Einleitung 1 – Allgemeines, Religion und Kultus, Sitten und Lebensweise

Allgemeines.

Aus einer uralten Kulturwelt unmittelbare Stimmen damals lebender Menschen zu vernehmen, die uns deren Umgebung und Verhältnisse, Gedanken und Gefühle, Leiden und Freuden in dichterisch erhöhter Stimmung vergegenwärtigen, wird für gebildete Personen immer von großem Interesse sein, um so mehr, wenn diese Äußerungen auch als Gedichte wertvoll und eigentümlich sind.
      Beides ist der Fall mit den Liedern des Schī-kīng/Shijing, des kanonischen Liederbuches der Chinesen.
      Die Sammlung, wie sie vorliegt, ist durch Khùng-tsè oder Kh`hng-fū-tsè, den man als Konfuzius latinisiert hat, um 483 v. Chr. abgeschlossen worden.
      Von den darin aufbewahrten Gedichten stammen dreihundert und vier (304) aus dem Zeitraum vom zwölften bis siebten Jahrhundert v. Chr., fünf aus noch höherem Altertum; sechs sind verloren gegangen.
      Ähnliche Sammlungen, ungefähren Alters und Ansehens, besitzen wir nur noch in den Psalmen der Ebräer und dem Rigvêda der Inder. Sind aber diese beiden, wenn auch auf sehr ungleichen Stufen, von hohem religiösem Geist erfüllt, so tritt derselbe in den chinesischen Liedern beträchtlich zurück. Sie sind zumeist weltlicher Art.Dafür sind sie auch frei von allem eigentlich mythologischen Wesen, bewegen sich, einiges Sagenhafte abgerechnet, auf dem festen Boden der Wirklichkeit und stehen unserem Verständnis, unserer Gefühlsweise oft näher,

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als man bei dem großen Abstand der Zeit und der Volksart voraussetzen sollte. Man sieht auch hier, wie das rein menschliche unter allen Zonen und zu allen Zeiten sich gleich bleibt.
      Indes kann kein Dichter, wer er auch sei, sich dem entziehen, was als Glaube, Gebrauch, Sitte, Lebensordnung und Überlieferung seine Mitlebenden bedingt. Ja, er muß, um zu fassen und gefaßt zu werden, alles dies voraussetzen als ein ihm und seinen Hörern gemeinsames Element, auf das er nur hinzudeuten, nur anzuspielen braucht, um sofort des vollen Verständnisses gewiß zu sein. Eben darin muß er aber dem Leser einer ganzen anderen Nation nach Jahrtausenden unverständlich sein.
      Nun ist zwar nicht versäumt worden, das Besondere und Besonderste dieser Art in den Anmerkungen zu den übersetzten Liedern zu erläutern; das Allgemeine jedoch, aus dem das Besondere erst gleichsam zusammen-gerinnt, konnte dort keinen Platz finden. Eine einleitende Darstellung desselben, dem sich dann anzuschließen hat, was über das Schī-kīng selbst zu sagen ist, erscheint daher unerläßlich. Dabei kann es nur Absicht sein, unter Vermeidung alles gelehrten Beiwerks, den Leser mit jener altchinesischen Welt insoweit bekannt zu machen, daß sie ihn nicht befremdet, ihm nicht unerklärlich ist, wo sie sich nach ihrer Eigentümlichkeit in den Liedern abspiegelt.
      Denn auch wer das gegenwärtige chinesische Wesen und Leben kennt, kennt noch nicht das alte. Es ist zwar herkömmliche Meinung, daß in China von jeher alles unverändert fortbestanden habe, ja, das Festhalten der Sitten und Einrichtungen des Altertums ist sogar chinesisches Dogma; dennoch hat sich auch dort fast alles umgestaltet. Die völlige Änderung der Reichsverfassung mit ihrem zugeschärften Zentralismus und Bürokratismus und den jedes dritte Jahr stattfindenden Beamtenversetzungen, die Überwucherung der alten Glaubensformen durch den Buddhismus, religiöse Abstumpfung und Gleichgültigkeit bei den Gebildeten, allerlei absurder Aberglaube beim Volk,

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die weit verbreitete Sittenverderbnis, überdies die häusliche Einschließung der Frauen und deren künstliche Fußverkrüppelung, die Zöpfe und das Opiumrauchen der Männer, – alles dies und noch vieles Anderes ist jüngeren Datums und zum Teil vom Ausland her eingeführt.
      So einfache und anfängliche Zustände jedoch, wie die Vêda der Inder uns zeigen, befinden sich weder in dem Zeitraum, in welchem unsere Lieder entstanden sind, noch in dem ganzen chinesischen Altertum, über das wir zuverlässige Quellen haben. Denn was spätere Zeiten von den Ursprüngen chinesischer Zivilisation erzählen, ist ohne geschichtlichen Wert.
      Im 22. Jahrhundert v. Chr., wo die urkundliche Geschichte beginnt, sehen wir bereits wohlgeordnete öffentliche, wirtschaftliche und häusliche Zustände, die nur Ergebnis einer langen Vorentwicklung sein können.      
Die Chinesen konnten sich dem Ausbau ihrer weltlichen Verhältnisse um so früher, um so aufmerksamer widmen, als ihnen jene kaum bewußte, aber vom Irdischen abziehende Geistesentwicklung fremd blieb, durch welche die übrigen alten Kulturvölker zu ihren Mythologien gelangten. Allein wie das religiöse Bewußtsein der Menschen auch beschaffen sei, immer bleibt es das Grund-bedingende ihrer Lebensgestaltung. Nach ihm messen und beurteilen sie selbst die letztere, wenigstens in Zeiten ernster Einkehr und gesteigerte Selbstbestimmung, und diese werden dadurch bestimmend für das Leben. So dürfte denn auch hier mit diesem Gegenstand zu beginnen sein.
      Zuvor aber müssen wir den selben bestimmter abgrenzen.
      Gegenwärtig nämlich bestehen in China, außer dem später eingedrungenen Islam, drei Religionen: die der Sjû 1 oder der Gelehrten, sodann die Taò-Lehre, endlich der Buddhismus; und der Höfliche sagt dort zu dem Andersgläubigen, der Aufgeklärte, der nicht mehr glaubt, zu jedem, der es hören
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1 Mit Sj wird hier der weiche Zischlaut des französischen  j  bezeichnet.

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will: „Sān kiáo jĭ kiào“, d. h. die drei Religionen sind Eine Religion.  –  Der Buddhismus aber ist erst um 65 n. Chr. zur Ausbreitung gekommen, und die Taò-Lehre, obgleich in ihrem Kern wahrscheinlich uralt, ist eine so tiefsinnige theosophische Spekulation, daß ihre Bekenner wohl nie zahlreich gewesen sind. Da nun auch keins ihrer Lieder in das Schī-kīng aufgenommen ist, so können wir diese Lehre gleichfalls übergehen und uns auf den Glauben beschränken, den das Liederbuch allein kennt und der im Altertum allgemein verbreitet war, weshalb er damals auch noch nicht als Glaube der Gelehrten, als Sjû kiáo, bezeichnet wurde. Das Wort Sjû, sowie das Schriftzeichen dafür, kommt in den klassischen Büchern vor Khùng-tsè nicht vor.

Religion und Kultus.

Die Religion des chinesischen Altertums kennt keine Mythologie, aber auch keine Offenbarung und weiß dennoch nur von Einem Gott. Auch darin, wie in manchem anderen, scheint das „schwarze Volk“ („schwarz“ bezieht sich auf die Haar und nicht Hautfarbe) Erbe der ältesten Menschheit zu sein. Ihm ist Gott auch nicht Nationalgott, und es kennt ihn so sehr nur als den Alleinigen und Einzigen, daß es nicht einmal einen Gattungsnamen für ihn hat. Es nennt in Ti, den HErrn oder Herrscher, Schàng Ti, den Höchsten HErrn, oder Thiân, den Himmel, mit dem Bewußtsein, daß jeder dieser Namen dasselbe Eine höchste Wesen bezeichnet. – Hat man neuerdings die Bezeichnung „Schàng Ti“ oder „Ti“ durch „Gott“ übertragen, so ist das nicht falsch, aber doch insofern ungenau, als es den bedeutsamen Eigennamen durch einen Gattungsnamen ersetzt. –

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Der Höchste HErr nun oder der Himmel, ist all-herrschend und niemand kann ihm widerstehen. Er ist bewußter Geist, der Alles sieht, hört und auf das licht-vollste erkennt. Er will und wirkt, doch ohne Laut und ohne Geruch, d. h. unkörperlich. So ist er all gegenwärtig, denn er geht mit dem Menschen aus und ein und ist über und unter ihm. Er gibt dem Menschen das Leben und den Völkern das Dasein. Alle Tugend und Weisheit stammt von ihm. Keinen bevorzugt er, hasset auch keinen, aber er liebt, die ihn fürchten, belohnt und segnet die Guten. Der Frevel von Bösen erzürnt ihn und er bestraft sie. So kommt von ihm aller Segen, von ihm alles Unglück. Er sieht den Weltuntergang voraus, setzt dem zufolge die Bestimmung der Menschen und beschließt über sie, je nachdem die seinem Willen gehorchen. Darum regieren auch die Könige aus seinem Auftrag und nach ihrem Verhalten zu seinem Willen macht er sie groß oder stürzt sie. Die Erkenntnis seines Willens wird durch die von ihm bestimmte Naturordnung, vornehmlich auch durch das allgemeine Volksbewußtsein vermittelt; ja, nach einem unserer Lieder (III. 1, 7) hat der Höchste HErr sogar drei Mal zu dem König Wên unmittelbar geredet; eine Angabe, welche freilich die späteren chinesischen Ausleger in die größte Verlegenheit setzte.
               Diese Aussagen des altchinesischen Gottesbewußtsein gehören aber sämtlich einer Zeit an, da noch nicht philosophiert und spekuliert wurde. Sie geben daher auf viele Fragen, die damit erst auftauchten, keine Antwort. Überdies mangelt es an einem religiösen Grundbuch, so wie an einer Priesterschaft, die eine Theologie hätte entwickeln können. Alles beruhte auf unvordenklicher Überlieferung, welche sich mannigfachen Kulturhandlungen anheftete.
               Einen Monotheismus im höchsten Sinne kann man diesen Theismus allerdings nicht nennen, dennoch war in ihm das höchste Wesen zu sehr nach seiner in sich beschlossenen Einheit und Einzigkeit aufgefaßt, um sich im Bewußtsein der Menschen

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mythologisch, mithin polytheistisch zersetzen zu können. Eben deshalb aber war es in seiner scharfen Unterschiedenheit von der Welt auch so unerreichbar und ohne Selbstmitteilung, weil ohne Offenbarung,  –  denn die erwähnten Reden desselben an König Wên stehen ganz einsam und fremdartig in der altchinesischen Literatur  –  daß zwischen ihm und der Menschenwelt für das religiöse Gefühl eine Kluft blieb, die durch ein Vermittelndes ausgefüllt sein wollte. Diesem Bedürfnis kam der Glaube an die Fortdauer abgeschiedener Menschenseelen und an eine Menge von Naturgeister entgegen. Beide wurden als Vertreter der Menschen bei dem Höchsten HErrn und als Ausrichter seiner Befehle gedacht. Ihre Gunst zu erlangen und zu bewahren war daher von größtem Interesse, weshalb dieser Ahnen- und Geniendienst im Glauben und Kultus der alten Chinesen einen eben so großen Raum einnahm, wie bei dem katholischen Volk mancher Gegenden der Heiligen- und Engeldienst, der zwar auch den Gottesdienst nicht verdrängt, aber breit, vielgestaltig und mit mancher Superstition behaftet in den Vordergrund tritt.
               Unangezweifelt bestand der Glaube an die persönliche Fortdauer der menschlichen Geister nach dem tode. Von ihnen heißt es: sie sind aufgestiegen, sind droben, sind im Himmel,  –  wobei dann der Himmel, wie auch sonst oft, nur die überirdischen Räume und nicht etwa den Höchsten HErrn bezeichnet. Aber sie sind mit diesem in unmittelbarer enger Verbindung, und von dem König Wên, dem viel gepriesenen, heißt es, er leuchte im Himmel und sei des Höchsten HErrn linke und rechte Hand. Die Ahnen nehmen Teil an dem Ergehen ihrer Nachkommen und sogen für sie, solange dieselben sich ihrer Gunst würdig erweisen. Man kann nie wissen, ob sie nicht anwesend sind, aber zu den fehllos und rechtzeitig dar gebrachten Opfern steigen sie allemal hernieder, freuen sich ihrer und vergelten si mit Glück und langem Leben. Die Geister der ältesten Kaiser nehmen einen besonderen Rang ein. Manche Heroengeister sind

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ganzen Lebensgebiete vorgesetzt; so der „Vater des Feldbaues“, des Krieges, der Pferdezucht. Insbesondere sind es die Ahnen des eigenen Hauses, vornehmlich, die sechs nächsten und der allerälteste, denen in jeder Familie, vom Kaiser bis herunter zum Geringsten, gehuldigt wird. Sie bleiben in so nahem Verhältnis mit den Lebenden, daß diese ihnen jeden Entschluß, jedes Ereignis von Wichtigkeit ausdrücklich anzuzeigen für Pflicht erachten. Es wird ihnen sogar der höhere Rangtitel beigelegt, den die Nachkommen erlangen.
               Ein Näheres über den jenseitigen Zustand der Abgeschiedenen erfahren wir nicht, wie denn auch von einer Nichtseligkeit oder Bestrafung der Bösen im Jenseits nirgends geredet wird. Belohnung und Bestrafung des sittlichen Verhaltens wurden so sehr nur in das Diesseits verlegt, daß man wohl die Strafe der Bösen bei ihrem Tode schon für abgebüßt ansah. Vielleicht verhielt man sich auch solchen Fragen gegenüber aus Pietät naiv ablehnend.
               Der klare und bewußte Theismus der alten Chinesen bewahrte sie vor der Vergötterung der Kräfte und Erscheinungen der sinnlichen Welt, und dies dürfte ein starker Beweis für die Alterspriorität jenes Gottesbewußtseins sein. Eben so fern war ihnen aber auch eine tote materialistische Anschauung der Naturwelt. Sie dachten sich vielmehr diese und ihre Gebilde überall durch-wirkt und belebt von seelenhaften Geistern, Genien oder Dämonen, deren Erscheinung die Naturgestalten selbst einen, in und mit denen die auch geehrt und angerufen wurden. So werden als Geister des natürlichen Himmels Sonne, Mond, Planeten und einzelne Sternbilder verehrt, als irdische Geister vor allem die Erde selbst, die vier Weltgegenden, dann Berge und Höhen, Wälder und Täler, Meere, Flüsse und Quellen; auch gibt es einen Schutzgeist der Wege und Reisen, einen Genius der Dürre u.s.w. Diese Naturgeister folgen den allgemeinen Gesetzten und besonderen Geboten des Höchsten HErrn, sie haben Verstand, nehmen Anteil an den menschlichen Dingen

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und wirken auf dieselben ein, und darum wird mit Opfern und Anrufungen auch ihre Gunst gesucht, werden große Unternehmungen auch ihnen angezeigt. Immer aber werden sie, wie mächtig auch, doch endlich und beschränkt gedacht und durchaus unterworfen dem unendlichen und unbeschränkten Höchsten HErrn.
               Denn wenn sie heraus treten aus ihrem wohltätigen regelmäßigen Gang, wenn Erdbeben und Bergstürze, verheerende Stürme, Dürre oder Überschwemmungen, Hungersnot und Sterben, Sonnen- und Mondfinsternisse die Menschen schädigen oder schrecken, so sind das mahnende Zeichen, daß der Himmel unzufrieden ist mit dem Verhalten der Menschen und ihnen zürnt. Bei solchen Mahnungen sollen sie daher, insbesondere die Regierenden, sich selbst prüfen, ihre Sünden erkennen, Buße tun und dadurch, sowie mit Opfern und Gebeten, den Höchsten HErrn zu versöhnen trachten.
               Aber auch dem Besten kann Mißerfolg und Unglück begegnen, wenn er aus menschlicher Kurzsichtigkeit unrichtig handelt oder auch das Rechte zur unrichtigen Zeit tut. Wer möchte daher nicht im Voraus wissen, ob er bei einem Vorhaben die richtige Wahl, bei dessen Ausführung die richtige Zeit treffen werde? Darum finden wir von Alters her bis heute überall Orakel verschiedenster Art, die über das Künftige Aufschluß geben sollen, damit man sein Tun demselben gemäß mache.
               Bei den alten Chinesen galt es nicht bloß als Klugheit, sondern auch als Pflicht, bei jedem wichtigeren Vorhaben die Weissagung zu befragen, zuerst ob si es überhaupt und in welcher Weise billige, sodann welches die Glückstage sind, die das Gelingen sicherten. Man entnahm den Schicksalsspruch aus den Rissen einer gerösteten Schildkrötenschale, sowie aus den Blättern des Schikrautes, unserer gemeinen Schafgarbe. An Höfen war dafür ein kundiger Weissager angestellt, doch scheint die Auslegung der Orakel allgemein bekannt gewesen zu sein.
               Jetzt kennt man sie allerdings nicht mehr.

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Die kommenden Dinge kündeten sich aber auch wohl ungesucht an und zwar durch Träume, zu deren Auslegung ebenfalls besondere Traumdeuter verordnet waren. Eine Bemerkung in dem alten Schū-kīng zeigt uns, daß die Sendung eines prophetischen Traumes auf den Höchsten HErrn zurück geführt wird.
               Je lebendiger bei kräftigen und innig empfindenden Menschen die Vorstellung einer höheren Macht ist, deren segnende Güte erfahren zu haben, deren Unwillen erregen zu können sie überzeugt sind, desto mehr werden sie sich genötigt fühlen, ihrerseits derselben mit Dank und Furcht entgegen zu kommen und ihr die Aufrichtigkeit dieser Gefühle tatsächlich zu erweisen. Der natürliche Ausdruck hierfür sind die Opfer, die darum so alt sind wie die Menschheit und auch bei den Chinesen schon im grausten Altertum statt fand. Nicht minder natürlich ist es, daß die Opfer mit Weihungen und Gebeten begleitet werden, welche den Sinn und die Absicht des Darbringenden aussprechen.
               Man hat gemeint, Häufigkeit der Opfer, eine feste Opferordnung und ein reich ausgebildetes Opferzeremoniell müsse stets Erfindung einer Priesterschaft sein, die damit wohl auch allerlei eigennützige Zwecke verfolgt habe. Dies wird durch die alten Chinesen widerlegt. Denn während sie jene dinge im vollsten Maße besaßen, hat es bei ihnen nie einen Priesterstand oder auch nur einzelne Priester gegeben. Alles priesterliche Tun war Sache des Hausvaters, der unter Beistand seiner nächsten Verwandten für sich und alle ihm Zugehörigen opferte, –  was abermals nur eine Fortsetzung ältester menschlicher Zustände sein dürfte. Nun aber zeigt sich sofort, wie den alten Chinesen dieses priesterliche Handeln mit dem durchgängigen Patriarchalismus ihrer Reichsordnung zusammenschmolz und durch diesen bestimmt wurde. Denn an der öffentlichen Stellung des Hausvaters stieg die Bedeutung seiner Opfer sowie seine Berechtigung zu den selben. Wenn den Ahnen jeder Hausvater opfern durfte, so durften nur die Großen, die

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Hochgestellten auch den Schutzgeistern des Hauses, nur die Reichsfürsten den Geistern des Bodens und Feldbaus, der Berge und Flüsse ihres Landes, und nur der Kaiser auch noch dem himmel oder dem Höchsten HErrn, der Erde, den vier Weltgegenden und den Hauptgebirgen und großen Strömen des Reiches opfern. Daß auch der Fürst von Lù dem Höchsten HErrn opferte, war nur eine zugelassene Unregelmäßigkeit. Von Rechts wegen stand es allein dem Kaiser zu und er brachte dies Opfer bei der Sommer- und Wintersonnenwende, wahrscheinlich auch bei Frühlings- und Herbstanfang.
               Alle Opfer, die dem Kaiser allein oder auch den Reichsfürsten vorbehalten waren, wurden unter freiem Himmel auf einem Erdaltar dargebracht. Tempel gab es weder für den Höchsten HErrn noch für die Naturgeister. Nur die Geister der Ahnen, die noch immer als zur Familie gehörend betrachtet wurden, hatten ihre besonderen Hallen oder Tempel und zwar beim Kaiser sieben, bei den Reichsfürsten fünf, drei bei den Großen und einen bei den übrigen Beamten. Dem einfachen Untertan vertrat deren Stelle ein bestimmter Platz im Inneren seines Hauses. Die Tempel, welche aus einer Vorhalle, einem Hauptsaal und einem hinteren Chor bestanden, enthielten weder Bilder noch Bildsäulen, doch bei den feierliche Begängnissen eine Menge unterschiedlicher, zum Opferdienst erforderlicher Gefäße und Geräte; auch Matten zum Sitzen für die Opfernden und Opfergäste und Lehnsitze für die Hochbejahrten. In ihnen wurde von den Vornehmen, im Hause von dem gemeinen Mann im ersten Monat jeder der vier Jahreszeiten den Geistern der Vorfahren geopfert.
               Da in unseren Liedern eigentlich nur von den kaiserlichen Ahnenopfern die Rede ist, so wird eine kurze Beschreibung derselben hier genügen, wobei die unendlichen Einzelheiten des Zeremoniells, wie sie das alte Jî-lì ausführlich enthält, übergangen werden mögen.
               Nach Befragung der Weissagung über die Wahl des Tages

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und der Opfertiere bereiteten der Kaiser und seine Opferhelfer durch Fasten und allerlei Reinigungen sich zu der Feier vor, an der auch die Kaiserin und die Nebenfrauen teilnahmen, und erschienen zu der selben dann in der vorgeschriebenen Kleidung, die für jede Opferart verschieden bestimmt war. Als Opfergäste pflegten sich die Reichsfürsten zahlreich einzustellen, die schon bei ihrem Eintreffen feierlich empfangen waren. Ein besonderer Wert wurde auf die Anwesenheit der Nachkommen früherer Dynastien gelegt. Die erforderlichen Verrichtungen geschahen jedoch in der Regel von Mitgliedern des kaiserlichen Geschlechts. Außer den Opferbeamten waren alle Großen des Hofs und des Reichs gegenwärtig, und bei Aufstellung der Anwesenden wurde die strengste Etikette nach Rang und Alter eingehalten. Die Fürsten und Großen hielten dabei gewisse Zeichen der Würde in der Hand, die man als Zepter und Halbzepter bezeichnet hat. Ein Halbzepter besteht aus einem einförmig hohl geschliffenen Nephrit oder Nierenstein, der, zierlich gefaßt und mit einem kostbaren Griff versehen, auch zum Spenden der Trankopfer diente. Zwei derselben gegen einander gelegt, bildeten ein ganzes Zepter. An einem besonderen Platz standen zahlreiche Musiker, sämtlich Blinde, die auf Glocken und Pauken von ungleicher Größe, die an einem schön verziertem Gerüst hingen, sowie auf verschiedenen Blasinstrumenten spielten.
               Nach einer Menge begrüßender Verneigungen und zeremoniösen Hin- und Hergehens begann die Handlung mit laut-tönender Musik und Spenden von Trankopfern, wozu besondere Weine aus Hirse und Reis dienten. Dadurch wurden die Ahnengeister herbei gerufen, und der „Beter“, ein besonderer Beamter, begrüßte, an der Haupttür opfernd, ihren Einzug, den niemand bezweifelte. Nach einer zweiten Trankspende holte der Kaiser selbst den roten Opferstier herbei und dieser wurde an einem Steinpfeiler fest gebunden. Mit einem Messer, an dessen Griff Glöckchen hingen, schnitt er zuerst von dem

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Stier Haare ab, um zu zeigen, daß er die vorgeschriebene Farbe hatte, tötet ihn dann damit und löste, nachdem er geöffnet worden war, das Fett heraus, welches mit duftender Stabwurz verbrannt wurde. Dem Opfer wurden noch eine Menge Schafe und Schweine hinzugefügt und das Fleisch der Tiere sofort vielfältig zubereitet. Dabei waren die Kaiserin und deren Begleiterinnen in schicklicher Weise beschäftigt, hatten aber alle Opferhelfer ihre gewiesenen Dienst zu leisten. War endlich die Opfermahlzeit aufgetragen, der noch allerlei Beigerichte und Leckereien hinzu getan wurden, insbesondere die Opferhirse und andere feine Hirsearten und Reis nicht fehlen durften, so ließ man sich zum Mahl auf die am Boden ausgebreiteten Matten nieder. Von allen Speise wurden auch den Ahnen, als ob sie leiblich noch gegenwärtig wären, ihr Anteil hingestellt.
               Sie hatten aber auch ihren lebendigen Stellvertreter, – für welche den „Rückert“ den treffenden Namen „der Totenknabe“ als Übersetzung des chinesischen Schī, erfunden hat. Denn ein Knabe des kaiserlichen Hauses, am liebsten ein Enkel, nahm den Platz der Ahnen ein, empfing die ihnen gebührenden Ehren und wurde als von jenen gleichsam inspiriert angesehen. Er war mit dem Obergewand des von ihm besonders vertretenen Ahnherrn bekleidet, hatte einen vorzüglichen Ehrensitz, nahm an dessen Stelle Speise und Trank und alle Huldigungen der Nachkommen entgegen, verkündete schließlich dem opfernden Familienhaupt die Zufriedenheit der Geister mit der Feier und verhieß ihnen Glück und langes Leben.
               Die ganze Feierlichkeit begleitete ein unendliches Neigen und Verbeugen, Knien und Niederbücken, dazu Tänze oder tanzartige Umgänge, und sowohl dabei erklang, wie bei verschiedenen anderen Momenten der Handlung Musik oder Gesang.
               Bei der großen Opfermahlzeit, an der, dem Rang nach einander ablösend, alle Anwesenden bis zu den Geringsten teilnahmen, herrschte eine anständige Munterkeit. Man trank

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einander zu und tat Bescheid, man unterhielt sich und lachte. Der Kaiser mit seinen nächsten Angehörigen scheint dabei nicht lange verweilt zu haben, denn wir wissen, daß er alsbald in einem anderen Raum, wohin auch die Musik nach folgte, sämtliche Fürsten und Verwandte seines Hauses festlich bewirtete, wobei reichlich gegessen und getrunken wurde. Am folgenden Tag darauf fand dann noch eine Opfermahlzeit zu Ehren des Totenknaben statt.
               Mit recht bemerkt „Legge“ von der in den Lieder enthaltenen Schilderung der Hauptfeier, sie sei eben so sehr die einer Gasterei als eines Opfers, und in der Tat seien diese großen viertel-jährlichen Feste gewesen, was wir einen allgemeinen Geschlechtstag nennen würden, an dem die Toten und die Lebenden zusammen kommen, miteinander gegessen und getrunken, die Lebenden die Toten verehrt und die Toten die Lebenden gesegnet hätte. So sehr dabei auf Würde und Anstand gehalten wurde, die auch das peinlich strenge Zeremoniell unterstützte, wo war doch die Feier, ähnlich wie bei den alten Ägyptern, eine durchaus heitere, ja fröhliche, wie sich denn in der ganzen Religion der alten Chinesen nichts Finsteres oder Beängstigendes vorfindet; und daß dadurch nur der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit erhalten, der Tod seiner Schrecken entkleidet, kindliche Ehrerbietung und Familiensinn gepflegt werden mußte, bedarf keines Nachweises.
               Außer den erwähnten Hauptopfern gab es nun noch manche geringere, teile regelmäßige, teils an besondere Anlässe geknüpfte, wie wenn vor einer Reise dem Schutzgeist der Wege, vor einer Schlacht dem „Vater des Krieges“ geopfert wurde. Für solche Fälle waren die Feiergebräuche einfacher, obwohl nicht minder bestimmt ausgebildet.
               So war denn das ganze Leben jener alten Menschen mit Opfern und Gebeten durchzogen, welche ihm eine Weihe, eine Erhebung über das Gemeine erteilte, die ihrer überwiegend für das Irdische und Praktische angelegten Natur ein wohl-

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tätiges Gegengewicht verliehen. Daß über den reichlichen Ahnen- und Geisterdiensten das reine Gottesbewußtsein, die Verehrung des Höchsten HErrn und das Gebet zu ihm keineswegs verloren gingen, beweisen manche unserer Lieder, manche Stellen des alten Schī-king zur Genüge.

Sitten und Lebensweise.

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Kein Volk hat ohne eine starke sittliche Grundlage jemals eine eigene Kultur entwickelt. Manche Forderungen an die sittliche Handeln gehen schon aus der Behauptung der Persönlichkeit im Zusammenleben hervor. Niemand will sein oder der seinigen Leben gefährdet sehen, niemand in seinem Weibe oder seinem Eigentum geschädigt, niemand belogen oder betrogen werden. Solche Forderungen kann man nicht an andere stellen, ohne vom Gewissen überführt zu werden, daß man selbst sie zu erfüllen habe. Dann aber erkennt man auch, daß man dies vor allem wollen muß, und erhebt sofort die weitere Forderung, es solle von allen gewollt werden. Aus der allgemeinen Anerkennung dieser Forderung entsteht das Sittengesetz.
               Über diesen anfänglichen Zustand finden wir die alten Chinesen bereits weit hinaus. Von dem höheren, dem edlen Menschen verlangten sie Gottesfurcht und Beobachtung heiliger Bräuche, ein reines fleckenloses Leben mit würdiger Haltung auch in der Einsamkeit, Tapferkeit und unbestechliche Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Wohltätigkeit, Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit in allen Verhältnissen.
               Es ist aber nicht zu verwundern, wenn unter dem Einfluß der geschilderten Religionsanschauungen die Pietät, die

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ehrerbietige treue Hingebung, als die erste aller Tugenden und als die Grundlage aller Tugenden anerkannt wurde. Von Uralters nahm man fünf Grundverhältnisse der Menschen an, in denen sie sich zu erweisen haben und deren pflichtgemäße Beobachtung die allgemeine Lebensordnung bedinge. Es waren dies die Verhältnisse zwischen Obrigkeit und Untertanen, Eltern und Kindern, Mann und Frau, älteren und jüngeren Brüdern und zwischen Freunden. Davon galt die ehrerbietige Hingebung der Kinder an Vater und Mutter (das Hiáo), die treue Sorge für sie, wenn sie gealtert waren, als das am Würdigsten und ist bis heute ein Grundzug des chinesischen Wesens, dessen mehr als  viertausend-jähriger ununterbrochener Bestand wohl als eine Erfüllung der Verheißung des vierten Gebotes anzusehen ist.

4. Gebot der christlichen Lehre: „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ Und es geht weiter mit dem Nachsatz: „Auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden!“

Auch diese Eigentümlichkeit dürfte Zustände der ältesten Menschheit fortsetzen und erklärt zugleich die hohe Verehrung, die den Vorschriften, Einrichtungen, Sitten und Vorbildern des Altertums zugewendet wurde. Sie war eben sosehr eine kräftige Förderung des Ahnendienstes, als dieser wiederum sie in lebendiger Übung erhielt, und sie hatte die natürliche Folge, daß auch unter den Mitlebenden die Alten überall geachtet und geehrt wurden. Unsere Lieder zeigen, daß diese fromme Kindespflicht nicht bloß sittliche Forderung, sondern eine wirkliche Herzensangelegenheit war. Wie oft beklagten Krieger im Felde, daß sie nun ihre Eltern nicht ernähren und pflegen können, und sogar ungeratene Söhne klagen sich an, daß die der Mutter Kummer bereiten.
               Nun war es aber eine andere, gleichfalls schon alte Eigentümlichkeit der Chinesen, möglichst alles, auch sittliche Verhältnisse, unter gewisse unverbrüchliche Formen und Formel zu bringen. So wird denn auch, was nur als freie Betätigung unbegrenzter Liebe Wert hat, die selbst-loseste Hingebung, die bescheidenste Unterwürfigkeit des Sohnes gegen den Vater zur gesetzlich formulierten Forderung. Der Sohn ist ganz unselbständig und abhängig vom Vater, nach diesem von der
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               Victor v. Strauß. Schī-kīng.                                                                        2

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Mutter, und das erstreckt sich, wenn er verheiratet ist, auch auf seine Frau. Neben dem Stammnamen erhält ein Sohn bei seiner Geburt einen Kindheitsnamen, mit dem zwanzigsten Jahr aber einen Ehrennamen, mit dem er von da an von anderen angeredet wird, während er auch dann, von sich selbst sprechend, aus Bescheidenheit sich wohl mit seinem Kindheitsnamen bezeichnet. Ein Verstorbener erhält einen ihn ehrenden Totennamen, mit welchem er unter den Ahnen der Familie aufgeführt wird. Beim Tode der Eltern war in alter Zeit eine einjährige, nur beim Kaiser eine dreijährige Trauer vorgeschrieben, doch wurde diese später allgemein. Während dieser Zeit mußte man sich den öffentlichen Geschäften und mancherlei Genüsse entziehen und in durchaus weißer Kleidung einhergehen. Die Unterlassung dieses Brauches wurde als ein Zeichen des Sittenverfalls beklagt; wie es denn freilich einen Mangel kindlicher Pietät anzeigt.
       Da nur die Söhne die Familie fortsetzten und vornehmlich ihnen die kindlichen Pflichten beim Leben und nach dem Tode der Eltern zufielen, während die Töchter durch Heirat aus der Familie traten, so wurde nur auf die Geburt von Söhnen ein wirklicher wert gelegt, Töchter fanden wenig Beachtung. Um Söhne zu erhalten, damit des Geschlecht fortdauerte, war daher die Verehelichung von größter Wichtigkeit und galt allgemein als Pflicht, auch als Pflicht gegen die Vorfahren, die auch künftig der schuldigen Ehren und Opfer nicht entbehren sollten.
       Schon früh scheint man bemerkt zu haben, daß Ehen unter Verwandten und in zu großer Jugend geschlossen, schädlich seien für die Kraft und Gesundheit der Nachkommen. Die Verbindung eines Paares von dem selben Familiennamen war daher nicht erlaubt, und obgleich dem Sohne mit dem zwanzigsten Jahr der Männerhut, der Tochter mit dem fünfzehnten die Nestelnadel* feierlich übergeben wurde, um sie dadurch für Erwachsene zu erklären, so war es doch Regel, daß der Mann
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* = eine Schnürnadel, eine starke stumpfe Nadel, um damit Schnüre durch Löcher zu ziehen.

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 mit dem dreißigsten, das Mädchen nicht vor dem zwanzigsten Jahr heiratet.
               Hierzu bedurfte der Mann die Einwilligung seiner Eltern, und waren sie gestorben, so wurde dieselbe von ihren Geistern an der geweihten Stätte feierlich erbeten. Zunächst war es dann erforderlich, daß durch eine dritte Person die Werbung bei den Eltern des Mädchens angebracht wurde und diese ihre Zusage erteilten. In der alten Zeit beruhte die Wahl selbst wohl meist auf gegenseitiger Neigung; denn unsere Lieder zeigen, daß damals die Geschlechter keineswegs streng von einander abgeschlossen gewesen seien, daß vielmehr ein freier und natürlicher Verkehr unter ihnen statt gefunden hatte, Liebesverhältnisse auch nicht selten gesucht, angeknüpft und bis zur Ehe fortgesetzt wurden. Nach angenommener Werbung erfolgten feierliche Besuche des Bräutigams bei dem Brautvater, zuerst um die Zustimmung der Ahnen zu erwirken, dann zur Feststellung der Familiennamen, ferner zur Befragung des Loses; Geschenke für die Braut wurden übersendet; endlich durch die Weissagung ein glücklicher Tag für die Hochzeit ermittelt. Zu diesem bereitete sich das jung Paar durch Fasten und Reinigungen vor; wenn er erschien, kleideten beide sich  in purpurrote Seide und allerlei Schmuck, die Mutter tat der Braut eine Schärpe um, der Bräutigam holte sie in einem besonderen Wagen ab und fuhr ihr dann nach seiner Wohnung voraus. Hier empfing er sie, führte sie hinein zu seinen Eltern, stellte sie den Geistern seiner Ahnen vor, und dann wurde mit Verwandten, Freunden und Nachbarn ein festliches Hochzeitsmahl gehalten. Spätere Aufzeichnungen schreiben bei dem allen vielerlei Feierbräuche und Förmlichkeiten vor, von denen jedoch unsere Lieder kaum etwas andeuten. Wahrscheinlich nahmen dieselben mit dem Rang des Bräutigams zu, reichten zum Teil aber wohl nicht bis in das Altertum hinauf. Nach einigen Liedern scheinen sie ziemlich lässlich behandelt, gelegentlich auch wohl umgangen worden zu sein. Übrigens waren für

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die Eheschließungen auch bestimmte Zeiten im Jahr vorgeschrieben. Auf die Erfüllung eines Eheverlöbnisses konnte geklagt werden, dann mußte aber auch allen herkömmlichen Bräuchen genügt sein.
               Jeder Verheiratet hatte nur eine vollberechtigte Frau, womit sich das untere Volk in der Regel begnügte. Doch waren Nebenfrauen, die dann mit einfacheren Feierlichkeiten geheiratet wurden, gestattet, ja sie gehörten bei dem Kaiser, den Fürsten und Hochgestellten zur Vollständigkeit des Hof- und Haushalts. Jedenfalls wurde nicht bloß die Versorgung der Töchter, sondern auch Zucht und Sittlichkeit durch diese Einrichtung gefördert. Mag es aber, wie es auch noch besteht, unseren Begriffen von der Ehe widerstreben, so sollten wenigstens die nicht so entrüstet darüber auffahren, die vor der Vielweiberei des Königs David und anderer heiliger Männer des alten Testaments andächtig die Augen zuschließen.

Anmerkung: Dieser Absatz und Victors Meinung dazu, zeigt mir, wie sachlich, aber auch tolerant und mit Akzeptanz er mit Formen des Zusammenlebens anderer Völker umging. Und es zeigt mir deutlich den klugen, einsichtigen und intelligenten Mann, für den ich meinen Ururgroßvater, nach all meiner Schreiberei über ihn, halte. H. Fischer.

Auch war dies Verhältnis in China schon in der alten Zeit rechtlich besser geordnet, als jemals im Volk Israels. Die Nebenfrauen waren der eigentlichen Gemahlin untergeordnet, ihre Kinder gehörten dieser und galten als völlig legitim. Allerdings konnte dies Verhältnis schwere Mißstände für die erst-berechtigte Gattin herbei führen, wenn etwas eine Nebenfrau von dem Mann mehr als billig begünstigt wurde, wenn sie ihre Söhne den anderen vorzudrängen wußte; jedoch es finden sich auch Beispiele der zärtlichen Freundschaft zwischen der Gemahlin und einer Nebenfrau.
               In dem Verhältnis der Frau zum Mann zeigt sich, wie die kalte Härte des Gebotes vom warmen Leben menschlicher Zuneigung aufgelöst wird. Die Frau sollte zu dem Mann stets als zu ihrem „hohen Herrn“ mit Ehrfurcht aufblicken, sie war ihm zu Unterwürfigkeit und strengstem Gehorsam verpflichtet. Unsere Lieder aber geben reichliche Zeugnisse von sehr glücklichen Ehen, von dem vertraulichsten Einverständnis der Gatten bei einer sehr würdigen Stellung der Frau, von liebe-

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voller Anhänglichkeit bald auf der einen, bald auf der anderen Seite, und das Verlangen nach dem im Krieg oder im Reichsdienst abwesenden Mann spricht sich wiederholt auf das anmutigste aus. Indes wird uns auch der Tadel von unwürdiger, werden und Klagen von vernachlässigter, zurück gesetzter, ja verstoßener Frauen nicht vorenthalten.
               An Bildern/Beispielen fraulicher Beschäftigung im Haus und für das Haus fehlt es nicht. Darin tätig und rührig zu sein, galt auch im alten China als löbliche Pflichterfüllung.  So sehen wir die Frauen jeden Ranges geschäftig bei der Pflege der Seidenwürmer, bei der Anfertigung von Geweben und Kleidung, beim Einsammeln von Kräutern und Pflanzen zur Nahrung und zum Opferdienst, bei der Bereitung von Speisen, Einmachen von Früchten, und was sonst dazu gehören mag. Die Frauen der Ackerleute halfen auch bei der Feldarbeit.
               Starb der Mann, so konnte die Witwe sich wieder verheiraten; allein es galt als preisenswert/lobenswert, dies abzulehnen, und edle weibliche Gemüter verharrten trotz alles Drängens auch dann bei ihrer Trauer und ihrer Treue.
               Was die Beschäftigung der Männer anlangte, so denken wir zunächst der zahlreichen Klasse der Gebildeten, die aus den Abkömmlingen der vielen Fürstenhäuser und der überaus großen Beamtenschaft hervor ging, und gegenüber den Ständen der Ackerbauer, Handwerker und Kaufleute einen besonderen Stand ausmachte, sich in einzelnen Fällen auch wohl aus diesen Ständen rekrutierte. Es war dies eine Aristokratie im besten Sinn, da von jedem Gebietenden oder Vornehmen Besitz und Förderung der Bildung verlangt wurde, und im Reich nur die Gebildetsten auch die Mächtigsten wurden. In dieser Beziehung wurde zwischen den Angehörigen der Fürstenhäuser und den Söhnen der Beamtenschaft kein Unterschied gemacht. Alle widmeten sich auf irgend eine Weise dem öffentlichen Dienst im Frieden oder Krieg und mußten den Dienst von unten auf beginnen. Sie verharrten dann entweder lebenslänglich

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darin oder zogen sich später wieder in das Privatleben zurück.
               Für Anstellung und Beförderung entschied nicht das Wissen allein. Es zeugt von echter Weisheit, daß Tüchtigkeit des Einzelnen nach der gleichen sittlichen, geistigen und körperlichen Ausbildung geschätzt wurde. Um diese erlangen zu können, bestanden Schulen durch das ganze Reich, und zwar nach Alter, Fähigkeit und Lehrgegenständen fünffach abgestuft. In die Kleinschulen traten die Achtjährigen ein, die Fünfzehnjährigen in die Großschulen. Wer in diesen sich auszeichnete, wurde in das Distriktslyzeum, und wer in diesem, in die hohe Fürstenschule aufgenommen. Die vorzüglichsten Schüler der letzteren erhielten in der kaiserlichen Hochschule ihre völlige Ausbildung. Nur von den beider letzteren Anstalten ist in den Liedern die Rede; alle aber waren eben so sehr Erziehungs- als auch Lehranstalten, die dies die Rubriken zeigen, nach denen die Abgegangenen schließlich beurteilt wurden. Es waren dies
1.) die sechs Tugenden:Verstand, Menschenfreundlichkeit, Weisheit, Wahrhaftigkeit, Maßhalten und Einträchtigkeit;
2.) die sechs Pflichten: kindliche Ehrerbietung, Treue in der Freundschaft, gütiges Benehmen, Verwandtenliebe, Zuverlässigkeit und Barmherzigkeit;
3.) die sechs Wissenschaften und Künste: die religiösen und sonstigen Gebräuche, die Musik, das Bogenschießen, das Wagenlenken, das Schrifttum, wozu alle literarischen Kenntnisse und die der Schriftzeichen und Schriftarten gehörten, und endlich die Arithmetik/Rechenkunst.
               Diesen Stücken scheint manches unter-gerechnet/zugeordnet worden zu sein, von dem wir jedoch nur unbestimmte Nachrichten haben. Das spätere Examinationswesen bestand im alten Reich noch nicht. Man befragt das Urteil der Lehrer und die Stimme des Volkes.
               Wie wir wissen, durften die Söhne der anderen Stände an dem Unterricht in den Schulen teilnehmen; wiederum mußte auch der höhere Stand bei den eigentümlichen Besitz- und Besoldungsverhältnissen genauere Kenntnisse von der Land-

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wirtschaft haben, auf den der bei weitem größte Teil der Bevölkerung ebenfalls angewiesen war. Von jeher hielt man den Ackerbau hoch in Ehren. Man erkannte, daß er die Grundlage eines gesunden Volkskörpers sei, und die aufmerksame Pflege, die man ihm widmete, hatte ihn früh vervollkommnet. Der genau eingeteilte Boden wurde mit Pflug und Karst (= zweizackige Erdhacke) trefflich bearbeitet und für den Reis mit Bewässerungsanlagen versehen. Die Getreidearten unterschied man sorgsam, behandelte jede ihrer Natur gemäß und reinigte die aufgegangenen Saaten fleißig von Unkraut und Ungeziefer. Nicht mindere/geringere Sorgfalt wurde der Ernte zugewendet, sowie der Aufbewahrung es Geernteten teils in Speichern, teils in Feimen (= aufgeschichtete Getreidehaufen). Allerlei Nutzpflanzen zur Nahrung, zu Geweben, zum Färben – wie Anil oder Indigo und Krapp – wurden gleichfalls angebaut. Es werden mancherlei Gemüse erwähnt, wie sie auch uns nicht fremd sind. Melonen und mehrere Kürbisarten wurden gepflegt, Fruchtbäume, wie Kastanien-, Pfirsich-, Kirsch, Mispel- und Pflaumenbäume wurden gezogen, ebenso er Maulbeerbaum für die Seidenzucht.
               Auch die Viehzucht erfreute sich aufmerksamer Pflege. Jenseits der Ackerländereien lagen große Weideplätze für Pferde, Rindvieh, Schafe und Schweine. Zahmes Geflügel belebte die Umgebung der Wohnungen und auch an Hunden fürs Haus und zur Jagd fehlte es nicht. – Merkwürdig ist es, daß sich schon in den ältesten Zeiten die Anwendung findet, das Eis in Kellern oder Gruben für die heiße Jahreszeit aufzubewahren, um sich dann Kühlung damit zu verschaffen.
               Bild einfügen aus der Post aus China!
               Das Vorhandensein verschieden-artiger Gewerbe erweist sich aus der Erwähnung ihrer Erzeugnisse. Es gab Bau- und Zimmerleute, Ziegler und Töpfer. Metalle, edle und geringere, wurden gewonnen und verarbeitet zum Gebrauch wie zum Schmuck; man kannte bereits Vergoldung. Eisen war schon vor dem zwölften Jahrhundert v. Chr. in Verwendung. Kostbare Steine wurden geschliffen und graviert. Arbeiten aus Holz und Bam-

Auf meiner Internetseite: Die Familiengeschichte… gibt es ein Kapitel mit Namen “Post aus China”!
Eines der Bilder, Aufnahmen von 1864 zeigt ein Beispiel der oben genannten Verwendung für die Kühlung mit Eis!

In dem großen Porzellangefäße hatte man im Sommer Eisblöcke, um den Saal zu kühlen.

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– bus, sowie das kunstreiche Flechten von Körben und den vielen angewandten Matten mußte zahlreiche Hände beschäftigen. Leder und Pelze wurden gegerbt und für mancherlei Gebrauch zubereitet. Die Färbereien lieferten ihre Produkte. Wagen und Waffen wurden hergestellt und mit allerlei Zierrat geschmückt. Musikalische Instrumente wurden angefertigt. Und so wäre noch manches zu nennen, was einen schon beträchtlich ausgebildeten Zustand gewerblicher Tätigkeit bezeugt.
               Währen sich nun erklärlicher Weise in den Städten, wo Fürsten oder höhere Beamten ihre Sitze hatten, das Gewerbe sammelte, die acker-bauende Bevölkerung aber in Dörfern und Weilern seßhaft war, und doch jeder Teil sich auf die Erzeugnisse des anderen angewiesen sah, mußte sich bald, um beiden zu genügen, ein Handelsstand als Vermittler anbieten, der sich dann ebenfalls in den Städten nieder ließ. Geregelte Marktordnungen, feste Bestimmungen über Münzen, Maße und Gewicht, gute Landstraßen waren dem Aufkommen des Handels schon in den frühesten Zeiten günstig. Indes machten die damaligen engeren Grenzen des Reiches den Bewohnern manche Produkte wünschenswert, die nur im Ausland zu erhalten waren, wo man dann wiederum chinesischen Waren begehrenswert fand. Daraus erwuchs ein Handelsverkehr in entlegene Länder, von dem, wie das Schū-kīng zeigt, schon im elften Jahrhundert v. Chr. die Gesetzgebung Notiz nahm.
               Wurde aber so eben der Wohnplätze gedacht, so darf die Bauart nicht unbeachtet bleiben. Auch bei dieser war alles durch Herkommen und Gesetzt geregelt und es bestand eine strenge Baupolizei. Die Bauart macht es erklärlich, warum es in China durchaus an baulichen Denkmälern gebricht/fehlt/mangelt. Denn nicht nur Privathäuser, auch die Paläste und Ahnentempel der Fürsten waren Pisébauten. Ihre Mauern wurden aus Erde oder Lehm errichtet, der zwischen Leerwänden, d. i. zwischen Gerüsten von übereinander gesetzten Brettern, geschüttet und

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fest-gestampft wurde. Aus Fichten- oder Zypressenholz bestanden die gezimmerten Deckenbalken und auch die Tür- und Fensterrahmen sowie die Türen. Fußböden und Wege in den Höfen waren mit Ziegeln gepflastert. Die Richtung der Häuser nach den Himmelsgegenden und die Stellung der Türen und Fenster waren genau bestimmt. Die Städte mit ihren schnurgeraden Straßen waren von Wällen oder Mauern eingeschlossen und Gärten und Baumpflanzungen machten ihre Umgebungen freundlich. Pflanzungen von Weiden-, Maulbeer-, Sandel- und ähnliche Bäume, scheinen sich bis in die Dörfer hinein gezogen zu haben.
               Draußen aber, in der freien Natur, wimmelte es in Flüssen und Seen von Fische vielerlei Arten, die sich zum Fang anboten; ausgedehnte Wälder und Heiden auf Bergen und unfruchtbarem Tiefland von allerlei wildem Getier, das zur Jagd anlockte. Mit Reusen und Netzen wurde wohl nur gewerbsmäßig gefischt und das Angeln mehr als ein nutzbringendes Vergnügen betrieben. Dagegen sehen wir teils aus Liebhaberei, teils um der Beute willen, rüstige, auch wohl einmal einen allzu kühne Jäger, dem Wild nachstellen. Sind diese vornehmeren Standes, dann auf ihren Wagen mit dem Viergespann, wobei, wie immer, alle vier Pferde nebeneinander geschirrt sind; sind es Fürsten, dann mit zahlreichen Teilnehmern in der gleichen Weise. Da es außer Hasen, Dachsen, Rotwild und Federwild auch Wildschweine, Wölfe, Bären Nashörner und Tiger zu erlegen galt, so waren die Jagden nicht bloß eine Belustigung und nebenbei einträglich durch den Gewinn von Fleisch, Häuten und Pelzen, sie befreiten auch das Land von schädlichen und reißenden Tieren, übten zugleich die Kraft und Gewandtheit der Männer und wurden dadurch eine treffliche Vorschule für den Krieg, als welche sie auch ausdrücklich gepriesen werden.
               Denn nicht immer war der Krieg zu vermeiden. Zwar wurde der Friede als ein hohes Gut geliebt und gepriesen, auch war man bei allem Trieb nach Macht und Gebietsver-

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größerung überzeugt, die rohere Nachbarbevölkerung für den Anschluß an das Reich durch den bloßen Einfluß der höheren Kultur allmählich zu gewinnen, weshalb die alte Zeit keine Eroberungskriege kennt; dennoch waren bald Empörungen/Rebellionen in entlegenen Provinzen niederzuwerfen, bald benachbarte wilde Stämme, die in das Reich einbrachen, zu bekämpfen und zurück zu treiben, und es gab Zeiten, in denen ein Krieg auf den anderen folgte. Wenn dann die Kriegsmacht aufgestellt war, so wurden die Führer aller Grade so wie die Wagenkämpfer – geritten wurde überhaupt nicht – aus dem Stande der Gebildeten genommen; denn ein Unterschied zwischen Zivil- und Militärbeamten fand nicht statt. Da diese dann plötzlich aus ihrem geordneten Leben, aus ihren Erwerbs- und Familienverhältnissen heraus gerissen wurden, erklärt es sich, daß wir so häufigen unmutigen Klagen über die Beschwerden und Entbehrungen bei den Feldzügen oder der Grenzwacht, über die gestörten häuslichen Verhältnisse, über das vergebliche Sehnen nach der Heimat begegnen. Weder ein keckes Spielen mit der Gefahr und die Lust an Abenteuern, noch die Prahlerei mit geheucheltem Heldenmut lag im Charakter des Volkes. Die Männer gingen ungern in den Krieg und gestanden das offen. Die Schlachten selbst und glänzende Siege riefen aber auch wieder eine kriegerische Begeisterung hervor, wie mehr als eins unserer Lieder bezeugen, und die feste Zuversicht auf das Fortleben nach dem Tod, auf die auch dann noch stattfindende Verbindung mit den Zuhausegebliebenen konnte nur unerschrockene, todesmutige Kämpfer machen.
               Doch das berührt schon Dinge, die nicht in diesen Abschnitt gehören, dem wir, so vieles hier auch noch zu sagen wäre, nur noch ein Dreifaches hinzufügen.
Zuerst:   Die Sklaverei war im alten China unbekannt.
Zweitens:        Eunuchen kommen erst kurz vor dem achten Jahrhundert v. Chr. vor.

Drittens:   Die in einem Lied (I. 11, 6) erwähnte barbarische Sitte, mit dem gestorbenen Fürsten andere Menschen, ja hohe Beamte lebendig zu begraben, kam nur im Staat Ts’hîn vor, dessen Fürst und die meisten der Bevölkerung Tataren waren und von den Chinesen selbst scharf getadelt wurde.

Fortsetzung siehe Einleitung 2. Teil.
Reichsordnung und Regiment.

Fertiggestellt von Hildegard Fischer, den 12. August und 24. Oktober 2019.