zyklus ist. (Siehe Jdeler , Zeitrechnung der Chinesen, p. 6.)
Geopfert, chin.: „pè“, was das dem Schutzgeist der Pferde gebrachte Opfer bezeichnet.
3 – Der Süßwein wurde zuerst den Geistern ausgegossen.

Lied II. 3, 7
Für das obdachlose Volk werden Wohnungen gebaut.
Seite 291

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Für das obdachlose Volk werden Wohnorte gebaut. 1

Die wilden Gänse fliegen auf,
Und ihren Flügeln saust es nach.
Als jene Herrn gesendet wurden, 2
Gab’s Not und Plag’ ohn’ Dach und Fach; 3
All über all elende Leute,
Und einzelne Greise und Witwen ach!

Die wilden Gänse fliegen auf,
Und senken sich dem Teiche zu.
Als jene Herrn für’s Bauen waren,
Erstanden hundert Wänd’ im Nu; 4
Und hatten wir auch Not und Plage,
So wohnt man endlich doch in Ruh.

Die wilden Gänse fliegen auf,
Indes ihr Schreien traurig klagt.
Dies waren noch verständ’ge Männer,
Sie nannten uns bedrängt, geplagt.
Doch unverständ’ge Leute waren’s,
Die Übermut uns nachgesagt.

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1 – In der Auslegung des Textes im Allgemeinen haben wir uns Legge angeschlossen.
2 – d. h. Beamte, zur Untersuchung ihrer Lage abgeordnet.
3 – Wörtlich: „Litten wir Not und Plage auf freiem Felde.”
4 – Wörtlich: „Hundert Wände von fünfzig Ellen.”

Lied II. 3, 8
Des Königs nächtliche Sorge um sein zeitiges Erscheinen bei der Morgenaudienz.
Seite 292

””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””””

Des Königs nächtliche Sorge um sein zeitiges Erscheinen bei der Morgenaudienz.

Die Nacht, wie ist es denn mit ihr? –
Noch kann’s nicht Mitte sein.
Es glänzt im Saal der Fackel Schein. 1
Doch meine Fürsten langen/reisen an,
Ihr Schellenklingeln tönt herein.

Die Nacht, wie ist es denn mit ihr? –
Aus ist die Nacht noch nicht.
Es glimmt im Saal der Fackel Licht;
Doch meine Fürsten langen an,
Ihr Schellenklingeln gibt Bericht.

Die Nacht, wie ist es denn mit ihr? –
Die Nacht wird morgendlich.
Der Fackel Schein im Saal verblich;
Es langen meine Fürsten an,
Und ihre Banner sehe ich.

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1 – Im Vorsaal oder der Eingangshalle zum Empfangssaal brannte allnächtlich eine große Fackel.

Lied II. 3, 9
Klage über die Teilnahmslosen in den Wirren der bösen Zeiten.
Seite 293

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Klage über die Teilnahmslosen in den Wirren der bösen Zeit. 1

Die hoch geschwoll’nen Stromgewässer,
Sie zieh’n zum Hofempfang in’s Meer.
Der Sperber, allerschnellsten Fluges,
Bald schwebt er hin, bald rastet er.
Ach, unter allen meinen Brüdern,
Landsleuten, Freunde all umher
Läßt keiner sich die Wirren kümmern!
Wer hat denn nicht die Eltern mehr? 2

Die hoch geschwoll’nen Stromgewässer,
Sie wogen immer höher an.
 Der Sperber, allerschnellsten Fluges,
Bald schwebt er, schwingt sich bald hinan.
Gedenk’ ich jener Ausgeschritt’nen, 3
Auf fahr’ ich dann, fort schreit’ ich dann.
Ach daß ich meines Herzens Kummer
Nicht abtun und vergessen kann!

Der Sperber, allerschnellsten Fluges, 4
Schwebt mitten um die Höh’n darein.
Beim nichtigen Geschwätz des Volkes,
Weswegen tritt da Niemand ein?
Wenn meine Freunde Sorgen trügen,
Würd’ auch dann noch Verleumdung sein?

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1 – Der Sänger scheint ein hochgestellter Mann gewesen zu sein, dessen Wirksamkeit zur Beseitigung der Unruhen durch die Gleichgültigkeit seiner Amtsgenossen und die Verleumdungen im Volk erfolglos geworden.
2 – Hier wird auf die höchste Pflicht des Chinesen, die kindliche Pietät, hingewiesen. Die Gleichgültigen sollten doch bedenken, wie Vater und Mutter unter den Unruhen des Landes leiden.
3 – Wörtlich: „der nicht Spurhaltenden“, nicht die rechten Wege Wandelnden.
4 – Daß die beiden Anfangsverse dieser Strophe verloren gegangen seien, vermutete schon Tschü-hï.

Lied II. 3, 10 Zu bedenken. Seite 295

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Zu bedenken. 1

Und schreit der Kranich auf dem neunten Teich, 2
Man hört noch auf dem Feld ihn schrei’n.
Und taucht der Fisch bis auf den Grund,
Ist er auch wohl beim Inselein.
Schön ist’s in jenen Gartenräumen
Mit Pflanzungen von Sandelbäumen,
Doch dürres Laub nur liegt bei ihnen,
Indessen wohl des Berges Stein
Noch kann zu einem Wetzstein dienen.

Und schreit der Kranich auf dem neunten Teich,
Der Schrei wird noch im Himmel kund.
Und ist der Fisch beim Inselein;
Taucht er auch wohl bis auf den Grund.
Schön ist’s in jenen Gartenräumen
Mit Pflanzungen von Sandelbäumen,
Doch unter ihnen steh’n nur Kletten, 3
Indessen wohl des Berges Stein
Kann dienen, Edelstein zu glätten.

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1 – Vermutlich sollte dies Lied dienen, um überhörte und gering geschätzte Ermahnungen hohen Orts zu rechtfertigen und einzuschärfen.
2 – Der neunte Teich bedeutet den entlegensten.
3 – Eigentlich „Papiermaulbeerbäume“, die sonst auf Waldboden wachsen, also (wie Kletten) nicht in einen Garten gehörten.

Zweiten Teiles viertes Zehent.

Lied II. 4, 1
Klage der Garden über ihre ungehörige Verwendung.
Seite 296

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Klage der Garden über ihre ungehörige Verwendung. 1

Reichsfeldmarschall! 2
Wir sind des Königes Gebiß und Krallen.
Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Wo kein Verweilen bleibt uns Allen?

Reichsfeldmarschall!
Wir sind des Königs Krallen und Soldaten.
 Was hast du in das Elend uns gestürzt
Wo wir an’s Ende nie geraten?

Reichsfeldmarschall!
Fürwahr du tatest gar nicht weise.
 Was hast du in das Elend uns gestürzt,
Daß Mütter müh’n sich müssen um die Speise? 3

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1 – Die Garde wurde gegen das Herankommen in dem unglücklichen Feldzug gegen die nördlichen Grenzstämme im Jahre 788 v. Chr. verwendet.
2 – Er war zugleich Kriegsminister.
3 – Weil die Söhne für sie nicht sorgen können.

Lied II. 4, 2
Mahnung an einen verehrten Freund, sich d. Öffentlichen Dienst nicht zu entziehen.
Seite 297

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Mahnung an einen verehrten Freund, sich dem öffentlichen Dienst nicht zu entziehen. 1

Das glänzend helle Schimmelfüllen
Zehrt meines Gartens Gräserei;
Ich fesselt’ es, ich band es (ver)läßlich,
Daß länger dieser Morgen sei,
Damit auch Jener, den ich meine,
Sich hier erhole sorgenfrei.

 Das glänzend helle Schimmelfüllen
Zehrt meines Gartens Bohnenmast;
Ich fesselt’ es, ich band es läßlich,
Daß länger dieses Abends Rast,
Damit auch jener, den ich meine,
Hier bleibt’ als auserwählter Gast.

Das glänzend helle Schimmelfüllen;
Wie herrlich, als es mir erschien!
Wärst du ein Fürst, wärst du ein Herzog,
Und Muß’ ohne Ende dir verlieh’n!
Doch hüte dich vor Müssigange,
Bezwing’ den Wunsch, die Welt zu flieh’n.

Das glänzend helle Schimmelfüllen
Es würd’ im öden Tal allein
Mit einem Bündelein Grases sein,
Ist auch sein Herr ein Edelstein.
Nicht sei dein Ruf dir Edelstein und Gold,
Wenn doch mein Herz dich lassen sollt’. 2

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1 – Nach Inhalt des Liedes ist der verehrte Mann, der im Begriff steht sich zurückzuziehen, bei dem Dichter zum Besuch, den dieser zu verlängern strebt, weshalb er auch das Pferd mit dem Fesselgelenk so lang angebunden (Manschu: « siderefi ilerefi » ), daß es sich den ganzen Tag an Gras und Bohnen sättigen kann. – Erst in der dritten Strophe, nachdem der Sänger seine hohe Wertschätzung des Gastes ausgesprochen hat, sucht er ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
2 – Du kannst nicht hohen Wert legen auf deinen Ruf und dabei doch (ȯll) dich von mir fernhalten in Zurückgezogenheit.

Lied II. 4, 3
Abschied aus fremdem Lande.
Seite 299

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Abschied aus fremden Lande.

Gelbe Vögel, gelbe Vögel,
Sitzt nicht auf’s Papierbaums Rand, 1
Pickt nicht meinen Reisbestand!
Dieses Landes Leute haben
Nie sich hold mir zugewandt;
Darum scheid’ ich, darum kehr’ ich
Heim zu meinem Stamm und Land.

Gelbe Vögel, gelbe Vögel,
Sitzt nicht auf dem Maubeerreis,
Picket nicht von meinem Mais!
Dieses Landes Leute taugen
Zum Verständnis keiner Weis’;*
(*in keinster Weise)
Darum scheid’ ich, darum kehr’ ich
Heim in meiner Brüder Kreis.

Gelbe Vögel, gelbe Vögel,
Sitzt nicht auf dem Eichenhain,
Picket nicht die Hirse mein!
Dieses Landes Leute taugen
Nicht, ihr Wohngenos(se) zu sein.
Darum scheid’ ich, darum kehr’ ich
Heim zu meinem Fleisch und Bein. 2

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1 – „Papiermaulbeerbaum“.
2 – Genauer „Verwandte von väterlicher Seite“ (tschü fú).

Lied II. 4, 4
Heimwanderung von ungastlicher Schwägerschaft.
Seite 300

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Heimwanderung von ungastlicher Schwägerschaft.

Ich wanderte nach eurem Gau,
Wo Stinkbaumholz in Menge stand.
Mich hatte der Verschwäg’rung ‘Band
Nach eurem Wohnort hingewandt.
Da ihr die Kost mir nicht gewährt,
Kehr’ ich zu meinem Hans und Land.

Ich wanderte nach eurem Gau,
Und pflückte Ampfer von der Erd’.
Mich hatte der Verschwäg’rung Band
Geführt zu eurem Haus und Herd.
So geh’ ich heim und mache kehrt.

Ich wanderte nach eurem Gau
Und pflückte Kermesbeeren drin.
Des alten Bandes denkt ihr nicht,
Nach Neuverwandten zieht’ euch hin;
Ist’s nicht um Reichtum und Gewinn,
Dann bloß aus wandelbaren Sinn.

Lied II. 4, 5
Bei Vollendung eines Palastbaues.
Seite 301

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Bei Vollendung eines Palastbaues. 1

Wo man den Strand geebnet schaut,
Und fern das Südgebirge blaut,
Wie gleicht es da der Bambusdichte,
Und wie dem reichen Grün der Fichte! 2
O daß da Bruder auf den Bruder
Nur wechselseitig Liebe richte,
Auf Ränke wider ihn verzichte!

Der Nachfahr, Ahnenerb’ in Händen,
Baut’ hier das Schloß mit hundert Wänden, 3
Daß Tore westwärts, südwärts ständen,
Darin zu wohnen und weilen,
Zu lachen und sich mitzuteilen.

Leerwände baut man Schicht auf Schicht,
Und stampft in ihnen klopfen dicht,
Was Wind und Regen Eingang wehrt, 4
Sich wider Mäus’ und Vögel kehrt,
Und Thronsitz unserm Herrn gewährt.

Und wie sich Ehrerbiet’ge heben,
Wie Pfeile hin zum Ziele streben,
Wie Vögel neu gefiedert schweben,
Wie der Fasan im Flug sich zeigt,
So – was der hohe Herr ersteigt. 5

Glatt strecken sich des Hofes Breiten,
Hoch ragen Pfeiler ihm zur Seiten.
Mild kann hinein die Helle gleiten
Wo sich die stillen Räume weiten
Und Ruh’ dem hohen Herrn bereiten.

Auf Binsen, unter Bambusmatte,
Da finde Ruh’ der Wachenssatte;*
* mit andern Worten – der Müde, der genug hat von Wachen!
Da schlaf’ er, da erwach’ er kaum,
So sagt er: „Deutet meinen Traum!
Wird Glück an dem Geträumten hangen?
Von Bären war’s, auch größern, langen, 6
Es war von Vipern, war von Schlangen.“

Der Hofweissager deutet es:
„Von Bären war’s, auch größern, langen –
Das deutet Glück mit Söhnen an;
Es war von Vipern, war von Schlangen –
Das deutet Glück mit Töchtern an.“

So werden Söhn’ ihm denn geboren, 7
Für die zum Schlafen Betten standen,
Die man bekleidet mit Gewanden,
Die Zepterlein zum Spielen fanden,
In deren Schreien Kraft vorhanden; –
Mit prächt’gen Scharlachknieschurzbanden
Fürst oder König einst den Landen.

So werden Töchter ihm geboren,
Die an der Erd’ in Schlaf sich weinen,
Die man bekleidet mit dem Leinen,
Die spielten mit den Ziegelsteinen,
Die weder bös noch gut erscheinen; 8
Nur umgeh’n mit den Speisen und den Weinen
Und Kummer machen sie den Eltern keinen.

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1 – Das Lied wird in den Anfang der Regierung König Siuäns, also gleich nach 825 v. Chr. gesetzt.
2 – Der Anblick des neuen Palastes nämlich.
3 – S. II. 3, 7. Anm. 3.
4 – D. h. die Wände, welche zwischen Leerwänden mit Lehm eingestampft werden.
5 – Damit ist der große Empfangssaal gemeint, dessen Aufstreben, Geradlinigkeit, Schmuck und Eleganz die Gleichnisse schildern sollen.
6 – Der Text nennt zweierlei Bären: „hiûng“, die gewöhnliche und „p‘hî“, eine größere und stärkere Art.
7 – Die beiden Schlußstrophen zeigen, wie vernachlässigt und gering geschätzt damals schon im Gegensatz zu den Söhnen die Töchter waren.
So ist es noch jetzt – (das war 1880 – ), dürfte aber im hohen Altertum besser gewesen sein.
8 – Die sich weder in Bösem noch in Gutem hervortun wollen, da, wie Tschü-hï bemerkt, eine Tochter durch Gehorchen das Rechte tut.

Lied II. 4, 6
Des Königs Herdenreichtum und Glück.
Seite 304

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Des Königs Herdenreichtum und Glück.

Wer sagte denn, du habest keine Schafe?
Bei Herden von Dreihunderten!
Wer sagte denn, du habest keine Rinder?
Bei Neunzig bloß schwarzmäuligen!
Gegangen kommen deine Schafe,
Gehörnt und doch in Harmonie;
Gegangen kommen deine Rinder,
Und nur die Ohren schütteln sie.

Die steigen von den Bergen nieder,
Die laben sich am Teich die Glieder,
Die ruh’n, und die geh’n hin und wieder.
Gegangen kommen deine Hirten
In Regenhüten, Regenkitteln,
Auch wohl bepackt mit Lebensmitteln.
Je dreißig sind nach ihrer Art
Die Opfertiere dir geschart.

Gegangen kommen deine Hirten
Mit Brennholz, Reisigbündelein,
Mit Federwilde groß und klein.
Gegangen kommen deine Schafe,
So fett, so stark sie können sein,
Von Schäden frei, von Seuchen rein.
Mit Armen winkt man ihnen ein,
Da kommen all’ und zieh’n hinein.

Wenn aber dann die Hirten träumen
Von Volk und Fischen, die sie sah’n,
Fruchtbare Jahre vor bedeuten,
Und Schlangenbanner, Vogelfah’n
Auf Zuwachs deut’ an Land und Leuten.

Lied II. 4, 7
Klage über den Reichskanzler Jin.
Seite 306

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Klage über den Reichskanzler Jìn. 1

Steil blickt das Südgebirg in’s Land
Mit hoch getürmter Felsenwand.
Auf dich, gewalt’ger Kanzler Jìn,
Ist alles Volkes Blick gewandt;
Sein banges Herz ist wie im Brand,
Und jedes Scherzgespräch verbannt.
Das Reich steht an des Abgrunds Rand;
Warum wird das nicht anerkannt?

Steil blickt das Südgebirg in’s Land,
Und was es trägt, grünt reich am Licht.
Gewaltiger Reichskanzler Jìn,
Warum tust du nicht deine Pflicht?
Stets wächst des Himmels Strafgericht,
Aufruhr und Sterben häuft sich dicht;
Und was des Volkes Unmut spricht,
Dich bessert’s nicht und schmerzt dich nicht.

Zum Kanzler ist der Jìn bestellt,
Daß Tschēu er festigt in der Welt,
Daß er das Reich im Gleichgewicht
Und alles Land beisammen hält,
Daß er, dem Himmelssohn gesellt,
Des Volks Verirrung nieder hält.
O unbarmherz’ger hoher Himmel,
Ist’s Recht, daß er uns alle gar zerschellt?

Gar nicht wird von ihm selbst verricht’t,
Drum traut das ganze Volk ihm nicht.
Nichts prüft er, will nach Keinem seh’n,
Um hohen Herrn nicht obzusteh’n.
Rechtschaff’ne zwingt er, abzugeh’n;
Gefahr ist nicht bei Niedrigen;
Drum seine niedern Schwägerschaften
Auch nicht in hohen Ämtern steh’n.

Der hohe Himmel ist verkehrt,
Der solch Verderbnis uns beschert;
Der hohe Himmel ist nicht hold,
Der solch groß Unheil senden wollt’.
Wär’ Zutritt Edleren gezollt,
Des Volkes Herz wohl ruhen sollt’;
Wenn Edlere zum Rechten säh’n,
Sollt’ Haß und Ingrimm wohl vergeh’n.

O unbarmherz’ger hoher Himmel,
Nichts hält ja die Verwirrung ein,
Mit jedem Mond bricht sie herein
Und will dem Volk nicht Ruh’ verleih’n.
Von Herzweh tauml’ ich wie von Wein.
Wer soll des Reiches Ordner sein?
Greift der nicht selbst regierend ein, 2
Hat’s Volk zuletzt nur Not und Pein. –

Vier Hengste hatt’ ich vorgespannt,
Hochhalsige hatte ich genommen.
Ich sah mir all’ die Länder an,
Und nirgends war vor Drangsal durchzukommen.

Jetzt wuchert eure Bosheit auf
Und eure Spieße seh’ ich blinken;
Dann seid ihr friedlich, dann vergnügt,
Als gält’s, einander zuzutrinken.

Der hohe Himmel ist verkehrt,
Und unserm König Ruh’ verwehrt.
Doch ändert Jener nicht sein Herz,
Und haßt den, der ihn Bess’rung lehrt.

Kiā-fù hat dieses Lied gemacht,
Zu rügen Königs Unbedacht; –3
Ob du doch wandeltest dein Herz
Und nähmst der Lande Wohl in Acht.

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1 – Das Lied richtet sich ebenso auf König Jëu (780 – 770), den übel beratenen und wenig löblichen, als auf dessen übermächtig gewordenen Reichskanzler (Thái schï).
2 – Der Vers ist unbestimmt genug, um auf Kanzler und König zu gehen.
3 – Hier nennt sich der Dichter freimütig, indem er sich gegen den König offen erklärt.

Lied II. 4, 8
Klage über die heillosen Zustände im Reich.
Seite 309

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Klage über die heillosen Zustände im Reich. 1

Stark fiel der Reif zur Sommerzeit;
Mein Herz ist weh von Traurigkeit.
Des Volks verleumderisch Gerede,
Es wächst und mehrt sich weit und breit.
Bedenk’ ich wie allein ich steh’,
Zergrämt mein Herz Bekümmertheit.
Ach weh, wie mein verzagtes Herz
Hinsiechet am geheimen Leid!

Ihr Eltern, die ihr mich gezeugt,
Was tatet ihr’s zu meiner Pein?
Und konnte dies denn vor mir nicht,
Und konnte dies nicht nach mir sein?
Wie gutes Wort vom Mund’ allein,
Kommt schmählich Wort vom Mund allein.
Stets mehrt sich meine Herzenspein,
Und trägt mir nur Verachtung ein.

Mein trauernd Herz ist tief betrübt,
Denk’ ich des Unglücks, das uns hetzt.
So viele des unschuld’gen Volks
Sind alle Knecht’ und Sklaven jetzt.
O weh’ uns armen Menschen hier,
Von wem kommt Heil uns nach zuletzt?
Ein Rabe, seh’ ich, fliegt herab –
Wes ist das Haus, drauf er sich setzt?2

In Waldes Mitten sehen wir
Nur Reisigholz und Stockbestand.
Das Volk, umgeben von Gefahr,
Blick nach dem Himmel, traumgebannt.
Doch kam, was Er bestimmt, so ist
Kein Mensch, den Er nicht überwand.
Er ist der große höchste HErr!
Wem hat er Haß je zugewandt?

Ob man den Berg auch niedrig nennt,
Doch sind die Höh’n , die Gipfel dran.
Des Volks verleumderisch Gerede,
Warum wehrt’s Keiner, der es kann?
Beruft man die erfahr’nen Alten,
Fragt bei den Träumedeutern an,
So sagen alle: „Wir sind weise;
Wer aber kennt bei Raben Weib und Mann?“ 3

Nennt man den Himmel noch so hoch,
Zu geh’n nicht wag’ ich aufgericht’t.
Nennt man die Erde noch so fest,
Auch nur zu schleichen wag’ ich nicht.
Doch diese Worte ruf’ ich laut,
Ich habe Grund, mir ist es Pflicht;
Weh’, weh’ den Menschen dieser Zeit!
Warum sind’s Ottern und Gezücht?*
* veraltet für Gesindel

Seh’n wir den Acker noch so steil,
Reich sproßt die Saat darüber her.
Der Himmel aber schüttelt mich,
Als ob ich unbezwinglich wär’.
Die mich als Muster aufgesucht, /o. ausgesucht?
Als der nicht zu erreichen wär’,
Die greifen mich gehässig an;
Auch brauchen kann man mich nicht mehr.

Von Angst beklommen ist mein Herz,
Als ob es eingeschnüret sei.
Dies gegenwärt’ge Regiment,
Wie ist es voller Tyrannei!
Wenn sich der Brand ringsum erhebt,
Wer kommt ihm dann mit Löschen bei?
Das ruhmvoll ehrenreiche Tschēu,
Pāo-ssè führt seinen Sturz herbei. 4

Dies Ende liegt mir stets im Sinn;
Noch, von der Regennot umschlungen,
Und da der Wagen schon bepackt,
Weg wirfst du deine Wagenrungen. 5
Stürzt aber deine Ladung um,
So rufst du: Herr, mir beigesprungen!

Würfst deine Rungen du nicht weg,
Du würdest deinen Speichen frommen;
Gäbst du auf deinen Fuhrmann Acht,
Der Ladung blieb’ ihr Sturz benommen;
Zu letzt um’s Schlimmste kämst du hin; –
Doch das ist dir nie beigekommen.*
* das hat er nie kapiert!

Kommt in den Teich der Fisch hinein,
So kann er deß/dessen sich nicht erfreu’n,
Denn ob er bis zum Grunde tauche,
Er wird doch deutlich sichtbar sein. 6
Mein traurig Herz ist tief betrübt,
Gedenkt es, wie das Reich voll Tyrannei’n.

Dort haben sie den besten Wein, 7
Dazu die schönsten Gasterei’n,
Sie laden alle Nachbarn ein,
Die Vettern preisen’s allgemein;
Und denk’ ich, wie allein ich steh’,
Ist mein betrübtes Herz voll Pein.

Wertlose haben Häuser in den Gassen,
Unwürd’ge füllen allzeit ihre Kassen;
Dem Volk ist nicht sein Tag’sbedarf gelassen;
Der Himmel schlägt mit Not die Massen;
Und halten’s noch die Reichen aus, –
Weh’, wer allein steht und verlassen!

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1 – Das Lied gehört in die schlimmste Zeit unter König Jëu.
2 – Niemand, auch nicht der Verfasser, ist seines Eigentums mehr sicher.
3 – Der König könnte die Verleumdungen gegen den Dichter niederschlagen, aber man weiß nicht mehr, wer regiert, ob der Mann oder das Weib, jene Päo-ssé.
4 – Päo-ssé, die begünstigte Nebenfrau Jëu‘s und Urheberin des „tyrannischen Regiments“.
5 – „Fú“ erklärt Morrison durch « two pieces of wood which compress the sides of a cart » (übersetzt: zwei Holzstücke, die die Seiten eines Wagens zusammendrücken), also ziemlich unsere Rungen (= flache Wagen?). Der König wird mit einem Frachtfuhrherrn verglichen und die weg geworfenen Rungen sind die zurück gesetzten redlichen Beamten.
6 – Bleiben ehrliche Beamte auch im Dienst, so sind sie doch immer beobachtet von den schlimmen Machthabern.
7 – Bezieht sich auf die üppigen Prassereien der Begünstigten.

Lied II. 4, 9
Schlimme Zeichen und Zeiten.
Seite 313

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Schlimme Zeichen und Zeiten  1

Bei zehnten Monats Konjunktion, 2
Am ersten Tag, Sīn mào genannt, 3
Ward weg gezehrt der Sonne Schein, 4
Zum bösen Zeichen für das Land.
Dort war der Mond und wurde klein,
Hier war die Sonn’ und wurde klein;
Nun wird das Volk der Untertanen
Erst bitter zu beklagen sein.

Unheil verkünden Sonn’ und Mond,
Die nicht mehr ihre Weise halten.
Im Reich ist nirgends Regiment,
Denn nicht die Guten läßt man walten.
War dort der Mond und wurde klein,
So ließ er’s darin nur beim Alten;
War hier die Sonn’ und wurde klein,
Wie übel muß sich’s dann gestalten!

Erdonnernd flammt der Blitze Wut,
Und nichts bleibt ruhig, nichts bleibt gut.
Die Flüsse treten aus und toben,
Berghäupter stürzen hoch von oben,
Das hohe Ufer wird zum Tal,
Der Talgrund wird zum Berg erhoben.
O weh’, den Menschen dieser Zeit!
Warum wird dem nichts vorgeschoben?

Nun ist Hoâng-fù der höchste Rat, 5
Der Fân ist Unterrichtsminister,
Kiā-pĕ administriert den Staat,
Tschúng-jún, des Hofes Truchseß ist er;
Tsēu hat das Haussekretariat,
Der Kuèi das Marstallsamt zu führen;
Da Kiü der Garden Führung hat;
Nun kann das schöne Weib im Sichern schüren. 6

Wie darf doch dieser Hoàng-fù sagen,
Daß und die Jahr’szeit lasse frei? 7
Was darf er und hinaus entbieten,
Und zieht und nicht zu Rat dabei?
Er hat uns Dach und Fach genommen,
Das Feld wird Sumpf und Wüstenei;
Da sagt er: „Ich tu’ euch kein Unrecht;
Der Brauch bestimmt, daß dem so sei.“

Hoàng-fù hat, außer Maßen weise,
Sich Hiáng zur Residenz gemacht, 8
Und drei gewählte Nachminister,
Bloß weil sie viel zu Hauf’ gebracht. 9
Nicht Einen mocht’ er lassen von den Alten,
Der unsres Königes gewacht.
Die Perd’ und Wagen hielten, wählt’ er,
Daß sie zur Wohnung Hiáng gemacht.

Mit Eifer wartet’ ich des Dienstes,
Nicht meine Mühsal tu’ ich kund;
Doch ohne Fehl und unverschuldet
Verschwätzte mich der Verleumdung Mund.
Nun soll der Untertanen Elend
Vom Himmel nicht gesendet sein.
Ja, Maulgeschwätz und Haß im Rücken
Trägt Streng’ und Ernst von Andern ein.

Weit abgelegen ist mein Ort,
Und sehr voll Unmut bin ich dort.
Im ganzen Reich ist zur Genüge,
Und ich nur wohne kümmerlich.
Im Volk ist Keiner, der nicht fei’re;
Nur ich nicht wag’ in Ruh zu setzen mich.
Des Himmels Rat ist nicht zu fassen;
Ich wage nicht den Freunden gleich dem Feiern mich zu überlassen.

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1 – Die in den ersten Strophen erwähnte Sonnenfinsternis weist genau die Abfassungszeit des Liedes aus. Der Tag Sïn-mào im zehnten Monat fiel auf den 29. Aug., wo im Jahre 775 v. Chr. nach astronomischer Berechnung jene Sonnenfinsternis in China sichtbar war.
2 – Es ist die Konjunktion (= Verbindung/Stellung) von Sonne und Mond gemeint.
3 – Sïn-mào ist der 28. Tag des sechzigtägigen Zyklus, der nach dem Kalender der Tschëu auf den 1. Tag des 10. Monats im Jahre 775 fiel.
4 – Buchstäblich: „Die Sonne hatte verzehrendes ‚sie“ – ein alter herkömmlicher Ausdruck für die Sonnenfinsternis.
5 – Die hier aufgezählten Würdenträger waren Kreaturen der Päo-ssé, welche …
6 – mit dem „schönen Weibe“ gemeint ist.
7 – Der Beamte, der das Lied verfaßte, nimmt hier das Wort für seine Landsleute. Hoâng-fù behauptet, es sei jetzt nicht „ die Jahreszeit“, nämlich zum Feldanbau, wo die Untertanen zu Landfolgediensten nicht heran gezogen werden durften.
6 – Der mächtige Minister hatte diese kleine Stadt zu seiner besonderen Residenz gemacht.
9 – Diese Minister zweiten Ranges oder Geschäftsführer (Jeù-ssè) glichen etwa den Abteilungsvorständen unserer Ministerien. Der Reichskanzler hatte sie nicht nach ihrer Tüchtigkeit gewählt, sondern nach ihrer Kunst Reichtümer zusammen zu raffen.

(Dazu meine Meinung: „Manche Unarten sind wohl nicht auszurotten! Das hat sich in tausenden von Jahren nicht geändert.“ )

Lied II. 4, 10
Klage über das Elend im Reich, über die Hohen Würdenträger und über den König.
Seite 316

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Klage über das Elend im Reich, über die hohen Würdenträger und über den König. 1

Unendlich ist der hohe Himmel,
Doch seine Güt’ ist dem nicht gleich.
Er sendet Hungersnot und Sterben,
Vernichtung in das ganze Reich.
Der milde Himmel, grimmig zürnend,
Beachtet, schonet Keinen mehr.
Ich schweige deß/dessen, der sich verschuldet,
Für seine Frevel büßet er;
Doch die auch, die sich nicht verschuldet,
Sie stürzen alle rings umher.

Das Haus von Tschēu erlischt dem Land,
Und nicht mehr gibt ihm Halt und Stand;
Die höchsten Würdenträger geh’n von dannen;
Niemand ist meine Not bekannt.
Die höchsten drei und all’ die Räte 2
Sind widerwillig früh und späte;
Die Landesherrn und all’ die Fürsten
Sind widerwillig Tag und Nacht.
Sie sagen: „Ja, wollt’ er sich bessern, –
Statt daß er’s immer ärger macht!“

Wie ist ihm denn, du hoher Himmel?
Nie glaubend dem, der Rechts spricht,
Gleicht er dem Gänger eig’ner Wege,
Der auf die Ankunft tut Verzicht.
O allesamt, ihr hohen Herren,
Ehrt doch euch selbst in eurer Pflicht!
Doch warum scheut ihr nicht einander?
Ihr scheut euch vor dem Himmel nicht.

Es kommt der Krieg – ihn hält nichts an;
Der Hunger kommt, – ihn treibt’s nicht an.
Ich, nur ein Kämmerling am Hofe,
Seh’ täglich meinen Jammer dran;
Und ihr zusammt, ihr hohen Herren,
Wollt nicht mit Offenheit heran;
Befragt man euch, so gebt ihr Antwort,
Und kehrt euch ab, verleumdet man.

Und wehe dem, der nicht versteht zu sprechen!
Was nicht bloß von der Zunge kam,
Das wird ihm selbst zu bitter’m Gram.
Wohl dem, der da versteht zu sprechen!
Sein schlaues Wort geht wie ein Fluß,
Drum bleibt er ruhig im Genuß.

Wohl heißt, in einem Amte steh’n,
In Dornen und Gefahren geh’n.
Kann nicht nach seinem Sinn gescheh’n;
So gilt’s dem Himmelsohn für ein Vergeh’n;
Läßt man nach seinem Sinn gescheh’n,
Muß man die Freunde zürnen seh’n.

Ich sagte: „Zieht doch wieder zur Königsstadt herein!“ 4
Da heißt’s: „Wir würden dort ja ohne Häuser sein!“
Voll Seelenjammer wein’ ich Blut;
Nichts red’ ich, ohne daß sie grollen.
Als euch das Wegzieh’n dünkte gut,
Wer hat denn da euch Häuser bauen wollen?

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1 – Ob dieses Lied noch aus der Zeit des Königs Jëu stammt, ist zweifelhaft.
2 – Den Ministerien waren drei oberste Minister mit Fürstenrang übergeordnet.
3 – Damit ist der König gemeint.
4 – Dies gilt den zahlreichen hohen Beamten, die sich aus der Residenz entfernt halten.

Zweiten Teiles fünftes Zehent.

Lied II. 5, 1
Schlimme Räte und üble Beschlüsse.
Seite 319

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Schlimme Räte und üble Beschlüsse.

Des milden Himmels grimm(ig)er Ernst
Hat sich zur Erd’ herab gewendet.
Rat und Beschluß sind schief und schlecht; –
Wann kommt der Tag, der das beendet?
Der gute Rat will nie vergangen,
Dem schlimmen nur wird nach gegangen.
Seh’ ich auf Rat und auf Beschluß,
Muß ich im tiefsten Leide bangen.

Genehmigen und Widersagen
Sind beide höchlich zu beklagen.
Denn ist ein Rat nur irgend gut,
Wird er von Allen ausgeschlagen;
Und ist ein Rat nur irgend schlimm,
So wird er Allen wohl behagen.
Seh’ ich auf Rat und auf Beschluß –
Wohin noch werden sie uns tragen?

Schon uns’re Schildkröt’ ist es müde, 1
Und sagt uns nichts bei einem Plan.
Der Raterteiler sind zu viele,
Und eben drum wird nichts getan.
Von Redenden ist voll die Halle, –
Wer aber wagte seinen Nachteil dran?
Man rät, als wollte man auch nie auf die rechte Bahn.

Und ach, wenn sie Beschlüsse fassen,
Wird an der Alten Vorbild nicht gedacht;
Da kommt kein großer Zweck mehr in Betracht,
Auf’s nächste Wort nur geben sie noch Acht,
Um’s nächste Wort nur wird ein Streit entfacht.
Sie sind wie wer auf Reisen sich berät, ein Haus zu bauen,
Weshalb es nimmer wird zur Ausführung gebracht.

Ob’s auch dem Reich an Halt gebricht,
Hat Der doch Weisheit, Jener nicht;
Ob’s auch an Volk noch Mangel hat,
Hat Der doch Einsicht, Jener Rat,
Der Ernst und Jener Ordnungssinn;
Doch wenn das hinfließt gleich der Quelle,
Stürzt da zum Untergang nicht alles hin?

Man wagt den Tiger nicht zu packen,
Man wagt den Strom nicht zu durchgeh’n;
Und jedermann versteht nur Eines,
Das Andre kann es nicht versteh’n.
So geht es zitternd, bänglich leis,
Als wäre man am tiefen Abgrund,
Als schritte man auf dünnem Eis,

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1 – Bezieht sich auf das schon erwähnte Orakel aus den Sprüngen der gerösteten Schildkrötenschale.

Lied II. 5, 2
Klagen und Mahnungen in bösen Zeiten.
Seite 321

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Klagen und Mahnungen in bösen Zeiten.

Klein ist die Turteltaube wohl,
Doch fliegt sie himmelhoch empor.
Mein Herz, von Kümmernis gequält,
Gedenkt der Alten von Zuvor.
Der Tag bricht an, ich schlage nicht,
Mir schweben stets die Beiden vor. 1

Ein weiser und gesetzter Mann
Hält Maß und Zucht beim Weingenuß;
Verdüstert, unverständig ist,
Wer täglich sich berauschen muß.
Ein Jeder halt’ auf Ehrbarkeit,
Nicht wieder kehrt des Himmels Schluß.

Im Felde steht die Hülsenfrucht,
Und alles Volk das pflücket sie.
Hat eine Maulbeerfliegen Brut,
Die Hummel, die entrücket* sie. 3
* sie klaut/stiehlt sie
Belehrt, erzieht die Kinder wohl,
Und gleiche Tugend schmücket sie.

Seht an das Ackermännchen* da,
*das ist eine Bachstelze
Wie es im Fliegen singen mag.
Wie meine Tage vorwärts gehen,
Zieh’n eure Monde ihnen nach.
Vom Aufsteh’n bis zum Schlafengehen
Seid denen, die euch zeugten nicht zur Schmach!

Die Würgevögel zieh’n umher
Und picken Korn bei Feimen an.
Weh mir im Leid Verlassenen,
Wie wer in Haft, im Kerkerbann!
Nehm’ ich denn Korn und lose dran, 4
Wie’s besser mit uns werden kann.

Nur Zartheit, nur Ergebenheit,
Als wär’ ein Baumast unser Stand;
Nur Ängstlichkeit, nur Sorglichkeit,
Als wären wir am Abgrunds Rand;
So zitternd und so bänglich leis,
Als schritten wir auf dünnem Eis!

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1 – Das sind seine beiden Eltern, die der Sänger stets im Sinn hat.
2 – Macht man sich durch eigene Schuld dessen verlustig, was der Himmel verliehen hat, so verleiht er nicht zum zweiten Mal.
3 – nach dem Volksglauben rauben die Hummeln junge Maulbeerfliegen und erziehen sie zu Hummeln.

Übrigens fällt mir gerade spontan ein, daß das Drucken des Schi-king mit den verdeutschten Liedern, Victor von Strauß, sehr viel Geld gekostet haben muß. Da wundert es mich eigentlich nicht mehr, daß er am Ende seines Lebens fast pleite war.
Wer von den Lesern dieser Seiten sich nun über diese meine Aussage aufregt oder ungläubig ist, braucht nur in meiner „Die Familiengeschichte von Hildegard Fischer“ nachzulesen, was sein „Enkel“ auch ein Victor, darüber in seinem Tagebuch geschrieben hat.

Z. B. war mein Ururgroßvater Victor von Strauß (und Torney) schließlich gezwungen, die meisten seiner wertvollen Bücher – es waren an die 9 000 – zu veräußern. H. Fi.

Lied II. 5, 3
Klage des Verleumdeten und Verstoßenen.
Seite 323

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Klage des Verleumdeten und Verstoßenen. 1

Die Raben flattern sonder Harm
Und fliegen heim in dichtem Schwarm.
Im Volk ist Keiner unbeglückt,
Nur ich allein bin Jammers voll.
Womit verging ich mich am Himmel,
Und welchen Frevel straft sein Groll?
Mein Herz ist so voll Kümmernis;
Ich weiß nicht, was ich machen soll.

Den Weg nach Tschēu, so glatt für Wagen,
Ich seh’ ihn Grasbewuchs überragen.
Mein Herz ist weh vor Kümmernis;
Gedenk ich, bin ich wie zerschlagen.
In Kleidern schlaf’ ich, seufze stets,
Und alt’re schier vor Weheklagen.
Mein Herz ist so voll Kümmernis;
Mich fiebert wie von Kopfwehplagen.

Den Maulbeerbaum, den Tsèbaum dann,
Sie schätzet und verehret man.
Zu keinem blickt man wie zu Vater,
Hängt keinem wie der Mutter an.
Und bin ich ihm nicht gleich an Haaren?
Kam nicht aus ihrem Schoß heran?
O Himmel, der mir Leben schenkte,
Was gab’s, als meine Zeit begann? 2

Im dichten Laube grüner Weiden,
Da zirpen Grillen ihren Sang;
Und auf dem Grunde stiller Wasser
Wächst Schilf und Rohr im Überschwang.
Ich gleiche dem getrieb’nen Schiffe,
Weiß nicht, wohin es führt sein Gang.
Mein Herz ist so voll Kümmernis,
Auch nicht in Kleidern schlaf’ ich lang’.

Der Hirsch, wenn er von dannen flüchtet,
Regt doch den Fuß nur zögrungsweis.
Das Morgenkrähen des Fasanen
Es sucht nach seinem Huhn mit Fleiß.
Ich gleiche dem verdorb’nen Baume,
Dem Krankheit nicht ließ Ast noch Reis.
Mein Herz ist so voll Kümmernis,
Wie kommt’s, daß Keiner davon weiß?

Sieht man den Hasen Zuflucht suchen,
Nimmt irgend wer doch seiner an;
Und liegt ein Toter auf der Straße,
Begräbt doch irgend wer den Mann.
Mein hoher Herr bleibt so im Herzen,
Daß er auch dies ertragen kann.
Mein Herz ist so voll Kümmernis,
Daß mir schon manche Trän’ entrann.

Mein hoher Herr glaubt den Verleumdern,
Wie man beim Trinken tut Bescheide.
Mein hoher Herr ist nicht gewogen,
Nicht prüft er mit Gelassenheit.
Ein Baum wird in die Quer gefällt,
Das Holz der Länge nach zerspällt: –
Doch er läßt Schuldige gewähren,
Indes er mich für schuldig hält.

Nichts ist so hoch als ein Gebirge,
Und nichts ist tiefer als ein Quell.
Wär’ doch mein hoher Herr mit Worten nicht so schnell;
Ein Ohr ist ja der Wand Gesell. –
Tritt nicht heran auf meine Dämme!
Zieh’ meine Reusen dir nicht her! –
Doch meiner wird ja nicht geachtet;
Was kümmert mich die Zukunft mehr? 3

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1 – Das Lied wird dem Sohn des Königs Jëu zugeschrieben, der Jî-kièu hieß, mutmaßlich Thronerbe war und auf Betreiben der Päo-ssè, die ihren eigenen Sohn auf den Thron bringen wollte, samt seiner Mutter verbannt wurde.
2 – Er meint, welch unheilbringende Konstellation?
3 – Ist eine Reminiszenz ( = Erinnerung) aus dem Lied I. 3, 10.

Lied II. 5, 4
Klage über Verleumder.
Seite 326

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Klage über Verleumder. 1

O weiter hoher Himmel
Voll Vaterhuld und Mutterhuld!
Ohn’ ein Vergeh’n ohn’ eine Schuld
Ein solch unendlicher Tumult?
O Himmel, schrecklich in den Höh’n!
Ich wahrlich bin ohn’ ein Vergeh’n.
O hoher Himmel sonder Huld!
Ich wahrlich bin ohn’ eine Schuld.

Des Aufruhrs Anfang wird geboren,
Wenn Lügen Zutritt wird erlaubt.
Der Aufruhr wird heran gezogen,
Wenn der Monarch Verleumdern glaubt.
Wüßt’ unser Herr den Zorn zu finden,
Der Aufruhr würde schnell verschwinden.
Wüßt’ unser Herr die Huld zu spenden,
Der Aufruhr würde schnell sich enden.

Der hohe Herr war oft verbündet; 2
Drum hat der Aufruhr fort gezündet.
Der hohe Herr traut Schurkenhorden;
Drum ist der Aufruhr frech geworden.
Gar süß der Schurken Rede fährt,
Drum wird der Aufruhr fort genährt.
Nicht folgen sie der Pflicht Gebot,
Sie machen nur dem König Not.

Gar herrlich ist der Ahnentempel, –
Ein großer Herrscher machte ihn;
Ein großer Plan ist wohl geordnet, –
Ein weiser Mann erdachte ihn.
Was wohl ein Anderer hat im Herzen,
Ich rat’ es, – ich betrachte ihn.
War noch so schnell der schlaue Hase,
Fing doch der Hund und brachte ihn.

Die Bäum’ aus biegsam weichem Holze,
Die pflanzte wohl ein hoher Mann.
Der Wand’rer Wort im Geh’n und Kommen
Versteht gar wohl, wer merken kann.
Sind’s lang geschlung’ne hohe Worte,
Nur von dem Mund’ aus geh’n sie dann;
Bei schlauen Worten, wie geflötet,
Sieht man der Stirn die Frechheit an.

Und wer sind jene Menschen dann? –
Bewohner von den Strandquartieren,
Die ohne Faust und ohne Mut
Den Aufruhr stufenweise schüren.
Mit Beingeschwür, mit Fußgeschwulst,
Wie könntet ihr noch Mut verspüren?
Ihr machtet Pläne, groß und viel, –
Wie viel Genossen folgen euer’m Führen?

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1 – Die erste Strophe des Liedes läßt vermuten, daß der Verfasser ein hoher Staatsmann war, dem die aufrührerischen Bewegungen im Reich von den selben Verleumder zur Last gelegt wurden, deren Einflüsterungen sie am meisten verschuldeten.
2 – Wörtlich: „hat häufig Bündnisse beschworen“ – nämlich mit den ihm verdächtigen Reichsfürsten, als wären sie seinesgleichen, während sie gerade deshalb sich stark genug fühlten zu Widersetzlichkeiten um Empörungen. Dadurch wurden zum Aufruhr denn auch Leute ermutigt, wie sie die Schlußstrophe schildert.

Lied-II. 5, 5
Ist der alte Freund treulos geworden?
Seite 328

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Ist der alte Freund treulos geworden? 1

Da war der Mann –  wer wird es sein?
Sein Herz muß sehr gefährlich sein.
Warum verließ er meinen Damm,
Und trat in meine Tür nicht ein?
Und wer ist der, auf den er hört?
Das ist doch wohl der Pào, ich mein’.

Geh’n beide Männer gleichen Weg,
Wer tat denn dieses Leid mir an?
Warum verließ er meinen Damm,
Und trat zum Beileid nicht heran?
Im Anbeginne war es nicht wie jetzt,
Daß ich ihm nichts mehr gelten kann.

Da war der Mann – wer wird es sein? –
Was mocht’ er meinen Hofweg geh’n? 2
Ich hörte seiner Stimme Laut,
Ihn selber hab’ ich nicht geseh’n.
Der kann vor Menschen nicht in Scham,
Kann nicht in Scheu vor’m Himmel steh’n.

Da war der Mann – wer wird es sein?
Dem Wirbelwinde gleichet er.
Warum von Norden kam er nicht?
Weswegen nicht von Süden her?
Warum verließ er meinen Damm?
Und machte nur mein Herze schwer.

Wenn du des Wegs gemächlich fährst,
Dann fehlt die Zeit für’s Halten dir;
Wenn du des Wegs in Eile fährst,
So hast du Zeit für Wagenschmiert’.
Daß du nur Einmal zu mir kämst!
Warum erharr’* ich’s mit Begier?
*erwarten

Kämst du zurück und trätest ein,
Würd’ ich mein Herz erleichtert seh’n.
Kommst du zurück und trittst nicht ein,
Ist schwer dies Nichttun zu versteh’n.
Daß du nur Einmal zu mir kämst!
Das würde mir zur Ruh’ gescheh’n.

Der Ält’re blies die ird’ne Flöte,
Der Jüng’re blies die Flöt’ aus Rohr;
Ich war mit dir wie aufgefädelt. 3
Und wenn ich dein Vertrau’n verlor,
So bring’ ich die drei Opfertiere, 4
Und leiste dir den Eid davor.

Wärst du ein Geist, ein Flußgespenst, 5
Wohl unerreichbar wärst du dann.
Schaut man in Aug’ und Angesicht,
So sieht man auch den ganzen Mann. –
Drum macht’ ich dieses gute Lied,
Das Dreh’n und Winden abtun kann.

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1 – Der Überlieferung zufolge war der Dichter ein Fürst von Sü, dem durch die üble Nachrede eines „Fürsten“ von Pâo schwer geschadet worden war. Er hat begründeten Argwohn, daß mit letzterem sich der alte Freund verbunden habe, an den dies Lied gerichtet ist und dessen zweideutigem Benehmen er, wie die Schlußverse zeigen, durch dasselbe ein Ende machen will.
2 – „Tschhîn“, der „Hofweg“ ist der gepflasterte Weg von dem ersten Torweg zu dem Empfangssaal.
3 – Wie zwei Perlen nebeneinander auf einer Schnur.
4 – D. i. ein Hund, ein Schwein und ein Huhn, bei deren Blute Bündnisse beschworen wurden.
5 – „Jĭ“, ein fuchsähnliches, dreibeiniges, fabelhaftes Wassergeschöpf.

Lied II. 5, 6
Wider die Verleumder.
Seite 331

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Wider die Verleumder.

Wie schön gefärbt! Wie fein gedreht!
‘s ist wahre Muschelstickerei. 1
Doch, ihr Verleumder anderer,
Ihr treibt es allzuweit dabei.

Wie zart gespannt! Wie breit gedehnt!
Es ist das wahre Siebgestirn. 2
Doch, ihr Verleumder anderer,
Der Anschlag kam – aus wessen Hirn?

Mit Lauferei, mit Schwätzigkeit
Plan’t ihr Verleumdung allezeit.
Doch nehmet eure Wort’ in Acht;
Man sagt schon, daß ihr Lügner seid.

Bald so, bald so, mit schlauem Tück
Ersinnt ihr manch’ Verleumderstück.
Wie würd’ es euch nicht aufgenommen?
Doch fällt es bald auf euch zurück.

Die Stolzberückten sind voll Freud’,
Die Unterdrückten sind voll Leid.
O blauer Himmel, blauer Himmel!
Sieh hin auf jene Stolzberückten,
Erbarme dich der Unterdrückten!

O die Verleumder anderer!
Wer plante nur mit den Betriegern/Betrügern?
Greift die Verleumder anderer!
Werft sie den Wölfen hin und Tigern!
Wenn Wölf’ und Tiger sie nicht morden,
Werft sie hinaus zum fernen Norden!
Nimmt sie der Norden nicht dahin,
So werft sie Dem da oben hin!

Vom Weidengarten führen Wege
Bis zu der Ackerhöh’n Gehege. 4
Ich aber, Mèng-tsè, der Eunuch,
Ich habe dieses Lied gemacht;
Ihr hohen Männer all-zumal,
Vernehmt’s und haltet es in Acht.

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1 – Eine Art feiner bunter Stickerei, welches die Weise der Verleumderreden bezeichnen soll.
2 – Wörtlich: „das südliche Sieb“; ein Zeichen des chinesischen Tierkreises.
3 – Dem Himmel als der lebendig vergeltenden und gerechten Macht.
4 – Soll wohl andeuten, daß auch dieses Lied von dem Standort des Verfassers bis in die höchsten Kreise hinauf dringen könne.

Lied II. 5, 7
Wandelung der Freundschaft.
Seite 333

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Wandelung der Freundschaft.

Lieblich kam der Wind von Osten; –
Regen ließ er hinter sich.
Einst bei Sorgen, einst bei Ängsten,
War ich ganz allein für dich!
Nun in Ruhe, nun im Glücke
Kehrst du um, verlässest mich.

Lieblich kam der Wind von Osten, –
Stürme folgten ihm sogleich.
Einst bei Sorgen, einst bei Ängsten,
War dein Busen mein Bereich;
Nun in Ruhe, nun im Glücke,
Laßt du mich, Vergess’nem gleich.

Lieblich kam der Wind von Osten, –
Nun auf stein’gem Bergeshaupt
Ist kein Halm, der nicht verstorben,
Ist kein Baum, der nicht entlaubt.
All mein Gutes ist vergessen,
Jeder Fehl hervor geklaubt/gesucht.

Lied II. 5, 8
Der Elternlose.
Seite 334

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Der Elternlose.

Hoch wuchs sie auf, die Stabwurz da, –
Nicht Stabwurz, Rainfarn sollt’ es sein. 1
Ach, ach, mein Vater, meine Mutter!
Ihr zogt mich auf mit Müh’ und Pein.

Hoch wuchs sie auf, die Stabwurz da –
Nicht Stabwurz, ‘s ist mir Zitwergrün.*
* = ein Korbblütler, die Samen werden als Wurmmittel verwendet.
Ach, ach, mein Vater, meine Mutter!
Ihr zogt mich auf mit Not und Müh’n.

Des Trinkgeschirrs Leere, ach,
Sie ist ja nur der Flasche Schmach.
Zu leben als Verwaiseter –
O besser, wenn man längst dem Tod’ erlag!

Wer vaterlos, wem soll er trau’n?
Wer mutterlos, wem fragt er nach?
Aus geht er, und es drückt ihn schwer,
Kehrt heim und Keinen findet er.

O Vater, und du zeugtest mich,
O Mutter, und du säugtest mich;
Ihr streicheltet, ihr nährtet mich,
Erzoget mich, belehrtet mich,

Umwachtet mich, umwehrtet mich,
Trugt, wenn ihr gingt und kehrtet, mich!
O Könnt’ ich euch die Güte danken,
Den hohen Himmel ohne Schranken!

Schroff ragt des Südgebirg’s Gestein,
Und grimmig braust der Wind darein.
Im Volk ist Keiner unbeglückt;
Warum bin elend ich allein?

Rau starrt das Südgebirg daher,
Es braust der Wind und wütet sehr.
Im Volk ist Keiner unbeglückt,
Nur ich allein vermag nichts mehr. 2

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1 – In beiden Fällen wurde die edlere Pflanze erwartet, doch es zeigte sich, daß es nur eine geringere war.
2 – Nichts mehr zu tun, um meinen Eltern zu vergelten.

Lied II. 5, 9
Die vernachlässigten Ostlande.
Seite 336

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Die vernachlässigten Ostlande. 1

Einst gab es Mahl’ aus vollen Schüsseln,
Die Dornholzlöffel bogen sich;
Der Weg nach Tschēu dem Wetzstein glich,
Er lief in pfeilgeradem Strich,
Ihn schritten Herrn gar würdiglich,
Der kleine Mann besah sie sich.
nun blick’ ich rückwärts, denke des,
Und wein’ und bad’ in Tränen mich.

In jedem Ostland, klein wie groß,
Steh’n Spul’ und Webstuhl nackt und bloß.
Dünn sind die Schuh’ aus Kŏ gewebt,
Darin man kann beim Froste geh’n;
Kann arbeitsscheue Fürstensöhne
Des Wegs nach Tschēu hin wandern seh’n.
Und schon ihr Gehen, schon ihr Kommen
Macht mir das Herz von Weh’ beklommen.

Der kalten Quellen Überlauf
Näss’ uns nur nicht die Brennholzbeute!
Vor Kummer wach’ ich seufzend auf;
O wehe, wir geschlag’nen Leute!
Gehauen stand die Brennholzbeute,
Einfahren könnte man sie nun, –
O wehe, wir geschlag’nen Laute,
Daß wir doch einmal könnten ruh’n!

Der Ostgebiete Leute Söhne,
Ihr harter Dienst bleibt unerkannt.
Der Westgebiete Leute Söhne
Geh’n angetan mit Prachtgewand.
Der bloßen Schifferleute Söhne
In reichen Bärenpelzen geh’n
Und der geringsten Leute Söhne
In allen hundert Ämtern steh’n.

Wenn Einer nimmt von feinem Wein,
Hält er ihn nicht für starken Trank.
Und sein besetztes Gurtgestein,
Es dünket ihn nicht eben lang,
Wohl steht die Milchstraß’ an dem Himmel
Und blickt herab und schimmert blank;
Des Dreigestirnes Weberinnen
Zieh’n täglich sieben Grad’ entlang. –

Doch ob auch sieben Grad’ entlang,
Sie schaffen nichts für schönen Dank.
Der Zugstier, der da droben blinket, 3
Zieht nicht an unserm Wagenstrang.
Ob Morgenstern aus Osten drang;
Ob Abendstern dem West entsprang;
Ob lang das Hasennetz sich krümmet –4
Sie alle geh’n nur ihren Gang.

Wohl stehet da das Sieb im Süden, 5
Mit dem zu sichten doch noch nie gelang.
Wohl steht die Schöpfekell’ im Norden, 6
Doch schöpfet man mit ihr nicht Wein noch starken Trank.

Wohl stehet da das Sieb im Süden,
Das uns doch nur die Zunge bleckt,
Die Schöpfekelle steht im Norden,
Die ihren Griff nach Westen streckt.

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1 – Das Lied soll aus der Zeit des Königs Jëu stammen und hat jedenfalls einen Beamten des Ostlandes zum Verfasser.
2 – Die „Weberinnen“ sind drei Sterne in der Leier. Die Chinesen teilen den Himmel in 12 solcher „Grade“, deren ein Gestirn also 6 über Tag durchlaufen würde; die scheinbare Vorrückung der Gestirne bringt es aber bis in den 7. Grad.
3 – Der „Zugstier“ ist ein chin. Sternbild im oberen Teil des Adlers.
4 – Das „Hasennetz“ sind die Hyaden.
(Die Hyaden, auch Regengestirn oder Taurus-Strom, sind ein offener Sternenhaufen im Sternbild Stier, der mit bloßem Auge beobachtet werden kann. )
5 – Das „Sieb“ sind 6 Sterne des Schützen, von denen zwei der „Mund“ genannt werden.
6 – Die „Schöpfkelle“ ist ebenfalls eine Konstellation im Schützen.

Lied II. 5, 10
Böse Zeiten.
Seite 339

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Böse Zeiten.

Im vierten Mond ist Sommertag,
Im sechsten läßt die Hitze nach.
Die Ahnen, waren sie nicht Menschen?
Wie sind sie denn für mich so schwach? 1

Im Herbste sind die Tage kalt
Und alles Grün wird welk und alt.
Wen Unruh’n und Parteiung quälen,
Wo bleibt für den ein Aufenthalt?

Des Winters Tage bringen Pein
Und grimmig braust der Wind darein.
Im Volk ist Keiner unbeglückt:
Warum bin elend ich allein?

Die Berge tragen gute Bäume,
Kastanien dort und Pflaumen dann.
Macht die Entartung Raubgesindel,
So weiß ich nicht, wer schuld daran.

Wir sehen wohl der Quelle Wasser
Bisweilen trüb, bisweilen rein,
Doch kommt mir täglich Not entgegen,
Wie könnt’ ich dann noch glücklich sein?

Der Kiāng und Hán mit ihrer Strömung,
Sie sind der Mittagsländer Schnur. 2
Ich bin erschöpft von meinem Amte,
Doch Keiner denket meiner nur.

Ich bin kein Falk, ich bin kein Aar,
Der seinen Flug zum Himmel lenkt,
Ich bin kein Stör, ich bin kein Scherg,
Der sich zum Schutz in Tiefen senkt.

Am Berg sind Farn und Strahlenspreh’n,
Im Tal sind Mispelbäum’ und Schleh’n. –
Ein Hoher hat das Lied gemacht,
Daß er sein Klagen ließ ergeh’n.

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1 – Die Geister der Vorfahren werden demnach als Mitlenker der Menschenschicksale angesehen.
2 – Die ordnende, abgrenzende, auch wohl verteidigende Linie, was ihnen dankbar gedacht wird.


Die Seite wurde erstellt von Hildegard Fischer, am 12. und 25. August 2019, am 3.10.2019. und am 15.10.2019.