Die Lieder in chinesischer und deutscher Form. (6.)

Dritter Teil:
Große Festlieder.

Dritten Teiles erstes Zehent.

Lied III. 1, 1
König Wen, Stifter und Vorbild des Königshauses.
Seite 389

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König Wên, Stifter und Vorbild des Königshauses. 1

Der König Wên ist in der Höh’;
O wie er hehr im Himmel prangt!
Ist Tschēu auch schon ein altes Land,
Es hat sein Amt erst jüngst erlangt. 2
Und war nicht Tschēu schon hoch berühmt?
Zum Amt von HErrn war’s nicht die Zeit? 3
Der König Wên steigt auf und ab,
Ist links und rechts dem HErrn zur Seit’. 4

Rastlos hat König Wên gewirkt,
Sein hoher Ruhm wird nie vergeh’n;
Was Tschēu an Gaben ward verlieh’n,
Es ist der Söhn’ und Enkel Königs Wên
In Stamm und Zweigen fort und fort;
Und wären Tschēu’s Beamte alle
Nicht hoch berühmt auch fort und fort?

Sie fort und fort nicht hoch berühmt,
Im Rat so sorgsam und gewandt?
Die herrliche Beamtenmenge,
Erzeugt von diesem Königsland.
Des Königs Land, es kann erzeugen,
Die Tschēu als Baugerüste steh’n;
Und reich ist der Beamten Menge;
Da findet Ruh’ der König Wên. 5

Wie groß gesinnt war König Wên, –
O glänzende Hingebung lebenslang! –
Wie ist so groß das Amt von Himmel:
Es gibt ja Enkel noch von Schāng. 6
Die Zahl der Enkel von den Schāng,
Steigt sie nicht hundert Tausend’ an? –
Der Höchste HErr verlieh des Amt,
Da wurden Tschēu sie untertan.

Sie wurden Untertanen Tschēu’s:
Das Amt vom Himmel kann ja enden; 7
Und Jīn’s Beamte eilten hin, 8
Trankopfer im Palast zu spenden. 9
Zum Spenden treten sie herbei,
Stets Kleid und Helm nach vor’ger Pflicht. 10
Und ihr, des Königs treue Diener,
Gedächtet eures Ahnen nicht?

Gedächtet ihr nicht eures Ahnen?
Auf, seine Tugend denn erweist!
Wer stets verbunden bleibt dem Amte,
Sucht auch für sich das Glück zumeist. **
So lange Jīn die Masse nicht verloren,
Blieb’s mit dem Höchsten HErrn zusammt,
So soll man an den Jīn sich spiegeln;
Nichts Leichtes ist das hohe Amt.

Das Amt, ein Leichtes ist es nicht; 11
Nicht such’ dir selbst es zu entzieh’n!
Entfalte wahren Ruhmes Glanz,
Erwäge, was vom Himmel kam auf Jīn.
Des hohen Himmels Wirkungsweise
Ist ohn’ Geruch und ohne Laut.
Wird König Wên dein Vorbild bleiben,
Wird dir von allem Land vertraut.

**(Bei diesem Satz hat Victor bestimmt zustimmend mit den Kopf genickt,
denn er war ja selber oft in derartige Angelegenheiten verstrickt.
Oh, das reimt sich ja sogar ganz ungewollt!)

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1 – „König“ wurde Wên genannt, nachdem sein sein Sohn Wù diese Würde erlangt hatte.
2 – Ming, „das Amt“, hat zugleich den Begriff des Berufes, Auftrages, der Bestimmung.
3 – Der HErr, der Höchste HErr = Gott.
4 – Er ist dienender Gehilfe Gottes, eine Bezeichnung, die dem ganzen Ahnendienst einen höheren Hintergrund sichert.
5 – Er braucht im Himmel sich nicht um das zu bemühen, was solche Beamte auf Erden von selbst ausführen.
6 – Schäng war die vorige Dynastie, deren letzter grausamer und ausschweifender König durch Wù gestürzt wurde.
7 – Die himmlische Berufung ist „nicht unabänderlich“, pŭ tschâng.
8 – Die frühere Dynastie hieß auch Jïn, auch wohl Jïn-Schäng.
9 – In der neuen „Residenz“ (kïng) der Tschëu.
10 – Wörtlich: „Noch immer gekleidet mit fù und hiǜ“, einem Unterkleid und einer Kopfbedeckung, wie sie die vorige Dynastie vorgeschrieben.
11 – Diese Strophe wendet sich an König Tsching, Wên‘s Enkel. – Die Lieder dieses Zehents und die acht ersten des folgenden werden dem Tschëu-Fürsten zugeschrieben.

Lied III. 1, 2
König Wen‘s Bestimmung, von König Wù bestätigt.
Seite 392

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König Wên’s Bestimmung, von König Wù bestätigt.

Erleuchtung Leuchtender hienieden –
Glorreiche Glorie in den Höh’n!
Des Himmels Schluß ist schwer zu trauen,
Und nicht ist’s leicht, als König steh’n.
Dem Erben von Jīn’s Himmelsitze, 1
Ihm ließ er den Besitz des Reichs entgeh’n.

Sjîn war’s, die zweitgebor’ne Tschi,
Entstammt von Jîn-Schāng’s Fürstenschar,
Die zur Vermählung kam nach Tschēu,
Daß sie der Hauptstadt Fürstin war;
Wo sie mit König Kí zusammen
In Tugend wandelt’ immerdar.
Und als Thái-Sjîn war schwanger worden, 2
War’s König Wên, den sie gebar.

Und das war dieser König Wên,
Der ehrfurchtsvoll, herzangelegen,
So klar gedient dem Höchsten HErrn,
Daß er empfangen großen Segen.
In seiner Tugend war kein Fehl,
Drum nahm er alle Land’ entgegen.

Des Himmels Obhut für’s Hienieden
Hatt’ ihm das Amt schon zugedacht;
Für König Wên in frühsten Jahren
Auch die Genossin schon gemacht –
Im Norden von des Hiǎ Gewässern
Und an des Wéi-Strom’s Uferseit’ 3
Als König Wên ging auf die Freit’,
War dort des großen Landes Maid.

Dort war des großen Landes Maid,
Gleich einer himmlischen an Zier.
Als Brauch bestimmt den günst’gen Tag, 4
Zog er zum Wéi entgegen ihr.
Er ließ die Brück’ aus Schiffen bauen.
War da nicht Herrliches zu schauen?

Vom Himmel war des Amt verlieh’n,
War Wên bestimmt zum Königsrang
In Tschēu, in seiner Stadt Umfang.
Und sie, die Erbin war von Sīn,
Die Erstgebor’ne, tat den Gang, 5
Von welcher König Wú entsprang,
Beschützt, geholfen und berufen
Zum Kampfe mit dem großen Schāng.

Der Jīn-Schāng Heeresmacht zum Streite,
Die wie ein Wald versammelt war,
Ward aufgestellt auf Mū’s Gebreite, 6
Wir aber traten freudig dar:
„Der Höchste Herr ist dir zur Seite;
Dein Herz sei jedes Zweifels bar!“

Das Feld von Mŭ lag weit entlang,
Die Sandelwagen blitzten blank,
Der Schimmel(ge)spanne Stampfen klang.
Da war der Heeresfüst Schàng-fù,
Ein Adler, welcher sich erschwang
Und König Wù zu Hilfe drang.
Stracks warfen sie das große Schūng.
Schlachtmorgen – : Lichtes Überschwang!

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1 – Der Himmessitz ist der dem Himmelssohn, dem Kaiser, vom Himmel verliehene Thron. Der Erbe desselben war Tscheù-sin.
2 – Thái-Sjin, die hohe Sjïn, war der Ehrentitel der Fürstin nach der Vermählung.
3 – Nördlich vom Hiǎ und jenseits des Wèi war die Hauptstadt des Vaters von Wên‘s nachheriger Gemahlin Thái-ssè.
4 – Als durch die übliche Schicksalsbefragung der günstige Tag zur Vermählung angesetzt war.
5 – Wörtlich: „Sie ging“ (hîng), nämlich zu Vermählung in Wên‘s Palast.
6 – Auf der Heide von Mŭ (Mŭ-jè) fand 1122 v. Chr. die berühmte, in einem Morgen gewonnene Schlacht statt, welche die Tschëu-Dynastie auf den Thron brachte.

Lied III. 1, 3
Die Anfänge von Tscheu.
Seite 395

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Die Anfänge von Tschēu.

Der Kürbis wächst, man merkt nicht, wie.
Des Volks Beginn ist ausgegangen
Vom Land der Flüsse Ts’hiü und Ts-hĭ.
Das war zur Zeit Altfürst Tàn-sù’s,
Erdgruben, Höhlen wölbten sie; 1
Wohnhäuser hatten sie noch nie.

Altfürst Tàn-fù, beim Morgengrauen
Auf flücht’gem Roßgespann zu schauen,
Kam längs der Westgewässer Auen
Bis an des Khî-Bergs unt’re Gauen;
Da kam er hin mit Kiäng, der Frauen,
Um dort mit ihr sich anzubauen.

Die Eb’ne Tschēu’s war fett für Saaten,
Gleich Zucker-Wurzeln und Salaten.
Hier hub er an, hier ward beraten,
Hier uns’re Schildkröt’ angebraten. **
Es hieß: bleibt steh’n! ‘s ist Zeit zu Taten.
Hier nehmt zum Häuserbau’n die Spaten!

**(Dazu fällt mir ein, daß ich einmal als Kind mit meinem Vater bei einem Besuch in einem Münchner Chinarestaurant „Schildkrötensuppe“ gegessen habe.
Das muß ungefähr 1956 gewesen sein.
Heute ist das zu recht verboten.)

Da schafft’ er Ruh’, da Stillestand,
Da linker Hand, da rechter Hand,
Da setzt’ er Mark, da Rain und Rand,
Da wies er an, da gab er Land,
Indem vom Westen bis nach Osten
Er rings des Werks sich unterwand.

Dann rief den Vorstand er der Bauten,
Dann rief den Vorstand er der Frohnen,
Und hieß sie Häuser bau’n zum Wohnen.
Die haben’s nach der Schnur gerichtet,
Zur Füllung Plankenholz geschichtet, 3
Den Ahnensaal mit Pracht errichtet.

Lehm schleppten ganze Scharen her,
Und warfen ein und lärmten sehr,
Und stampften fest, wie Der so Der,
Und putzten glatt die Kreuz und Quer.
Manch’ hundert Wänd’ erstand umher.
Die Großpauk’ überklang’s nicht mehr.

Dann setzten sie das Außentor; 4
Das Außentor war hoch umfangen.
Dann setzten sie das Binnentor, 5
Das Binnentor mit stolzem Prangen.
Dann setzten sie den Erdaltar, 6
Wo soviel Großes ausgegangen.

Hatt’ er auch nicht vertilget seine Hasser,
So ward er doch für seinen Ruhm nicht lasser.
Gerodet wurden Dorn und Eichen,
Gangbare Wege sah man streichen.
Die wilden Kuān, sie mußten weichen, 7
Und fort gescheucht von dannen keichen/keuchen.

Als Jû und Sjùi sich in Vergleich begeben,
Und König Wên erregt ihr wahres Leben, 8
Da, sag’ ich, ist das Ferne her(an)genaht,
Da, sag’ ich, folgte nach was vor ihm trat,
Da, sag’ ich, lief sein Preis auf jedem Pfad,
Da, sag’ ich, hatt’ er Wehr vor Feindestat.

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1 – Dergleichen Erdwohnungen, in das steil abfallende Lößgebirge neben- und übereinander eingegraben, finden sich noch im westlichen China. Vgl. das ausgezeichnete Werk: „China von F. Von Richthofen. I. S. 72. 73.“
2 – Zu der bekannten Divination ( = Voraussage von Ereignissen, Wahrsagekunst).
3 – Für die Pisèbauten wurden hölzerne Leerwände aufgestellt, zwischen denen der Lehm hinein geschüttet und festgestampft wurde. S. die folgende Strophe.
4 – Das in den Vorhof des Palastes führende Tor.
5 – Die Hauptpforte des Palastes selbst.
6 – Den großen Hauptaltar. Die Ausleger meinen, zu den Opfern für den Genius der Erde, doch scheint dies zweifelhaft.
7 – Kuän waren ein benachbarter Barbarenstamm.
8 – Die Fürsten von Jû und Sjúi stritten über einen Gebietsteil und wollten sich zu Wên begeben, damit er ihren Streit entscheide. Der Anblick der großen Ordnung und edler Sitten in seinem Land brachte sie dergestalt zu Besinnung, daß sie sich schon unterwegs versöhnten, und ohne Wên gesehen zu haben, einig und friedlich umkehrten

Lied III. 1, 4
Loblied auf König Wen.
Seite 398

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Loblied auf König Wên.

In Menge steht das Dornenholz,
Man scheitert es und stellt’s in Ruh’.
Voll Huld der edle König war,
Von links und rechts man eilt’ ihm zu.

Voll Huld der edle König war;
Links, rechts, sie hielten Zepter dar; 1
Sie hielten Zepter würdevoll,
Wie das ein Hochgestellter soll.

Es fährt ein Schiff den Kīng hinab,
Und alles rudert mit dem Riem(en).
Tschēu’s König zog in’s Feld hinaus
Und sechs Armeen folgten ihm.

Die Sternenmilchbahn schimmert weit
Und schmückt des Himmels Angesicht.
Tschēu’s König wurde hoch bejahrt:
Wie bildet’ er die Menschen nicht?

Zu Schmuck gestochen und graviert,
Gold und Juwel einander ziert.
Rastlos gab unsres Königs Hand
Aufzug und Einschlag allem Land. 2

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1 – Eigentlich „Halbszepter“, zu Libationen ( = Trankopfer) dienend.
2 – D. h. Gesetze und Ausführungsverordnungen.

Lied III. 1, 5
König Wen, der holdselige Gebieter.
Seite 399

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König Wên, der holdselige Gebieter.

Schau, wie am Fuß’ des Hán-Gebirgs
Rotdorn und Hasel wächst unzählig!
Holdselig war der hohe Fürst.
Sein Glück erstrebend stets holdselig.

Fest ist die Schale von Nephrit (= ein Mineral),
Das gelbe Naß, es ist darinnen.
Holdselig war der hohe Fürst,
Da ihm ward Segen und Gewinnen.

Zum Himmel fliegt der Falk’ hinan,
In Tiefen hüpft der Fisch sodann.
Holdselig war der hohe Fürst;
Wie wirkt’ er nicht auf Jedermann?

Der klare Wein ist eingetan,
Der rote Stier ist auf dem Plan,
Um darzubringen, um zu opfern,
Um noch mehr Segen zu empfah’n.*
*empfangen!


Dicht stehen Eich’ und Dornenholz,
Die sich dem Volk zur Feu’rung zeigten.
Holdselig war der hohe Fürst,
Dem liebreich sich die Geister neigten.

Das blätterreiche Kŏ-Gerank
Seh’n wir um Ast und Stamm sich legen.
Holdselig war der hohe Fürst;
Nie sucht’ er Glück auf krummen Wegen.**

(**Na, das nenne ich wirklich brav!
Davon könnte sich manch einer unserer Politiker eine Scheibe davon abschneiden!)

Lied III. 1, 6
König Wen‘s Tugenden.
Seite 400

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König Wên’s Tugenden.

Wie fromm und würdig war Thái-Sjîn,
Die uns den König Wên gebar!
Wie sah sie liebend auf Tschēu-Kiāng, 1
Als sie des Hauses Herrin war!
Und Thái-ssè erbte dieses Ruhmes Zier,
Und hundert Söhne wurden ihr. 2

Da er der Ahnen Folge nahm,
Da machte nichts die Geister zürnen,
Da machte nichts den Geistern Gram.
Sein Beispiel war der Gattin Leiter,
Und ging auf seine Brüder weiter,
Bis es auf Häuser und auf Länder kam. 3

Friedfertig war er im Palast,
Im Ahnensaal voll heil’ger Scheu.
Auch ungeseh’n bewacht’ er sich,
Auch ohne Zwang, beharrt’ er treu.

Als große Drangsal nicht zu meiden war,
Blieb fehllos seiner Großheit Glanz.
Auch unbelehrt, fand er das Rechte,
Auch ungemahnt, trat er hinein.

Drum hatten die erwachs’nen Männer Tugend,
Die unerwachs’nen hatten Zucht.
Der Mann vergang’ner Zeit war unverdrossen, 4
Und seine Diener preisenswert.

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1 – Tschëu Kiäng war König Wên‘s Großmutter, von welcher als Gemahlin Tàn-fù‘s III. 1, 3 die Rede war.
2 – Hundert soll nur die Vielheit ausdrücken, indes werden auch die Söhne der Nebenfrauen als die ihrigen gerechnet. Über dem bezeichnet der chinesische Ausdruck „nân“ nicht sowohl Söhne, als überhaupt „männliche“ Nachkommen.
3 – Die Häuser sind die Fürstenhäuser des Reichs.
4 – Verstehe König Wên.

Lied III. 1, 7
Die Erhöhung der Tscheu-Dynastie.
Seite 402

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Die Erhöhung der Tschēu-Dynastie.

Erhaben ist der Höchste HErr,
Und schaut herab in hehrer Macht.
Er blickte forschend auf das Reich,
Ob Ruh’ den Völkern sei gebracht;
Doch diese beiden Herrscherhäuser, 1
Ihr Walten fand er ungeschlacht.
Und durch die andern Länder alle,
Da sucht’ er um, da nahm er Acht.
Der Höchste HErr, als er gefunden,
Verwarf er die sich groß gemacht;
Und blickte gnädig auf den Westen,
Den er als Wohnsitz zugedacht. 2

Da rodet’ er, zernichtet’* er 3
*veraltet für vernichten
Das tote Holz, das umgestürzte;
Da ordnet’ er, da richtet’ er
Das Dickicht und das Wildverschürzte;*
* = das wild Wuchernde
Da öffnet’ er, da trieb er ab
Das Weidicht* und das harte Rohr;
* das Weidendickicht
Da lichtet’ er, da hieb er ab
Waldmaulbeerbaum und Sykomor.
Der HErr bracht’ her die lichte Tugend:
Die wilden Kuán, sie mußten flieh’n.
Der Himmel setzt’ ihm die Genossin,
Fest stand das Amt schon, ihm verlieh’n.

Der HErr sah nieder auf’s Gebirg:
Und Eich’ und Dorn, fort waren sie,
Pfad ließ Zypress’ und Fichte hie.
Da hub der HErr das Land, hub, dem er’s lieh, 4
Vom Fürsten Thái an und vom König Kí. 5
Es war ja dieser König Kí
Voll Herz, darum auch bruderhold*;
* dem Bruder hold/gut sein
Drum hold dem ältern Bruder sein,
Drum mehrt’ er seines Glücks Gedeih’n;
So wußt’ er Glanz ihm zu verleih’n.
Ihm ward sein Rang; nichts büßt’ er ein;
Bald waren alle Lande sein.6

Es war ja diesem König Kí
Vom HErrn ein weises Herz verlieh’n
Daß still sein Tugendruhm gedieh’n.
Denn seine Tugend war Erkennen,
Sie war Erkennen, war Entscheiden,
Sie war Regieren, war Verwalten,
Beherrschen diese große Lehn,
Und Zucht und Einigkeit erhalten.
Und es gelangt’ an König Wên,
Des Tugend niemals Reu beschwert,
Dem Segen ward von HErrn beschert,
Der bis auf Enkel fortgewährt.

Der HErr, der sprach zu König Wên:
„Fern sei dir Abfall, Gegenwehr, 7
Und fern Gelüsten und Begehr!“ –
Da stieg er über Alle hoch und hehr.
Das Mĭ-Volk wagte frech genug
Des großen Lands Beschädigung,
Fiel ein in Juàn und drang bis Kūng.
Der König, zürnend aufgefahren,
In Ordnung stellt’ er seine Scharen,
Zu wehren eingedrung’ner Scharen,
Tschēu’s Wohl zu sichern vor Gefahren,
Und allem Reich entsprechend zu gebaren.

Nicht aus der Stadt war er gegangen,
Als wir in Juàn’s Gemarkung drangen
Und uns’rer Gipfel Höh’n ersprangen.
Kein’ Scharen mehr auf unsern Bergen,
Und uns die Berge, uns die Höhen!
Kein Trinken mehr aus unsern Quellen,
Und uns die Quellen, uns die Seen!
Da wählt’ er jene schöne Fläche,
Wohnt’ an des Khî-Bergs Mittagswand
Und an des Wéi-Gewässers Strand,
Wo er als Merkziel jedem Land,
Dem niedern Volk als Zuflucht stand.

Der HErr, der sprach zu König Wên:
„Die lichte Tugend halt’ ich wert,
Die groß’ Getön und Färbung gern entbehrt,
Die niemals Leidenschaft noch Laune nährt,
Die unerkannt und unverstanden
Nur nach des HErrn Gebot verfährt.“ –
Der HErr, der sprach zu König Wên:
„In’s Land des Feindes sollst du geh’n,
Sollst deine Brüder dir gesellen;
Sollst deine Hakenleitern nehmen,
Samt Sturmgerät und Wagentürmen,
Die Mauern Ts’hûng’s damit zu stürmen.“

Sturmzeug und Türme rückten an;
Ts’hûng’s Mauern stiegen hoch hinan;
Man fing die Schuld’gen, Mann bei Mann,
Und beim Entohren schonte man. ** 9
Das war ein Weih’n, ein Opferbringen,
Das ein Gelingen, ein Bezwingen,
Daß aller Welt Gespött und Hohn vergingen.
Vor drangen Sturmzeug, Türmewagen
An Ts’hûng’s gewalt’gen Mauerkragen.
Das war ein Draufgeh’n, das ein Jagen,
Das ein Zernichten, ein Zerschlagen,
Daß aller Welt verging das Widersagen.

** Lest diesen Satz noch einmal aufmerksam!

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1 – Die zwei Dynastien Hià und Schäng waren beide gegen ihr Ende aus der Art geschlagen.
2 – Nämlich dem als Würdigen gefundenen Altfürsten Thái, der III. 1, 3 Tàn-fú heißt.
3 – Dies wird von dem Fürsten Thái gesagt, dessen Name nicht erwähnt ist, weil das Erwähnte sein allbekanntes Verdienst war.
4 – Wörtlich: den „Entsprechenden“.
5 – Dieser Fürst Thái war des vorigen Thái ältester Sohn, die Nachfolge aber wurde auf Kí übertragen, da dessen Sohn, der nachherige König Wên, schon damals durch seine großen Eigenschaften hervorragte.
6 – Durch seinen Enkel König Wù. Den Gestorbenen wurden so sehr als Fortlebende gedacht, daß man die Erwerbnisse ihrer Nachkommen noch als die ihrigen betrachtete. Vergl. auch Gen 13, 15.
7 – Dies dürfte wohl in Bezug auf den letzten König der Schäng-Dynastie gesagt sein, von dessen Tyrannei auch Wên schwer zu leiden hatte, den er aber des ungeachtet weder verließ noch bekämpfte.
8 – Der Fürst von Ts´hûng war Wên’s persönlicher Feind und hatte durch Verleumdung dessen mehrjährige Gefangenschaft veranlaßt.
9 – Den Feinden, die sich nicht ergeben wollten und deshalb erschlagen wurden, wurde nach dem Tod das linke Ohr abgeschnitten.

Lied III. 1, 8
Die prächtigen Bauten und Anlagen des Königs Wen.
Seite 406

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Die Prächtigen Bauten und Anlagen des König Wên.

Als er den Wunderturm ersonnen, 1
Ersonnen und den Plan gemacht,
Hat alles Volk sich dran begeben;
Kein Tag – und Alles war vollbracht.
Anhub er mit: „Nicht hastet euch!“
Doch alles Volk kam, Kindern gleich.

Im Wunderpark der König war,
Wo Hirsche ruhten Paar bei Paar,
Gar fette Hirsche, glatt von Haar,
Und weiße Vögel glänzten klar.
Der König war am Wunderteiche;
Wie wimmelte der Fische Schar!

Am bunten Rechen über Stangen 2
Sah Pauken man und Glocken hangen.
Wie Pauk’ und Glock’ harmonisch klangen!
Wie froh vom Inselsaal empfangen! 3

Wie Pauk’ und Glock’ harmonisch klangen,
Wie froh vom Inselsaal empfangen,
Wenn Kläng’ aus Eidechspauken drangen, 4
Die Blinden spielten nach Verlangen! 5

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1 – Turm, Park und Teich haben das Prädikat „ling“, was geistig, überirdisch, wunderbar bedeutet. „Ling thâi“ heißt insbesondere das kaiserliche Observatorium.
2 – Die Pauken und Glocken hingen an einer gezahnten bunt-bemalten Querstange, welche von Pfosten getragen wurde.
3 – Der Inselsaal (pĭ jüng) war das von einem Wassergraben umgebene Gebäude, in welchem die Jugend des Königshauses unterrichtet wurde.
4 – Pauken, mit der Haut großer Eidechsen bespannt.
5 – Das Corps der Musiker bestand aus Blinden. Wahrscheinlich fand sich nach den beiden ersten Strophen ursprünglich eine dritte, ebenfalls aus sechs Versen – Zeilen …?
(Ich habe nachgesehen und so kann Vers tatsächlich auch Zeile bedeuten… aber wer weiß denn so etwas heute noch. Ich jedenfalls nicht!
… nämlich aus der jetzigen dritten Strophe und den beiden letzten Versen/Zeilen der vierten.

Lied III. 1, 9
Preis des Königs Wù.
Seite 407

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Preis des Königs Wù.

Fußstapfen geh’n herab in Tschēu,
Das stets an weisen Königen reich.
Als seiner Herrscher Drei im Himmel, 1
War unser König ihnen gleich. 2

Weil unser König ihnen gleich,
Ließ er des Stammes Tugend schauen,
Und stets entsprechend seinem Amt,
Erfüllt’ er, was wir Kön’gen trauen /zutrauen.

Erfüllend, was wir Kön’gen trauen,
Ward er dem Land zum Unterricht,
Stets frommer Kindespflicht gedenkend,
Das Vorbild frommer Kindespflicht.

Der Liebe zu dem einz’gen Manne
Entsprach die will’ge Tugend dort.
Stets frommer Kindespflicht gedenkend,
Wie glänzend führt’ er Alles fort!

Wie glänzend!Und wenn Künftige
So auf der Ahnen Spuren schreiten,
Zehntausende von Jahren dann
Wird Himmelssegen sie begleiten.

Wird Himmelssegen sie begleiten,
Kommt alles Reich glückwünschend her.
Und auf Zehntausende von Jahren,
Wie hätten sie nicht Helfer mehr?

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1 – Die Drei sind die aus den vorstehenden/voraus gegangenen Liedern bekannten Thái, Kí und Wên.
2 – Wörtlich: „Entsprach der König in der Hauptstadt“ – nämlich jenen Dreien, und dieser König war Wù.

Lied III. 1, 10
Preis der Könige Wen und Wù.
Seite 408

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Preis der Könige Wên und Wù.

Den König Wên der Ruhm erhebt,
Groß ist der Ruhm, der ihn erhebt;
Er hat des Friedens Ruh’ erstrebt,
Hat die Verwirklichung erlebt.
Der König Wên, o welch ein Fürst!

Der König Wên empfing das Amt,
Und hatte Kriegserfolg genug;
Als er geworfen hatte Ts’hûng,
Da baut’ er sich die Stadt in Fūng.
Der König Wên, o welch ein Fürst.

Die Wäll’ und Gräben bauet’ er
Und stellte Fūng gar ziemend her.
Ihn stachelte Begierde nicht,
Er blieb getreu bei Sohnespflicht.
Der hohe König, welch’ ein Fürst!

Da strahlt’ hervor sein Königstum,
Als Fūng mit Mauern war umwallt,
Da wurden alle Länder eins,
Der hohe König war ihr Halt.
Der hohe König, welch’ ein Fürst!

Gen Morgen fließt das Wasser Fūng’s,
Daran man Jǜ’s Verdienst erkennt. 1
Da wurden alle Länder eins,
Dem großen König huldigend. 2
Der große König,welch ein Fürst!

Dem Inselsaal von Háo zu Dank, 3
Von Aufgang und von Niedergang,
Von Mittag und von Mitternacht
Ward nur auf Huldigung gedacht.
Der große König,welch ein Fürst!

Der König ließ sich prophezeih’n; 4
Ob Hào sein Wohnsitz solle sein.
Die Schildkröt’ aber stimmte zu,
Und fertig baut’ es König Wù.
Der König Wù, o welch’ ein Fürst!

An Wassern Fūng’s gibt’ Wegewart; –
Und ob nicht König Wù gedienet ward?
Er hat für Enkel Ziel und Art,
Und Ruh’ und Schutz dem Sohn bewahrt.
Der König Wù, o welch’ ein Fürst!

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1 – S. II. 6, 6 Anm. 1
2 – Der „große König“ ist Wù, auf den das Lied hiermit übergeht.
3 – In der Errichtung dieser Lehranstalt erkannte man Wù‘s friedliebende Gesinnung.
4 – Wie sich sogleich zeigt, durch die bekannte Divination (der Voraussage ) der gerösteten Schildkrötenschale.

Dritten Teiles zweites Zehent.

Lied III. 2, 1
Hëu-tsi, der Urahn des Tschēu-Hauses.
Seite 410

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Hëù-tsi, der Urahn des Tschēu-Hauses.

Der Ursprung des Geschlechts war
Von Kiāng-Juân, die es gebar.
Und wie gebar sie dies Geschlecht?
Sie brachte Opfer, brachte Weih’n,
Daß sie nicht kinderlos mög’ sein;
Trat in des HErren Fußspur schauernd ein, 1
Wo’s weit war, wo sie stand allein.
Und nun empfing sie, schloß sich ein,
Und nun gebar, nun säugte sie: –
Und dieses eben war Hëù-tsĭ. 2

Mit Ausgang ihrer Monden kam
Ihr Erstgebor’ner wie ein Lamm,
Da war kein Reißen, war kein Ringen,
Da war kein Weh, da war kein Gram,
Daß er als Wunder sich verkünde.
Macht’ ihr’s der Höchste HErr nicht linde?
Nahm er nicht hold ihr Opfer dar,
Daß sie den Sohn so sanft gebar?

Man setzt’ ihn aus auf einen engen Pfad, –
Und zärtlich schonten Küh’ und Schafe sein;
Man setzt’ ihn aus in einen tiefen Wald, –
Holzhauer fanden ihn im tiefen Wald;
Man setzt’ ihn aus auf starrend kaltes Eis, –
Ihn hüllten Vogelflügel ein;
Und als der Vogel sich entschwang,
Und  Hëù-tsi’s Klag’geschrei erklang,
War es so laut und war so lang,
Daß es durch alle Wege drang.

So kroch er fort mit Fuß und Hand,
Wuchs dann herauf, kam zu Verstand,
Daß für den Mund er Speise fand.
Da pflanzt’ er große Bohnen ein,
Die Bohnen fanden reich Gedeih’n.
Ihm sproß’ der Reis in üpp’gen Reih’n,
Wuchs Hanf und Weizen mächtig gleich,
Melon’ und Kürbis prächtiglich.

Der Weg Hëù-tsĭ’s zu seinem Erntesegen
War wechselseitiger Verein.
Fort schafft’ er wilde Gräserei’n
Und säte gelbe Saat darein;
Die keimte, die entsproßte fein,
Die wuchs empor, die nahm Gedeih’n,
Die ährte, trat in’s Blühen ein,
Gewann das Korn, schlug trefflich ein,
Ward ährenschwer und reif zuletzt; –
Da ward er in das Haus von Thāi gesetzt. 3

Dann teilt’ er trefflich Saatkorn aus,
Von schwarzer Hirse, Doppelhirse,
Von roter Hirse, weißer Hirse.
Ringsum ward Schwarz- und Doppelhirse
Geerntet und geschobert dann;
Ringsum ward rot’ und weiße Hirse
Getragen und gebracht heran.
Damit hub er zu opfern an.

Und was geschieht bei unserm Opfer nun?
Die hülsen aus, die schütten ein,
Die treten aus, die sichten fein;
Und mit Geplätscher wäscht man’s rein,
Und kocht’s mit Dampfgewirbel klein.
Dann hält man Rat, man reinigt sich, 4
Man nimmt die Stabwurz, opfert Fett,
Man nimmt den Widder, bringt ihn dar, 5
Und röstet dann und brät es gar,
Um einzuweih’n das Folgejahr.

Wir tragens’s eingefüllt in Schüsseln,
In Schüsseln und in Näpfen vor.
Da steigt der Wohlgeruch empor,
Den riecht der Höchste HErr erfreut.
Hëú-tsĭ begann das Opfertragen;
Das sonder Fehl und Reueklagen, 6
So ist herab gelangt bis heut’.

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1 – Der Sinn ist schwer zu erklären und es scheint eine uralte Sage zu Grunde zu liegen aus einer Zeit, als der Höchste Herr noch persönlich gedacht wurde.
2 – Der nämlich, den sie gebar und säugte. Er soll im 25. Jahrh. v. Chr. geboren und sein eigentlicher Name Khí gewesen sein, den Namen Hëú-tsĭ, „der Saatenfürst“, soll er als späterer Ackerbauminister erhalten haben.
3 – Für seine Verdienst im Amt erhielt er das Fürstentum Thäi.
4 – Es ist die religiöse Reinigung gemeint.
5 – pǎ heißt eigentlich „dem Schutzgeist der Wege opfern“.
6 – Legge‘s umschreibende Übersetzung erklärt dies vortrefflich mit den Worten:
“And no one, we presume, has given occasion for blame or regret in regard to it.”
(Auf deutsch: Und niemand, so vermuten wir, hat Anlaß zur Schuld oder zum Bedauern gegeben.)

Übrigens hat Victor englisch – so wie einige andere Sprachen – so fließend gekonnt, daß er wohl manchmal vergaß, daß andere Menschen das nicht können.

Glücklicherweise gibt es heute Übersetzungsprogramme, so daß auch weniger gebildete – wie z. B. ich – sich dort Hilfe holen können.

Lied III. 2, 2
Festlied bei Bewirtung der königlichen Verwandten.
Seite 413

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Festlied bei Bewirtung der königlichen Verwandten.

Das Ried am Wege steht gar dicht;
Zerstampfen es nur Küh’ und Schafe nicht,
Dann sprießt, dann wächst es aufgericht’t
Und saftig schwellt sein Blatt am Licht.
Ihr Brüder, die Ein Band umflicht,
Kommt her, daß Keiner uns gebricht!
Für die sind Matten ausgebreitet,
Für jene Sessel zugericht’t.

Hier liegen Matten auf zu zweit, 1
Der Diener bei den Sesseln steh’n genug.
Man trinkt sich zu, man tut Bescheid,
Spült den Pokal, setzt hin den Krug. 2
Und Brüh’ und Hackfleisch wird gebracht,
Dran Röstfleisch sich und Braten reiht,
Maul und Gekrös’* von Köstlichkeit,
*Gekröse – Innereien, vor allem vom Rind.
Bei Sang und Pauk’ im Wechselstreit.

Stark sind die schön verzierten Bogen,
Vier Pfeile je wohl abgewogen.
Und sind die Pfeil’ an’s Ziel geflogen,
Tritt jeder, wie er Kunst gepflogen. 3
Der schmucke Bogen wird gespannt,
Vier Pfeile liegen in der Hand;
Sind die wie eingepflanzt entsandt,
Nimmt jeder Gast mit Ehren seinen Stand.

Urenkel nimmt den Vorsitz ein, 4
Und von dem besten süßen Wein
Aus großer Kelle gießt er ein,
Den Greisen sein Gebet zu weih’n,
Daß Greisen mit gekrümmten Rücken
Ihr Führen, Helfen möge glücken,
Ihr hohes Alter segensreich
Stets glänzendere Wohlfahrt schmücken.

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1 – Auf die ausgebreiteten Matten sind nochmals besondere Sitzmatten gelegt.
2 – Gegenseitige Erweisungen zwischen dem königlichen Wirt und seinen Gästen.
3 – Wörtlich: „Ordnen sich die Gäste nach der Kunstfertigkeit“, nämlich die sie bewiesen haben.
4 – Der „Urenkel“ ist wiederum der regierende Nachkomme der alten Könige.

Lied III. 2, 3
Erwiderung der Gäste auf das vorige Lied, beim Schlusse des Mahls.
Seite 415

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Erwiderung der Gäste auf das vorige Lied, beim Schlusse des Mahls.

Nun sind wir reich getränkt mit Wein,
Gesättiget mit Gütigkeit.
Dem hohen Herrn zehntausend Jahr’!
Dein glänzend Glück wachs’ allezeit!

Nun sind wir reich getränkt mit Wein,
Man setzt uns deine Speisen her.
Dem hohen Herrn zehntausend Jahr’!
Dein glänzend Licht wachs’ immer mehr!

Dein glänzend Licht, sich kräftigend,
So hoch und klar, find’t gutes End’;
Welch’ gutes Ende schon begann, –
Der Totenknab’ hat’s kund getan. 1

Und was er kund getan, was war’s? –
„Die Schüsseln waren rein und zart;
Die Freunde, die den Dienst getan,
Die taten Dienst in würd’ger Art.“

„In würd’ger Art wird zeitig schon
Dem hohen Herrn verlieh’n der fromme Sohn.
Von frommen Söhnen sonder End’
Wird Segen stets dir zugewend’t.“ 2

Der Segen denn, was wird er sein?
Daß in den Gängen im Palast,
O hoher Herr, zehntausend Jahr’
Du allzeit Glück und Nachkunft hast.

Die Nachkunft denn, wie wird das sein?
Der Himmel fügt dein Glück dir bald;
Dem hohen Herrn zehntausend Jahr’!
Dein hehres Amt hat sichern Halt.

Der sich’re Halt, was wird das sein?
Dir wird ein mannhaft Eh’gemahl;
Wird dir ein mannhaft Eh’gemahl,
So folgen Enkel ohne Zahl.

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1 – S. II. 6, 5. Anm. 4.
2 – Hier muß notwendig die Anführung des Segensspruches des Totenknaben enden und die letzten der Strophen können nur dessen erläuternde Ausführung im Munde der Singenden sein. Da diese dem jungen König erst Nachkommen verheißen, so kann auch in der fünften Strophe nur von dessen zukünftigem Sohn die Rede sein.

Lied III. 2, 4
Beim Mahle zu Ehren d. Totenknaben am Schlusse d. Opferfestes.
Seite 417

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Beim Mahle zu Ehren des Totenknaben am Schlusse des Opferfestes. 1

Wildenten sind am Kingstrom weit;
Der Totenknabe schmauset in Zufriedenheit.
Dein Wein hat klare Lauterkeit,
Und deiner Speisen Duft erfreut.
Der Totenknabe schmaust und trinkt;
Und Heil und Glück ist voll bereit.

Wildenten die sind auf dem Sand:
Der Totenknabe schmauset, wie sich’s billig fand.
Dein Wein ist reichlich bei der Hand,
Die Speisen sind von Wohlbestand.
Der Totenknabe schmaust und trinkt;
Und Heil und Glück sind zugesandt.

Wildenten die sind auf dem Werd*
(* das könnte eine Insel im Fluß sein);
Der Totenknabe schmauset wie sein Herz begehrt
Dein Wein ist trefflich abgeklärt;
Die Speise wohl zerlegt gewährt.
Der Totenknabe schmaust und trinkt;
Und Heil und Glück hernieder fährt.

Wildenten sind im Zuflußtal;
Der Totenknabe schmaust an seinem Ehrenmahl
Geschmauset wird im Ahnensaal,
Wo Heil und Glück sich senkt zu Tal.
Der Totenknabe schmaust und trinkt;
Und Heil und Glück kommt ohne Zahl.

Wildenten sind am engen Wehr;
Der Totenknabe ruhet fröhlich nach Begehr.
Der edle Wein ist köstlich sehr,
Rostfleich und Braten duften her.
Der Totenknabe schmaust und trinkt;
Und hat nun keine Mühen mehr.

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1 – Am Tag nach dem Ahnenopfer wurde eine Nachfeier gehalten, wobei „der Totenknabe“ besonders bewirtet und geehrt wurde.

Lied III. 2, 5
Preis des Königs und seiner Nachkommen.
Seite 419

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Preis des Königs und seiner Nachkommen.

Voll Gnad’ und Huld ist unser Herr,
Ein hoch an Tugend Leuchtender,
Hort seinen Leuten, Hort dem Land,
D’rob er des Himmels Segen fand,
Der Schutz und Hilfe’ und Thronbestand
Von neuem ihm hat zugewandt.

Glück sucht’ er, so wird alles Heil,
Viel tausend Enkel ihm zuteil,
Voll hohen Sinns, voll Edelmut,
Zu Fürsten gut, zu Kön’gen gut.
Der Keiner irrt, noch müßig ruht,
Und stets nach alter Satzung tut.

An Haltung würdig immerdar,
An Tugendruhm unwandelbar,
Und ohne Groll und ohne Neid
Nachgiebig der Genossen Schar,
In grenzenlosem Glück zugleich
Sind sie der Werb’aufzug für’s Reich. 1

Der Aufzug d’rin, der Einschlag d’ran, 1
Verleih’n sie Ruh’ den Freunden dann;
Fürsten und Große, Mann für Mann,
Schau’n hold zum Himmelssohn hinan,
Nie säumig, ihre Pflicht zu tun.
Da kann das Volk in Frieden ruh’n

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1 – Es schien angemessener, diese ursprünglich bildliche Redeweise beizubehalten, als sie in Begriffe aufzulösen, da sie niemand unverständlich sein wird.

Lied III. 2, 6 Fürst Lieu. Seite 420

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Fürst Liêu. 1

Der edle Fürst Liêu –
Nicht rasten mocht’ er und nicht weilen;
Er mußte messen, Land verteilen;
Einernten, schobern Garbenzeilen,
Dörrfleich und Kornfrucht ohne Weilen
In Beutel und in Säcke peilen.
Durch Einung wollt’ er Ruhm erteilen. 2
Bewehrt mit Bogen und mit Pfeilen,
Mit Schilden, Speeren, Äxten, Beilen,
Macht’ er sich fertig, fortzueilen.

Der edle Fürst Liêu –
Er übersah das flache Land;
Da er’s zu voll, zu zahlreich fand,
Entschoß er sich und tat’s bekannt.
Das Seufzen war nicht von Bestand.
Auf stieg er zu der Gipfel Rand,
Stieg wieder ab in’s flache Land;
Was hatt’ er an dem Gürtel da?
Nephrit und edle Steine wert,
Und in besteinter Scheid’ ein Schwert.

Der edle Fürst – Liêu –
Ging zu der hundert Quellen Strand,
Und schaut’ in’s weite flache Land;
Erstieg den Berg gen Süden dann
Und schaute sich das Hochland an.
Das Hochland paßte für das Heer;
Dort blieb er und dort wohnte er,
Dort stell’ er Fremden Obdach her,
Dort sprach er seine Sprüche aus,
Dort hielt er Rat Beratender.

Der Edle Fürst Liêu –
Als er im Hochland konnt ruh’n,
Ließ er den Wackern, Würd’gen nun
Rohrmatten hin und Sessel tun,
Darauf zu sitzen und zu ruh’n.
Er ging zu seinem Pferch hinein,
Holt’ aus den Hürden sich ein Schwein,
Goß in die Kürbisflaschen Wein,
Und speiste sie und tränkte sie,
Beherrschte sie und lenkte sie.

Der edle Fürst Liêu –
Als er’s besaß in Läng’ und Breite,
Hielt Richtschau, trat auf Bergesweite, 4
Verglich die Licht- und Schattenseite,
Und nahm den Lauf der Quellen wahr.
Dreifältig teilt’ er seine Schar, 5
Maß ihr die Marsch, das Flachland dar;
Bestimmte Zins vom Ackerland,
Maß dar der Berge Abendwand,
Und Pīn ward groß an Wohnbestand.

Der edle Fürst Liêu –
Nach Pīn gelangt in Fremdlings Weisen,
Tät über’n Wéi mit Fähren reisen.
Besiedelt, ordnet’ er das Land;
Da wuchs das Volk und sein Bestand,
Das ganze Hoâng-Tal füllt’ es aus,
Bis in das Kō-Tal drang’s hinaus,
Und als zu dicht die Meng’ auch dort,
Ging’ s nach des Sjúi Gestanden fort.

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1 – Liêu war ein Nachkomme von Hëú-tsí (III. 2, 1), und seine hier erzählte Niederlassung in Pïn wird in das Jahr 1796 v. Chr. gesetzt.
2 – Dadurch, daß er Lebensmittel für seinen Stamm sammelte und als Vorrat hielt, suchte er denselben zusammen zu halten, um ihn dann zu Ruhm und Ehren zu bringen in einem angemessenen Wohnland.
3 – Als Liêu die Übervölkerung des bisherigen Wohngebietes erkannt hatte und dem Volk seinen Beschluß der Auswanderung verkündigte, war dasselbe zuerst unmutig darüber, dies währte jedoch nicht lange.
4 – „Er hielt Richtschau“ (kí jìng), er orientierte sich, oder, wie Legge es umschreibt:
«He determined the points of the heavens by means of the shadows».
(Auf deutsch: „Er bestimmte die Punkte des Himmels mit Hilfe der Schatten.“)
5 – Er teilte sein Volk in drei Teile, gab einem die Niederungen, dem zweiten das höhere Flachland, dem dritten die beschatteten Teile im Westen des Gebirges.

Lied III. 2, 7 Mahnung an den König. Seite 423

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Mahnung an den König.

Wer fernher Wasser von der Straße schöpft,
Und gießt es ab und gießt es um,
Kann Hirs’ und Reis darin bereiten. 1
Ein freundlich mild gesinnter Fürst
Ist Vater, Mutter allen Leuten.

Wer fernher Wasser von der Straße schöpft,
Und gießt es ab und gießt es um,
Kann Trinkgefäße mit ihm klären.
Ein freundlich mild gesinnter Fürst
Zu dem wird alles Volk sich kehren.

Wer fernher Wasser von der Straße schöpft,
Und gießt es ab und gießt es um,
Kann damit waschen, damit reinen.
Ein freundlich mild gesinnter Fürst
Wird all’ sein Volk in Ruh’ vereinen.

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1 – Dies sonderbare Gleichnis wird wohl die Klärung und Sittigung/Sittlichkeit des Volkes durch die richtige Behandlung von Seiten des Herrschers andeuten sollen, in erster Reihe/Linie jedoch diese Klärung und Sittlichkeit von dem Herrscher selbst fordern.

Lied III. 2, 8
Fürst Schao‘s Gesang an den König Tschhing.
Seite 424

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Fürst Scháo’s Gesang an König Tschhîng. 1

Am eingebog’nen Bergeshang
Kam frischer Süd geweht in Menge.
Der freundlich mild gesinnte Fürst
Lustwandelte dabei und sang;
Und dazu bracht’ ich diese Klänge:

Lustwandle du mit fröhlichem Behagen,
Zufrieden wandle hin bei Ruhetagen,
O freundlich mild gesinnter Fürst!
Und mög’st du so vollenden deinen Lauf,
Wie ihn die Fürsten vor dir ausgetragen.

Dein Länderkreis ist groß und hochberühmt,
Gar viel des Guten wird dir zugeführet,
O freundlich mild gesinnter Fürst!
Und mög’st du so vollenden deinen Lauf,
Wie dir’s als aller Geister Wirt gebühret. 2

Das Amt empfingst du, lange vorbeschieden,
Das Glück, die Segnung wurde dir in Frieden,
O freundlich mild gesinnter Fürst!
Und mög’st du so vollenden deinen Lauf,
Daß eines Glück dir immer sei hienieden.

Du hast die Helfer, hast die Stützen,
Die treu und tugendsam dich schützen.
Um dich zu leiten, dich zu stützen,
O freundlich mild gesinnter Fürst,
Du sollst dem Reich zum Muster nützen.

Mit Ehrenvollen, Würdereichen;
Mit Zepter-, mit Halbzepter-Gleichen, 3
Mit Hochberühmten, Hoffnungsreichen, –
O freundlich mild gesinnter Fürst,
Bist du des Reiches Führungszeichen.

Das Phönixpaar hat sich erschwungen, 4
Sein Flügelrauschen ist erklungen,
Es fliegt herab nach seinem Ziel.
Der königlichen wacker’n Diener sind gar viel,
Dem hohen Herrn bestellt am Thron,
Die liebend schau’n zum Himmelssohn.

Das Phönixpaar hat sich erschwungen, 4
Sein Flügelrauschen ist erklungen,
Es steigt hinauf zu Himmelshöh’n.
Viel sind der königlichen wacker’n Leut’ erseh’n,
Dem hohen Herrn zu Dienst zu steh’n,
Die liebevoll auf Alle seh’n.

Es tönt des Phönixpaar’s Gesang
Vom Gipel hoch in’s Weite her;
Die Herzbblatt-Albe wächst entlang 5
An Berges Morgenseite her –
In grüner Fülle prächtiglich –
In Harmonie’n einträchtiglich.

Des hohen Herren Wagen sind
Gar viel und gar mancherlei;
Der hohen Herren Rosse sind
Gar wohl geübt und schnell dabei, –
Ich Fügt’ an Lied nur wenig bei,
Daß dein Gesang erweitert sein. –6

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1 – König Tschhing, der sehr jung auf den Thron kam, regierte von 1113 bis 1078 v. Chr.
2 – Der allen Geistern Speiseopfer darbrachte.
3 – Die so rein und so wertvoll sind wie die Rangabzeichen von Nephrit (= ein Mischkristall) welche die höchsten Würdenträger führten.
4 – Diese Wundervögel sollten erscheinen, wenn ein Weiser den Thron bestiegen oder wenn die rechten Grundsätze im Reich herrschten.
5 – Nur auf diesen Wunderbäumen, sagte man, ließe sich der Phönix nieder.
6 – Diese beiden Schlußverse weisen auf die Anfangsstrophe zurück.

Lied III. 2, 9
Mahnung an die Beamten in schlimmer Zeit.
Seite 427

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Mahnung an die Beamten in schlimmer Zeit.

Und hat das Volk auch schwer zu tragen,
Um etwas leichter könnt’s ihm sein.
Tut Gutes dieser Landesmitte,
Das wird dem Reiche Ruh’ verleih’n.
Schont nicht der Schurken und der Kriecher,
Das treibt die Schlechtgesinnten ein.
Tut Einhalt Räubern und Bedrückern,
Die selbst das helle Licht nicht scheu’n.
Seid mild den Fremden, helft den Nächsten,
Dann wird des Königs Macht gedeih’n.

Und hat das Volk auch schwer zu tragen,
Um etwas helfen könnt man.
Tut Gutes dieser Landesmitte,
Das zieht das Volk an sie heran.
Schont nicht der Schurken und der Kriecher,
Das tut’s den wirren Schwätzern an.
Tut Einhalt Räubern und Bedrückern,
Und löst dem Volk des Leidens Bann.
Entziehet euch nicht euer’n Mühen,
Daß Ruh’ dem König werden kann.

Und hat das Volk auch schwer zu tragen,
Um etwas besser könnt’ es steh’n.
Tut Gutes diesem Königssitze, 1
Dann wird das Reich auch Ruhe seh’n.
Schont nicht der Schurken und der Kriecher,
Das wehrt den Übermutigen.
Tut Einhalt Räubern und Bedrückern,
Daß Schändlichkeiten nicht gescheh’n.
Bewahrt ein würdiges Verhalten,
Auf daß die Guten mit euch geh’n.

Und hat das Volk auch schwer zu tragen,
Etwas zu mildern wär’ sein Los.
Tut Gutes dieser Landesmitte,
Dann wird das Volk des Jammers los.
Schont nicht der Schurken und der Kriecher,
Das stellt die argen Heuchler bloß.
Tut Einhalt Räubern und Bedrückern,
Daß man das Recht nicht niederstoß’.
Und seid ihr auch nur kleine Kinder, 2
Ist euer Dienst doch hoch und groß.

Und hat das Volk auch schwer zu tragen,
Zu lindern wär’s doch etwas mehr.
Tut Gutes dieser Landesmitte,
Das stellt das Land von Schäden her.
Schont nicht der Schurken und der Kriecher,
Das wehret dem Schmarotzerheer.
Tut Einhalt Räubern und Bedrückern,
Daß sich das Recht nicht ganz verkehr’. –
Der König wünscht, ihr wär’t Juwelen;
Deshalb ermahn’ ich euch so sehr.

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1 – Der Hauptstadt, deren Einfluß sich auf das ganze Reich erstreckte, und wo die hohen Beamten, denen diese Ermahnung vornehmlich gilt, ihren Sitz haben.
2 – „Ich kleines Kind“ (siào tsè) war im Altertum ein Bescheidenheitsausdruck der Minister und selbst der Könige.

Lied III. 2, 10
Schärfere Mahnungen.
Seite 429

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Schärfer Mahnungen.

Der Höchste HErr hat sich gekehrt,
Elend das niedre Volk verzehrt.
Ihr redet, was sich nicht bewährt,
Beschließt, was nicht weithin begehrt;
Kein Weiser ist, d’ran ihr euch kehrt,
Und Redlichkeit ist ohne Wert.
Beschließt ihr, was nicht weit begehrt,
Halt ich’s der ernsten Weisung wert.

Schickt jetzt der Himmel schweres Leid,
So zeigt nicht solche Fröhlichkeit!
Ist jetzt der Himmel so erregt,
So zeigt euch nicht so unbewegt!
Stimmt’ euer Reden überein,
Würd’ auch das Volk bald einig sein;
Wär’ euer Reden hold und mild,
So wär’ das Volk auch bald gestillt.

Ob auch mein Dienst ein andrer ist,
Bin ich doch euer Mitgespann;
Doch wenn ich euch ermahnen will,
Hört ihr mich kalt verächtlich an.
Ich rede von der ernsten Pflicht,
Meint nicht, zum Lachen sei’s nur so.
Die Alten hatten einen Spruch:
„Nimm Rat an auch von Heu und Stroh.“

Stürmt jetzt der Himmel auf uns ein,
So treibt nicht solche Spötterei’n!
Doch sprech’ ein Alter noch so wahr,
Die Jugend blickt hochmütig d’rein.
Nicht ich red’ Altersfaselei’n*:
*Faselei = unnötiges/dummes Gerede
Ihr treibt mit Elend Spötterei’n;
Doch ist der Brand erst allgemein,
Wird weder Heil noch Hilfe sein.

Wenn jetzt des Himmels Zorn begann,
So gebt Geprahl* und Schöntun d’ran!
*Prahlerei = große unsinnige Reden führen
Doch Würd’ und Ernst ist schier hindann;
Ein Totenknab’ der beste Mann. 1
Das Volk das seufz’ und ächze wie es kann,
Zur Prüfung wagen wir uns nicht hinan.
Ob Not schon Überhand gewann,
Nimmt sich doch Keiner unsrer Massen an.

Vom Himmel wird das Volk bekehrt,
Wie Pfeifenklang vom Flötenhauch,
Wie Zepter von Halbzepter auch, 2
Wie Fassen von dem Handgebrauch;
Mehr wird zum Fassen nicht begehrt.
So wird das Volk gar leicht belehrt.
Doch ist das Volk so sehr verkehrt,
So bleibt doch selbst nicht auch verkehrt!

Die Guten sind ein Zaunverband,
Volksmassen eine Mauerwand,
Die großen Länder eine Wehr,
Die großen Stämm’ ein Pfeilerstand,
Die Tugendhaften Ruh-Gewähr,
Die Stammessöhn’ ein Wall umher.
Laßt nicht den Wall zu Grunde geh’n!
Nicht Ihn voll Furcht alleine steh’n! 3

Habt vor des Himmels Zorne Scheu,
Wagt nicht so eitle Spielerei!
Scheut auch des Himmels Wandelgang,
Wagt dieses Treiben nicht zu lang!
Der hohe Himmel schaut darein,
Er gehet mit euch aus und ein;
Der hohe Himmel sieht es klar,
Er wandelt mit euch immerdar.

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1 – Der Beste ist, wie der Totenknabe beim Opfer, der dabei nur ißt und trinkt, ohne sonst etwas tun zu dürfen.
2 – Zwei Halbzepter, zusammen gelegt, sind von selbst ein Zepter. V. 5 erläutert den Sinn der Gleichnisse.
3 – Ihn – nämlich den König.

Dritten Teiles drittes Zehent.

Lied III 3, 1 Warnungen an König Li. Seite 432

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Warnungen an König Lì. 1

Erhaben ist der Höchste HErr,
Des Untervolk’s Obwaltender.
Erschrecklich ist der Höchste HErr,
Deß/dessen Will’ ein viel verfälscheter. 2
Der Himmel schaffet alles Volk;
Sein Will’ ist nicht verläss’ge Spende. 3
Es mangelt nie beim Anbeginn,
Doch Wenige besteh’n am Ende.

Der König Wên sprach: Wehe dir,
O, wehe dir, du Jīn und Schâng, 4
Wo solche grausame Bedrücker.
Wo solche harte Zinseinpfänder;
Wo solche hoch in Würden steh’n,
Wo solche walten deiner Länder!
Der Himmel schuf die Tugendschänder,
Doch du bist ihrer Vollmacht Spender.

Der König Wên sprach: Wehe dir,
O, wehe dir, du Jīn und Schāng!
Du hältst als Leute guter Sinnen
Tyrannen, die nur Haß gewinnen,
Die dich mit Redefluß umspinnen
Und Dieb’ und Räuber sind da drinnen. 5
Drum das Verfluchen, das Verschwören
Ohn’ alle Grenz’, ohn’ aufzuhören.

Der König Wên sprach: Wehe dir,
O, wehe dir, du Jīn und Schāng!
Du blähst dich übermütig in der Landesmitte,
Und Haß zu ernten dünkt dir Tugendsitte.
Du kennst nicht deine Tugendsitte,
Drum fehlet, der dir nach und mit dir schritte;
Kennst deine Tugendsitte nicht,
Drum Helfer und Berater dir gebricht.

Der König Wên sprach: Wehe dir,
O, wehe dir, du Jīn und Schāng!
Der Himmel ist es nicht, der dich mit Wein berauscht,
Und dich verführt zu Ärgernis;
Du bist’s, der sich der Zucht entriß,
Nicht achtet Licht noch Finsternis,
Und bei Geschrei und Jauchzen macht
Das helle Tageslicht zur Nacht.

Der König Wên sprach: Wehe dir,
O, wehe dir, du Jīn und Schāng!
Es ist wie wirrer Grillensang,
Wie Sprudelbrüh’ im Siededrang;
Und Klein und Groß naht Untergang,
Und doch zieh’n Jene stets den selben Strang.
Inwendig wächst der Grimm im Mittellande,
Bis zum Dämonenland entlang.

Der König Wên sprach: Wehe dir,
O, wehe dir, du Jīn und Schāng!
Nicht kommt vom Höchsten HErrn die böse Zeit:
Jīn läßt das Altertum beiseit.
Und hat es auch nicht alt-erfahr’ne Männer,
So hat es doch Gesetz und Lehren;
Allein er will auf sie nicht hören;
Das wird sein großes Amt zerstören.

Der König Wên sprach: Wehe dir,
O, wehe dir, du Jīn und Schāng!
Die Leute haben einen Spruch:
„Wo etwas sich zum Fallen kehrt,
Und Zweig’ und Blätter sind noch unversehrt;
Da ist die Wurzel schon zerstört.“
Jīn hat den Spiegel nah’ genug;
Die Zeit der Herrscher Hiá’s hat ihn gewährt. 7

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1 – König Lí, der von von 878 v. Chr. an regierte und sich großer Willkür, Erpressungen und Ausschweifungen schuldig machte, wird von dem Verfasser des Liedes, als welcher Fürst Mŭ von Scháo gilt, auf eine geistreiche Weise gewarnt, indem er den König Wên die selben Fehler dem letzten König der Schäng-Dynastie vorwerfen läßt, die schließlich auch Lí den Thron kosteten.
2 – Indem die Könige, denen die Ausführung des göttlichen Willens aufgetragen ist, ihn verkehren und verfälschen.
3 – Ein Herrscher darf sich nicht bloß darauf verlassen, daß ihm die Ausführung des göttlichen Willens, d. h. sein Königsamt, ein für alle Mal verliehen sei.
4 – Beides Namen der letzten Dynastie.
5 – D. h. im Palast selbst.
6 – Bis zum fernsten Ausland.
7 – Die Hiá-Dynastie war (1765 v. Chr.) durch König Kuèi‘s (oder Kiĕ‘s) Ausschweifungen, Verschwendung und Grausamkeit gleichfalls zu Grunde gegangen.

Lied III. 3, 2
Lied des neunzigjährigen Fürsten Wu von Wei.
Seite 435

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Lied des neunzigjährigen Fürsten Wù von Wéi. 1

Des feinen Anstands edle Würde
Tritt aus der Tugend nur hervor.
Doch ist ein Spruch auch bei den Leuten:
Kein Weiser, der nicht auch ein Tor*.
* = törichter Mensch
Zeigt des gemeinen Mannes Torheit
Daß seine Bildung mangelhaft,
So ist des weisen Mannes Torheit
Ein Zeichen seiner Leidenschaft.

Nichts ist so mächtig als ein Mann;
Das ganze Reich vermag er zu belehren;
Und ist sein Tugendwandel echt,
Wird jedes Land ihn folgsam ehren.
Durch reifen Rat, bestimmt Geheiß,
Durch weiten Zweck, rechtzeitig Reden,
Durch wohl bewahrten würd’gen Ernst
Steht er als Richtmaß da für Jeden.

Und du, in gegenwärt’ger Zeit,
Bringst Irrung und Verwirrung in’s Verwalten;
Kehrst deine Tugend gänzlich um,
Schwelgst in berauschenden Getränken?
Wenn du auch schwelgend nur Vergnügen suchst,
Mußt du nicht deiner Herkunft denken?
Strebst du nicht mehr den früher’n Kön’gen nach,
Ihr einsichtsvoll Gesetz zu halten?

Die nicht beim hohen Himmel steh’n in Ehren,
Die fließen wie ein Quell hinab;
Sieht man nicht All’ in ihr Verderben kehren? –
Steh’ zeitig auf, bei Nacht schlaf’ aus,
Bespreng’ und fege Hof und Haus,
Dem Volk ein Vorbild zu gewähren.
Die Ross’ und Wagen rüste zu,
Die Bogen, Pfeile, Krieges(ab)wehren,
Um Kriegsläufen vorzubau’n,
Und um das Mân-Volk abzuwehren. 2

Das Volk und seine Leute förd’re,
Auf deine Fürstenpflichen achte,
Um vorzubau’n auf’s Unbedachte.
Nimm sorgsam deiner Worte wahr.
Des Anstands Würdigkeit behüte,
Und nie sei ohne Mild’ und Güte.
Des weißen Zeptersteines Fleck
Kann wieder weg gerieben werden.
Des ausgesproch’nen Wortes Fleck
Kann nimmermehr vertrieben werden.

Nie nimm es leicht mit deinen Worten,
Und sage nie: So geht es schon.
Niemand kann meiner Zunge wachen,
Und Worte sind nie ungesagt zu machen.
Kein Wort, dem nicht Antworten droh’n,
Und keine Guttat ohne Lohn.
Wer gütig sich dem Freunde zeigt,
Zum Volk sich als zu Kindern neigt,
Dem werden Enkel stets sich reih’n
Und nie die Völker ungehorsam sein.

Und siehst du deine Freund’ und hohen Männer,
Sei hold und mild von Angesicht.
Versiehst du’s auch worinnen nicht?
Erblickst du dich bei dir zu Haus,
Ob’s am geheimsten Ort auch unbeschämt geschähe,
Sprich nie: „Hier bin ich ungeseh’n,
Und Keiner ist in meiner Nähe.“
Der Geister Nahesein indessen
Ist nicht im Voraus zu ermessen,
Und um so minder zu vergessen.

Beweise deiner Tugend, Fürst,
Und zeige dich voll Güt’ und ‘Adel.
Bewache dein Verhalten wohl,
Sei im Benehmen ohne Tadel.
Kein Unrecht tu’, nichts dir zur Schmach;
Nur Wenig’ ahmen nicht dir nach.
Beschenkt mich wer mit Pfirsichen,
So biet’ ich Pflaumen ihm zum Lohn;
Doch erst ein Lamm, und schon gehörnt,
Verwirrt dich nur, du kleiner Sohn.

Ein saftiges und weiches Holz
Wird schon ein Seidenfaden beugen.
Ein gütiger und ernster Mann
Wird seiner Tugend Grund bezeugen.
Das aber ist ein weiser Mann,
Den wir mit einem Spruche mahnen
Und er befolgt der Tugend Bahnen.
Das aber ist ein tör(i)chter Mann,
Der einspricht, wir sei’n irrig dran.
Doch seinen Sinn hat Jedermann.

O aber, o du junger Wicht,
Der noch nicht weiß, was gut, was nicht!
Nicht an der Hand nur führt’ ich dich,
Ich wies dich hin auf jede Pflicht;
Nicht in’s Gesicht nur hieß ich’s dir,
Zog dich beim Ohr zum Unterricht;
Doch scheint’s noch immer weißt du’s nicht,
Da längst dein Arm den Sohn umflicht/umarmt.
Ist man von sich nicht eingenommen,
Wie weiß man denn so früh, und wird so spät vollkommen?

Klar sieht’s der Himmel, hoch und hehr,
Mein Leben ist gar freudeleer.
Daß ich dich so verfinstert sehe,
Das macht das Herz mir kummerschwer.
Mit allem Ernst belehrt’ ich dich,
Du hörtest nur verdrossen her.
Du hieltest es nicht für eine Lehr’,
Hielt’st es für Quälerei vielmehr.
Es scheint, noch immer weißt du’s nicht,
Und bist gealtert schon so sehr.

O liebes Söhnlein, immer neu
Mahn’ ich an’s Altertum dich treu.
Hör’ und befolge meinen Rat,
Dann sparest du dir große Reu’.
Nun drücket uns der Himmel schwer,
Und stürzt das Land in Traurigkeit;
Weit hol’ ich den Beweis nicht her;
Der Himmel irrt zu keiner Zeit.
Wer mit der Tugend sich entzweit,
Der tut dem Volke großes Leid.

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1 – Es wird angenommen, daß dieses Gedicht Selbstermahnungen des Hochbejahrten enthalten.
2 – Die Mân sind die schon früher vorgekommenen wilden Horden im Süden des damaligen Reichs.
3 – Dem guten Beispiel wird gute Nachfolge entsprechen; das sich selbst widersprechende verwirrt nur.

Lied III. 3, 3
Klagelied des Fürsten Sjui.
Seite 439

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Klagelied des Fürsten Sjúi. 1

Der zarte Maulbeer, dicht und groß,
Wie deckt’ er drunten weite Schicht!
Nun steht er leer gepflückt und bloß.
Voll Jammer ist des Volks Gesicht,
Und mein Betrübnis grenzenlos,
Da mir das Herz vor Mitleid bricht.
Du hoher Himmel, hehr und licht,
Erbarmest du dich unser nicht?

Die Hengstgespanne stürmisch jagen,
Schlangen- und Vogelbanner weh’n.
Aufruhr entsteht, nicht auszutragen;
Kein Land, das nicht zu Grund will geh’n.
Das Volk muß schwarzem Haar entsagen,
Vor Elend ist’s aschfarb(en) anzuseh’n.
O wehe, wie ist das zu klagen!
Wie eilt des Reiches Niedergeh’n!

Sein Niedergeh’n ist nicht zu wenden,
Der Himmel will sich uns entzieh’n.
Kein Ort ist, wo wir Ruhe fänden;
Wer fort will, wohin soll er zieh’n?
Wenn edle Männer sich verbänden,
Würd’ aller Streit der Herzen flieh’n.
Wer mußt’ auf Unheilsweg’ uns senden,
Bis daß es kam zu dem Ruin?

In Kummer ist mein Herz verloren,
Das meines Heimatlands gedenkt.
Zur Unglückszeit bin ich geboren,
Des Himmels Zornwut zugelenkt.
Vom West bis zu des Aufgangs Toren,
Da ist kein Ort, der Ruhe schenkt.
Viel’ sind der Trübsal’ uns erkoren,
Und uns’re Grenzen hart bedrängt.

Nun hältst du Rat, willst sorgen lassen,
Indeß der Aufruhr wächst und ficht.
Ich zeigte dir des Elends Massen,
Ich wies dir jedes Dienstes Pflicht.
Wes(sen) Hand kann Glühendes erfassen,
Taucht er’s zuvor in Wasser nicht?
Und wie kann Einer Heilung bringen,
Wenn Alles schon zusammen bricht?

So geht man wider scharfen Wind
Und kann nicht hinter’n Atem kommen.
Wer vorzugeh’n auch ist gesinnt,
Muß sagen: es kann nicht mehr frommen; –
Er zeigt sich Saat und Ernten hold,
Nimmt Handarbeit statt Ehrensold.
Und Saat und Ernt’ ist ihm so wert,
Daß er nicht Ehrensold begehrt.

Der Himmel sendet Tod und Wirren,
Vernichtet unser Königshaus,
Schickt Würmerfraß der Saat im Lande,
Und schlimm sieht Sä’n und Ernten aus.
Ach weh’ dem armen Mittellande!
Denn Alles sinkt in Schutt und Graus.
Und auch zu gar nichts mehr im Stande,
Gedenk’ ich des gewölbten Blau’s.

Ist hier ein wohlgesinnter Herrscher
Der will auf Volk und Leute seh’n,
Der faßt ein Herz, hat reife Pläne,
Forscht Männern nach, ihm beizusteh’n.
Ist aber da ein Unfügsamer,
Der Alles selbst glaubt zu versteh’n;
Der will nur auf sein Inn’res seh’n,
Und macht das Volk schier untergeh’n.

            *          *          *

Wir sehen, wie vom Wald umschlossen
Die Hirsche leben unzertrennt.
Sind aber treulos die Genossen,
Daß Keiner Andern Gutes gönnt,
So ist ein Sprichwort bei den Leuten:
Fortschritt und Rückschritt sind zu End’.

Der Eine ist ein weiser Mann,
Der blickt und spricht viel’ Meilen weit;
Der Andre ist ein stumpfer Mensch,
Der nur an Torheit sich erfreut.
Doch wer unfähig nicht des Sprechens,
Warum hat der den Haß gescheut?

Der Eine ist ein bied’rer Mann;
Den sucht man nicht, der rückt nicht vor.
Der Andre ist ein hartes Herz,
Deß/dem wird gedacht, der steigt empor.
Da bringt ein Aufruhr lüstern Volk
Mit Freuden Gall’ und Gift hervor.

Der Sturm hat Wege, die er rauscht,
Wo er aus off’nen Tälern dringt.
Der eine ist ein bied’rer Mann;
Der geht an’s Werk und ihm gelingt’;
Der Andrer ist ein Unfügsamer,
Der mitten in den Unrat bringt.

Der Sturm hat Wege die er rauscht;
Genossen stürzt, wen Habgier bauscht.
Wohl spräch’ ich, würd’ auf mich gelauscht;
Nun stamml’ ich Worte wie berauscht.
Daß man die Biedern nicht verwendet,
Das macht auch mich wie ausgetauscht.

Ach, meine Freund’ und Amtsgenossen,
Ist mir denn unbekannt, was ich hier angeregt; –
Wie wenn von fliegenden Geschöpfen
Zufällig eins der Pfeil erlegt?
Ich geh’ drauf aus, euch zu beschirmen,
Und bin’s, der euch zum Zorn bewegt.

Des Volkes schrankenloses Trachten,
Durch schlaue Gleißner* ist’s entfacht.
* Menschen die glänzen/glitzern – mehr Schein als Sein
Sie tun dem Volke nicht was nützet,
Als wär’ es nicht in ihrer Macht.
So ist das Volk auf schlechte Wege
Wetteifernd mit Gewalt gebracht.

Des Volkes Unbeständigkeit
Kommt von der Räuber Plünderungen. 2
Die Gleißner sagen: „Kann nicht sein;“ –
Und hinterrücks gibt’s Lästerungen.
Sagt ihr nun gleich: „Das trifft nicht uns!“
Hab’ ich doch euch dies Lied gesungen.

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1 – Leâng-fü, Fürst von Sjúi, lebte unter König Lì.
2 – Die Räuber sind diejenigen Beamten, welche ihr Amt zur Ausraubung des Volkes mißbrauchen.

Lied III 3, 4
König Siuan‘s Klagelied über die Dürre.
Seite 443

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König Siuân’s Klagelied über die Dürre. 1

Hoch schimmert die Milchstraße her,
Und dreht’ am Himmel sich mit Prangen,
Da sprach der König: Wehe, weh!
Was haben wir jetzt Lebenden begannen?
Der Himmel sendet Tod uns Wirren,
Stets wird des Hungerns mehr verhangen.
Kein Geist ist, den ich nicht verehrt,
Kein Opfer, deß/dem ich mich erwehrt,
Halbzepter, Zepter sind zu Ende, –1
Weswegen werd’ ich nicht gehört?

Die Dürr’ ist über Maßen groß;
Stets wächst des heißen Dunstes Wallen.
Kein reines Opfer ward versäumt
Vom Grenzherd bis zur Ahnenhallen.
Auf-, abwärts opfert’ ich, grub ein; 3
Ohn’ Ehren blieb kein Geist von allen.
Doch auch Héu-tsĭ vermochte nichts; 4
Dem Höchsten Herrn hat nichts gefallen.
Des Landes Schwinden und Vergeh’n,
O wär’s auf mich allein gefallen!

Die Dürr’ ist über Maßen groß,
Ich kann’s nicht von mir wälzen wollen.
Ich bin erschrocken, bin entsetzt,
Wie beim Gekrach’, beim Donnerrollen.
Vom Rest aus Tschēu’s schwarzhaar’gem Volk
Wird auch nicht Einer bleiben sollen.
Vor’m Höchsten HErrn in Himmelshöh’n
Werd’ ich ja selbst nicht bleiben sollen.
Wie fürchteten wir alle nicht,
Daß auch die Ahnen bald verschollen? 5

Die Dürr’ ist über Maßen groß,
Und ihr ist nicht zu widersteh’n.
Und diesem Brennen, diesem Glühen,
Mir bleibt kein Ort ihm zu entgeh’n.
Mein letztes Schicksal ist mir nahe,
Kein Aufschau’n hilft, kein Hilfefleh’n.
Die vielen Fürsten, vor’gen Großen, 6
Auch sie tun nichts, mir beizusteh’n.
O Vater, Mutter, all’ ihr Ahnen,
Wie könnt ihr so mich leiden seh’n?

Die Dürr’ ist über Maßen groß,
Verdorrend lechzen Flüss’ und Flühen. *
*das soll vielleicht Fluren heißen –
es gibt aber auch das Wort Fluh, die Mehrzahl davon ist Flühe (=Felswände)
Der Trocknis Dämon treibt es wild,
Wie Feuerbrand, wie Flammensprühen.
Mein Herz ergrauset vor der Glut,
Mein banges Herz ist wie im Glühen.
Die vielen Fürsten, vor’gen Großen,
Sie haben mir kein Ohr geliehen.
O Höchster HErr in Himmelshöh’n.
Daß du hinweg mich ließest fliehen!

Die Dürr’ ist über Maßen groß,
Ich ring’ aus Furcht, mich zu entbinden.
Warum ward ich geschlagen mit der dürren Zeit?
Ich kann die Ursach’ nicht ergründen.
Gar zeitig betet’ ich für’s Jahr,
Verspätet’s nicht bei Erd’ und Winden. 7
Der Höchste HErr in Himmelshöh’n,
Er läßt mich nicht Beachtung finden.
Ehrt’ ich die lichten Geister treu,
Sollt’ ihren Grimm ich nicht empfinden.

Die Dürr’ ist über Maßen groß;
Die Ämter geh’n aus Rand und Band;
O wie erschöpft sind all’ die Großen,
Wie lahm mein höchster Rat im Land, –
Stallmeister, Gardenkommandant,
Truchseß, und wer mir sonst zur Hand, –
Nicht einer, der nicht gern geholfen,
Und nicht sich machtlos abgewandt.
Ich schau’ empor zum hohen Himmel:
Warum ward mir dies Leid gesandt?

Ich schau’ empor zum hohen Himmel,
Hell schimmert seiner Sterne Licht.
Ihr Großen und ihr hohen Männer,
Ihr kamet glänzend, nichts gebricht;
Doch mag das letzte Schicksal nahen,
Entzieht euch der Vollbringen nicht. 8
Strebt ihr denn nur für mich alleine?
Nein, ihr ermutigt jede Pflicht.
Ich schau’ empor zum hohen Himmel,
Ob seine Gnad’ uns Trost verspricht.

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1 – König Siuân regierte von 826 bis 780 v. Chr. – Als Verfasser des Liedes wird ein gewisser Sjîn Schŭ genannt.
2 – Beide Arten von Würdezeichen wurden mit ihrer Höhlung zu den Trankopfern gebraucht.
3 – Er opferte den himmlischen und den irdischen Geistermächten und vergrub dann das als Opfer ausgestellte.
4 – Aus III. 2, 1 ersehen wir, daß der Ahnherr des Hauses Héu-tsĭ, Schutzpatron des Ackerbaues war.
5 – Ihr Andenken wird auf Erden erlöschen, weil keine Nachkommen mehr ihnen opfern können.
(„Das erinnert mich an den zauberhaft gemachten mexikanischen Animation-Film „COCO – lebendiger als das Leben“, in dem es genau um dieses Thema geht.)

6 – Die Geister der fürstlichen Vorfahren und ihrer Minister.
7 – Für „Winde“ genauer „Himmelsgegenden“.
8 – Dem Vollbringen der Opfer und Gebete, wozu die hohen Würdenträger erschienen waren.

Lied III 3, 5
Loblied Ki-fu‘s auf den Fürsten Schin.
Seite 446

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Loblied Kĭ-fù’s auf den Fürsten Schīn.

Vom aufgetürmten Hochgebirge,
Deß First sich bis zum Himmel spannt,
Ward einst ein Geist herab gesandt,
Durch welchen Fù und Schīn entstand.
Nun ist es Schīn und mit ihm Fù,
Die beide Tschēu als Pfeiler stützen,
Die alle Lande decken schützen,
Dem ganzen Reich zum Antrieb nützen.

Den rastlos tät’gen Fürsten ‘Schīn
Erhielt der König seinem Stande, 1
Daß er in seiner Stadt, in Sié,
Das Vorbild sei der Mittagslande.
Der König hieß den Fürsten Scháo’s, 2
Dem Fürsten Schīn bestellen Hof und Haus;
Daß er die Mittagslande hebe,
Dies Tun in seinem Stamm fortlebe.

Dem Fürsten Schīn gebot der König:
„Sei Mittagslanden Vorbild nun,
Und laß dir Sié’s Bewohner dienen,
Um dein Verdienst hervor zu tun.“
Dem Fürsten Scháo gebot der König,
Fürst Schīn’s Gebiet und Äcker auszuleih’n. 3
Dem Hofmarschall gebot der König,
Ihm hinzuschaffen Groß und Klein. 4

Für das Verdienst des Fürsten Schīn
Ward da der Schào-Fürst zum Erbauer,
Errichtete zuerst die Mauer,
Zuletzt den Ahnensaal auf Dauer.
Als der gebaut war tief und lang,
Verlieh dem Fürsten Schīn der König
Ein Hengstgespann von stolzen Gang,
Am Brustgespänge funkelnd blank.

Vom König ward Fürst Schīn entsendet
Mit Staatskaross’ und Viergespann:
„Ich wählte dir den Wohnsitz aus;
An’s Mittagsland reicht nichts hinan.
Ich gebe dir das große Zepter,
Um deine Würde darzutun.
Geh’ hin, mein königlicher Oheim,
Und sei des Südland’s (Be-)Schirmer nun!“

Fürst Schīn vermeinte schon zu scheiden,
Da lud nach Mêi der König ihn. 5
Dann wandte sich Fürst Schīn gen Süden,
Um nun bestimmt nach Sié zu zieh’n.
Hieß doch den Fürsten Scháo der König,
Fürst Schīn’s Gebiet und Marken auszuleih’n,
Die Zinsvorräte trügen ein,
Der Fahrt zur Förderung zu sein.

Fürst Schīn in kriegerischer Kraft
Kam nun in Sié herein gezogen;
Viel Fußvolk, Wagenkämpferschaft,
Daß alle Land Tschĕu’s sich freuten:
„Nun ist euch wack’rer Halt verschafft!
Ist nicht Fürst Schīn, der hoch-berühmte,
Des Königes erhab’ner Oheim,
In Krieg und Frieden musterhaft?“

Die Tugend, die Fürst Schīn bewahrt,
Ist gütig, mild und echter Art.
All’ dieser Lande wird er walten,
Bis alles Reich voll Rühmens ward. –
Kĭ-fù hat den Gesang gemacht,
Es ist ein Lied von hohen Dingen.
Sei’n dessen Töne gut genug,
Dem Fürsten Schĭn es darzubringen.

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1 – Er ließ ihn das Fürstenamt seiner Vorfahren fortsetzen.
2 – Der Fürst von Scháo war Minister der öffentlichen Arbeiten.
3 – Die Ländereien wurden an die Untertanen gegen bestimmte Naturalabgaben angewiesen.
4 – Alle, die zu seinem Hausstande gehörten.
5 – König Siuân verzögerte die Abreise des Fürsten von Schïn noch durch die Einladung zu einem Abschiedsmahl in Mêi.

Lied III. 3, 6
Ki-fu‘s Loblied auf Tschung-schan-fu.
Seite 449

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Kĭ-fù’s Loblied auf Tschúng-schān-fù.

Der Himmel schafft das viele Volk;
Gibt’s Etwas, gibt’s Gesetz dafür;
Und was das Volk als Ew’ges hält,
Dies lieben, das ist Tugendzier.
Der Himmel schaut’ auf Tschēu’s Gebieter,
Und wandt’ ihm Glanz hienieden zu,
Er hütete des Himmelssohnes:
Und rief in’s Leben Tschúng-schān-fù.

Die Tugend, an Tschúng-schān-fù offenbart,
Ist mild und gut, dem Recht gepaart;
Ausseh’n und Haltung fein bewahrt,
Sorgfalt, die keine Rücksicht spart.
Gesetz ist ihm der Vorzeit Art,
Und ernstlich er die Würde wahrt.
Dem Himmelssohne treu ergeben,
Führt er sein licht Geheiß in’s Leben.

Der König hat dem Tschúng-schān-fù geheißen:
„Nun sei das Muster aller Fürsten,
Setz’ deiner Ahnen Reihe fort.
Dem König selbst sei Schutz und Hort,
Trag’ aus und ein des Königs Wort,
Sei du des Königs Zung’ und Kehle
Und führ’ hinaus sein Regiment,
Daß ihm entspreche jede Seele.“

Des Königs ernstliches Geheiß
Hat Tschúng-schān-fù getreu beschickt.
Ob Land’ und Staaten gut, ob nicht,
Hat Tschúng-schān-fù gar scharf durchblickt.
Scharf-blickend ist er ja, und weise,
Daß er sich selbst behüten kann.
Bei Tag und Nacht auch unverdrossen
Im Dienste von dem Einen Mann. 1

Die Leute haben wohl den Spruch:
„Ist etwas weich, verschluckt man es,
Ist etwas hart, aus spuckt man es“;
Doch also nicht tut Tschúng-schān-fù,
Der auch was weich ist, nicht verschluckt ,
Der auch was hart ist, aus nicht spuckt,
Der nie die Schwachen unterdrückt,
Den Furcht vor Mächt’gen nie durchzückt.

Die Leute haben wohl den Spruch:
„Ist Tugend auch leicht wie ein Haar,
Vermögen Wenige sie aufzuheben“,
Doch wenn ich schließe mit Bedacht,
Daß Tschúng-schān-fù vermag sie aufzuhaben,
Hilft meine Lieb’ ihm nicht daneben.
Ist in des Königs Kleid ein Riß, 2
So weiß auch Tschúng-schān-fù ihn wieder zuzuweben.

Tschúng-schān-fù brach vom Reise-Opfer auf;
Sein Hengstgespann war stark im Bug,
Voll Eifers jeder Mann im Zug,
Besorgt, er tu’ ihm nicht genug.
Das Hengstgespann flog fort im Lauf,
Acht Schellen klingelten darauf.
Der König hatte Tschúng-schān-fù geheißen:
Im Ostland bau’ die Mauern auf.

Das Hengstgespann rannt’ ohne Ruh,
Acht Schellen läuteten dazu.
Hinaus nach Ts’hî begab sich Tschúng-schān-fù
Und kehren wird er heim im Nu. –
Dies Lied hat ihm Kĭ-fù gemacht,
Daß es wie linder Hauch ihn kose/streicheln,
Und Tschúng-schān-fù bei seinen steten Sorgen
Das Herz besänftige mit Trost.

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1 – D. h. dem König, welcher Siuân war.
2 – Selbstverständlich ist dies ein Bild für Königs Regierungshandlungen oder Beschlüsse.

Lied III. 3, 7
Loblied auf den Fürsten von Han (824 v. Chr.)
Seite 452

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Loblied auf den Fürsten von Hân.
(824 v. Chr.)

Am mächtigen Leâng-Gebirge,
Dem Jü die Urbarkeit verlieh’n,
Von dem sich weit die Straßen bahnen,
Empfing der Fürst von Hân sein Amt.
Der König selbst beamtet’ ihn:
„Setz’ fort die Reihe deiner Ahnen;
Versäume nicht in meinem Amt,
Laß Tag und Nacht nicht Muße seh’n,
Hingebend ehre deine Würde,
So wird mein Amt dir nie entgeh’n.
Treib’ ein die unbotmäß’gen Lande,
Um deinem Obherrn beizusteh’n.“

Mit seinen vier gewalt’gen Hengsten –
Sie waren mächtig hoch und lang –
Erschien der Hân-Fürst beim Empfang.
In seiner Hand das große Zepter,
Kam er zum König beim Empfang.
Der König gab den Fürsten Hân
Ein prächtig Banner mit Behang,
Geflocht’ne Schirmwand, Jochschmuck blank,
Ein schwarzes Staatskleid, rote Schuhe,
Gravierten Stirnschmuck, Brustgespang, 2
Lehnsitz von Leder, Tigerdecken,
Und Zügel gold-beringter Ecken.

Der Hân-Fürst brach vom Opfer auf;
Er hatt’ in Thû zu ruh’n beschlossen.
Hiàn-fú gab ihm das Abschiedsmahl,
Wo hundert Krüge Weine flossen.
Und was für Fleische gab es da?
Schildkrötenbraten, Fisch mit Flossen.
Was für Gemüse gab es da?
Nebst Kalmuswurzeln* Bambussprossen.
* = eine Heilpflanze
Was für Geschenke gab es da?
Ein Viergespann samt Staatskarossen.
Um viele Näpf’ und Schüsseln schlossen
Die Fürsten sich als Festgenossen.

Es nahm der Hân-Fürst zur Gemahlin
Die Schwestertochter Königs Fên,
Die einst dem Kúei-fù war geboren.
Der Hân-Fürst holte sie von dort,
Wo Kuèi die Wohnstadt war erkoren.
Ein Hundert Wagen rollt’ entlang,
Und ihrer Schellen Klingeln klang.
War da nicht Glanz in Überschwang.
All’ ihre Folgefrauen traten
Gleich einer Wolke sanft hervor.
Der Hân-Fürst sah sich um nach ihnen,
So glänzend füllten sie das Tor.

Kúei-fù war ein erfahr’ner Krieger;
Kein Land, das nicht seine Augen sah’n.
Da er für Hân-khĭ eine Heimat wählte, 4
Schien keine lieblicher als Hân’s.
Gar lieblich ist ja Hân’s Gebiet
Das weithin See und Fluß durch zieht.
D’rin Brass’ und Karpfen wohl geriet,
Da Hochwildbret in in Rudeln zieht,
Und da man Bären, Riesenbären,
Waldkatzen sowie Tiger sieht.
Und von so schönem Heim entzückt,
Ward Hân-khĭ ruhig und beglückt.

Hochragend war die Mauer Hân’s,
Die einst erbaut das Heer von Jân,
Als dort sein erster Ahn das Amt empfangen,
Zu bändigen die wilden Mân.
Der König hat dem Fürsten Hân’s
Dazu die Tschūi, die Mĕ gegeben, 5
Und rasch nahm er das Nordland ein,
Um als sein Oberhaupt zu leben.
Dann gab es Wälle, gab es Gräben,
Gab Landausleih’n, gab Zinserheben;
Und Pelz vom Luchse sandt’ er her,
Vom roten Pardel*, gelben Bär. 6
* = ein Leopard

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1 – Vgl. II. 6, 6 Anm. 1.
2 – Beides für die Pferde.
3 – Späterer Beiname des Königs Lì vom Fluß Fên, bei welchen er sich nach seiner Vertreibung aufhielt.
4 – Hân-khĭ ist der Name der Gemahlin des Fürsten von Hân.
5 – Wilde Stämme im Norden.
6 – Diese Pelze sandte der Hân-Fürst als Hundigungsgeschenke an den Königshof.

Lied III. 3, 8
Schao-Hu‘s Siegeszug und Belohnung (826 v. Chr.).
Seite 455

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Scháo-Hü’s Siegeszug und Belohnung.
(826 v. Chr.)

Kiāng und Hán geschwollen waren; 1
Vorwärts strömten Kriegerscharen.
Ohne Ruh’n und Müßigfahren
Suchten wir die Hoâi-Barbaren; 2
Zogen aus mit unsern Wagen,
Ließen unsre Banner ragen,
Ohne Ruhen, ohne Zagen,
Hoâi’s Barbaren fortzuschlagen.

Kiāng und Hán sich wogend schwangen;
Kühn zum Streit die Krieger drangen.
Ordnung ist durch’s Reich gegangen;
König hat die Kund’ empfangen.
Alles Land war nun in Frieden,
Fest des Königs Reich hienieden,
Aller Streit hinfort vermieden
Und dem König Ruh’ beschieden.

Wo sich Kiāng und Hán ergießen,
König hat Scháo-Hú gehießen*:
*gehießen = angeordnet
„Geh’, die Länder aufzuschließen,
Meine Grenzmark auszuleih’n,
Ohne Drücken und Verletzen
Nach des Königslands Gesetzen
Im Begrenzen, im Befrieden,
Bis hinaus an’s Meer im Süden.

König hat Scháo-Hü geheißen:
„Bist gegangen, war’st Verteiler;
Und als Wên und Wù regierten,
War ein Scháo-Fürst auch ihr Pfeiler;
Ich, ein Kind, muß ihnen weichen,
Doch du bist des Scháo-Fürst Gleichen;
Durch-bewährt ist dein Verdienst,
Das soll dir zum Glück gereichen.

Die ein Opferzepter geb’ ich
Und ein Faß mit Hirseweine;
Tat auch kund vor dem Patrone: 4
Berg, Land, Feld sei dir zum Lohne.
Nimm in Tschēu dein Amt vom Throne,
Wie’s dem Ahnherrn ward vom Throne.“ –
Hü das Haupt zur Erde beugte:
„Tausend Jahr’ dem Himmelssohne!“

 Hü das Haupt zur Erde beugte,
Laut des Königs Huld bezeugte,
Ihn dem Ahnen gleich zu heben: 5
„Himmelssohn mög’ endlos leben!
Himmelssohn, so hoch erleucht’t,
Dessen Ruhm kein End’ erreicht,
Deine Herrschertugend zeige,
Daß sich alles Land ihr neige.“

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1 – Die beiden schon öfter genannten Flüsse.
2 – Wilde Stämme am Fluß Hoâi.
3 – S. III. 3, 4 Anm. 2.
4 – Wörtlich: „dem vollkommenen Manne“, womit König Wên als Schutzpatron des Reichs und des Königshauses gemeint ist.
5 – Dieser sehr schwierige Vers ist noch nicht genügend erklärt.

Lied III. 3, 9
König Siuan‘s Krieg und Sieg.
Seite 457

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König Siuân’s Krieg und Sieg.

In Majestät und hoch-erleuchtet
Gebot der König seinem Rat,
Der da Nân-Tschúng zum Ahnherrn hat,
Hoâng-fù, dem Feldmarschall im Staat:
„Nun rüste meine sechs Armeen,
Und halt’ mein Kriegsgerät parat.
Laß Sorg’ und Eifer nicht ermüden
Zum Frommen uns’rer Land’ im Süden.“

Dann sprach der König zu den Jîn: 1
„Dies gib dem Fürsten von Tschhîng Hiēu-fù bekannt:
Er ordne links und rechts den Marsch,
All’ meiner Heere Kommandant;
Er zieh’ am Hoâi entlang den Strand,
Den Blick zum Lande Siû gewandt,
Ohn’ Aufenthalt und Stillestand.
Der Feldbau gehe fort im Land.“ 2

Voll Majestät und Festigkeit
Ist der erhab’ne Himmelssohn.
Der König rückt bedachtsam vor,
Nicht hastig, noch im Zaudergange.
Dem Siû-Land mehr und mehr wird bange,
Das Siû-Gebiet erbebt. erschrickt;
Als ob der Donner kracht und wütet,
Erbebt, erschrickt das Siû-Gebiet.

Der König, den sein Mut durchmannt,
Wie grimmerfüllt, wie zornentbrannt,
Schickt seine Tigerhelden vor,
Gleich wilden Tigern wutgespannt;
Nimmt weit hinaus des Hoâi Gestade,
Ergreift Gefang’ne vielerhand,
Und schneidet ab den Weg zum Strand,
An dem das Heer des Königs stand.

Der Königsscharen Überschwang,
Wie fliegend, wie beschwingt im Gang,
Und wie der Hán und wie der Kiāng,
Und wie des Berges breiter Fuß,
Und wie des Stromes Fluterguß,
Kommt lang-gereiht und fest-gefügt,
Und unvermutet, unbesiegt,
Bis rings das Siû-Land ihm erliegt.

Des Königs Art war echt und treu.
Das ganze Siû-Land kam herbei.
Ganz Siû-Land sammelt sich schon;
So Großes tat der Himmelssohn.
Ruh’ ist das ganze Reich entlang;
Das Siû-Land kam zum Hofempfang.
Das Siû-Land bleibt nicht wieder aus.
Der König sprach: „Zieh’n wir nach Haus!“

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1 – Der Jîn, dem hier die Publikation des königlichen Beschlusses aufgetragen wird, ist jener Kĭ-fù aus dem Geschlecht der Jîn, der das 5. und 6. Lied dieses Zehent‘s gedichtet hat.
2 – Dieser Vers heißt wörtlich: „Die drei Geschäfte sollen im Gang bleiben“. – Die von Tschü-hï erwähnte Meinung, daß hiermit die Geschäfte des Ackerbaues gemeint seien, hat auch das Khäng-hi‘sche Wörterbuch angenommen, und Legge stimmt dem bei.

Lied III. 3, 10 Schlimme Zustände. Seite 459

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Schlimme Zustände. 1

Ich schau’ empor zum hohen Himmel, –
Uns zeigt er nicht Barmherzigkeit.
So lange schon war keine Ruhe;
Nun schickt er dieses große Leid.
Nichts Festes gibt es mehr im Lande;
Wie quält sich Volk und Obrigkeit!
Ein Wurmfraß ist’s, ein Würmerschaden, 2
Dem nichts mehr Halt noch Ziel verleiht.
Nie wird das Strafnetz aufgewunden; 3
Da ist kein Halt und kein Gesunden.

Die Menschen hatten Feld und Gründe,
Ihr aber nahmt sie in Besitz;
Die Menschen hatten Volk, Gesinde,
Ihr habet sie davon entblößt;
Die keine Strafe sollten leiden,
Die habet ihr in’s Netzt gebracht,
Und die da sollten Strafe leiden,
Die habet ihr davon erlöst.

Der kluge Mann erbaut die Mauer,
Das kluge Weib zerstört die Mauer. 4
Ist jenes kluge Weib auch schön,
Sie ist ein Leichhuhn, eine Eule.
Das Weib von langer Zunge ist,
Die Treppe zum Tumultgeheule.
Vom Himmel  wird der Aufruhr nicht gesandt,
Vom Weibe kommt er in das Land.
Nicht darf man Zucht noch Lehre suchen,
Wo nur sind Weiber und Eunuchen.

Sie foltern Leut’ aus Tück’ und Haß,
Erst heuchlerisch, dann ohne das.
Heißt’s wohl: „darüber kann’s nichts geben?“
Vielmehr: „was ist’s denn Schlimmes eben?“
Wie wenn ein Kaufmann dreifach nimmt.
Doch, kennt der Edle bess’res Streben,
Das Weib, zum Staatsdienst nicht bestimmt,
Läßt seine Seidenzucht, sein Weben.

Weswegen dich der Himmel züchtigt?
Weshalb der Geister Segen wich?
Nicht deiner großen Feinde denkst du? 5
Und wendest deinen Haß auf mich.
Dich kümmern nicht die bösen Zeichen,
An dir wird Würd’ und Ernst nicht kund.
Was Männer sind, die geh’n und weichen,
Und kläglich geht das Reich zu Grund.

Des Himmels ausgeworf’ne Schlingen,
Wie zahllos sind sie allerwärts!
Die Männer, sie von dannen gingen,
Wie tief bekümmert sie mein Herz!
 Des Himmels ausgeworf’ne Schlingen,
Wie nahe drohen sie herein!
Die Männer, die von dannen gingen,
Wie bringen sie mein Herz in Pein!

Der Springquell, der nach oben sprudelt,
Aus welcher Tiefe kommt er, oh!
Ach, meines Herzens Kümmernisse!
O, warum ist dem heute so?
Und konnte dies denn vor mir nicht,
Und konnte dies nicht nach mir sein? –
Der unerforschte hohe Himmel
Ist nicht unfähig, heil zu leih’n.
Entehre nicht die hohen Ahnen,
Dann wird dein Nachgeschlecht gedeih’n. 6

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1 – Unter König Jeü, während dessen Kebsweib (die Nebenfrau) Päo-ssè und deren Kreaturen das Volk mit großer Willkür und Grausamkeit bedrückten und ausplünderten.
2 – Dies ist natürlich bildlich gemeint und soll das Aussaugesystem der Hofgünstlinge bezeichnen.
3 – Fortwährend wird gestraft, um die Güter der Angeschuldigten einziehen zu können.
(Das kennt man doch auch noch von anderen, jüngeren Jahrhunderten. H. Fi.)
4 – Ist auf Päo-ssè zu beziehen.
5 – Genauer: „deiner großen Tï“. Dies war ein mächtiger Barbarenstamm, der eben jetzt das Reich bedrohte.
6 – Diese Schlußverse richten sich geradezu an König Jeü, dem eigentlich das ganze Lied gilt.

Lied III. 3, 11 Des Reiches Verfall. Seite 462

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Des Reiches Verfall.

Der milde Himmel zürnt ergrimmt,
Der Himmel schickt, was uns vernichtet.
Er peinigt uns mit Hungersnot,
Rings wandert aus das Volk und flüchtet;
Heimat und Grenzen sind zu Grund gerichtet.

Der Himmel wirft sein Strafnetz aus:
Freßwürmer, die am Innern zehren,
Dummköpfe, Harte, Leut’ ohn’ Ehren,
Verwirrungsstifter, Rechtsverdreher, –
Die herrschen, unserm Lande Zucht zu lehren.

Den Unverschämten, den Verleumdern
Weiß man kein Makel aufzubürden;
Und uns, die stets in Sorg’ und Not,
Die allzu-lang’ schon ohne Ruh’,
Setzt man herab in unser’n Würden.

Wie wenn in einem dürren Jahre
Das Gras es nicht zum Wachsen bringt;
Wie Wasserkraut auf einem Baume,
So steht dies Land vor meinem Blick;
Nichts, was da nicht mit Elend ringt.

Der Wohlstand der Vergangenheit,
War nicht wie dieser Zeit;
Und alles Schmerzliche von heut’,
War nicht wie dieses Leid.
Sind Jene Hülsen, Diese Kern, *-
* Hülsen -ohne Inhalt/ Kern = der harte Inhalt
Warum nicht weichen sie von selbst,
Und zeih’n mein Bangen nur hinaus?

Ach, wenn ein Landsee trocken wird,
Kommt’s nicht von seinem Ufern her?
Wenn eine Quelle trocken wird,
Kommt’s nicht von ihrer Mitte her?
So wird der Schaden immer größer.
Mein Bangen d’rum steigt immer mehr.
Trifft nicht mich selbst das Unglück schwer?

Empfingen Könige vordem ihr Amt,
So gab es des Scháo-Fürsten Gleichen, 1
Die fügten täglich hundert Li zum Reich; 2
Jetzt – täglich mindern sie um hundert Li das Reich.
O weh’ der jammervollen Lage!
Ist von den Männern dieser Tage
Denn Keiner mehr den Alten gleich?

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1 – Mehrere Fürsten dieses Namens waren kräftige und ruhmvolle Stützen des Thrones gewesen.
2 – Li = die bekannte chinesische Meile, deren 250 auf einen Grad gehen.

Fertigstellung dieser Seite von Hildegard Fischer am 16. und 30. August 2019 und am 11.10. und 15.10.2019.