Die Lieder in chinesischer und deutscher Form. (5.)

Zweiten Buches sechstes Zehent.
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Lied II. 6, 1
Beamtenplagen.
Seite 341

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Beamtenplagen.

Ich steig’ hinauf das Nordgebirg’
Und sammle Mispeln in der Zeit.
Ein Mann im Amt, voll Tüchtigkeit,
Ist früh und spät dem Dienst geweiht.
Im Königsdienst gilt kein Versäumen;
Doch Vater, Mutter sind voll Leid. 1

Der weite Himmel überspannt
Nichts was nicht wäre Königs Land.
Von allen Ufern landherein
Ist kein Bestallter*, der nicht sein.
* in ein Amt eingesetzt
Die Großen aber tun nicht fein: 2
Dienst muß ich leisten wie als klug allein.

Mein Hengstgespann rennt ohne Rast;
Des Königs Dienst erfordert Hast.
Man lobt mich, daß ich noch nicht alt,
Daß Wen’ge mir an Kräften gleich.
Solang’ mein Rückgrat noch nicht weich,
Hab’ ich zu sorgen rings im Reich.

Die Einen ruh’n zu Hause mit Behangen,
Wenn Andre sich im Reichsdienst müde plagen;
Die Einen rasten hingestreckt auf Kissen,
Wenn Andre unaufhörlich reisen müssen.

Die Einen kennen nicht Geschrei noch Lärmen,
Wenn Andre sich in schwerem Mühsal härmen;
Die Einen liegen müßig auf dem Rücken,
Wenn Andre schier des Königs Dienst’ erdrücken.

Die Einen weilen froh beim Trinkvergnügen,
Wenn Andre schwer geängstigt bangt vor Rügen;
Die Einen geh’n umher und splitterrichten;*
* Lästern, Verleumden, Anschwärzen
Wenn Andre jeden Dienst allein verrichten.

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1 – Seine Eltern sind bekümmert, weil der königliche Dienst ihnen den Sohn völlig entzieht, so daß er sie auch nicht verpflegen kann.
2 – Die Großen, die Tà fü, sind die Minister, welche den Beamten Geschäfte auftragen.

Lied II. 6, 2
Überdruß am Staatsdienst.
Seite 343

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Überdruß am Staatsdienste.

Schiebe nicht den großen Wagen;
Wirst dir selbst nur Staub erregen.
Denke nicht der hundert Plagen;
Wirst dir selbst nur Leid auflegen.

Schiebe nicht den großen Wagen;
Wirst vom Staub nur übernommen.
Denke nicht der hundert Plagen;
Wirst dem Trübsinn nicht entkommen.

Schiebe nicht den großen Wagen;
Wirst vom Staub verhüllt nur werden.
Denke nicht der hundert Plagen;
Machst dir selber nur Beschwerden.

Lied II. 6, 3
Der überlastete Beamte in der entlegenen Provinz.
Seite 344

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Der überlastete Beamte in der entlegenen Provinz.

Du glanz-erfüllter hoher Himmel,
Du Licht und Hort der nieder’n Welt!
Hinaus bin ich gesandt gen Westen,
Bis hier in Khiêu’s verwildert Feld.
Vom ersten Tag des zweiten Monde
Hab’ ich getragen Hitz’ und Kält’.
Mein Herz ist voller Kümmernisse;
Dies Gift ist allzu sehr vergällt.
Ich denke meiner Amtsgenossen,
Daß regengleich die Träne fällt.
Ob ich nicht dachte heimzukehren? –
Da fürcht’ ich mir ein Netz gestellt.

Vordem, da ich hinaus gezogen,
Gab Sonn’ und Mond dem Jahr Beginn.
Wann werd’ ich heimwärts wieder ziehen?
Nun ist das Jahr schon bald dahin.
Ich denke, wie allein ich stehe,
Und überhäuft von Pflichten bin.
Mein Herz ist voller Kümmernisse;
Rastlose Müh’n sind mein Gewinn.
Ich denke meiner Amtsgenossen
Mit sehnlich rückgewandtem Sinn.
Ob ich nicht dachte heimzukehren? –
Ich fürchte Rüg’ und Ärger drin.

Vordem, da ich hinaus gezogen,
Hub Sonn’ und Mond zu wärmen an.
Wann werd’ ich heimwärts wieder ziehen?
Stets größ’re Dienstpflicht dringt heran.
Nun ist das Jahr schon bald zu Ende,
Stabwurz und Bohnen erntet man.
Mein Herz ist voller Kümmernisse;
Ich tu’ mir selbst zu nah’ daran.
Ich denke meiner Amtsgenossen,
Steh’ auf, geh’ aus, herberge dann.
Ob ich nicht dachte heimzukehren? –
Da fürcht’ ich, wie sich’s wandeln kann.
 * * * * * * * * *
Ach, all ihr hochgestellten Männer!
Nicht immer wird euch Ruh’ erfreu’n.
Doch wartet sorgsam eurer Ämter,
Seid darin tadellos und rein;
Dann werden euch die Geister hören
Und allzeit Gutes euch verleih’n.

Ach, all ihr hochgestellten Männer!
Nicht immer trägt euch Ruh’ im Schoß.
Doch wartet sorgsam eurer Ämter,
Und liebt, was rein und tadellos;
Dann werden euch die Geister hören
Und euch verleih’n ein glänzend Los.

Lied II. 6, 4
Unzeitige Hoflustbarkeiten.
Seite 346

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Unzeitige Hoflustbarkeiten. 1

Da schlägt man Glocken, kling und klang!
Der Hoâi-Fluß strömt in Überschwang.
Mir ist im Herzen weh und bang.
Die sittenreinen, hohen Fürsten
Sind mir im Sinne sonder Wank.*
* er denkt, sie tun nichts

Da schlägt man Glocken, weidlich weit;
Des Hoâi Gewässer strömen breit.
Mir ist im Herzen weh und leid.
Die sittenreinen, hohen Fürsten,
Kein Fehl hatt’ ihre Trefflichkeit.

Die Glocke tönt zu Paukenklang;
Drei Inseln gibt’s den Hoâi entlang.
Mir ist im Herzen angst und bang.
Die sittenreinen, hohen Fürsten,
Nicht so war ihrer Tugend Gang.

Da schlägt man Glocken hell und fein,
Und spielt mit Harf’ und Laute drein;
Und Pfeif’ und Klingstein stimmen ein
Zum Festlied, zu des Südens Lied, 2
Zum Flötentanze fehlerrein.

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1 – Man weiß nicht, weshalb die Überlieferung dieses Lied auf König Jëu bezieht. Es deutet nur an, daß ein König sich an den Ufern des Hoâi sorglos der Liebhaberei für Musik, den Gesang und Tanz überläßt, während der Sänger sich über den Verfall des Reichs ängstigt, der bei den alten großen Königen nicht eingetreten sein würde.
2 – Im Grundtext steht für Festlied „Jà“ und für des Südens Lied „Nân“. Tschü-hi bezieht das erste auf Lieder des zweiten und dritten Teiles, das zweite auf Lieder des ersten Teiles des Schï-kïng, von denen – wie auch Legge meint – wohl damals schon Anfänge einer Sammlung bestanden hätten.

Lied II. 6, 5
Der große Opferdienst im Ahnentempel.
Seite 347

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Der große Opferdienst im Ahnentempel.

Wo wild Gesträuch verworren stand,
Riß man die Dornen aus mit Händen;
Warum ward das voreinst getan?
Daß unsre Hirsen Anbau fänden;
Daß Hirs’ uns reif’ im Überfluß
Und Opferhirse zum Verschwenden;
Und wären unsre Speicher voll,
Und tausend Feimen aller enden,
Zu Speis’ und Wein sie zu verwenden,
Zur Darbringung, zu Opferspenden,
Um hinzutreten, einzuladen, 1
Noch größer’n Segen herzuwenden.

Voll Würd’ und Anstand geh’n wir fein,
Mit Stieren und mit Widder rein,
Zum Herbst- und Winteropfer ein.
Die häuten ab, Die kochen klein.
Die richten zu, Die tragen ein.
Der Beter opfert türherein. 2
Gar glänzend sind die Opferweih’n;
Und herrlich zieh’n die Ahnen ein; 3
Es freuen sich die Geisterreihen,
Dem frommen Enkel zum Gedeihen;
Sie lohnen ihm mit großem Segen,
Sein Alter soll ohn’ Ende sein.

Am Herd ist eifriger Verkehr,
Gewalt’ge Trachten stellt man her;
Der bratet und es röstet Der.
Die hohen Frau’n gehn still einher,
Und richten an der Schüssel Heer.
Die Fremden und die Gäst’ umher
Trinken sich zu in Kreuz und Quer.
Man feiert ganz nach Brauchs Begehr;
Lächeln und Wort’ sind schicklich sehr.
Die Geister tun sich gnädig her,
Und lohnen es mit großem Segen,
Zehntausend Jahren und noch mehr.

Sind wir ermattet ganz und gar,
Da nichts am Brauch versäumet war,
So kommt dem weisen Beter Kunde, 4
Der gibt’s dem frommen Enkel dar:
„Süß roch des frommen Opfers Weise;
Die Geister freute Trank und Speise.
Sie fügen, daß dich Glück umkreise,
Erhoffter Weis’, verdienter Weise.
Du zeigtest Eifer, bliebst im Gleise,
Du tatst es recht, du sorgtest weise:
Sie schenken dir das Höchst’ im Preise
Zehntausend=, hunderttausend Weise.”



Erfüllt ist jeder Brauch zur Stunde,
Es mahnten Glock’ und Pauk’ im Bunde,
Der fromme Enkel ging zum Thron;
Da kommt dem weisen Beter Kunde:
„Satt ist des Weines der Geisterchor!”
Da steht der Totenknab’ empor. 5
Ihn leiten Pauk’ und Glock’ hinaus;
Die gnäd’gen Geister zieh’n nach Haus. 6
Die Schar der Diener und der Frauen
Trägt alles ungesäumt hinaus.
Die Oheim’ aber und die Brüder 7
Vereinigt ein besondrer Schmaus.

Spielleute treten ein, mit Tönen
Den Folgesegen zu verschönen;
Und sind die Speisen aufgetragen;
Fühlt keiner Unlust, nur Behagen.
Dann, satt von Speisen, satt vom Wein,
Verneigt die Häupter Groß und Klein:
„Die Geister werden, froh des Mahles,
Lang Leben unserm Herrn verleih’n.
Ganz willig, ganz zur rechten Zeit
Erfüllt’ er alles nach Gebühren.
Ihr Söhn’ und Enkel allzumal,
Ermangelt nicht, es fortzuführen!“

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1 – Beides soll sich den Auslegern zufolge auf den später erwähnten Vertreter der Geister beziehen.
2 – Der Beter hatte das Amt, die vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Er opfert „jü fäng“, ad latus januae (= die Seitentür!?) , – as if to give the Spirit of the dead a welcme on their entrance into the edfice, (= als ob man den Geist der Toten bei ihrem Eintritt in das Gebäude begrüßen würde) – wie Legge bemerkt.
3 – Von da an wird die Anwesenheit der Ahnengeister vorausgesetzt.
4 – Die Kunde empfängt er von den Geistern.
5 – „Hoàng schï“ heißt wörtlich „der erlauchte Tote“; es schien zweckmäßig, den von Rückert dafür geprägten Namen „Totenknaben“ anzunehmen. Derselbe war ein lebender Stellvertreter des Verstorbenen, dem geopfert wurde, ein „Bild des Geistes“, und man nahm dazu ein Kind, vorzugsweise einen Enkel, welcher, mit dem Oberkleid des von ihm vertretenen Ahnherrn bekleidet, alle Ehren desselben empfing.
6 – Bei der Entfernung des Totenknaben kehrten die Ahnengeister in den Himmel zurück.
7 – Sämtliche ältere und jüngere Blutsverwandte des Königshauses.

Lied II. 6, 6
Feldersegen für die Ahnenopfer.
Seite 350

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Feldersegen für die Ahnenopfer.

Ja, dieses ist das Südgebirge,
Das Jü in Urbarkeit versetzt. 1
Erschlossen wurden Höh’n und Flächen,
Gefeldert* vom Urenkel jetzt. 2
* zu Feldern umgewandelt
Wir grenzen ab, wir teilten ein,
Gen Süd und Ost gab’s Länderei’n.

Es wölkte sich der Himmel droben
Und dichte Schneegestöber stoben
Und Rieselregen ward drauf gesprengt.
Von ihm beströmt, von ihm getränkt,
Von ihm durchnäßt und überschwenkt,
Ward aller Frucht Gedeih’n geschenkt.

Wohl eingeteilt sind Grenz’ und Rain,
Und Hirsen fanden reich Gedeih’n.
Die erntet der Urenkel ein,
Um zu bereiten Speis’ und Wein;
Sie Totenknab’ und Gast zu geben, 3
Zehntausend Jahre lang zu leben.

Im Felde steh’n die Häuselein,
Melonen steh’n an Grenz’ und Rain;
Die schneidet man, die macht man ein,
Den hohen Ahnen sie zu bringen,
Daß der Urenkel lange leb’,
Ihn Himmelsegen mög’ umringen.

Er opfert den geklärten Wein,
Und folgt dem roten Stier herein,
Den hohen Ahnen sie zu weih’n;
Greift nach dem klingelnden Stilette, 4
Zu weisen, was für Haar er hätte,
Und nimmt von seinem Blut und Fette.

Das opfert er, das bringt er dar,
Zu angenehmem Wohlgeruche.
Beim Opferdienst, gar feierbar/feierlich,
Zieht herrlich ein der Ahnen Schar,
Und lohnet ihn mit großem Segen,
Mit Leben bis zum fernsten Jahr.

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1 – Die Entwässerung und Urbarmachung des Landes wird immer auf den alten Kaiser Jü (2204 – 2196) zurück geführt.
2 – Der Urenkel ist derjenige Nachkommen, der den Ahnen die Opfer bringt, von denen im Folgenden die Rede ist.
3 – Vgl. das vorige Lied.
4 – Dies Stilett (täo) ist ein dolchartiges Messer, das mit klingelnden Schellen am Griff verziert ist.
5 – Wörtlich: „um offenzulegen sein Haar“, um zu zeigen, daß es durchaus die vorgeschriebene Farbe habe.

Lied II. 6, 7
Landwirtschaftliches.
Seite 352

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Landwirtschaftliches. 1

Weit streckt das schöne Feld sich dar,
Das tausend Zehnten bringt im Jahr.
Ich nehme was deß* übrig war 2
*inzwischen von der Ernte vom Jahr zuvor.
Und speise meine Bauernschar.
Hier gab’s von je ein gutes Jahr.
Zur Südflur schreit’ ich nun hinan;
Da gäten sie und häufeln an.
Die Hirse wuchs, so dicht sie kann;
Und wo man weilt, wo Rast begann,
Treib’ ich die Vorarbeiter an.

Mein Opferkorn hab’ ich geweiht
Samt Widdern von Untadligkeit
Der Erd’ und jeder Himmelsseit’; 3
Mein’ Äcker steh’n in Üppigkeit;
Daß sich der Landmann ihrer freut.
Mit Harfen, Lauten, Paukenschlägen
Geh’n wir des Feldbau’s Ahn entgegen,
Um zu erbitten süßen Regen,
Zu mehren unsern Hirsesegen;
Des Wohlergehn’s von Mann und Weib zu pflegen.

Und der Urenkel kommt daher, 5
Indeß/zwischen der Frau’n und Kinder Heer
Zum Südfeld bringt die Speisen her.
Froh naht der Vogt der Ackerer,
Nimmt links von der und rechts von der
Und kostet, ob sie schmackhaft wär’.
Der Fruchtanbau im Feld umher
Ist trefflich und ergiebig sehr.
Deß(-halb) zürnet der Urenkel nicht;
Das reizt des Landmanns Fleiß noch mehr.

Steh’n dichte des Urenkels Saaten
Wie Strohdach, wie Verdeck’ am Wagen,
So ragen des Urenkels Schober,
Wie Inseln und wie Hügel ragen.
Dann wird er wohl nach tausend Speichern fragen,
Dann wird er suchen nach zehntausend Wagen.
Was Hirse, Reis und Mais getragen,
Erfüllt den Landmann mit Behagen: –
„Nun sei belohnt mit großem Heil,
Mit grenzenlosen Lebenstagen!“ 6

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1 – Der Sänger war wohl ein hoher Beamter in der Landwirtschaft.
2 – Von der vorjährigen Ernte.
3 – Den Genien (= Schutzgeister) der Erde und der vier Weltgegenden.
4 – Der Ahnherr des Feldbaus ist der fabelhafte Kaiser Schîn-nûng, dem die Erfindung des Ackerbaus zugeschrieben wird.
5 – Der Urenkel ist der regierende Nachkomme der großen Könige. –
6 – Zuruf der Ackerleute an den König.

Lied II. 6, 8
Gleichfalls landwirtschaftlich.
Seite 354

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Gleichfalls landwirtschaftlich.

Das Feld ist groß, der Einsaat viel;
Und ist’s verteilt, gemacht der Plan,
Ist vorgekehrt, so geh’n wir dran,
Und unsrer Pflüge scharfer Zahn
Hebt sein Geschäft beim Südfeld an.
Wir säen drein von allen Früchten;
Und sprossen und gedeih’n sie drin,
So ist’s nach des Urenkels Sinn. 1

Wenn sie sich ähren*, wenn sie saften*,
*ähren – ungewöhnlicher Ausdruck für das Heranreifen der Getreidehalme
* saften – Obst und Beeren reifen

Nicht Lolch* noch Unkraut drin behaften,
* = eine Grasart
Sucht man das Ungeziefer ab,
Von Keim und Wurzel, Schoß und Stab,
Daß unsrer jungen Saat kein Schaden drohe;
Des Ackerbaues Ahn, der Geist, 2
Ergreift’s und wirft’s in Feuers Lohne.

Und steigt ein dicht Gewölk heran,
So hebt ein milder Regen an;
Und regnet’s auf des Fürsten Äcker,
So kommt’s auch auf die unsern dann!
Da sind dann Halme, nicht geholt zur Ernte,
Hier sind dann Büschel, die man nicht entfernte,
Dort ließ man händevoll zurück,
Und hier sind liegen(ge)blieb’ne Ähren,
Daß sie den Witwen zu Gewinne wären.

Und der Urenkel kommt daher, –
Indeß der Frau’n und Kinder Heer
Zum Südfeld bringt die Speisen her;
Froh naht der Vogt der Ackerer; –
Er kommt geweiht, den Weltrevieren 3
Mit roten und mit schwarzen Tieren, 4
Mit seinen Hirsen nach Gebühren
Zu opfern, zu sakrifizieren*,
* = eigentlich das selbe wie opfern
Und noch mehr Glück herbeizuführen.

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1 – S. Anm. 5 zum vorigen Lied.
2 – S. Anm. 4 ebenda.
3 – Das „kommt“ bezieht sich auf das „kommt“ der ersten Zeile zurück und geht daher auf den „Urenkel“, den König, der nun den Genien der Weltgegenden opfern will.
4 – Rot waren die Opfertiere für den Süden, schwarz für den Norden.

Lied II. 6, 9
Die Fürsten begrüßen König Siuan in der Hauptstadt des Osten am Lo-Flusse. (819 v. Chr.)
Seite 356

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Die Fürsten begrüßen König Siuân in der Hauptstadt des Ostens am Lŏ-Flusse. (819 v. Chr.)

Schauet nach dem Lŏ hinaus!
Mächtig strömet seine Flut.
Unser Herr ist angelangt,
Überhäuft von Heil und Segen.
In dem Knieschurz, rot von Krapp,
Kann er sechs Armee’n erregen. 1

Schauet nach dem Lŏ hinaus!
Mächtig strömet seine Flut.
Unser Herr ist angelangt,
Edelsteingeschmückt die Scheide.
Unserm Herrn zehntausend Jahr’,
Seines Hauses Schirm und Weide!

Schauet nach dem Lŏ hinaus!
Mächtig strömet seine Flut.
Unser Herr ist angelangt,
Mit ihm Heils und Segens Pfänder.
Unserm Herrn, zehntausend Jahr’,
Der die Häuser schirmt und Länder! 2

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1 – Sechs Armeen, „schï“, sind 75 000 Mann; welche die königlichen Erblande aufzubringen vermochten.
2 – Wörtlich: „seine Häuser“, nämlich die Häuser seiner Lehnsfürsten.

Lied II. 6, 10
Des Königs Erwiderung auf das vorige Lied.
Seite 357

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Des Königs Erwiderung auf das vorige Lied.

Herrlich, herrlich sind die Blüten,
Die in Laubes Fülle prangen.
Da ich diese Herrn erblickt,
Ist das Herz mir aufgegangen.
Ist das Herz mir aufgegangen,
Sollen sie dafür auch Lob und Preis empfangen.

Herrlich, herrlich sind die Blüten,
Prächtig ist das Gelb an ihnen.
Da ich diese Herrn erblickt,
Waren sie mit Glanz erschienen.
Waren sie mit Glanz erschienen,
Soll es auch zu ihrem Besten dienen.

Herrlich, herrlich sind die Blüten,
Gelbe nun und weiße dann.
Da ich diese Herrn erblickt,
Fuhren sie mit Schimmel(ge)spann’.
Fuhren sie mit Schimmel(ge)spann’,
Glänzten die sechs Zügel dran.

Ging’s zur Linken: – ging’s zur Linken
Nach der Herrn bewährten Winken.
Ging’s zur Rechten: – ging’s zur Rechten,
Zeigend, was die Herrn vermöchten.
Zeigen sie was sie vermöchten,
Sind sie darin auch die Echten.

Zweiten Teiles siebentes Zehent.

Lied II. 7, 1
Gastlied des Königs an die Fürsten.
Seite 358

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Gastlied des Königs an die Fürsten.

Grünschnäbel fliegen aus und ein,
Und bunt ist ihrer Flügel Schein.
Die Herrn erfreuen allgemein;
Des Himmels Huld mög’ ihnen sein!

 Grünschnäbel fliegen aus und ein,
Und bunt erscheint’s an ihren Hälsen.
Die Herrn erfreuen allgemein,
Sie sind der Lande Wäll’ und Felsen.

Und diese Felsen, diese Wälle,
Der hundert Fürsten Urmodelle,
Sind sie nicht ernst, nicht fest an Stelle?
Fließt ihnen nicht des Glückes Quelle?

Beim Nashornbecher, noch so groß,
Beim besten Wein, so mild er floß,
Ist doch ihr Kreis nie würdelos.
Sei aller Segen ihr Genoss(e)!

Lied II. 7, 2
Erwiderung der Fürsten auf das vorige Lied.
Seite 359

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Erwiderung der Fürsten auf das vorige Lied.

Sind Haubenenten auf dem Flug, 1
In Garnen fängt man sie und Netzen.
Dem hohen Herrn zehntausend Jahr’,
Und Glück und Heil müss’ ihn ergötzen!

Sind Haubenenten an dem Damm,
So falten sie die linken Schwingen. 2
Dem hohen Herrn zehntausend Jahr’,
Die stetes Glück ihm müssen bringen!

Sind Roßgespanne in dem Stall,
Läßt man sie Korn und Heu verzehren.
Dem hohen Herrn zehntausend Jahr’,
Da Heil und Glück ihm dauernd währen!

Sind Roßgespanne in dem Stall,
So zehren sie vom Korn und Heu(e)
Dem hohen Herrn zehntausend Jahr’,
Darin ihn Heil und Glück erfreue!

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1 – Haubenenten (anates galericulatae) sind die auch bei uns bekannten Mandarinenten.
2 – Man sagt, sie setzten sich in entgegen gesetzter Richtung zusammen und legten dann die linken Flügel ineinander.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, daß mein Ururgroßvater Victor sicherlich nichts einzuwenden gehabt hätte, daß ich seine Texte jetzt (ca. 140 Jahre später) weitgehend unserer Schreibweise angepaßt habe.
Im Gegenteil, ich stelle mir manchmal vor, wenn ich schreibenderweise stundenlang seinen Ausführungen folge, daß er mir dann über die Schulter schaut und zufrieden lächelt, weil wenigstens einer
seiner Nachfahren sich dieser Arbeit angenommen hat. H. Fi.

Lied II. 7, 3
Beim Königsmahle für Blutsfreunde und Verschwägerte.
Seite 360

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Beim Königsmahle für Blutsverwandte und Verschwägerte.

Mit aufgesetzten Lederhauben –
Ei traun(wahrlich), wer mögen die doch sein?
Da deine Weine so vortrefflich
Und deine Speisen ungemein:
Wie wären dies denn fremde Leute?
Die Brüder sind’s; nicht Andere, nein!
Die Riemenblum’,* das Fadenmoos*
* zu beiden findet man etwas im Internet!
Umschlingen Fichten und Zypressen.
Eh’ sie den hohen Herr geseh’n,
Wollt’ ihre Herzen Leid zerfressen;
Nun sie den Hohen Herrn geseh’n,
Kam Fried’ und Freud’ an Stelle dessen.

Mit aufgesetzten Lederhauben –
Ei traun, wer sind doch solcherlei?
Da deine Weine so vortrefflich
Und deine Speisen tadelfrei,
Wie wären dies denn fremde Leute?
Nein, alle Brüder kamen bei.
Die Riemenblum’, das Fadenmoos
Umschlingen auch die höchsten Fichten.
 Eh’ sie den hohen Herr geseh’n,
Wollt’ ihre Herzen Leid vernichten;
Nun sie den hohen Herrn geseh’n,
Begann ihr Mut sich aufzurichten.

Mit aufgesetzten Lederhauben –
Ei traun,die auf dem Haupt’ im Saal?
Da deine Weine so vortrefflich,
Und deiner Speisen solche Zahl:
Wie wären dies denn fremde Leute?
Nein, Brüder, Schwäger allzumal!
Doch wenn der Schnee will niedergeh’n,
Er ballt sich erst und fällt als Schlossen.
Tod und Verlust hat keinen Tag, 1
Ihr seht nicht lang’ euch als Genossen.
Heut’ Abend freuet euch des Weins!
Auf, hohe Herrn, das Mahl genossen!

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1 – Der Tod (ssé) ist der eigne, der Verlust (säng) der Tod der Angehörigen, und beide haben keinen bestimmten Tag, ihre Zeit ist ungewiß.

Lied II. 7, 4
Auf dem Wege zur Braut.
Seite 362

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Auf dem Weg zur Braut.

Des Wagens Achsennägel knirschen mit Gesaus;
Der zarten Maid gedenkend, fahr’ ich aus.
Nicht Durst noch Hunger kommt mir ein:
Bald wird die Tugendsame mein.
Ob auch kein Freund sich zu uns fügt,
Wir schmausen doch und sind vergnügt.

Ist in der Eb’ne dichter Wald,
Wird der Fasan zu ihm sich kehren.
Wenn’s Zeit ist für die hohe Maid,
Wird mich’s die Tugendreiche lehren.
Dann schmausen wir, dann preis’ ich sie;
„Dich lieb’ ich und ermüd’ es nie!“

Hab’ ich auch nicht den besten Wein,
Wir trinken dennoch eben wohl;
Hab’ ich auch nicht das feinste Mahl,
Wir speisen dennoch eben wohl;
Hab’ ich auch Tugend nicht gleich dir,
Doch singen wir und tanzen wir.

Steigt man zu hohen Bergbereichen,
So haut man Brennholz von den Eichen;
Und haut man Brennholz von den Eichen,
O wieviel Laub ist allerwärts.
Wenn ich nur selten dich gesehen,
O wie erfreute es mein Herz!

Den hohen Berg erblickt man ja,
Den weiten Weg beschickt man ja.
Mein Hengstgespann rennt unaufhaltsam,
Die Zügel sind wie Lautenspiel.
Und seh’ ich dich mir Anverlobte,
So hat mein Herz des Wunsches Ziel.

Lied II. 7, 5 Verleumder. Seite 364

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Verleumder.

Sumsend setzen blaue Fliegen 1
Sich wohl auf den Zaun.
O du gnadenreicher Herrscher,
Wolle nicht Verleumder trau’n.

Sumsend setzen blaue Fliegen
Sich an Dornengesträuch.
Der Verleumder ist kein Ende,
Bringen Wirrsal in das Reich.

Sumsend setzen blaue Fliegen
Sich am Haselstrauch.
Der Verleumder ist kein Ende,
Brachten Zwist uns beiden auch.

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1 – Eine Fliege, die alles beschmutzen soll, worauf sie sich setzt.

Lied II. 7, 6
Weingenuß in Maß und Unmaß.
Seite 365

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Weingenuß in Maß und Unmaß.

Die Gäste, die den Matten nah’n, 1
Reih’n links und rechts sich fein daran.
Gereih’t steh’n Näpf’ und Schüsseln dort, 2
Zukost und Frücht’ an ihrem Ort;
Und da der Wein so süß und fein,
Trinkt man gar einig seinen Wein.
Glocken und Pauken steh’n zurecht,
Mit sitt’gem Zutrunk wird gezecht.
Dann wird die große Scheib’ errichtet,
Und Pfeil und Bogen zugerichtet,
Und wenn gepaart die Schützen steh’n: 3
„Nun lasset eure Schießkunst seh’n!
Und trefft das weiße Mittelmal,
Zu fordern euern Strafpokal!“

Mit Pfeif’ und Pauk’ im Flötentanz
Schallt die Musik harmonisch ganz;
Zu würd’ger Ahnen Lust und Glanz
Nimmt man die hundert Bräuch’ in Acht.
Und sind die hundert Bräuch’ erbracht,
So groß sie sind, so mancherlei, –
Dann: „legen sie dir vollstes Glück
Und Kindern, Enkeln Segen bei!“ 4
Und seid ihr ihres Segens froh,
Wie’s Jeder, wes/wie er fähig sei, 5
 So schöpft ein Gast mit eigner Hand,
Es tritt herein ein Kämm’rer auch
Und schenkt den Ruhebecher ein,
Zu enden euer’n Jahr’szeit(en)brauch.

Die Gäste, die den Matten nah’n,
Mit feinstem Anstand geh’n sie dran.
So lange sie nicht trunken worden,
Bleibt Sitt’ und Haltung wohlgetan;
Sobald sie aber trunken worden,
Schwankt Sitt’ und Haltung aus der Bahn,
Sie steh’n vom Platz auf, ändern dran,
Sie springen tanzend auf den Plan.
Solange sie nicht trunken worden,
Sind Sitt’ und Haltung ausgesucht;
Sobald sie aber trunken worden,
Geh’n Sitt’ und Haltung auf die Flucht;
Denn eben weil sie trunken worden,
Weiß keiner mehr von rechter Zucht.

Sobald die Gäste trunken worden,
So schrei’n und lärmen sie umher,
Verwirren uns die Näpf’ und Schüsseln,
Und tanzen taumelnd hin und her;
Denn eben weil sie trunken worden,
Merkt Keiner seinen Unfug mehr.
Die Hüte schief auf ihren Köpfen,
So tanzen sie bis zum Erschöpfen.
Ist man berauscht und geht davon,
Ist’s allgemein für Glück zu schätzen;
Ist man berauscht, geht aber nicht,
Das heißt die Schicklichkeit verletzen.
Weintrinken ist gar schön und gut,
Doch nur, wenn man’s fein sittig tut.

Bei jedem dieser Weingelage
Wird mancher trunken, mancher nicht.
Drum wird ein Trinkwart eingesetzet,
Und ein Gehilf’ ihm zum Bericht.
Und wenn die Trunkenen nicht guttun,
Daß Nichtberauschte Scham anficht,
So mahnen sie die Unfolgsamen,
Daß Rohheit nicht die Schranke bricht,
Daß Unsagbares nicht gesagt wird,
Nicht Unbefolgbar’s vorgebracht;
Da Worte Trunkener befolgen,
Hornlose Widder ausgeh’n macht. 6
Wem schon denSinn drei Becher rauben,
Wie darf sich der noch mehr erlauben?

Na, das ist doch mal eine gute Frage!

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1 – Vor Alters wurden die Gastmahle auf Matten angerichtet, die am Boden ausgebreitet waren.
2 – „Bambusnäpfe und Holzschüsseln“.
3 – Von den Bogenschützen traten je zwei zum Wettkampf an, und der „Strafpokal“ mußte auf Verlangen des Siegers von dem Besiegten geleert werden.
4 – Worte des Beters oder des Totenknaben.
5 – Fähig, bei und nach dem Weingenuß noch aller Schicklichkeit zu genügen.
6 – D. h. Unnatürliches, sich selbst Widersprechendes zu Tage bringen.

Lied II 7, 7
Lied der Fürsten beim Festmahle des Königs in Had.
Seite 368

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Lied der Fürsten beim Festmal des Königs in Haò.

Der Fisch ist, ist im Laichkraut, schau!
Wie zeigt sein Kopf sich ungemein.
Der König ist, er ist in Haò,
Trinkt  froh und glücklich seinen Wein.

Der Fisch ist, ist im Laichkraut, schau!
Weithin erscheint sein Schwanz darunter.
Der König ist, er ist in Haò,
Trinkt seinen Wein beglückt und munter.

Der Fisch ist, ist im Laichkraut, schau!
Verläßt auf seine Binsen sich.
Der König ist, er ist in Haò,
Und wohnt in Frieden ruhiglich

Lied II. 7, 8
Des Königs Erwiderung auf das vorige Lied.
Seite 369

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Des Königs Erwiderung auf das vorige Lied.

Wer Bohnen pflückt und Bohnen pflückt,*
* also sehr viele Bohnen
Wird sie in Körb’ und Kober* senken.
* ist auch ein Korb
Die Fürsten kommen her zu Hof;
Und womit kann ich sie beschenken?
Hab’ ich gleich nichts, sie zu beschenken,
Als Galawagen, Roßgespann –
Was könnt’ ich sonst noch ihnen schenken?
Staatskleider, Ehrenschürze dann. 1

Wohin die Springquell’ perlend spritzt,
Sind Kressensammler auf den Bahnen.
Die Fürsten kommen her zu Hof,
Schon seh’ ich ihre Drachenfahnen.
Die Drachenfahnen flattern schier,
Das Schellenklingeln schallt zu mir –
Ein Nebenroß! – jetzt alle Vier! –
Die Fürsten sind es, sie sind hier.

Der Scharlachschurz bedeckt ihr Bein,
Darunter steh’n Halbstiefel fein!
Nichts mangelt ihrem äußern Schein,
Was lieb dem Himmelssohn kann sein.
Willkommen sind die hohen Fürsten,
Der Himmelssohn wird gnädig sein;
Willkommen sind die hohen Fürsten,
Ihr Wohl und Glücksstand soll gedeih’n.

Des Eichenbaumes Äst’ und Zweige,
Wie reich das Laub daran geriet!
Willkommen sind die hohen Fürsten,
Die Wächter in des Himmelssohns Gebiet.
Willkommen sind die hohen Fürsten,
Die tausendfältig Glück umzieht,
Samt ihren viel bewährten Dienern,
Die man als ihr Gefolge sieht.

Der Weidenkahn wogt auf und nieder,
Gehalten von des Taues Band.
Willkommen sind die hohen Fürsten,
Vom Himmelssohn gar wohl erkannt.
Willkommen sind die hohen Fürsten,
Es steigt’ ihr Glücks- und Segensstand.
O wie erfreulich und wie glücklich,
Daß sie auch hierher sich gewandt!

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1 – Die chinesischen Ausdrücke bezeichnen „dunkelblaue, mit Drachen bestickte Gewänder und mit Äxten bestickte Knieschürze“.

Lied II. 7, 9
Des Königs unverwandtschaftliches Benehmen, ein verderbliches Beispiel.
Seite 371

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Des Königs unverwandtschaftliches Benehmen, ein verderbliches Beispiel.

Zierlich ist von Horn der Bogen,
Fluggeschwind sein Rückwärtsschnellen.
Seinen Brüdern und Verwandten
Soll man nicht sich fremde stellen.

Wirst du so dich fremde stellen;
Tut’s das Volk in gleichen Fällen.
Was zu lehren dir gefallen;
Das wird nachgeahmt von Allen:

Wenn die wohlgesinnten Brüder
Reichlich Lieb’ einander schenken,
Kommen schlecht gesinnte Brüder
Nur zusammen, sich zu kränken.

Volk von gütelosem Hang
Bleibt in eigensinn’gem Zank.
Unbeugsamer Trotz auf Rang
Endiget zuletzt mit Untergang.

Kommt dem Altgaul füllenhaft Gelüst’:
Sieht er nicht, was folgend ist,
Wenn er, reichlich satt, noch frißt,
Trinkend sich zuviel vermißt.

Lehre nicht den Affen Bäum’ ersteigen,
Das heißt Schmutz dem Schmutze zeigen.
Ist dem Hohen edler Wandel eigen,
Wird der Nied’re dahin neigen.

Fällt der Schnee auch noch so hoch,
Sonnenwärme schmelzt ihn doch.
Wer nicht Lust hat abzuschrecken,
Macht nur übermüth’ger noch.

Fällt auch Schnee so viel er kann,
Sonnenwärme tut’s ihm an.
Doch sie gleichen Mâo und Mân; 1
Das kommt mir so schmerzlich an.

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1 – Wilde Barbarenhorden an den Grenzen des Reichs.

Lied II. 7, 10
Dem König ist nie zu genügen.
Seite 373

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Dem König ist nie zu genügen.

Gibt’s eine blätter-reiche Weide,
Wer ruhte nicht gern unter ihr?
Der Höchste Herr ist sehr erregbar, – 1
Von selbst ihm nah’n erspare dir.
Sollt’ ich ihn je zufrieden stellen,
Dann käm’s auf’s aüßerste mit mir.

Gibt’s eine blätter-reiche Weide,
Wer ruhte da nicht gern daran?
Der Höchste Herr ist sehr erregbar, –
Zieh’ dir nicht Elend selbst heran.
Sollt’ ich ihn je zufrieden stellen,
Dann müßt’ ich mehr tun, als ich kann.

Vermag ein Vogel hoch zu fliegen,
Der strebt wohl auch zum Himmelssaal.
Ein solches Herz, wie dieses Mannes,
Worauf gerät es noch einmal?
Wie sollt’ ich ihn zufrieden stellen?
Vergeblich wären Not und Qual.

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1- Der König ist ironisch mit dem Namen der Gottheit (Schäng ti) bezeichnet, teils um seine Überhebung, teils um seine Unberechenbarkeit anzudeuten.

Zweiten Teiles achtes Zehent.

Lied II. 8, 1
Die besseren Zeiten vor Verlegung der Residenz.
Seite 374

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Die besseren Zeiten vor Verlegung der Residenz.

Ach jener Königsstadt Beamte,
Mit gelbem Fuchspelz angetan,
Mit ihrer wandellosen Haltung,
Mit Worten fein und lobesam! –
O ging’ es doch zurück nach Tschēu,
Wohin die Völker alle sah’n!

Ach jener Königsstadt Beamte,
Mit schwarzer Haub’ und Hut von Bast;
Und jene hochgebor’nen Frauen
Mit vollem Haar, so schlicht gefaßt! –
O daß ich sie nicht mehr erblicke!
Unlust ist meines Herzens Gast.

Ach jener Königsstadt Beamte,
Mit Ohrbehang von Edelstein;
Und jene hochgebor’nen Frauen
Die Jin und Kĭ nur konnten sein! – 1
O daß ich sie nicht mehr erblicke –
Wie schnüret es das Herz mir ein!

Ach jener Königsstadt Beamte,
Mit Hängegürtel lang und schön;
Und jener hochgebor’ner Frauen
Skorpionengleiches Lockendreh’n! –
O daß ich sie nicht mehr erblicke!
Wie wollt’ ich weit nach ihnen geh’n!

Sie brauchten jene nicht zu längen,
Die Gürtel reichten weit hinaus.
Sie brauchten diese nicht zu kräuseln,
Die Haare waren selbst schon kraus.
O daß ich sie nicht mehr erblicke!
Wie sehnlich schau’ ich danach aus!

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1 – Die Ji und die Kĭ waren sehr angesehene Familien.

Lied II. 8, 2
Des Gemahls Entfernung.
Seite 376

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Des Gemahls Entfernung.

Kraut sucht’ ich morgenlang mir ein, 1
Doch keine Handvoll sollt’ es sein.
Zerrworren ward das Haupthaar mein,
Da kehrt’ ich heim und wusch es rein.

Ich sucht’ Anil den Morgen schier, 2
Doch nicht die Schürze füllt er mir.
Der fünfte Tag, das war die Frist:
Am sechsten ist er noch nicht hier.

So oft mein Herr zum Jagen ging,
Hab’ ich ihm eingepackt den Bogen;
So oft mein Herr zum Angeln ging,
Hab’ ich die Schnur ihm aufgezogen.

Wenn er geangelt, was dann war’s?
Es waren Karpfen, waren Brassen;
Und waren’s Karpfen, waren’s Brassen,
So durften sie sich sehen lassen. 3

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1 – Für „Kraut“ steht im Chinesischen Lŭ, eine Pflanze, die sich schwer bestimmen läßt.
2 – Lân ist die Indigopflanze oder Anil.
3 – Die Erklärung des Schlußverses ist noch nicht gelungen. Die Übersetzung dürfte an das Richtige wenigstens anstreifen.

Lied II. 8, 3
Die wohl-gelungene Heerfahrt des Fürsten von Schao zur Ordnung und Befestigung.
Seite 377

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Die wohl gelungene Heerfahrt des Fürsten von Scháo zur Ordnung und Befestigung von Siè. 1

Hoch sproßt’ empor die junge Hirse,
Fruchtbaren Regen spürte sie.
Weit, weit ging uns’re Fahrt gen Süden,
Der Fürst von Scháo der führte sie.

Wir schleppten fort, wir karrten hin,
Wir fuhren, trieben an die Stier’.
War unsre Fahrt nur erst vollbracht,
Gewiß, nach Hause kehrten wir.

Wir sind marschiert, wir sind gefahren
Mit unserm Heer, mit unsern Scharen.
War unsre Fahrt nur erst vollbracht,
Der Heimkehr wir ja sicher waren.

Gewaltig war der Bau von Siè,
Der Fürst von Scháo bereitet ihn.
Und glänzend war des Heeres Marsch,
Der Fürst von Scháo der leitet’ ihn.

Geordnet wurden Höh’n und Land,
Gereinigt Fluß und Quellenrand.
Es bracht’s der Fürst von Scháo zu Stand,
Daß Ruh’ das Herz des Königs fand.

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1 – Im Jahre 826 v. Chr. hatte König Siuân die wilden Horden im Westen, welche das Reich beunruhigt und überzogen hatten, besiegt und zurück geworfen. Um ihren ferneren Einfällen zuvor zu kommen, ließ er 823 durch den Fürsten von Scháo die Stadt Siè gegen sie erbauen und befestigen, worauf er die dortigen Landschaften zum Fürstentum Schïn erhob, mit welchem er ihn als Schïn-Fürsten belehnte.

Lied II. 8, 4 Zuneigung. Seite 378

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Zuneigung.

Im Tal sind Maulbeer’n schön und reich,
Ihr Blätterwerk ist voll und weich.
Wenn ich den hohen Herrn erblicke,
Was kommt dann dieser Freude gleich?

Im Tal sind Maulbeer’n schön und reich,
Ihr Blätterwerk erglänzt von Saft.
Wenn ich den hohen Herrn erblicke,
Wie wär’ ich da nicht freudehaft?*
* voller Freude

Im Tal sind Maulbeer’n schön und reich,
Ihr Blätterwerk hat dunklen Glanz.
Wenn ich den hohen Herrn erblicke,
Umfängt sein Tugendruhm mich ganz.

Von Herzen muß ich Liebe tragen,
Und warum sollt’ ich das nicht sagen?
Im Herzen schließ’ ich tief ihn ein;
Und welches Tags vergäß’ ich sein?

Lied II. 8, 5
Klage der verstoßenen Königin.
Seite 379

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Klage der verstoßenen Königin. 1

Weiß umblühte Binsenreiser
Schnüren weiße Halme ein.
Ach, von Ihm hinweg gesendet,
Bin ich einsam und allein.

Die beglänzte weiße Wolke
Tauet Halm’ und Binsen an.
Hart und schwer des Himmels Wege.
Ach, daß Er sich nicht besann!

Nordwärts fließen Rieselgräben,
Wässern Reißgefilde* an.
* sie vereinigen sich mit größeren Gewässern
Seufzend sing’ ich, Weh im Busen,
Denk’ an den erhab’nen Mann.

Maulbeerholz, geholt zum Brande,
Zünd’ ich an im Öfelein.
Dieser Mann, so hoch von Stande,
Ja, er gibt mein Herz der Pein.

Pauk’ und Glocke vom Palaste
Hör’ ich schallen bis hierher.
Sein gedenk’ ich unter Schmerzen,
Und er achtet mein nicht mehr.

Ist der Reiher an dem Deiche,
Ist der Kranich in dem Hain.
Dieser Mann, so hoch von Stande,
Ja, er gibt mein Herz der Pein.

Haubenenten sind am Deiche,
Falten links die Flügel ein.
Ohne Güte läßt er gleiche
Tugend dies wie jenes sein. 2

Jener Stein ist zu verächtlich, 3
Ihn betreten bringt nur Schmach.
Doch daß Er mich weg gesendet,
Läßt mir bitt’re Schmerzen nach.

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1 – Es ist dies die Gemahlin des Königs Jëu, die er um der Päo-ssè willen verstoßen.
2 – Wegen der Haubenenten S. II. 7, 2 Anm. Die beiden letzten Verse dieser Strophe, in denen auch das Enjambement ( = ein Übergreifen des Satzes in den nächsten Vers; in dem Fall auf das Zurückgreifen auf das vorher gehende Lied Nr. 7, 2. H. Fi.) ) verziehen werden möge, heißen wörtlich: „Dieser Mann hat keine Güte; zweifach, dreifach ist seine Tugend“. Vgl. I. 5, 4 Vers 4.
3 – Bezieht sich auf die Päo-ssè.

Lied II. 8, 6 Der Marode. Seite 381

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Der Marode.

Gelbvögelein mit süßem Gesang
Sitzt an des Hügels Bug im Grün.
O dieser Weg, wie ist er lang!
Und was vergleicht sich meinen Müh’n?
O speiset mich und tränket mich!
Belehret mich und lenket mich!
Gebietet, daß ein Folgewagen
Mit einem Sitz bedenket mich!

 Gelbvögelein mit süßem Gesang
Sitzt auf des Hügels Kante dort.
Wie wagt’ ich es, den Marsch zu scheu’n?
Doch fürcht’ ich, ich kann nicht mit fort.
O speiset mich und tränket mich!
Belehret mich und lenket mich!
Gebietet, daß ein Folgewagen
Mit einem Sitz bedenket mich!

Gelbvögelein mit süßem Gesang
Sitzt an der Seite von dem Bühl.
Wie wagt’ ich es, den Marsch zu scheu’n?
Doch fürcht’ ich, ich kann nicht an’s Ziel.
O speiset mich und tränket mich!
Belehret mich und lenket mich!
Gebietet, daß ein Folgewagen
Mit einem Sitz bedenket mich!

Lied II. 8, 7
Anstand beim einfachen Mahle.
Seite 382

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Anstand beim einfachen Mahle.

Des Flaschenkürbis’ Blattbehang,
Man pflücket ihn, man bäcket ihn.
Der hohe Herr hat seinen Wein,
Den schöpfet er und schmecket ihn.

Und mag da nur ein Häschen sein;
Man briet ihn oder siedet’ ihn.
Der hohe Herr hat seinen Wein,
Den schöpfet er und bietet ihn.

Und mag da nur ein Häschen sein;
Man briet ihn und zergliedert’ ihn. 1
Der hohe Herr hat seinen Wein,
Den schöpft man und erwidert ihm.

Und mag da nur ein Häschen sein;
Man kocht ihn, und er winket zu. 1
Der hohe Herr hat seinen Wein,
Den schöpfet man und trinket zu.

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1 – Im Original ist hier immer nur vom Kochen, Braten oder Schmoren des Hasen die Rede. Es kam diesmal mehr auf den Ton des Ganzen und auf den Fortschritt in den Schlußversen der Strophen, als auf strenge Wörtlichkeit an.

Lied II. 8, 8 Mühevoller Marsch. Seite 383

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Mühevoller Marsch.

O diese schroffen, jähen Felsen
Mit ihrer Hochansteigbarkeit!
Die weit entleg’nen Berg und Ströme
Mit ihrer Vielbeschwerlichkeit!
Ach, ein Soldat im Marsch gen Osten
Hat keinen Morgen Ruhezeit.

O diese schroffen, jähen Felsen
Mit ihren gipfeligen Höh’n!
Die weit entleg’nen Berg und Ströme,
Wann werden wir ihr Ende seh’n?
 Ach, ein Soldat im Marsch gen Osten
Hat nicht die Freiheit abzugeh’n.

Der Schweine Füße wären weiß,
Durchschritten sie die Wellen all’.
Nun trat der Mond zum Siebenstern
Und bringt der Nässen Überschwall.
Ach, ein Soldat im Marsch gen Osten,
Er hat nichts andres überall.

Lied II. 8, 9 Schlimme Zeiten. Seite 384

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Schlimme Zeiten.

Trompetenblumen blüh’n
O welch’ ein glänzend Gelb sie schmückt!
Mein Herz ist voller Kümmernis,
Und o, wie es der Schmerz bedrückt!

 Trompetenblumen blüh’n
Wie grün ist ihrer Blätter Schein!
Zu wissen, daß mir’s also ging, –
O besser, nicht geboren sein!

Den Schafen dick die Köpfe steh’n,
Die Stern’ in leere Reusen seh’n. 1
Die Menschen können wohl noch essen,
Doch wenige sich sättigen.

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1.) Schafe scheinen dickköpfig, wenn sie abgemagert sind.
Die zweite Zeile, dritter Vers, heißt wörtlich: “Das Dreigestirn ist in den Reusen”, nämlich weiter nichts – keine Fische.
Text weicht ab vom Original, weil Victor an dieser Stelle “Vers” schrieb, was bestimmt nur ein Versehen war. H. Fi.

Lied II. 8, 10
Beschwerliche Feldzüge.
Seite 385

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Beschwerliche Feldzüge.

Welch’ Kraut ist hier nicht gelb gebrannt?
Und welchen Tag wird nicht gerannt?
Und welcher Mann ist nicht entsandt
Zu Dienst und Müh’n in allem Land?

Welch’ Kraut ist hier, das nicht geschwärzt?
Und welcher Mann, den nicht was schmerzt?
O weh’ uns ausgesandten Leuten,
Sind wir vom Volk nur ausgemerzt?

Nicht Nashorn und nicht Tigertier,
Durchzieh’n wir wüste Steppen hier.
O weh’ uns ausgesandten Leuten,
Von früh bis spät nicht rasten wir.

Die lang-geschwänzten Füchse mögen
Durch diese schwarzen Gräser flieh’n;
Doch sollten Feldbagegewägen*
*Gepäckwagen
Die großen Königsstraßen zieh’n. *

*dann müßten sie ihre Lasten nämlich nicht selber schleppen

Fertigstellung dieser Seite am 14. und 27. August 2019 von Hildegard Fischer.
Außerdem am 7. 10. 2019 und am 15.10. 2019.