Die Lieder in chinesischer und deutscher Form. (7.)

Vierten Teiles erstes Zehent:
Feiergesänge von Tscheu.

Lied IV. 1, 1
Zum Opfer für König Wen.
Seite 467

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Zum Opfer für König Wên.

O hehre heilige Ahnenhalle! –
Ehrfurcht-geeinte würd’ge Helfer 1
Und reiche Menge von Beamten,
Nachfolger von der Tugend Wên’s, –
Entsprechend ihm, der da im Himmel,
Durcheilen sie bewegt die Ahnenhalle.
Preist man ihn nicht? Ehrt man ihn nicht?
Nie wird man dessen müde bei den Menschen!

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1 Hiermit sind die bei der Feierlichkeit assistierenden fürstlichen Personen gemeint.

Lied IV. 1, 2 Wen‘s Vorbild. Seite 468

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Wên’s Vorbild.

O wie des Himmels Vorbestimmung
So hehr, so unergründlich ist!
Denn oh, wie glänzend offenbarte
Sich nicht die Lauterkeit der Tugend Königs Wên!
Mit Gutem überströmt er uns,
Wir aber wollen es empfangen,
Bestrebt, zu folgen unserm König Wên.
Urenkel, haltet fest daran!

Lied IV. 1, 3
König Wen‘s Gebote.
Seite 469

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König Wên’s Gebote.

Lichtvoll und fort und fort erleuchtend
Sind die Gebote Königs Wên.
Vom ersten Opfer,
So lang’ ihr Brauch wird völlig sein,
Verheißen sie für Tschēu Gedeih’n.

Lied IV. 1, 4
Der König an die Opferhelfer.
Seite 470

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Der König an die Opferhelfer.

Ihr hoch-erlauchten edlen Fürsten,
Ihr habt mir dieses Glück gewährt,
Mir unbegrenzte Güt’ erwiesen,
Was Enkel noch bewahren mögen.

Wenn ihr nicht geizet und nicht schwelgt in euren Landen,
So wird euch euer König ehren;
Und dieses großen Dienst’s gedenk,
Die Würden euerer Nachfolger mehren.

Nicht ist so mächtig als ein Mann;
Das ganze Reich vermag er zu belehren.
Nichts ist so herrlich als die Tugend;
Zum Vorbild dienet sie für alle Fürsten.

O unvergessen sind die früher’n König.

Lied IV. 1, 5
Beim Opfer für König Thai.
Seite 471

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Beim Opfer für König Thái.

Der Himmel schuf den hohen Berg,
Und König Thái bebaute den.
Was Dieser angehoben;
Zu Ende führt’ es König Wên,
Daß durch dies Felsgebirg’, den Khî
Die Straßen einer Eb’ne geh’n.
Urenkel, den bewahret euch!

Lied IV. 1, 6
Beim Opfer für König Tschhing.
Seite 472

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Beim Opfer für König Tschhîng.

Der hohe Himmel hat das Amt bestimmt;
Zwei Herrscher hatten es empfangen,
Und König Tschhîng hat nicht gewagt zu ruh’n,
Hat Tag und Nacht das Amt begründet, tief und still.
Wie glänzend führte er es fort!
Ganz gab er d’rann sein Herz
Und hat es so zur Ruh’ gebracht.

Lied IV. 1, 7
Beim Opfer für König Wen zu Ehren des Himmels.
Seite 473

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Beim Opfer für König Wên zu Ehren des Himmels.

Ich brachte dar, ich opferte –
Es war ein Widder, war ein Stier –
Der Himmel sei ihm gnädiglich geneigt!

Ich halte, füge, richte mich nach König Wên’s Geboten,
Dem Reiche täglich Ruh’ erhaltend.
Der Segenbringer König Wên,
Er hat es gnädig angenommen.

Ich aber will bei Tag und Nacht
Des Himmels Majestät verehren,
Daß ich sie so bewahren mag.

Lied IV. 1, 8
Opfergesang des Tscheu-Fürsten anstatt des abwesenden König Wù.
Seite 474

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Opfergesang des Tschēu-Fürsten anstatt des abwesenden Königs Wù.

Nun da er durch die Lande zieht,
Zeig’ ihn als seinen Sohn der hohe Himmel!

Ja Ehr’ und Folg’ im Reiche wurde Tschēu.
Denn kaum, daß er sich regen mag,
Ist Keiner, der nicht bangend zittert.
Er zog und (be-)sänftigt’ alle Geister,
Auch die der Ström’ und Hochgebirge.
Ja er ist König und ist Herr!

Voll Glanz und Herrlichkeit ist Tschēu,
Und Folg’ ist in des Fürsten Würden.
Zu Ruhe bracht’ er Schild und Speer,
Und Pfeil und Bogen schloß er ein.
Ich will die höchsten Tugend suchen
In diesem Hiá-Reich auszubreiten. 1
Der König, traun/wirklich bewahrtet sie.

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1 Das Reich ist so nach der vorletzten Dynastie genannt.

Lied IV. 1, 9
Beim Opfer zu Ehren der Könige Wù, Tschhing und Khang.
Seite 475

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Beim Opfer zu Ehren der Könige Wù, Tschhîng und Khāng.

Als König Wù so tapfer rang,
War tapf’rer nichts, als sein Entflammen.
Und glänzten nicht auch Tschhîng und Khāng,
Vom Höchsten HErrn erhöht zum Rang?

Von Jenem nahmen Tschhîng und Khāng
Das Reich auf einmal in Empfang.
Wie es ihr Blick so scharf durchdrang!

Es tönen Glock’ und Paukenklang
Zu Klingstein* und zu Flötensang;
* = ein Phonolith, der eine hellen Klang von sich gibt, wenn man ihn anschlägt
Herab kommt Segens Überschwang.

Herab kommt Segen um und an;
Haltung und Ernst war wohl getan.
Wir sind getränkt, wir sind gespeist,
Doch Glück und Segen halten an.

Lied IV. 1, 10
Beim Opfer zu Ehren Heu-tsi‘s.
Seite 476

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Beim Opfer zu Ehren Héu-tsĭ’s.

O auserwählter Héu-tsĭ!
Du kannst dem Himmel dich gesellen.
Getreide hätten uns’re Völker
Nicht ohne deine Stifterschaft.
Du schenktest Weizen uns und Gerste,
Vom HErrn bestimmt zur Nahrung Aller.
Und nicht war diese Grenze deine Schranke,
In diesem Hiá-Reich ordnetest du Sitte.

Vierten Teiles zweites Zehent.

Lied IV. 2, 1 Zum Frühlingsopfer. Seite 477

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Zum Frühlingsopfer.

Auf, auf Minister und Bestallte,
Nehmt wahr was eures Amtes ist!
Der König gab euch volle Weisung;
Erwägt sie denn! Bedenkt sie denn!

Auf, auf, ihr Ackerbau-Gehilfen!
Nun ist des Frühlings Ende da.
Was ist denn nunmehr aufzusuchen?
Wie steht’s um Neubruch? Dreijahresland?

O, herrlich stehen Gerst’ und Weizen.
Einholen werden wir die Pracht.
Der licht-geschmückte Höchste HErr
Verlieh darin ein reiches Jahr.
Gebietet unser’n Leuten allen,
Bereit zu halten Karst* und Hacke;
* = eine zwei-zinkige Erdhacke
Bald sehen wir der Sicheln Schnitt.

Lied IV. 2, 2
Frühlingsopfer zu Ehren des Königs Tschhing.
Seite 478

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Frühlingsopfer.
Zu Ehren des Königs Tschhîng.


Wohlauf! Wohlauf! Der König Tschhîng
Ist glanz-verklärt zu euch gekommen. 1
So führt die Ackerleute denn,
All’ ihr Getreide auszusäen.
Baut rüstig euer Eigentum
Die dreimal zehn Feldwegs hinaus, 2
Und setzet eure Pflüg’ in Gang,
Je paarweis’ die Zehntausende.

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1 Es wird angenommen, der Geist Tschhing’s sei zu dem Opfer herab gestiegen, um die Frühlingsarbeiten zu inaugurieren (= etwas Neues [feierlich] einführen, ins Leben rufen, schaffen.)
2 Ungefähr in dieser Erstreckung war das Land im Privateigentum von ja 10 000 Familien.

Lied IV. 2, 3
Zur Begrüßung königlicher Opfergäste aus den beiden vorigen Dynastien.
Seite 479

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Zur Begrüßung königlicher Opfergäste aus den beiden vorigen Dynastien. 1

Ein Flug von Reihern schwinget sich
Hinüber nach des Westens Teichen.
So kommen meine Gäste an,
Die auch von Anseh’n ihnen gleichen.
            Und wie sie dort dem Haß entgeh’n,
Bei Keinem hier in Mißgunst steh’n, 2
So muß es Tag und Nacht gescheh’n,
Daß sie sich stets gepriesen seh’n.

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1 Den Nachkommen der Hia-Dynastie war das Fürstentum Ki, denen der Schang-Dynastie das Fürstentum Sung belassen worden. Die beiden regierenden Fürsten erscheinen als Opferhelfer mit Gefolge am Hofe.
2 Das dort bezieht sich auf ihre eignen Länder, das hier auf den Hof der Tscheu.

Lied IV. 2, 4 Dank für reiche Ernte. Seite 480

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Dank für reiche Ernte.

Reich ist das Jahr an vieler Hirse, vielem Reis,
So daß wir in den hohen Speichern
Zehn, hundert, tausend Tausend schauen.
Nun laßt uns Wein und Süßwein brauen,
Zu opfern Ahnherrn und Ahnfrauen
Mit all’ den Bräuchen, d’rauf wir trauen.
Des Segens viel ward unser’n Auen.

Lied IV. 2, 5 Die Musik der Blinden. Seite 481

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Die Musik der Blinden. 1

Die Blinden sind herein gegangen,
Sind in des Tschēu-Palastes Hallen.
            Da steht Gerüst mit Pfost’ und Stangen,
Die hoch-gezahnt mit Federn prangen,
Da groß’ und kleine Pauken hangen,
Handpauken, Klingstein, Schlüssel, Zangen. 2
Sind sie bereit, wird angefangen.
Sobald Rohrpfeif’ und Flöt’ erklangen.
            Und wenn die Tön’ in lautem Schallen
Dann feierlich zusammen hallen, –
Gehört wird’s von den Ahnen allen.
Und uns’re Gäste wohnen stets
Dem Ganzen bei mit Wohlgefallen.

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1 Die Musiker waren Blinde und deren am Hofe von Tscheu eine große Anzahl.
2 Die beiden letzten Wörter wolle man entschuldigen. Im Chinesischen steht “tschhü und jù”, das erste ist ein Instrument, womit das Zeichen zum Anfangen, das zweite ein solches, womit das Zeichen zum Aufhören der Musik gegeben wird.

Lied IV. 2, 6
Zum Opfer der Fisch-Erstlinge im Ahnentempel.
Seite 482

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Zum Opfer der Fisch-Erstlinge im Ahnentempel.

Oh, die Behalt’* im Tsiü und Ts’hĭ,
* wahrscheinlich bedeutet das „Inhalt“
Wie manche Fische haben sie!
Da gibt es kleine Stör’ und ächte (?),
Und Salmen, Grundeln, Karpfen, Hechte;
Daß man zum Opfern dar sie brächte,
Des Glückes Glanz vermehren möchte.

Lied IV. 2, 7
König Wù‘s Opfer zu Ehren seines Vaters Wen.
Seite 483

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König Wù’s Opfer zu Ehren seines Vaters Wên.

 Einträchtig sind sie hergekommen
Und nahten ehrerbietig schon;
Der Fürsten Beisein soll ihm frommen;
Voll Andacht ist der Himmelssohn.

„Da ich den großen Stier dir weihe,
Und sie beim Opfer nehmen Teil,
Verklärter Vater, o verleihe
Mir deinem treuen Sohne Heil!

An Geist und Weisheit warst du Mann,
Und warest Fürst in Krieg und Frieden;
Hast Ruh’ dem hohen Himmel dann 1
Und deiner Nachkunft Glanz beschieden;

  Warst meiner greisen Brau’n Berater
Und reichlich segnetest du mich.
So ehr’ ich dich, erhab’ner Vater,
Und ehre, würd’ge Mutter dich.

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1 Wen hat dem Himmel die Ruhe und den Frieden des Volkes verschafft, welche dessen Absehen war.

Lied IV. 2, 8
Erscheinen der Fürsten b. Opfer Tschhing‘s zu Ehren seines Vaters Wù.
Seite 484

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Erscheinen der Fürsten beim Opfer König Tschhîng’s zu Ehren seines Vaters Wù.

Sie stellen sich beim König ein,
Sie holen Weisung von ihm ein.
Es blinkt der Drachenbanner Schein,
Glöcklein und Schellen klingeln drein,
Die Zäum’ und Zügel glänzen fein,
Und Pracht und Glanz sind ungemein.

Er führt sie zum verklärten Vater 1
Zu frommem Dienst, zu Opferweih’n:

Daß er ihm greise Brauen schenke, 2
Mit seinem Schutz ihn stets bedenke,
Mit vielem Guten aller Art.
Die glänzenden und würd’gen Fürsten
Beglücken ihn mit großem Segen,
Daß steter Glanz ihm bleibt in reinem Glück bewahrt.

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1 An dem seinem Vater Wù in dem Ahnentempel geweihten Platze “läßt er sie erscheinen”.
2 Das heißt ein hohes Alter.

Lied IV. 2, 9
Begrüßung des Fürsten von Sung aus dem Hause der Schang.
Seite 485

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Begrüßung des Fürsten von Súng aus dem Hause der Schāng.

Da ist der Gast! Da ist der Gast!
Er kommt mit seinen weißen Rossen. 2
Voll Ehrfurcht sind, aufmerksam sind
Die auserwählten Fahrtgenossen.

Da ist der Gast, der zweimal nachtet,
Da ist der Gast, der viermal nachtet.
So reichet ihm die Fesseln dar,
Um anzufesseln seine Rosse.

Dann will ich ihn hinein geleiten,
Erquickung jeder Art bereiten.
Er ist von solcher Würdigkeit,
Daß gar wohl Segen d’raus gedeiht.

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2 Weiß war die Farbe der Schäng-Dynastie.

Lied IV. 2, 10
Beim Opfer zu Ehren Königs Wù.
Seite 486

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Beim Opfer zu Ehren Königs Wù.

O wie so groß war König Wù!
Nichts mächtiger als sein Entflammen.
Ja, reich an Geist war König Wên,
Vermocht’ auf Kommende zu gründen
Die Erbschaft, – Wù, du nahmst sie an,
Besiegtest Jīn, hielt’st ein das Morden;
Erlangte Ruh’ war dein Verdienst.

Vierten Teiles drittes Zehent.

Lied IV 3, 01
König Tschhîng’s erstes Ahnenopfer nach der Trauerzeit.
Seite 487

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König Tschhîng’s erstes Ahnenopfer nach der Trauerzeit.

Bekümmert bin ich kleines Kind; 1
Unfertig fiel das Haus mir zu, –
In meinem Schmerz allein gelassen.
O mein verklärter Vater du;
Du übtest Sohnespflicht immerzu.

Du hielt’st im Sinn den hohen Ahnen,
Der im Palast geht aus und ein. 2
Und so will auch ich kleines Kind
Bei Tag und Nacht voll Ehrfurcht sein.

O du erhabe’nes Königspaar, 3
Vergessen will ich nie, daß ich dein (Nach-)Folger war.

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1 – Dies ist zwar ein gebräuchlicher Demutsausdruck der alten Könige, Tschhing aber kam wirklich sehr jung zur Nachfolge und war damals noch ein Knabe.
2- Damit ist König Wen’s Geist gemeint, der bei allen Ahnenopfern “auf- und absteigt im Palst”.
3 – Wen und Wu.

Lied IV 3, 02
König Tschhîng’s  Gebet an seinen Vater.
Seite 488

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König Tschhîng’s  Gebet an seinen Vater.

Bei meinem Antritt sinn’ ich d’rauf,
Dem Hochverklärten nachzuwandeln:
Doch o, wie weit hat er’s gebracht!
Und ich bin dem noch nicht gewachsen.
Ihm nachzukommen tracht’ ich wohl,
Doch führ’ ich’s weiter wie zerstückelt.
Ich bin nur noch ein kleines Kind,
Noch nicht gerecht des Hauses Schwierigkeiten.

Stets im Palast steig’ auf und ab,
Geh’ aus und ein in diesem Hause,
Du Herrlicher, du Hochverklärter,
Um hier mich zu beschirmen, zu erleuchten!

Lied IV 3, 03
König Tschhîng’s Vorsätze.
Seite 489

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König Tschhîng’s Vorsätze.

O ehrerbietig, ehrerbietig!
Der Himmel ist ja offenbar,
Und leicht ist nicht sein Amt, fürwahr! 1
O nimmer sage man, er sei hoch, hoch da droben!
All’ unser Tun umschwebt er gar, 2
Nimmt überall uns täglich wahr.

Ich aber bin ein kleines Kind,
Und unbekannt mit Ehrerbietung.
Doch täglich steigend, jeden Mond gescheiter,
Bringt Lernen, immer klarer, mich zur hellsten Einsicht weiter.
O helft dem schwer Belasteten!
Zur lichten Tugendbahn seid meine Leiter!

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1 – Das von dem Himmel übertragene Amt des Königs.
2 – Wörtlich: „Er steigt auf und ab zu unserem Tun.“

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Lied IV 3, 04
König Tschhîng bekennt seinen Fehl.
Seite 490

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König Tschhîng bekennt seinen Fehl. 1

Ich selbst verklage mich,
Und will vor künft’gem Leid mich hüten.
Will nicht mit Wespen mich befassen,
Von selbst die bitter’n Stacheln suchend.
Was anfangs eine Pfirsichhummel war,
Flog als ein großer Vogel auf.
Noch nicht gerecht des Hauses Schwierigkeiten,
Hab’ ich mich in die Nesseln dann gesetzt.

Ja, sowas kann schon mal passieren!

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Lied IV 3, 05
Der Landbau als Quelle der Opfergaben.
Seite 491

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Der Landbau als Quelle der Opfergaben.

Gerodet wird und ausgestochen
Und mit den Pflügen umgebrochen.
Es jäten’s tausend Paare rein,
Geh’n auf der Höh’. geh’n an dem Rain.

Da ist der Herr, da ist der Sohn,
Die jünger’n Söhn’, all’ ihre Kinder;
Kraftmänner dann, Beihelfer dann.
Da gibt es Lärmen, wenn sie essen;

Sie lächeln ihre Weiber an,
Es schmiegt sich jed’ an ihren Mann.
Mit ihren scharfen Pflugschar’n dann
Hebt ihr Geschäft beim Südfeld an.

All’ ihr Getreide sä’n sie drein,
Und jedes Korn schließt Leben ein.
Aufsprossend bricht die Saat hervor,
Und saft-geschwellt wächst sie empor.

Ist reich die junge Saat gelaufen,
So jäten sie in dichten Haufen.
Dann geh’n die Schnitter, Reih’n bei Reih’n,
Und ernten all’ die Feldfrucht ein;

Viel’ tausend Tausend von den Auen,
Daraus wir Wein und Süßwein brauen,
Zu opfern Ahnherrn und Ahnfrauen,
Und all’ den Bräuchen vorzuschauen.

Süß quillt der Wohlgeruch heraus,
Verherrlichend des Landes Haus;
Es hauchen Düfte würz’ger Arten
Erquickung für die Hochbejahrten.
***
Und so war dieses nicht nur dies,
War nicht das Heutige nur heute,
So war es schon von Alters her.

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Lied IV 3, 06
Der Landbau – nochmals.
Seite 493

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Der Landbau – nochmals.

Mit blanken Pflugschar’n schneidig wackern,
Beginnt das Werk auf Mittagsackern.
All’ ihr Getreide sä’n sie drein,
Und jedes Korn schließt Leben ein.

Dann kommen zu euch Andre mehr
Mit Kobern und mit Körben her,
Die sind von Hirsespeisen schwer.

Und die im leichten Bambushut,
Die schärften ihre Karste* gut,
* man erinnere sich – dreizähnige Hacken
Zu reuten/roden Lolch und Nesselbrut.

Vermodern Lolch und Nesseln dann,
So wächst die Hirse reich heran.

Wie rauscht der Schnitter Schneiden d’rauf,
Wie legen sie es dicht zuhauf!
Es ragt empor wie eine Mauer,
Und wie ein Kamm steht Schauf an Schauf*
* vermutlich sind das Schaufeln, eine andere Bedeutung fällt mir dazu nicht ein.
Und alle Häuser tun sich auf.

      Gefüllt sind alle Häuser nun,
Und Weib und Kinder dürfen ruh’n.

Nun schlachten wir den gelben Stier,
Der sein gekrümmtes Horn gewann,
Um gleicherweis’ zu tun fortan,
Wie’s auch die Alten fortgetan.

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Lied IV 3, 07 Zum Opfermale. Seite 494

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Zum Opfermale.

In neuen Seidenkleides Zier,
Im Hut mit würdiger Manier,
Stieg er von Saal in’s Hofrevier,
Und ging vom Widder hin zum Stier.
Nun steh’n Dreifüß’ und Töpfe hier.
Wie krümmet sich der Nashornbecher!
Der edle Wein ist süß dem Zecher,
Und da kein Lärmer hier, kein Frecher: –
Ist’s hohen Greisentums Versprecher.

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Lied IV 3, 08 König Wù. Seite 495

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König Wù.

O, mächtig war des Königs Heer;
Bei düst’rer Zeit in Zucht erhalten,
Und als die Zeit sich rein geklärt,
Für sie auf’s trefflichste gerüstet.
Wir sind begnadigt zu empfangen
Des kriegerischen Königs Errungenes.
Um recht zu walten dieses Erbes,
So haben wir dein Tun nur treulich nachzuahmen.

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Lied IV 3, 09
Zu Ehren König Wù’s.
Seite 496

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Zu Ehren König Wù’s.

Fried’ ist in allen Landen,
Stets fruchtbar sind die Jahre,
Des Himmels Gnade ließ nicht nach.
Der heldenhafte König Wù,
Er hat bewahrt sich seine Diener,
Bestellt sie über’s ganze Reich,
Und konnte festigen sein Haus.
O wie er glänzet in dem Himmel,
Der ihm das Höchste zugeteilt!

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Lied IV 3, 10
Zu Ehren König Wên’s.
Seite 497

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Zu Ehren König Wên’s.

Was König Wên so mühevoll erstrebt,
Wir haben es mit Recht empfangen.
Verbreiten wir’s sein stets gedenk!
Uns laß nur suchen, es zu festigen.
Er hat das Amt an Tschēu gebracht;
O, stets bleibt seiner gedenk!

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Lied IV 3, 11 Tschēu’s Herrlichkeit. Seite 498

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Tschēu’s Herrlichkeit.

O wie so herrlich wurde Tschēu!
Es steigt auf seine hohen Berge,
Bergkämme und erhab’nen Gipfel,
Es geht den ganzen Hô entlang
Und über Alles unterm Himmel,
Vereinend was ihm nur entspricht.
Das ist nun Tschēu’s Beruf geworden.

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Vierten Teiles viertes Buch:
Feiergesänge von Lu.

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Lied IV. 4, 1
Der fürstliche Pferdezüchter.
Seite 499

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Der fürstliche Pferdezüchter.

Gar wohl genährte Hengste weiden
Auf der Gemarkung freien Haiden;
Gar wohl genährte, die sich scheiden
In Schwarzeköpf’ und Isabellen*,
* = ein falbes Pferd
In Rappen und Kastanienbraune, 2
Die vor den Wagen  geh’n in Tänzen.
Bedenkend ohne Grenzen,
Denkt er der Ross’ und diese glänzen.

Gar wohl genährte Hengste weiden
Auf der Gemarkung freien Haiden;
Gar wohl genährte, die sich scheiden
In Porzellan- und Falbenschecken,
In Goldfüchs’ und in Eisenschimmel,
Die vor den Wagen schreiten mächtig.
Ohn’ Ende tief bedächtig,
Denkt er der Ross, und die sind prächtig.

Gar wohl genährte Hengste weiden
Auf der Gemarkung freien Haiden;
Gar wohl genährte, die sich scheiden
In Fliegenschimmel, Apfelschimmel,
In Braune und in Tigerschimmel,
Die vor den Wagen geh’n geschlossen.
Bedenkend unverdrossen,
Denkt er der Ross’, die hoch aufschossen.

Gar wohl genährte Hengste weiden
Auf der Gemarkung freien Haiden;
Gar wohl genährte, die sich scheiden
In Falbe und Muskatenschimmel,
In Weißfüß’ und in Glasgeaugte,
Die kräftig rennen vor den Wagen.
Ohn’ Arg im Sinn zu tragen, 3
Denkt er der Ross’, und dieser jagen.

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1 Lù, ein kleines Fürstentum im Osten des Reiches, wurde von König Tschhing den Nachkommen des Tschëu-Fürsten zu Lehn gegeben. Es war Khùng-tsè’s (Konfuzius) Geburtsland und er selbst eine zeitlang Minister darin. Wie diese Lieder unter die Feiergesänge gekommen sind, ist nicht recht klar.
2 Der vierte und fünfte Vers aller Strophen sollte immer mit den drei letzten Versen reimen. Es wurde darauf verzichtet, um die Bezeichnungen der Pferde möglichst genau wiedergeben zu können.
3 Diesen Vers kritisierte Khùng-tsè in den “Gesprächen” (II, 2) einmal, wo er sagt: “Der Lieder sind dreihundert – ein Ausspruch umfaßt sie alle: Kein Arg im Sinne tragen.”

Lied IV. 4, 2
Bei einem Hoffeste.
Seite 501

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Bei einem Hoffeste.

Wie sind sie stark, wie sind sie stark,
Wie stark die Braunen in dem Zuge!
Von früh bis spät am Hofe sind,
Am Hofe sind erleuchtet Kluge.
In Scharen zieh’n die Reiher,
Die Reiher niederwärts.
Die Paukenwirbel dröhnen,
Man zecht bei Tanz und Scherz,
So daß sie alle fröhlich sind.

Wie sind sie stark, wie sind sie stark,
Wie stark die Hengste im Gespanne!
Die früh bis spät am Hofe sind,
Die sind am Hofe bei der Kanne.
In Scharen zieh’n die Reiher,
Die Reiher fliegen aus.
Die Paukenwirbel dröhnen,
Man zecht und geht nach Haus,
Indeß sie alle fröhlich sind.

Wie sind sie stark, wie sind sie stark,
Wie stark die Rappen vor dem Wagen!
Die früh und spät am Hofe sind,
Sie sind am Hof bei Festgelagen.
Beginnen denn von heute Reih’n
Von Jahren voll Gedeih’n!
Und uns’res Fürsten Güte soll
Der Enkel Erbe sein, –
So daß sie alle fröhlich sind.

Lied IV. 4, 3
Lobgesang auf einen Fürsten von Lu.
Seite 502

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Lobgesang auf einen Fürsten von Lù.

Wie heiter ist die Halbkreisinsel, 1
Auf der wir Eppich* pflücken geh’n.
*bezeichnet mehrere Pflanzen, auch Efeu
Der Fürst von Lù ist angekommen,
Sein Banner ist es, das wir seh’n.
Sein Banner wallt in hellem Schein,
Harmonisch klingeln Schellen drein;
Und kommt nicht Groß und kommt nicht Klein,
Und folgt dem Fürsten hier herein?

Wie heiter ist die Halbkreisinsel
Wir pflücken Kreuzkraut an ihr her.
Der Fürst von Lù ist angekommen,
Hoch schreiten seine Ross’ einher.
Hoch schreiten seine Ross’ einher,
Voll Glanz ist seines Namens Ehr’.
Nun blickt er hold, nun lächelt er;
Nichts Herbes ist in seiner Lehr’. 2

Wie heiter ist die Halbkreisinsel;
Wir sammeln Eibisch auf ihr ein.
Der Fürst von Lù ist angekommen,
Er trinkt im Halbkreissaale Wein.
Mög’ ihm der Trunk vom edlen Wein
Zum höchsten Alter Kraft verleih’n.
Wie er den hohen Weg hält ein;
Mög’ alles Volk ihm dienstbar sein.

Gar herrlich ist der Fürst von Lù,
Und strahlend seiner Tugend Glanz;
Auf seine Würde sorgsam achtend,
Ist er des Volkes Vorbild ganz.
Im Frieden und bei Kriegesfahnen
Erreicht sein Glanz die hehren Ahnen.
Nie ohne Sohnes-Frömmigkeit,
Sucht er von selbst, sein Glück zu bahnen.

Der Fürst von Lù ist hoch erleuchtet,
Drum strahlet seine Tugend klar.
Nun er die Halbkreishalle baute,
Erliegt ihm auch der Hoâi-Barbar.
Die kühnen Tigerhelden bringen
Im Halbkreis Feindesohren dar; 3
Und Richter, klug wie Kāo-Jâo war, 4
Den bieten sie Gefang’ne dar.

Und seiner Mannen reiche Menge,
Im wacker’n Herzen hoch getrost,
Und für die Heerfahrt heiß erglühend,
Wirft sie zurück nach Süd und Ost; 5
Und kraft-bewährt und groß dabei,
Doch ohne Prunk und Prahlerei,
Und nie aus Neid in Streit geraten,
Bringt sie zum Halbkreis ihre Taten.

Wie straff die horn-belegten Bogen!
Wie Bündel Pfeile zischend flogen!
Wie weit die Kriegeswagen drangen!
Wie Fuß- und Fahrvolk ohne Bangen!
Die Hoâi-Barbaren sind besiegt,
Ihr Widerstand ist rein zergangen!
Ja, hältst du fest an deinem Plan,
Wird jeder Hoâi-Barbar gefangen.

Flugs kommen diese Eulen dann,
Sich auf den Halbkreis-Hain zu setzen,
Zu essen uns’rer Maulbeer’n Schwarz
Und uns mit holden Laut zu letzen.
Geweckt sind dann die Hoâi-Barbaren
Und bringen uns von ihren Schätzen,
Mit Schildkröte; Elefantenzahn
Und Südgold reich uns zu ergötzen.

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1 – Wie die Kaiser auf einer ganz mit Wasser umgebenen Insel eine Bildungsanstalt unterhielten, so diese Fürsten auf einer nur halbkreisförmigen mit Wasser umgeben, also einer Halbinsel. Das Gebäude und die Anstalt selbst erhielt davon den Namen P’huàn, der Halbkreis.
2 – Die erste Strophe sprach von der Ankunft und dem Einzug des Fürsten, die zweite zeigt, wie er selbst in freundlichster Art Weisung und Lehre erteilt, die dritte, wie er darauf ausruhend trinkt.
3 – Dieses, wie das Folgende ist nicht als Geschehenes, sondern als Gehofftes ausgesprochen. – Vgl. III. 1, 7 Anm. 9.
4 – Dies war der berühmte Strafrichter und Minister unter Kaiser Schün (2255 – 2205 v. Chr.).
5 – Genauer: “Sie werfen zurück jene Südlichen und Östlichen – nämlich Barbaren.”

Lied IV. 4, 4
Lobgesang auf einen Fürsten Hi von Lu.
Seite 505

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Lobgesang auf den Fürsten Hī von Lù. 1

Wie still die heil’gen Tempel stehen,
An Bau und Ausstattung vollzogen! 2
Höchst auserwählt war Kiāng Juân, 3
Die nie von Tugend abgebogen!
Ihr war der Höchste HErr gewogen,
Und ohne Leiden, ohne Wehen,
Genau als ihre Monde entflogen,
Gebar sie den Heú-tsĭ zur Welt,
Dem aller Segen ward gesellt,
Mit Hirsen, spät und früh im Feld,
Und früh’ und spätem Kraut und Spelt.*
* = eine Getreideart
Bald ward ein Lehnstaat ihm bestellt,
Wo er das Volk ließ bau’n das Feld.
Da gab es Hirsen, schwarz und weiß,
Gab’s Opferhirsen, gab es Reis.
Und bald in allen Landes Kreis
Führt’ er Jú’s Anfang fort mit Fleiß. 4

Es war des Haú-tsĭ Nachgeschlecht,
Aus welchem König Thâi entsprang,
Der südlich wohnt’ am Khī-Berg Hang,
Im Anbeginn des Falls von Schāng;
D’rauf Wên und und Wù bei ihren Zeiten
Thâi’s Anfang wußten fortzuleiten
Bis zu des Himmels Endbeschluß.
Und als es hieß auf Mŭ’s Gebreiten: 5
„Kein Zweifeln, keine Bangigkeiten!
Der Höchste HErr ist dir zur Seiten!“
Da zeigt’ er Schâng’s Geschwadern Streiten;
Ein Jeder tat sein Heldenwerk.
Der König sprach: „Ohm, höre zu!
Einsetz’ ich deinen Erstgebor’nen,
Daß er als Fürst regier’ in Lù,
Und viel dem Lande leg’ ich zu,
Daß es dem Tschēu-Haus Hilfe tu’.“

Da setzt’ er ein den Fürst von Lù,
Und gab die Ostmark ihm zu Händen.
Er wies ihm Berg’ und Flüsse zu,
Samt Gründen, Feldern, Nebenlanden.
Und nun kommt des Tschēu-Fürsten Enkel,
Es kommt der Sohn des Fürsten Tschuāng
Zum Opfer mit dem Drachenbanner
Und den sechs Zügeln, (ge-)schmeidig, lang.
Nie bleibt’s im Lenz und Herbst ihm fern,
Die Opfer fehllos darzubringen
Dem höchsten Herrschenden, dem HErrn;
Und seinem hohen Ahn Heú-tsĭ
Bringt er die Stiere, rot und rein.
Die nehmen’s an, die freu’n sich sein
Und senden reichliches Gedeih’n.
Der Tschēu-Fürst und die hohen Ahnen,
Auch diese segnen deine Bahnen.

Wird’s Herbst, hat man des Opfers Acht.
Mit Stirnbrett Sommers schon bedacht,
Wird weißer Stier, wird roter (ge)bracht;
Die Stierpokale steh’n in Pracht; 7
Rostbraten, Hackfleisch, Brühe lacht,
Dann Schüsseln, Näpfe, große Tracht;
Der Tanzchor ist vermannigfacht*.
*und was stellt man sich darunter vor?
Ich denke der vorhandene Chor wurde durch mehrere andere Personen erweitert!

Heil für den frommen Sohn erwacht,
Es wird dir Glanz und Reichtum zugedacht,
Dein Leben lang und Alles gut gemacht,
Daß du dies Ostland hältst in Wacht,
Und Lù bleibt stets in deiner Macht;
Unabgemindert, unversehrt,
Und unerschüttert, unbeschwert;
Dazu drei Alte, treu bewährt 8
Wie Berg’ und Gipelhöh’n der Erd’.

Der Fürst kann tausend Wagen führen
Mit roten Quasten, grünen Schnüren,
Die je zwei Speere und Bogen zieren.
Sein Fußvolk sind dreimal Zehntausend
Im Muschelhelm mit roten Schnüren,
Viel Fußvolk läßt sein Feuer spüren,
Die Sjûng, die Tī zur Zucht zu führen, 9
Kīng, Schū zu zücht’gen nach Gebühren,
Daß nirgends Widerstand sich wagt zu rühren,
Und Glanz und Fülle wird dir zugesendet,
Und Lebenslänge und Reichtum dir gespendet.
Gekrümmter Rücken, graues Haar –
Wer Greis ist, wird im Dienst verwendet;
Du wirst gedeih’n und wachsen immerdar,
Wirst altern ohne deiner Kraft Gefahr,
Und tausendmal zehntausend Jahr’
Sind deinen greisen Brauen Kummer bar.

Hoch spitzt das Thái-Gebirg’ sich zu,
Auf das man blickt im Lande Lù;
Der Kuēi, der Mūng sind uns zur Hand; 10
Bald geht’s in’s fernste Morgenland
Bis zum Gebiet am Meeresstrand;
Der Hoâi-Barbar sucht Freundschaftsband,
Nicht Einer leistet Widerstand; –
Das bringt der Fürst von Lù zu Stand.

Den Fû-, den Jĭ-Berg wird er wahren,
Wird über Siü’s Bewohner fahren
Bis zum Gebiet am Meeresstrand.
Die Mân, die Mĕ, die Hoâi-Barbaren, 11
Die Horden dort im Mittagsland –
Nicht Einer leistet Widerstand,
Nicht Einer wagt Bejah’n (?)* zu sparen;
* mit Zustimmung ?
Lù’s Fürsten huldigen ihre Scharen.

Der Himmel wendet Heil dem Fürsten zu.
Mit greisen Brauen schirmt er Lù,
Hält seinen Hof in Tschhâng und Hù,
Und bringt des Tschēu-Fürst ganzes Gebiet herzu. 12
Da schmaust der Fürst, ein froher Mann,
Mit Weib und greiser Mutter dann,
Mit Großen und Beamten lobesam;
Hält Leh’n und Land sich untertan,
Und wird noch Segen viel empfangen
Bei greisem Haar und Kindes Zahn. 13

Vom Ts’hŭ-lài wurden Fichtenstämme,
Zypressen von des Sīn-fù Seite 14
Gehauen und in Gemessenheit
Nach Rut(e) und Elle zubereit’t.
Die Fichtenbalken waren breit,
Die Hallen wurden hoch und weit,
Und reich der Tempel Herrlickeit,
die Hî-ssē neu zu dieser Zeit 15
Gebaut gar groß und hoch und weit
Zu alles Volks Zufriedenheit.

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1 – Hi kam 659 v. Chr. zur Regierung. Da die Fürsten von Lü von dem Tschëu-Fürsten abstammten, mithin eine Nebenlinie des regierenden Hauses waren, so wenden sich die beiden ersten Strophen zu dem Ursprung und Aufkommen desselben.
2 – Hi hatte die Ahnentempel neu aufbauen lassen.
3 – S. III. 1, 2.
4 – Weil Jü die Lande entwässert und anbaufähig gemacht, so war ihr Anbau Fortsetzung seines Werkes.
5 – S. III, 1, 2 die beiden Schlußstrophen.
6 – Dieser König ist Tschhing, und der Oheim (= Onkel) der Tschëu-Fürst.
7 – Die Trinkgefäße hatten Stiergestalt.
8 – Die drei Arten werden als die Minister des Fürsten erklärt, wovon man nicht abweichen wagte. “Sän schëu tsö p’hëng” wäre wörtlich: “Drei Lebensalter machen (ihm) Freude”, und vielleicht so zu verstehen, daß Hi drei Geschlechter bis in ihr hohes Alter überlebte und durch seine treffliche Regierung zu Freunden haben werde.
9 – Dies waren wilde Horden im Westen und Norden. King (auch Ts’hü genannt) war ein großer Staat im Süden , Schü lag im Osten. Diese Länder waren damals noch nicht völlig unterworfen.
10 – Ebenfalls zwei Gebirgszüge in Lü.
11- Die schon öfter vorgekommenen wilden Grenzstämme.
12 – Er wird alles Land wieder erobern, das von dem Fürstentum im Laufe der Zeit abgekommen ist.
13 – In sehr hohem Alter pflegen bekanntlich für die verlorenen Zähne noch einmal sehr feine hervor zusprossen. Auch Tschü-hi bemerkte, daß es ein Beweis hohen Alters sei, wenn die ausgefallenen Zähne durch zart wieder gewachsene ersetzt würden.
14 – Wiederum zwei Gebirgszüge von Lü. Diese Schlußstrophe weist auf die beiden Anfangsverse zurück, welche die Veranlassung des ganzen Liedes andeuten.
15 – Hi-ssë, sonst Prinz Jü genannt, war ein Bruder des Fürsten Hi und hatte die Herstellung der Ahnentempel geleitet.

Vierten Teiles fünftes Buch.

Das Herrscherhaus der Schäng, welches von 1766 – 1122 v. Chr. regierte, leitete seinen Ursprung ab von Sië, dem Unterrichtsminister Schün’s geartet Dynastie der Hià und bemächtigte sich der Herrschaft. Dies war König Thâng. Im Anfang des 8. jahrh. v. Chr. existierten noch 12 Feiergesänge der Schäng. Khung-tsé fand nur noch 5 vor, wahrscheinlich nur fragmentarisch und verderbt, die er dann hier aufnahm. Ihr Verständnis ist zum Teil sehr schwierig, wie schon die älteren chinesischen Ausleger bekennen. Die Übersetzung lehnt sich an die Auffassung Tschü-hi’s.

Lied IV. 5, 1
Beim Opfer zu Ehren König Thang‘s.
Seite 510

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Beim Opfer zu Ehren König Thâng’s.

     O siehe, ha, wie reichlich, ha!
Handpauken, Pauken aufgestellt.
Die Pauken dröhnen kräftiglich,
So unser’m hehren Ahn gefällt.

     Thâng’s Enkel ladet ihn, zu nah’n,
Auf daß er unser Hoffen kröne.
Handpauken, Pauken schallen tief,
Und hell dazu der Pfeifen Tön’.
Sie stimmen wohl und passen schön;
Drein hallen uns’rer Klingenstein’ Töne.
Ach, herrlich ist der Enkel Thâng’s,
Und wunderprächtig sein Getöne.

     Laut schallen Pauken, Glocken hier;
Tanz mannigfalt hat hohe Zier.
Gar edle Gäste haben wir.
Sind sie nicht froh und heiter hier?

     Von jeher und von Alters tät
Das Vorgeschlecht dergleichen stet,
Hold und gewärtig früh und spät
Den Dienst zu tun voll Pietät.
     Werd’ uns’rer Opfer denn gedacht,
Von Thâng’s Nachkommen dar gebracht!

Lied IV. 5, 2
Gleichfalls beim Ahnenopfer für König Thang.
Seite 512

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Gleichfalls beim Ahnenopfer für König Thâng.

O, o der hoch-erlauchte Ahn;
Von dem wir Segen stets empfingen!
Er schenkt ihn wieder unbegrenzt,
Und will an diesem Ort dir nahen.

Der klare Wein ist eingeschenkt,
Der Aussicht unser’m Hoffen leiht;
Auch gibt es wohl-gemischte Brühe,
Schon zugerichtet, schon bereit.
Wir laden wortlos ihn, zu nahen;
Hier gibt es keine Streitigkeit.
Er segnet uns mit greisen Brauen,
Mit grauem Alter, unbegrenzt.

Mit Nabenband und Jochschmuck fein,
Mit Klingeln der acht Glöckelein,
So treffen sie zum Opfer ein. 1
Das hohe mächt’ge Amt sollt’ unser sein.
Der Himmel sandte Frieden drein
Und reiche Jahre voll Gedeih’n.
Er kommt, er nimmt die Opferweihen, 2
Um endlos Segen zu verleihen.

Sei uns’rer Opfer denn gedacht,
Von Thâng’s Nachkommen dar gebracht.

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1 Die Reichsfürsten kommen, um zum Beweis ihrer Ergebenheit beim Opfer zu assistieren.
2 Tschâng’s Geist nämlich.

Lied IV. 5, 3 Beim Ahnenopfer. Seite 513

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Beim Ahnenopfer.

Der Himmel hieß dem schwarzen Vogel:
Flieg nieder und erzeuge Schāng! – 1
Das wohnt’ im Lande Jīn, da sich’s erschwang. 2
Denn einst gebot der HErr dem tapfer’n Thâng:
„Bestell’ die Grenzen all’ das Reich entlang!“

Den Landen setzt’ er ihre Fürsten.
Bald Herr der neun Gebiet’ er war. 3
Der erste von den Herrschern Schāng’s,
Empfing das Amt er sonder Fahr.
Nun stellt es sich in Wù-tīng’s Enkel dar. 4

Der Enkel aus Wù-tīng’s Geschlecht,
Der tapf’re König, ist nicht ausgeschlagen.
Mit Drachenbannern auf zehn Wagen
Sind die da Opferhirse tragen. 5

Hat tausend Feldwegs Krongut* dann,
* das ist das Gebiet eines Königreichs
Allwo das Volk verharren kann;
Dann hebt das Grenzland  der vier Meere an. 6

Von den vier Meeren kommen sie,
Sie kommen haufenweis’ heran.
Der Hô umfließt des Kìng-Berg’s Bug, 7
Und Jīn empfing das Amt mit allem (Recht und) Fug,
Das alles Glück ihm übertrug.

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1 – Der schwarze Vogel ist die Schwalbe. Die Sage, auf welche hier angespielt ist, wird sehr verschieden erzählt. Tschu-hi sagt, Kiân-hi, die Ahnfrau des Hauses, habe bei einem Opfer um Nachkommenschaft gebetet, da habe die Schwalbe eine Ei verloren, dieses habe Kiân-li verschluckt und darauf den Sië geboren. Dieser wurde dann Fürst von Schâng.
2 – Das Haus von Schâng nämlich wohnte in Jin und wurde dort groß.
3 – Die Abteilung des Reiches in neun Provinzen rührte schon von Kaiser Jù (2205 – 2197 v. Chr.) her. Später wurden ihrer achtzehn.
4 – Wù-ting regierte von 1324 – 1265 v. Chr. Da hier vor seinem Enkel die Rede ist, so wird dieses Lied etwas um die Mitte des 13 Jahrhunderts oder gegen dessen Ende entstanden sein.
5 – Die Wagen bringen Fürsten, welche dem nächsten Opfer assistieren.
6 – die alten Chinesen dachten sich ihre Welt nach allen vier Himmelsgegenden vom Meer umgeben.
7 – Man vermutet, King sei eine Berghöhe gewesen, welche der Hoâng Hö umflossen und auf der die königliche Residenz gelegen habe.

Lied IV. 5, 4
Zum Ahnenopfer des Schāng-Hauses.
Seite 515

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Zum Ahnenopfer des Schāng-Hauses.

An Schāng ward gründlicher Verstand
Als sein Vorzeichen lang’ erkannt.
Da hoch der Flut Gewässer stand, 1
Es Jü verteilt’ auf allem Unterland,
Die großen Außenland’ in Grenzen band,
Die rings umher sich ausgespannt,
Da wurde Sūng ein großes Land;
Der HErr erhob den Sohn, und Schāng entstand. 2

Der schwarze König tapfer rang. 3
Ihm ward ein kleines Land, und ihm gelang;
Ihm ward ein großes Land, und ihm gelang.
Fehllos verfolgt’ er seinen Gang;
Er sah nur hin, und Alles sprang. 4
Siáng-thu war so voll Feuerdrang, 5
Daß er das Letzt’ am Meer bezwang.

Des HErrn Beschluß blieb unverkehrt,
Er kam auf Thâng, der war es wert;
Und Thâng ward nicht zu spät beschert.
Mit Zucht und Weisheit stets genährt,
Ward allgemach sein Glanz gemehrt.
Der Höchste HErr, den er verehrt,
Er hat den neun Gebieten zum Vorbild ihn gewährt.

Die Edelstein’ empfing er, groß und klein,
Ließ alle Lehn Behang am Banner sein. 7
Des Himmels Huld gab ihm Gedeih’n.
Von Ungestüm und Lässig-sein,
Von Härte wie von Schwäche rein,
Regiert’ er groß und ungemein,
Und aller Segen wurde sein.

Ihm ward Tribut von Klein und Groß gebracht; 8
Er hat die Länder groß und reich gemacht,
Des Himmels Huld war ihm erwacht.
Weithin erwies er seine Macht;
Und nie erregt, nie aufgebracht,
Nie aufgeschreckt, nie scheu gemacht, –
Hat aller Segen ihm gelacht.

Und als der Held beim Banner stand 9
Und fest die Streitaxt nahm zur Hand,
Da glich er glühendem Feuerbrand,
Und da war Keiner, der uns widerstand.
Die Wurzel hat drei Spross’ entsandt, – 10
Ihr Fortgang schwand, ihr Wachstum schwand.
Er nahm der neun Gebiete Land.
Als Wêi und Kú er überwand,
Hielt mit Kuān-wû Hiá Kiĕ nicht Stand.

Vordem in mittler’n Zeiten war
Das Land in Wanken und Gefahr.
Doch traun!* er war des Himmels Sohn;
* wirklich, tatsächlich
Der sandt’ ihm einen Rat am Thron;
Und dieser war Ngō-hêng genannt,
Der treu dem König Schāng zur Seite stand.

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1 – Es ist dies die große Flut (hûng), deren im Anfang der Geschichte im Schi-king gedacht wird. Jù wird die Abteilung der Wasser zugeschrieben.
2 – Der Sohn von Süng ist Sië, dessen Mutter eine Süng war.
3 – Der schwarze König ist Sië, vielleicht so genannt von der im vorigen Gesange erwähnten Geschichte mit dem schwarzen Vogel.
4 – Man eilte, seinem Willen zu entsprechen.
5 – Sián-thù war der Enkel von Sië.
6 – Jene Edelsteine, welche die Würden bezeichnen, die er nunmehr austeilte.
7 – Lehn = untergebene Länder.
8 – Von kleinen und großen Lehnstaaten.
9 – Statt “Held” steht im Original der “kriegerische” oder “tapfere König”.
10 – Die Wurzel ist der Hiá Kiě, der letzte der gestürzten Dynastie, und die drei Sprosse sind die Fürsten von Wêi, Kù und Kuän wû, welche Kiě’s Hauptstützen waren beim Widerstand gegen Thâng.

Lied IV. 5, 5
Zu Ehren Wù-ting‘s im neuen Tempel.
Seite 517

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Zu Ehren Wù-tīng’s im neuen Tempel.

Schnell  flog der Jīn zum Kampf heran,
Und stürmisch griff er Kīng-ts’hù an, 1
Drang seine Pässe kühn hinan
Und trieb die Scharen Kīng’s hin-dann;
Bis ihre Plätze er gewann.
So fing der Enkel Thâng’s es an.

„Ihr Männer von Kīng-ts’hù, ihr wohnt
Zwar fern im Reich, den Süd’ entlang,
Doch einst, zur Zeit des großen Thâng,
Da hat sogar auch von Tī-Kiāng 2
Niemand gewagt darbringungslosen Gang,
Niemand gewagt, zu fehlen beim Empfang;
So will es das Gesetz von Schāng.“

Viel Fürsten gab der Himmel Land;
Doch wo auch ihre Stadt auf Jü’s Erwirktem stand, –
Ein Jeder sich zum Jahresdienst einfand:
„Nicht uns sei Strafe zuerkannt!
Dem Landbau ward kein Fleiß entwand.“

Zeigt sich des Himmels Wille klar,
So scheue man der Völker Schar.
Und fehlsam nie, nie wandelbar,
Und jeder müß’gen (Ver-)Säumnis bar,
Übt’ er sein Amt bei allen Staaten; 4
Daraus ihm großes Heil geraten.

Schāng’s Hauptstadt war im schönsten Stand,
Ein Musterbild für alles Land.
Und wie sein Ruhm gepriesen ward,
Sein Anseh’n glänzend offenbart,
Ward er in Ruhe hoch-bejahrt;
Dabei er auch uns Nachgeschlecht bewahrt. –

Wir stiegen auf des King-Berg’s Hang;
Ficht’ und Zypresse, hoch und schlank,
Ward abgehau’n, gebracht entlang;
Gezimmert viereck’ sonder Wank.
Die Fichtenbalken waren lang,
Hoch war der große Säulengang.
Der Tempel stand – der Ruh’ zu Dank. 5

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1 – Der Fürst von Ts‘hù, das King oder King-ts‘hù hieß, hatte sich aufgelehnt und sich geweigert, die üblichen Jahresgeschenke darzubringen und beim jährlichen Huldigungsempfang zu erscheinen.
2 – Ein noch entlegeneres Fürstentum als Ts‘hù.
3 – Daß der himmliche Beschluß in Betreff des kaiserlichen Amtes offenbar sei, wurde aus dem allgemeinen Anerkenntnis des Volkes geschlossen, was dann für jeden Unzufriedenen ein Grund war, sich vor dem Volke zu fürchten.
4 – Nämlich Wù-ting. 5 – Ruhe für Wù-ting‘s Geist.

Ende!

Fertigstellung von Hildegard Fischer am 17. und 18. August 2019.
Und endgültig am 16. Oktober 2019.
Das hoffe ich zumindest!!!